Im Tram mit Bonaparte

Gisela Feuz am Donnerstag, den 23. Oktober 2014 um 12:00 Uhr

Es hätte einem gestern Abend angst und bange werden können, bei der Tramfahrt von der Wallgasse zum Guisanplatz und retour. Nicht etwa weil ein alkoholisierter Bernmobil-Chauffeur Amok gefahren wäre, oder weil man sich mit dem YB-Schal aus Versehen in ein Tram voller FCB-Hooligans gesetzt hätte, sondern weil in der Mitte des Trams eine Meute junger Leute hüpfte und tanzte, was das Zeugs hielt und das Fahrzeug entsprechend bebte, wankte und schwankte. Mittendrin im Getümmel: der gebürtige Berner Tobias Jundt, seines Zeichens Kopf der wilden Elektro-Trash-Punk-Truppe Bonaparte, der mit zwei musikalischen Mitstreitern auf Einladung des Fizzen ein Tram-Konzert veranstaltete.

vorher

Beim Soundcheck im leeren Tram habe es noch gebrettert wie satan, erklärte einer der Fizzen-Organisatoren entschuldigend. Wenn man nämlich am falschen Ende des Trams eingestiegen war, sah man in erster Linie Rücken und vernahm höchstens dezent einen Beat aus der Tiefe des Tram-Bauches, da die ganze Menschenmeute den Klang einwandfrei abschirmte. Beim Guisanplatz wurde dann aber umgeschichtet, so dass diejenigen, die bis dahin in erster Linie Hinterköpfe gesehen hatten, auch in den Genuss von Bonapartes Trash-Einlage kamen.

nachher

Frontmann Jundt mit seinen knallgelben Haar war bei diesem Anlass offensichtlich in seinem Elemente. Mal hangelte er sich während des Konzertes an den Haltegriffen quer durchs Tram, betrieb Crowd-Surfing im Mittelgang, rekrutierte junge Damen als Mikrofonständer und sorgte mit seiner scherbelnden Gitarre für beste Unterhaltung. Die Soundqualität war, mit Verlaub, unter aller Kanone. Aber welche Rolle spielt das schon bei einem Tram-Konzert? Genau. Keine. Der Party-Meute gefiels, es wurde mitgesungen und gehopst, bis die Fenster beschlugen und die Tramräder quietschten. Nach 45 Minuten war der Zauber dann auch schon wieder vorbei und Frau Feuz machte sich beschwingt auf den Heimweg, wo sie dem Gott der Trambodenschweisser einen 15 cm langen Strahlnagel als Dankesopfer darbrachte.

Sie gaht is Bett und seit: I gang is Bett.

Christian Zellweger am Donnerstag, den 23. Oktober 2014 um 8:20 Uhr

Man könnte es eigentlich kommen sehen: Wo in popkulturellen Erzeugnissen heute noch geraucht und getrunken wird, ist klar, dass sich jemand an den Rand des massengeschmacklichen Kontextes stellen will, ja die Provokation sucht. Und man weiss auch, dass sich Stahlberger mit dem neusten Album Die Gschicht isch besser ein ganzes Stück von der Kleinkunstbühne entfernt hat. Er hat sich eine richtige Band zugelegt und gemeinsam spielen sie richtig guten Rock. Und was gemeinhin zu Drugs und Rock'n'Roll gehört, wissen Sie ja auch.

Also: Falls Sie gerade in der Mittagspause ihr Sandwich vor dem Computer essen (während der Arbeitszeit surfen Sie ja sicher nicht privat im Internet, oder?) und Ihnen Ihre Arbeitskollegen im Grossraumbüro auf den Bildschirm schielen, können Sie das nachfolgende Video zur neuen Stahlberger-Single Schwizer Film bis so ca. 3:20 Minuten geniessen. Den Rest schauen Sie sich besser zu Hause an. Ausser natürlich Sie sind vielleicht Musik- oder Filmredaktor/in und können sich auf berufliches Interesse (auch nach vier Jahren noch lesenswerter Beitrag aus dem Züritipp) berufen.

sobooks: des Buches Ende?

