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Wer kennt das nicht?

Miko Hucko am Mittwoch, den 23. April 2014 um 12:14 Uhr

Ein kurzer Beitrag zum Welttag des Buches.  Ich kaufe sehr gerne Bücher, leider mehr, als ich lesen kann. Die Japaner_innen haben hierfür ein Wort gefunden, ein Verb:

 

tsundoku

1. (informal) the act of leaving a book unread after buying it, typically piled up together with other such unread books.

 

eben, oder: Wer kennt das nicht.

 

(Quelle: Wiktionary)

Ein Goalie für den Sonntagabend

Roland Fischer am Mittwoch, den 23. April 2014 um 5:15 Uhr

Ok, kleiner Umweg zuerst, bevor wir zur Sache kommen:

Nicht grad eine Million, aber doch immerhin 100'000 Besucher konnte an Ostern offenbar «Der Goalie bin ig» verzeichnen, wurde gestern vermeldet. Und ich war mit für die Marke besorgt, am Montag abend. Keine Ursache, gern geschehen.

Ich hab dann mal noch nachgeschaut, ein durchschnittlicher Sonntagabend-Film auf SRF kommt auf rund eine halbe Million Zuschauer. Kann man sich natürlich fragen, welcher Zuschaueranteil schwerer wiegt. Ein wenig irritierend fand man das jedenfalls schon, wie schön der Film für seinen kommenden grossen Fernsehauftritt zurechtgemacht ist. Ecken und Kanten? Fast alle rundgeschliffen. Stolpersteine? Ein paar kleine vielleicht noch, sonst spaziert der Goalie ziemlich gemütlich und gradlinig durch seine Geschichte. Man kann sich natürlich auch fragen, ob das automatisch passiert, wenn Kunst zusammen mit zahlungskräftigen «Partnern» entsteht.

Aber ist ja gut und recht, ein solid gemachter Schweizerfilm. Und mit souveränem Spezialauftritt von Pedro Lenz himself, das ist den Eintritt allein schon wert. Etwas bemüht allerdings ist die filmische Zeitmaschine, die uns (wie im Buch) in die frühen 80er zurückschicken möchte, immer auf der Suche nach Schauplätzen und Requisiten, die dieses Früher heraufbeschwören. Als bräuchte die Geschichte dieses zeitliche Lokalkolorit, um zu funktionieren - warum kann der Goalie denn nicht durchs heutige Langenthal streifen? Was in der Literatur ein leichtes Spiel mit Erinnerungen ist, wird im Film zur Koketterie, die eher ablenkt vom Wesentlichen. Und die den Eindruck des eher Oberflächlichen dann halt noch verstärkt.

Ein Osterwochenende im Elend

Christian Zellweger am Dienstag, den 22. April 2014 um 11:45 Uhr

nakedDavid Thewlis als Johnny in Naked

Und wie haben Sie die Ostertage verbracht? Ich war eingeladen an die Dellsberger Filmtage (keine Angst, falls Sie die nicht kennen, es war «nur» ein ein wenig hochgestapelter Privatanlass mit sehr gutem Essen in einem hübschen Häuschen am Hang mit grossem Garten). Inoffizielle Klammer des Programms hätte «England von unten» sein können, standen doch Filme von Mike Leigh und Ken Loach auf dem Programm. Drei davon hab ich gesehen, und die haben sich trotz ähnlicher Thematik stark unterschieden:

- Zu Beginn der Schock: Ladybird, Ladybird von Ken Loach (1994). Dieser Film tut weh. Einer Mutter wird das Sorgerecht für ihre vier Kinder entzogen, weil sie offensichtlich nicht fähig ist, für sie zu sorgen. Als sie endlich einen Mann kennenlernt, der ihr die nötige Stabilität gibt, um das Muttersein vielleicht zu schaffen, wird den Eltern das gemeinsame Baby aber auch entzogen. Dasselbe geschieht mit dem zweiten Baby des Paares. Loach erzählt das alles ausführlich und schmerzhaft mit einem gnadenlos realistischen Blick. Die Geschichte ist wahr, und dient Loach der Anklage der bisweilen offenbar absurd agierenden britischen Social Services in den frühen 90ern. So ganz ohne Grautöne zwischen Schwarz und Weiss ist der Film, trotz versöhnlichem Ende, aber kaum zu ertragen.

