Altenbergsteg

Urs Rihs am Mittwoch, den 20. Juni 2018 um 18:42 Uhr

Gravitationspunkt im Sommer. Schattenhalb der Kornhausbrücke. Von zierlichem Strich, knapp über dem Pegel verspannt, lädt zum Sprung durch den Wasserspiegel, heute daran hängen geblieben – an der heimlichsten Schönheit der Stadtberner Brücken.

Hölzern war er erst, der Steg, 1834 erbaut, als Ersatz der müden Fährmannen.
Zimmermeister Jussi erstellte ihn einst samt Zollhaus auf der rechten Flusseite.
1842 wird die Steuer abgeschafft, das Haus trotzte bis 1934.

Früher verschleisst der Ursteg, die Balken und Planken bereits nach 20 Jahren mürbe.
1856 legt Ingenieur Gränicher darum den Plan für eine Stahlkonstruktion dem Grossen Rat vor.
Keine zwölf Monate später steht die neue Kettenbrücke.

Länge 57.00 m / Breite 2.13 m / Höhe 4.8 m; Versteifungsträger 1.14 m

«Eine Besonderheit des Steges sind die Gusseisen-Pendelstützen, welche die Ketten an beiden Ufern tragen. Die vierfachen, von Hohlkehlen gebildeten Rippen, die Schwellung entsprechend dem Verlauf der Knickkräfte und die eleganten Kopfstücke mit den angeschraubten Verbindungsjochen legen Zeugnis für die sorgfältige gestalterische Durchbildung ab.»
Heisst es in der Fachliteratur und klingt dabei doch mehr nach Poesie.

Schwebend, die offene Brücke, leicht – schwingend immer, wenn wer darüber rennt, davon abspringt oder sich das Gummiseil der Aaresurfer entspannt.

Ein so reizbares Örtchen der Stadt
Am Tag untendurch treiben lassen im Zuge des Flusses.
Daneben lungern in der Abendsonne, wie wechselwarme Tiere.
darauf stehen bleiben und das Glitzern geniessen –
nachts.

Der Altenbergsteg
auch schön zum Rauchen da und um das Leben zu begiessen.
Geht hin dort ihr Lieben.

Der Altenbergsteg, noch ohne Kornhausbrücke darüber – deren Bau erst 1895 begann – dafür mit der “Roten Brücke” im Hintergund, welche 1941 abgebrochen und durch das Lorraineviadukt ersetz wurde. Und dem alten Zollhaus auf der rechten Seite. (Bildquelle: SWISS TIMBER BRIDGES)

Gauner- und Familiengeschichte

Gisela Feuz am Dienstag, den 19. Juni 2018 um 6:40 Uhr

Eigentlich sei er das ganze Leben lang auf der Flucht gewesen, meistens vor der Realität, manchmal auch vor der Polizei. Das sagt der Filmemacher Stefano Knuchel in «Quando ero Cloclo» über seinen Vater. Der gebürtige Tessiner Knuchel erzählt darin seine Familiengeschichte und die hätte ein Schriftsteller mit Vorliebe für Gaunerfiguren nicht besser entwerfen können.

Knuchel nimmt uns mit ins Tessin der 1960er-Jahre, wo Vater und Mutter nicht nur ein Hotel betreiben, sondern auch gleich den eigenen Nachclub, in dem auch mal osteuropäische Stripperinnen mit Bär auftreten. Erzähler Knuchel schlüpft dabei in die Rolle des fünfjährigen Buben, der sich für den Bären mehr interessiert als für die Stripperin und der die rauschenden Feste, die seine Eltern veranstalten, mit grossen Augen bestaunt. Als grosses Abenteuer empfindet er auch die folgenden Jahre der Odyssee. In 20 Jahren zieht die Familie etwa 50 Mal um, was damit zu tun hat, dass der Papa gerne Dinge verhökert, die er nicht besitzt und lieber das Weite sucht, anstatt Miete zu bezahlen. Die Reise führt unter anderem ins Wallis und nach Frankreich, wo der kleine Stefano aus Einsamkeit und aus Mangel an Freunden ganz in die Welt der Musik abtaucht und, sehr zur Freude der Mama, als Claude Francois-Imitator «Cloclo» auftritt.