Miko Hucko am Mittwoch, den 22. Oktober 2014 um 5:31 Uhr

Um praktisch dort anzuknüpfen, wo Fischer gestern aufgehört hat: Sascha Lobo geht es - ganz platonisch - um die Idee des Buches. Wie er an der Rede (Buchmesse Frankfurt, 10.10, 10 nach 10, hihihaha) zur Eröffnung immer wieder betont hat, sei es eben nicht das Papier, die Haptik, die das Buch zum Buch macht, sondern der Text und wahrscheinlich dessen Gliederung in Seiten. Genau so wird das Buch auf sobooks.de verkauft.

Als das Portal an der letzten Buchmesse (2013) gross angekündigt wurde, machte ich mir grosse Hoffnungen, ich war nervös, gespannt, kribbelig - auf was genau, kann ich leider immer noch nicht sagen. Irgendwie hatte ich eine Buchrevolution vor Augen, wahrscheinlich sah ich mich schon drauf und dran, irgendeines Autors Urheberpersönlichkeitsrechte zu verletzen, indem ich ganze Passagen umschreibe oder rausstreiche, weil sie mir einfach nicht passen. Das ist leider auch auf sobooks nicht möglich, der social-media-Werdung des Buches.

Ich weiss auch nicht genau, was mir die Freude daran vermasselt hat. Das übertriebene Unternehmertum und die grosskotzig gewählten Worte an der Rede machten es mir natürlich schon mal nicht leicht. Es wurde schnell klar, dass hier nichts Neues angestrebt wird, sondern die Marktlücke. sobooks verknüpft - zwar nicht ungeschickt - alles, was schon da ist. sobooks ist ein Ort für Selbstverleger (nach eigenen Aussagen sogar mit schlechteren Bedingungen als Amazon). sobooks lässt dich einzelne Texte kommentieren (wie schon Genius das tut). sobooks erschafft eine auf Texten, Fiktionen basierende community, in der auch die Autor_innen mitreden (wie wattpad).

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Das Langweiligste an Sobooks: All das gibt's nur für die deutschsprachige Leser_innenschaft - für ein Portal in dieser gedachten Grösse ziemlich fragwürdig.  Oder zielorientiertes Verlagsberuhigungsmittel, eine verzweifelte Beatmung für den deutschen Buchmarkt. Aber leider in biederem Design und ohne Haptik. Da bleibe ich lieber bei meinem Papierfetisch.

 

Bücherkiste: Achtung, Kettenreaktion!

Roland Fischer am Dienstag, den 21. Oktober 2014 um 12:00 Uhr

Irgendwann kommt bei leidenschaftlichen Lesern der Moment, der Ähnlichkeit mit einer Atombombenexplosion hat - glücklicherweise aber meist ohne böse Folgen bleibt. Wenn eine kritische Masse an Lektüre erreicht ist, dann geht eine «lebenslange Kettenreaktion» los, wie es der SZ-Chefredaktor Kurt Kister unlängst in der Wochenendbeilage schön beschrieben hat. Bücher bringen einen wieder auf neue Bücher, und diese wieder auf weitere. Und weil sich die Inspiration dabei vervielfacht, muss man bald die innere Kernschmelze fürchten, weil man nicht mehr nachkommt.

Mir ist das unlängst beim Lesen von Joyce' «Jugendbildnis des Dichters» wieder mal passiert. Vor fast hundert Jahren erschienen, aber was für ein zeitgemässes Buch, in mancher Hinsicht! Wie alt das Buch ist, merkt man eigentlich vor allem an den Reaktionen, die es ausgelöst hat damals, an Zensur und Skandal, und an den feigen Verlegern, die es lieber nicht drucken mochten. Dabei ist diese Schilderung des Erwachsenwerdens eines Künstlers (der erst noch merken muss, dass er Künstler sein soll - da hätten wir dann auch noch einen Kontrast zu heute, wo das Künstlersein zum festen Repertoire jedes Teenagetheaters gehört) so fein und zärtlich gezeichnet und dabei von einer solchen Sprachmacht, dass man sich immer wieder neu bezaubern lässt - obwohl vordergründig ja gar nicht besonders viel passiert.

Aber diese Vordergründigkeit täuscht natürlich, wie gewöhnlich bei grossen Autoren. Joyce mochte ein Revolutionär sein, was Themen und Stilmittel anging, aber er war eben auch ein grosser Erzähler, der die Wendungen des Plots mit stiller Raffinesse arrangiert. Was Wunder, er war nun einmal ein Kind des mächtigen 19. Jahrhunderts, was die Literatur anbelangt. Und so mochte er zum grossen Erneuerer werden - schämte sich aber nicht, seinen Helden Referenz zu erweisen. Noch bevor der Protagonist im «Jugendbildnis» von echten Frauen schwärmt (es bleibt nicht lang beim Schwärmen, soviel zum Skandal), schwärmt und träumt er von Mercedes, der schönen von Dumas erdachten Katalonin, und damit auch vom dessen Meisterstück, dem «Grafen von Monte Christo».

Und so kam es, dass ich ein paar Tage später mit dieser Referenz aus dem Brockenhaus nach hause kam, und ich nun auch allmählich eintauche in den Zauber, der von Mercedes ausgeht. Und so kommt es wiederum, dass ich eigentlich nie mit leeren Händen aus einem Antiquariat komme, auch wenn ich gar nichts besonderes gesucht habe, weil ich beim Schmökern fast immer auf alte Bekannte stosse - und es werden ihrer immer mehr. Man kann da also den referenziellen Supergau befürchten - oder aber man übt sich in Gelassenheit, weil das Leben nun einmal nicht reicht für alle Bücher, die man lesen sollte. Und kommt glücklich mit immer neuen Bücherstapeln nach hause. Oder wie es Kister in der SZ sehr richtig gesagt hat:

Wer Bücher liebt, kauft sie nicht unbedingt, um sie zu lesen. Das ist einer der grossen Unterschiede zwischen Büchermenschen und, kaum despektierlich gemeint, Textherunterladern. Bücher hat man, um sie zu haben, um sie in die Hand zu nehmen [...].

«Brace Yourself»

Milena Krstic am Dienstag, den 21. Oktober 2014 um 5:18 Uhr

«Winter is coming.»
Zitat GRR Martin (Stichwort: HBO-Serie «Game of Thrones»)
Schliesslich sollen heute die Temperaturen so dermassen in den Keller wandern, dass dieser Abend gestern der letzte der Sorte eigentlich-zu-warm-für-diese-Jahreszeit gewesen sein soll. Und wer den Herbst in Berns berühmtester Wohnstube verabschiedet hat, der konnte auch gleich mit dem amerikanischen Singer/Songwriter Andy Bilinski Geburtstag feiern und sich dazu in einem der Sofas verkuscheln. Weil, na ja, hören und sehen Sie selbst (hier ein Cover vom Haus der aufgehenden Sonne):

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Andy Bilinski (mitte) mit Berner Verstärkung von Andreas Lammer (links) und Yannik Schuler.

Wem klassisches Singer/Songwritertum mit musikalisch überraschenden Wendungen gefällt, der/die wird sich dick mit Andy befreunden.

Andy Bilinski spielt seinen Heimweh-Folk heute Abend noch einmal in Bern, nämlich in der Heitere Fahne.

Satanische Polka-Botschaften

Gisela Feuz am Montag, den 20. Oktober 2014 um 11:15 Uhr

Die Innerschweiz muss am letzten Samstag leer gewesen sein, denn offenbar hatten sich ganz Nid- und Obwalden, Uri, Schwyz, Glarus und Luzern nach Bern aufgemacht, um im Du Nord den Engelberger Mannen von Jolly & The Flytrap zu lauschen. Da wurden stolz Bändel der Stanser Musiktage zur Schau gestellt (die ja nota bene im April stattgefunden haben) und ein kontaktknüpffreudiger Gast erkundigte sich bei der Schreiberin, ob sie denn am Vorabend auch in der Metzgere in Sarnen gewesen sei. Zufälligerweise grad nicht, obwohl sie ja normalerweise jeden zweiten Tag da ist.

Es darf mit ruhigem Gewissen als Institution im Schweizer Musikzirkus bezeichnet werden, das liebenswürde Rumpelorchester Jolly & The Flytrap. Seit fast 30 Jahren sind die Herren zusammen unterwegs, haben dabei aber keinesfalls an Spielfreude eingebüsst, wie am Samstagabend im Du Nord einmal mehr unter Beweis gestellt wurde. Voll und heiss wars und es wurde getrunken und getanzt, als würde es kein Morgen geben. Sie fahren ja aber auch gnadenlos in die Beine, die lüpfigen Polka-Ska-Nummern der Jollys, wobei Sänger Elritschi gerne wahlweise den heissblütigen Spanier, den temperamentvollen Italiener oder den galanten Franzosen gibt.