Die Figur des  Gauner-Vaters bestimmt das Familienleben und ist somit auch in «Quando ero Cloclo» omnipräsent. Knuchel erzählt aber auch die Geschichte seiner Mutter, eine starke Frau, die Laden und Familie schmeisst, als der Vater in Marseille im Gefängnis sitzt und ihren fünf Kindern zumindest ein bisschen Bodenhaftung und Normalität vermittelt. Nicht allen der Geschwistern bekommen Entwurzelung und Heimatlosigkeit gleich gut, so haben Knuchels Brüder zeitlebens mit Suchtproblemen, Vereinsamung und Depression zu kämpfen.

Stefano Knuchel selber scheint glimpflich davon gekommen zu sein. Es ist der vierte Film, welcher der ehemalige Radio- und TSI-Fernsehmoderator mit «Quando ero Cloclo» gedreht hat und es ist ein ausnehmend persönlicher Film geworden, in dem Knuchel nicht einfach nur erzählt, sondern Gefühle mit filmischen Techniken umzusetzen sucht. So reist er an die Stationen seiner Kindheit zurück, alte Archivbilder und Fotos werden mit nachgedrehten Szenen gepaart, wobei auch mal surreale Traumelemente einfliessen. Manchmal ist es gewöhnungsbedürftig, wenn der heute 51-jährig in die Rolle des kleinen Buben schlüpft. Dann wieder sind es genau diese farbenfrohen, kitschigen Magic-Realism-Szenen, die den Film von anderen Familienbiographien abheben. Nebst der unglaublichen Familiengeschichte selber natürlich. «Was ist 395 Jahre alt und hat Alkoholismus, Gefängnis, Drogen, Betrügereien und Depressionen überlebt? Meine Familie!» sagt Knuchel an einer Stelle. Und: «Wir leben noch.»

«Quando ero Cloclo» wird am Montag 25. Juni um 20:30Uhr im Kino Rex in Anwesenheit des Filmemachers Stefano Knuchel gezeigt. Sie möchten gerne gratis in die Vorstellung? Nichts einfacher als das: KSB verlost Tickets, schreiben Sie uns hier. (Teilnahmeschluss Sonntag 24. Juni 12 Uhr)

Kulturbeutel 25 / 18

Urs Rihs am Montag, den 18. Juni 2018 um 5:56 Uhr

dER uRS EMPFIEHLT:
Derbe Strommusik. Die kommt ja meistens gut, aber so wie diesen Donnerstag im Rössli werden ihre Grenzen selten gelotet. Rummelsnuff und Asbach, das sind weder Dj’s noch Frickler, dafür singen sie moderne Arbeiterlieder. Zu Marx’ Geburtstag? Auf eigene Gefahr!

Frau Feuz empfiehlt:
Falls Sie dem Fussball aus dem Weg gehen möchte, bietet das Kino Rex beste Gelegenheit. Am Mittwoch wird dort zum Beispiel Akira gezeigt. Katsuhiro Otomos komplexer Zeichentrickfilm spielt in einem Tokio, das nach einer atomaren Katastrophe von Gewalt und Chaos erschüttert wird. Von wegen Zeichentrick ist Kinderkram! Am Donnerstag spielen die Synthie-New-Waver Melker im Löscher und am Samstag dubbt Dubokaj im Barbière.

Fischer empfiehlt:
Ein wenig angewandte Klangforschung in Bümpliz draussen. Am Donnerstag servieren The E’s zum Abschluss der Sonic Research Reihe in der Cabane B eine Portion «fully improvised deggressive psychedelic thrash».

Schwab empfiehlt:
Sich das Herz weit aufreissen lassen von 1 of a kind Rea Dubach im Orbital Garden – Stimme, Saiten, Treteffekte, it’s called «Holographic Sympathy».