«Isch eifach huere schön hie, was wott me de!» verkündete besagter Elrischt denn auch gegen Ende des Konzertes freudestrahlend. Entzücken und Sympathie war auf beiden Seiten gross. Auf Seiten von Jolly & The Flytrap offenbar so gross, dass sie für ihre Fans sogar ein sonntägliches Katerprogramm auf Lager haben. Die Herren verkaufen nämlich eine wunderschöne handbetriebene Spieldose, auf der man sich mit gelochten Papierstreifen vier Songs von Jolly & The Flytrap vorkurbeln kann. Allerdings muss man die Löcher zuerst selber mit einer Zange in den Papierstreifen knipsen, damit «Jolly Mechanique», so der Name des reizenden Kleinods, überhaupt erklingt. Wie gesagt: eine ideale Sonntagnachmittag-Brummschädel-Sofa-Beschäftigung. Und wenn man den Streifen verkehrt herum einspannt, kann man sich erst noch satanische Polka-Botschaften anhören. Danke, liebe Jollys. Ich mag euch sehr.

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Jolly & The Flytrap Frontmann Elritschi war am 7. Oktober zu Gast in Berns Kulturradio RaBe. Im Interview gibt er Auskunft darüber, wie in der «Kolchose Jolly» Jahrespläne entworfen werden, wie das erste selber aufgenommene Kassettli die lokale Dorfbar leerfegte und bricht sich beim Hechtsprung quer durchs RaBe-Studio beinahe ein Bein. Das Interview kann hier nachgehört werden.

Kulturbeutel 43/14

Milena Krstic am Montag, den 20. Oktober 2014 um 6:10 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
Am Donnerstag gastiert die spannende, irische Musikerin Wallis Bird im ISC. Und ich preise jetzt The Rumours an (obwohl ich noch nicht weiss, ob mir die Musik wirklich gefällt), die neue Schweizer «Supergruppe», in der unter anderem die Bern-Connektion Steff la Cheffe, Domi Chansorn, Bubi Rufener und Greis mitttun. Am Samstag im KK Thun ist Startschuss der Tour. Dass das live gut wird, daran zweifle ich hingegen nicht.

Oliver Roth empfiehlt:
Am Freitag eröffnet in der Kunsthalle die neue Ausstellung MONSTERA von Shirana Shahbaz. Die aus dem Iran stammende und in Zürich lebende Künstlerin und Fotografin ist für Bilder bekannt, die sich in die klassischen fotografischen Genres gliedern lassen. Portraits oder Stillleben wandelt sie in neue mediale Formen wie handgefertigte Teppiche oder fotorealistische Plakatwände um. Und am Sonntag macht das Schaubüro einen Pre-Event zu ihrem Stück «Whatever comes». Das Publikum kann entscheiden, welchem Thema sich die Theatergruppe bis zur Premiere im Februar widmen soll.

Herr Zellweger empfiehlt:
Neue Häuser in der Stadt sind in diesem Blog keine Fremdkörper. Nun widmet sich eine ganze Fotoausstellung quasi diesem Thema: «Bauen in Bern» heisst die «fotografische Enquete» über die Neubautätigkeit in Bern zwischen 1980 und 2014. Zu sehen im Kornhausforum.

Frau Feuz empfiehlt:
Alle Jahre wieder geht am Wochenende das Reitschulfest über die Bühne. Mit von der Partie sind am Freitag im Dachstock aus der elektronischen Abteilung Black Strobe und Animal Trainer und am Samstag dann die englischen Indie-Rocker Maximo Park und die unverwüstliche Männer-Schnaps-Riege vom Dienst, die Tequila Boys.

Fischer empfiehlt:
Weiterhin viel Tanz in der Dampfzentrale. Das Tanz in. Bern geht morgen schon weiter - mit Gelächter. Am Mittwoch wird gegessen, am Donnerstag und Freitag gibt's Tanz von der Stange und am Wochenende kommt der Tanz dann auf den Hund.