 

#BernNotBrooklyn

Urs Rihs am Sonntag, den 17. Juni 2018 um 11:44 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los, beispielsweise über den Dächern am Bollwerk.

Die Sonne hämmert hart durch die Wolken, ein heftigeres Histogramm war selten gesehen – der Kontrastumfang am Anschlag – schwärzer meint Rauschen, weisser meint Ausbrennen. So fühlt auch die Birne.

Gefedert wird die Stimmung von einem Häufchen tiefenentspannter Menschen. Die zusammensitzen auf einer Terrasse. Kartenspielen, Halloumi grillen und selbstgemachte Majo zelebrieren.

Im Hintergrund rollt der Ball, auf einem viel zu dunklen Bildschirm, Nebensache.
Von der Grossen Schanze her föhnen fürchterliche Tunes, der Flamingo animiert zum Bogenhusten –  Nebensache.

In der Stadt, zu Gast bei FreundInnen – Hauptsache.

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es sonntags pünktlich zum Katerfrühstück.

Von Stadtgeldern und der Kunst davon zu profitieren

Urs Rihs am Samstag, den 16. Juni 2018 um 15:27 Uhr

Der KSB hatte letzte Woche darauf aufmerksam gemacht, dass im Netz über die Kulturgelderverteilung vernehmlasst wird – auch dein Senf könnte also Gewicht haben – aber der online auszufüllende Fragebogen birgt viel Obskurität und niederschwellig ist das mitnichten. Darum – Zeit, um etwas auszulichten.

Der nächsten Vierjahresplanung für die Kulturförderung, das betrifft die Jahre 2020 bis und mit 2023, sollen insgesamt Fr. 2’275’000.- mehr zufliessen. Sieben Prozent mehr als bis anhin. Das ist erster Dinge natürlich zu begrüssen, bestimmen doch gerade die Beträge, welche als sogenannt «freie Mittel» zur Verfügung gestellt werden, massgeblich über das Aktionspotential der nichtinstitutionellen Szene.

Bei etwas genauerer Betrachtung der vom Amt für Kultur vorgeschlagenen Verteilschlüssel, fallen aber schnell Asymmetrien auf. Zwischen den Spartenkommissionen: Theater (Fr. 1’000’000.- Fördergeld bis anhin, gleichbleibend), Musik (Fr. 615’000.- bis anhin, soll auf Fr. 690’000.- gestockt werden), Literaturkommission und Kunstkommission (jeweils Fr. 200’000.- bis anhin, sollen beide auf Fr. 225’000.- gestockt werden).
Die Spartenkommissionen setzen sich aus Delegierten aus der Szene zusammen. Die «freien Mittel» werden von diesen Kommissionen an Gesuchstellende verteilt.

In Szenegesprächen, zwischen Amt und geladenen Leuten aus den Szenen, wurden die Bedürfnisse im Vorfeld sondiert, um zu eruieren, wo das Geld hinfliessen soll. Klingt gut – birgt Probleme.

Von verschiedenen Seiten wurde ich auf das augenscheinliche Ungleichgewicht angehauen.
Gerade bei Köpfen aus der Ecke der bildenden Künste, welche also speziell von der stärkeren Berücksichtigung der Kunstkommission profitieren würden, ist ein gewisser Missmut über die Vorlage auszumachen, und verständlich. Warum?
Gesuche die der Kunstkommission zufallen, sind oft solche für prozessorientierte, flüchtige Projekte – ohne vermarktbares Produkt am Schluss. Im Gegensatz zu einem Theaterstück auf der Bühne etwa, welches Eintrittsgelder generiert. Oder ein Musikalbum, welches sich verkaufen lässt.
Heikel, denn solch sog. «ephemere» Kunst trägt die Selbstausbeutung quasi im Genmaterial – wer spricht schon Geld für Projekte, bei welchen am Ende nichts Handfestes vorzuweisen bleibt?
Wichtig wär’s, gerade in Zeiten eines durchökonomisierten internationalen Kunstmarkts – vermag doch genau diese Kunst gesellschaftlich gefurchte Vorstellungen ihrer selbst zu sprengen.

Solche Arbeiten realisieren sich darum nur quersubventioniert durch harte Loharbeit der KünstlerInnen.

Aus der Vernehmlassungsvorlage ist zu entnehmen, dass der Kunstkommission künftig Fr. 225’000.- zukommen soll, also Fr. 25’000.- mehr als bis anhin. Knapp 1,1% des gesamten Fördergeldzuschusses von Fr. 2’275’000.-.
Im Vergleich zur geplanten Blähung des Budgets für kostengünstigere Ateliers beispielsweise, von Fr. 119’000.- (Budget 2018) auf Fr. 340’000.- (9,7% des gesamten Zuschusses) – dem neu gebildeten Topf für «Distribution» und «Promotion», Fr. 150’000.- (6,6% des Zuschusses) –  oder dem ebenfalls neuen Finanzierungsgefäss «Infrastruktur Altstadt» Fr. 100’000.- (4,4%) – wirkt das tatsächlich spärlich.

Platz zum «Schaffen» ist ein wichtiges Bedürfnis und dass die Altstadtkeller nicht gänzlich privatisiert werden, gilt es zweifelsohne zu berücksichtigen. Aber das Kulturgeld fliesst in diesen beiden speziellen Punkten direkt in die Taschen von Immobilien InhaberInnen. Das gilt es sich bewusst zu machen.

Auch wenn der Quervergleich von Budgetpunkten einer Milchbuchrechnung gleichkommt und einer genauen Analyse der politischen Vorbedingungen bedürfte – sollte der Löwenanteil der Gelder nicht dahinfliessen, wo am meisten «Eigenleistung» bis anhin nicht oder nur sehr gering vergütet wurde, zur Gesundung der Aktiven?

Gerade wenn sich der Stadtpräsi im Vorwort der Vernehmlassungsvorlage wie folgt zitieren lässt: «Die Arbeit professionellen Kulturschaffenden soll besser anerkannt werden, es sollen faire Arbeitsbedingungen gelten und Förderbeiträge sollen branchenübliche Gagen ermöglichen.»

Warum das Amt für Kultur da lieber neue Finanzierungstöpfe generiert, als den Spartenkommissionen direkt mehr Geld zur Verfügung zu stellen, bleibt wunderlich.
Ein antidemokratisch anmutender Reflex und man fragt sich auch, ob hier wer Angst hat die Zügel aus der Hand zu geben.

Die direkten Fördergelder sind nicht gleichbedeutend mit den «freien Mittel» für die Szenen. Davon müssen die Beträge für fixe Budgetpunkte der Spartenkommissionen abgezogen werden. Von den anhin Fr. 200’000.- in der Kunst wurden Fr. 80’000.- effektiv als freie Mittel vergeben.

Wer entscheidet eigentlich über die Priorisierung der Bedürfnisse? Wer bestimmt deren Dringlichkeit?

Auf telefonische Rückfrage beim Amt für Kultur, erhalte ich eher schmallippige Antworten. Es ginge ja momentan genau darum, per Online-Fragebogen etwaige Unstimmigkeiten zu bereinigen.
Und auf die Asymmetrien zwischen den Sparten angesprochen, werde ich auf die Zahl der eingegangenen Gesuche aus den letzten Jahren verwiesen.
Ich hake nach, gerade der Haufen für Infrastruktur – Gesamthaft Fr. 321’00.- (14%) – interessiert mich. Ich werde auf eine Antwort per Mail vertröstet, am Dienstag war das – bis heute nichts gekriegt.
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Postkarte aus der Feuerwehrübung

Anna Papst am Freitag, den 15. Juni 2018 um 13:30 Uhr

Liebe Jessica, Liebe Gisela, Lieber Mirko, Lieber Urs, Lieber Roland, (Liebe verflossene Milena)