Rösterei und Kaffeemaschinen-Boliden

Gisela Feuz am Samstag, den 18. Oktober 2014 um 15:23 Uhr

Das Berner Quartier Holligen ist um eine Gaststätte reicher: An der Güterstrasse 6 wird zur Zeit die Rösterei eingeweiht. Das Interieur kommt hell, freundlich und schlicht daher und der Kaffee wird, wies der Name bereits vermuten lässt, vor Ort geröstet. Nebst den dunklen Koffein-Bombern in allen Variationen bietet die Karte auch Tee und Sirup aus der Länggasse und Apéro-Stoff und Bier in jeglichen Variationen. Die Rösterei sorgt aber nicht nur für leibliches Wohl, sondern verkauft auch Kaffeemaschinen in allen Gewichtsklassen. Vom Klassiker, dem silbernen Moka-Express-Schraubdings für 23.90, bis hin zum Luxusboliden Rocket-Set für 4390.- gibts Geräte in allen Grössen, Farben und Formen zu kaufen. Zu hoffen ist, dass sich die Rösterei mit diesem Angebot nicht ins eigene Bein schneidet bzw. in den eigenen Kaffee pinkelt, denn wer sich eine dieser richtig teuren Maschinen zulegt, wird vielleicht in Zukunft gar keine Lust mehr haben, seinen Kaffee auswärts zu geniessen.

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Die Einweihungssause dauert heute noch bis 19:30 Uhr. Die Goofen können in der Hüpfburg parkiert werden und auf der Open-Air-Bühne wird Musikalisches geboten. Zwar können die angekündigten Jeans for Jesus aufgrund «einer Verkettung unglücklicher Vorkommnisse» nicht mittun, dafür gibts aber um 16 Uhr Crybaby und um 18:15 Uhr Da Cruz mit ihrem zweiten Set zu hören. Gehen sie doch auf einen Kaffee vorbei, schon nur, um das umwerfende Kleid der fulminanten Frontfrau Mariana Da Cruz zu begutachten.

Rösterei, Güterstrasse 6, Mo-Fr 7-19 Uhr, Sa 8-17 Uhr.

Schräge Vögel auf dem Leninberg

Gisela Feuz am Samstag, den 18. Oktober 2014 um 11:21 Uhr

Einträchtig sitzen sie nach der Vorstellung draussen auf dem Bänkli und paffen eine Zigarette: Artyom Shilov vom russischen Theater Pokoleniy und der Berner Entertainer, Clown und Schauspieler Marco Morelli. Unterhalten sei schwierig, erklärt Morelli, denn er spreche praktisch kein Englisch geschweige denn Russisch und Artyom kein Deutsch. Aber trotzdem verstehe man sich. Verstanden hatte man sich vorher auch drinnen auf der Bühne des Schlachthaus Theaters, wo «Alle Vögel sind schon da – Ein Kongress in Zimmerwald» aufgeführt worden war, und zwar halb in Russischer, halb in Deutscher Sprache. Wieso russische Schauspieler bei einem Stück aus der Feder von Ariane von Graffenried und Matto Kämpf mitmachen? Ganz einfach aus dem Grund, weil Zimmerwald in gewissen russischen Kreisen bekannter ist als Bern oder Zürich und in der Gemeindeverwaltung der kleinen Ortschaft auf dem Längenberg lange Zeit regelmässig Postkarten aus der Sowjetunion eintrafen, die an ein Lenin-Museum adressiert waren, das es dort allerdings gar nicht gibt. Der Grund: 1915 hatte in Zimmerwald eine historische Konferenz stattgefunden, bei der Revolutionäre aus zwölf Ländern getarnt als Ornithologen diskutierten, wie die sozialistische Internationale neu formiert werden könne. Mit von der Partie war auch ein Herr namens Lenin, weswegen Zimmerwald als Bezugsort in der Sowjetunion so populär wurde.

Dieses historisch verbürgt Treffen auf dem «Leninberg» diente von Graffenried und Kämpf als Grundlage für ihr Stück «Alle Vögel sind schon da». 99 Jahre später lassen sie linke NostalgikerInnen, Umweltaktivisten der Brigade Feuervogel (einer radikalen Abspaltung von Greenpeace) und eine übermotivierte Dorflehrerin im Sääli des Restaurants Beau Séjour aufeinandertreffen. Sie alle proben auf ihre Art und Weise den Aufstand gegen die Welt, wobei lange nicht klar ist, wer denn nun eigentlich echt und wer getarnt ist, welche Vögel nun wirklich vom Aussterben bedroht sind und wer schlussendlich das neue Manifest verfassen soll.