Ich sitze gerade in der Alten Reithalle Aarau zwischen Feuerwehrschläuchen und Rauchmaschinen. In wenigen Stunden wird hier der Ernstfall geprobt, frei nach dem Motto: “Wo andere rausrennen, rennen wir rein!”.
Und das erinnert mich doch ein bisschen an die KSB Crew und ihre Berichterstattung in der Hauptstadt. Die motzt, wo andere die Klappe halten, die nachbohrt, wo andere wegschauen und die hingeht, wo andere fernbleiben. Die mögliche Überreaktionen im Frauenraum genauso thematisiert, wie ein sexistisches Video vom allseits beliebten Trauffer und  überteuerte Vernetzungsanlässe. Die auch mal ein Feuer entfacht, anstatt immer nur Brände zu löschen. Die, wenn es nötig ist, den Stinkefinger zeigt anstatt das Peace Zeichen, das aber mit soviel aufrichtiger Liebe zu Stätte und Städtern, dass einem als Aargauzürcherin ganz warm ums Herz wird. So wünsche ich mir, dass ihr Bern erhalten bleibt, als Brandsatz und Rettungsdecke, als Alarmsirene und Sauerstofftank. C’était un plaisir!

Selbstloser Einsatz für die Allgemeinheit, wo gibt es das noch? Bei der KSB Crew.

Die Lenzburgerin Anna Papst arbeitete für ein Jahr als Hausautorin am Konzert Theater Bern. Dieses vorübergehende Asyl nutzte sie, um die lokalen Probegepflogenheiten auszukundschaften. Dies ist ihr letzter Beitrag.

Corpus Delicti Cis-Thorax

Mirko Schwab am Mittwoch, den 13. Juni 2018 um 13:31 Uhr

Oder wie eine nackte Hetenbrust die Gemüter erhitzte.
Fragen an den Frauenraum.

Sonntagmorgen früh in der Sandsteinstadt, die Sonne wird bald aufgehen und zwei Tage aufs Unheiligste miteinander verknüpfen. Eine Festgemeinschaft steht auf der Gitterstiege beim Frauenraum und raucht sich wiederholende letzte Zigaretten, hat Glitzer im Gesicht und macht grosse Augen oder kratzt sich schnell am Nasenloch. Das Kugelfest hat zum Solidaritätstanz geladen. Und so tanzt man drinnen selbstvergessen, zwanglos, wild und solidarisch zu den monochromen Klängen einer stereotypen Tanzmusik. Mein kleiner Freund, dessen Namen in dieser Geschichte keine Rolle spielt, schwitzt sich an der Bühnenkante aus, selbstvergessen und zwanglos schiebt er Luft herum, dicke Luft im tropischen Klima dieses schlechtbelüfteten anderen Dachstocks der Reitschule.

Jemand aus dem Frauenraum-Kollektiv hat sich über deinen nackten Oberkörper beschwert!

Dicke Luft. Mein Freund hat in der Zwischenzeit sein nasses Leibchen ausgezogen und sich dabei mit den Awarenesstruppe angelegt. Jemand habe sich beschwert. Verdutzt fragt er nach und die dann folgende Erklärung wirft Fragen auf: Er sei doch offensichtlich ein «Cis-Mann» und da sei es verständlich, wenn das Hemdabstreifen hier ein Problem sei. Vielleicht würde dieser «Jemand aus dem Frauenraum-Kollektiv» schlechte Erfahrungen mit dem Anblick einer blutten Männer-Brust verbinden. Man müsse halt Rücksicht nehmen. (Einen Kreislaufkollaps in Kauf?)

Nippelgate im Bassgewummer. Und also Fragen. Angefangen bei der Kommunikation: Das zu Beginn des Abends verteilte «Awareness-Konzept» sieht vor, dass sich jede als solche empfundene Belästigung anonym melden lassen kann. Ein um die allgemeine Awareness besorgte Team kümmert sich dann um die Konsequenzen – was flauschig klingt, hat in diesem konkreten Fall aber zur Folge, dass über einen konkreten Grund nur gemutmasst werden kann. «Vielleicht» gäbe es ja schlechte Erfahrungen mit entblössten Heten-Brustwarzen. Who knows gäu. Spielt das überhaupt eine Rolle?

Ich finde schon. Das langweilige Wort dazu heisst «Verhältnismässigkeit». Wer oder was (ein Mensch oder eine Theorie?) kann einen solchen Anblick wirklich nicht ertragen? Und: Wäre irgendwer angerannt gekommen, hätte sich ein «offensichtlich» homosexueller Mann daran gemacht, sein Shirt auszuziehen? Wie steht es dann noch um die angestrebte Freiheit? Um das Klima des gegenseitigen Respekts, der gegenseitigen Toleranz und empathischen Freude, denen ein solches Fest doch gestiftet sein will? Wie steht es um die Freude auch an einer mann- und frauigfaltig gearteten Körperlichkeit – unabhängig irgendeiner sexuellen Identität? Sollte diese Identität denn an der schieren fleischlichen Oberfläche überhaupt bestimmbar sein? Werden Machtstrukturen aufgelöst oder lediglich verschoben, wenn sich aus einer sehr offensichtlich kleingeistigen bis easy weltfremden Befindlichkeit gleich eine solche Intervention ergeben muss?

Liebe Awareness,
Die Musik ist zu laut. Also, auch nicht mein Geschmack. Und vielleicht verbinde ich halt schlechte Erfahrungen damit. Könnt ihr das bitte wegmachen?

Aber lassen wir die Polemik. Der Frauenraum ist mir ein lieber Ort, das Kugelfest ist mir ein schönes. Die Fragen, die sie aufwerfen, sind wichtige und delikate. Umso trauriger macht es mich dann, wenn die hehren Bemühungen zur Freiheitserhaltung aller in einer sehr ideellen Entkörperung und Entindividualisierung münden. In einer Verkopfung, Versteifung und Verklemmung, die dem Mensch und seiner Vielseitigkeit, die dem Fest und seiner Ausgelassenheit, die dem Tanz und seiner Körperlichkeit nie gerecht werden können. Und in einem seltsamen Opfer-Täter-Diskurs sich auch verfangen, wo doch eigentlich ein bisschen gesunder Menschenverstand the good old und ein bisschen Face-To-Face-Gesprächskultur es auch getan hätten.

Stattdessen wird mein Freund in seiner empathischen Begabung dergestalt untergraben, dass er als Symbol herhalten muss für eine sehr verallgemeinernd formulierte toxische Cis-Männlichkeit. Dazu taugt er kaum. Jedes auf gesunder Kommunikation und Menschenliebe begründete Gespräch hätte es rasch offenbart. Stattdessen werden Theorien gewälzt und Feindbilder projiziert, werden die wirklich problematischen Machtverhältnisse der Welt da draussen im Innersten der Reitschule in ein nicht weniger fragwürdiges Gegenteil verkehrt.

Wäre der Frauenraum wirklich die gelebte Utopie, die er für sich beansprucht und die ich mir für ihn wünschte – es könnte sich auch der Cis-Mann, die alte Hete, darin aufs Genüsslichste entfalten, könnte wild tanzen und von mir aus halbnackt. Auch er ist Teil des Spektrums aller sexuellen Identitäten – soll er nicht mit seiner ganzen Körperlichkeit auch stattfinden in den Diskursen und den Diskotheken?

Aber ich möchte hier nicht für andere sprechen. Listen up, die ihr aware seid und woke: Ich bin eure hetero-normative C(is)-Dur-Harmonie mit der weissen Hühnerbrust. Ich befürworte die Gleichberechtigung aller sexuellen Identitäten. Ich lutsche manchmal Schwänze. Ich bin ein sehr kleiner, euch sehr naher Teil einer homophoben, frauenfeindlichen, von wüsten Machtstrukturen gefurchten Welt.

Macht es euch nicht zu leicht mit mir.

Kulturbeutel 24 / 18

Mirko Schwab am Montag, den 11. Juni 2018 um 5:45 Uhr

Schwab empfiehlt:
Im Drinnen und Draussen des alten Progymnasiums werden ab Donnerstag alternative Perspektiven auf unser liebstes Ballspiel verhandelt – queere, feministische, abgründige, aufklärerische, politische und hoffentlich auch lustige. Spielplan hier.