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Die Stärke von «Alle Vögel sind schon da» liegt vor allem in den schauspielerischen Einzelleistungen. Mit welcher Präzision z.B. Sergey Mardarh Berndeutsch spricht, wie er den Gastwirt des Beau Séjours und vor allem die Hexe Baba Jaga gibt, ist äusserst vergnüglich. Zudem besticht auch die Schlichtheit der Requisiten, mit denen das Bühnenbild gestellt wird, wird da ein in Karton verpacktes Klavier doch schnell mal zum Panzer umgewandelt. Weiter sorgen Einschübe wie etwa die ästhetische Bildanalyse von sozialistisch-realistischen Werken für erheiternde Momente. Mit 140 Minuten ist das Stück allerdings ein bisschen gar lang geraten und die Wechsel zwischen der Vergangenheit und Aktualität verlangen dem Publikum doch einiges ab. Aber wieso auch nicht: Sozialistische Revolution war und ist schliesslich auch nicht nur Zuckerschlecken.

«Alle Vögel sind schon da – Ein Kongress in Zimmerwald» wird im Schlachthaus Theater noch an folgenden Daten aufgeführt: Sa 18., So 19., Do 23., Fr 24. und Sa 25. Oktober.

«I maches eifach wie dr Hitler»

Gisela Feuz am Freitag, den 17. Oktober 2014 um 11:13 Uhr

Die Schreiberin solle doch den Hari verreissen und ihn in den höchsten Tönen loben, riet gestern ein gut gelaunter Matto Kämpf in der Pause der eigenen Darbietung vor dem Kairo. Schliesslich sei er schon in der letzten Besprechung schlecht weggekommen wegen seinem eigenwilligen Rhythmusgefühl. Und übrigens habe er jetzt eine Lösung gefunden, wie besagte Rhythmusproblematik gelöst werden könne: «I maches eifach wie dr Hitler, huere viu Lärm u Krach u de merkt me d'Störig gar nümm.» Nun ja.

Lärm und Krach gab es denn tatsächlich zum Auftakt des Auftrittes von Trampeltier of Love, dem Trio, welches sich aus Schriftsteller Matto Hitler Kämpf, Musiker Simon Hari alias King Pepe und dem Luzerner Tubisten Marc Unternährer zusammensetzt. Kämpf und Hari sind ja schon seit einer Weile gemeinsam unterwegs, wenn auch die Aussage, man sei bereits in Jugendjahren an der Thuner Regionaltonwoche im Mokka als Duo Schüfeli & Bäseli zusammen aufgetreten, im Reich der Legenden zu verorten ist. Der Unternährer habe sich ihnen spontan angeschlossen, erklärt Kämpf. Das sei super, so ein Bläser. Der übertöne die Fehler.

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Tatsächlich liefert Unternährers Tuba einen beachtlichen Mehrwert bei den Darbietungen von Kämpf und King Pepe, aber nicht weil sie allfällige Fehler übertönen würde (zum Glück nicht!), sondern weil der Tuba-Klang dem ganzen Vortrag einen Boden und eine Gravität verleiht, die in vergnüglichem Kontrast steht zu dem, was die Herren Kämpf und Pepe besprechen bzw. besingen. Ersterem ist bekanntlich keine Sinnlosigkeit zu albern und kein Kalauer zu billig: Da spielt ein Larifari gerne mal Stradivari und der Koch ist ein Furz mit Schurz. Das kämpfsche Universum ist wunderbar skurril und abstrus, wobei der gebürtige Steffisburger ein genaues Auge für die Absurditäten und Abgründe des Alltags beweist und dabei mit einem pubertären Bubenhumor gesegnet ist, der einfach ansteckend wirkt.

Simon Hari steht in Punkto Unterhaltungswert dem Kämpf in nichts nach, sondern zeigt sich in seinen Liedern ebenfalls als Meister darin, die Langweile des Alltags humoristisch zu überspitzen und wünscht sich entsprechend schon mal einen Kühlschrank voller Kokain anstelle eines 9-5 Bürojobs. Hari kann aber auch anders und schlägt mit «Gebei» auch mal ruhige und nachdenkliche Töne an. Diese komplementieren einen Abend voller wunderbarem Unfug, in dem ein Holzross Lippgloss trägt, Kämpf sich als Vater von Hari outet, Kirchenglocken mit Pfannendeckel imitiert werden und sich im Sandkasten zwei dicke Kinder darum streiten, wer denn nun der Messi sei, wobei auf der Plache mit Kreide geschrieben steht: «Z'Läbe isch ä Pingu.»

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