Die Ursi empfiehlt:
DÄLEK, hat nichts mit Kari zu tun, aber mit Karl Kani, also im weitesten Sinne, weil Hip-Hop – im weitesten Sinne. DÄLEK sind Pioniere des Experimentalraps, und ich mein Sprechgesang, nicht den genetisch veränderten auf den Feldern. Am Freitag im Stock, support by REINDEER, grande. Peace and out.

Fischer empfiehlt:
Beyond am Mittwoch: entweder Blue Note-Dok im Kino Rex oder Künstliche Intelligenz und Moral. Oder gleich beides hintereinander, Binge-Kultur.
(Und sich hin und wieder einen queeren Drink mixen zu lassen im Progrhof, vom Barkeeper Ihres Vertrauens – Labar est là.)

JJ empfiehlt:
Ich würd’ mir ja am Mittwoch mal wieder eine Session des Theaterzirkus Wunderplunder für’s Gemüt gönnen, aber ich muss im Stadion in der Bierfabrik stehen. Foo Fighters, Massenevent, weisse Männer mit Gitarren. Auch geil.
Ansonsten: Aare chillen und easy bleiben.

Heiter bis wolkig

Roland Fischer am Sonntag, den 10. Juni 2018 um 14:23 Uhr

In eigener Sache: Gestern an der Tojo-Bar gesessen, Wolken Revue passieren lassen:

Granular-Synthese, Wolkenbrüche, Bühnenwahrheiten. Geschichtete Atmosphären, Kunst und Künstlichkeiten. Man war sich dann einig, dass man vielleicht deshalb gern Kultur macht: weil sie etwas Wolkiges hat, weil sie kommt und geht, weil Licht und Schatten und überhaupt nicht manifest. Dann grätscht Rihs dazwischen, vom Barhocker nebenan: Jurassicas Text ist gelöscht.

Und man denkt: Cloud und so. Digitale Unfassbarkeiten. Löschen kann man heute höchstens noch Feuer.

Und man denkt: Aufmerksamkeitsökonomie. Cumulus. Donnerwetter.

#BernNotBrooklyn

Urs Rihs am Sonntag, den 10. Juni 2018 um 5:19 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los

Zum Beispiel eine wortwörtlich phänomenale Tetrapackung Performance in drei verschiedenen Wohnungen und dem Schwabhaus in der Langgeige. Am Freitag war das, mit dem HORS LITS BERN #4 – è stato fantastico!

Das Format ist völlig losgelöst, von Kunsthochschule oder Fördergeldern, ein pures Destillat der Freien Szene quasi. Und Das Konzept so einfach wie notwendig – ein starkes Netzwerk an KünstlerInnen, ein OK mit lokalem Bezug, gute Kontakte und eine interdisziplinäre Sache.

In vier verschiedenen zu Hausen, man betritt als geführte Gruppe also Privatsphären.
Was instant zu Vertraulichkeit führt, wertvoll.

Da sind sofort diese Gerüche – von Treppenhäusern, Fluren und Zimmern, von Schweiss und meinen Füssen. Körpern, von Menschen.

Eine Geruchskulisse schiebt sich vor.

Da sind intime Vorstellungen, Oden und Lieder.
Da ist physische Präsenz – welche den Geist befeuert.
Und da ist auch Kaffee, hat’s Zwiebeln und Zigaretten.

Im Luftstrom des Ventilators.
Merke – nicht alles lässt sich erklären und manchmal hilft eben auch alles nichts.

Am Schluss sitzt man zusammen bei Tisch. Isst, trinkt, redet und bläst schweren Rauch an die Stuckaturen der Schwabhauswintergartendecke.

HORS LITS 2018  – das waren: Cruise Ship MiseryONE TRAVELO SHOW, Im Ernst, wir spielen nur und Pépites – danke für diesen Tagtraum.
Da capo!

Szenerie Schwabhaus zum Schluss von HORS LITS BERN 2018 – Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es sonntags pünktlich zum Katerfrühstück.