- Die Atempause: Loachs Raining Stones (1993) . Ganz anders geht Loach in seinem ein Jahr älteren Raining Stones zu Werke. Auch hier geht es um Arbeitslosigkeit und Not in einer gesichtslosen englischen Industriestadt in der gerade angebrochenen Ära nach Maggie Thatcher. Es braucht einige Umwege des glücklich verheirateten Vaters mit der süssen Tochter über absurde Kleinkriminalitäten (Schafe klauen, illegales Rasen stechen um ihn weiterzuverkaufen), aber am Ende ist alles gut: Die Tochter hat das schöne, eigentlich viel zu teure Kommunionskleid, der Kredithai ist tot und der zwischenzeitlich gestohlene Van, unabdinglich für Gelegenheitsarbeiten, taucht auch wieder auf. Ein humorvolles Märchen mit Happy End vor einem düsteren Hintergrund, der jedoch nie so richtig zum Zuschauer durchdringt.

- Zum Schluss die Entdeckung (für Frühergeborene zumindest eine Wiederentdeckung): Mike Leighs Naked (1993) . In Artikeln zum DVD-Release 2011, viel zu spät, kann man lesen, dass Naked der vielleicht beste britische Film der letzten 20 Jahre sei. Es ist tatsächlich sehr beeindruckend, welche Figuren Leigh und seine Darsteller in monatelanger Vorarbeit durch Improvisation geschaffen haben. Allen voran natürlich dieser Johnny, dessen dunkle Seite, die sich vor allem in gewaltätigem Verhalten gegenüber Frauen zeigt, sich schon in der ersten Szene darlegt. Trotzdem ist Johnny im Grunde nicht unsympathisch: Intelligent, belesen und sehr, sehr witzig. So zieht er durch London, knüpft Kontakt zu allerlei Figuren, die genauso verloren sind wie er selbst, immer bissig, immer leicht verworren und immer auf der Suche nach Liebe und doch unfähig, diese anzunehmen. Gibt's auch auf Youtube, sollte man gesehen haben.

Kulturbeutel 17/14

Miko Hucko am Dienstag, den 22. April 2014 um 5:08 Uhr

Miko Hucko empfiehlt:
Den Welttag des Buches am Mittwoch dieser kurzen Woche. Vorfeiern können Sie z.B. am Dienstag Abend bei der Textmaschine im Co-Labor.  Und, das kann ich mir wirklich nicht verkneifen: Next Level der Berner Gruppe Kopp/Nauer/Praxmarer/Vittinghoff, ab Mittwoch im Schlachthaus.

Milena Krstic empfiehlt:
In der ehemaligen Formbar (dort unten beim Marzili, in der Nähe des Bowlingscenters) läuft wieder was. Im Playground, wie der kürzlich neu eröffnete Club heisst, ist es düster, gediegen und spannend, weil neu. Am Donnerstag spielen dort die Zürcher Fai Baba und die Great Black Waters. Zwei gute Gründe, das Lokal mal auszuchecken, nicht?

Frau Feuz empfiehlt:
Am Mittwoch tritt im Rahmen der ersten Berner Humortage die Blockflöte des Todes im Tojo auf. Am Donnerstag empfiehlt sich dann das Doppelkonzert von Kejnu und End im Rössli, letztere bieten Indierock zwischen sanften Harmonien und extatischem Stromgitarren-Feuerwerk, erstere Science-Fiction Noise-Pop. Am Freitag spielen Traktorkestar dann ihre Blaskapellen-Hochgeschwindigkeits-Discogrooves und himmelhochjauchzenden Heimwehmelodien im Dachstock der Reitschule.

Herr Zellweger empfiehlt:
Schauen Sie ab Freitag mal im Kornhaus vorbei. Dort präsentiert die Berner Design Stiftung in der Ausstellung Bestform (von ihr) ausgezeichnetes Design aus dem Kanton Bern. Die Palette reicht von Grafik über Mode und Keramik bis zu Möbeldesign.

Fischer empfiehlt:
Kultur für einmal umsonst. Am Donnerstag gibt's im Rondel Club zwei Konzerte - Junior (USA/DE) und Mercury (Bern) - zum Preis von keinem. Dahinter steht ein neuer Veranstalter mit sprechendem Namen: Kultur for free.

Oh la la in der Dampfere

Milena Krstic am Sonntag, den 20. April 2014 um 3:20 Uhr

Den «Arbeitsprozess» wollte die in Neuseeland geborene Wahlbernerin Emma Murray ergründen. Und da die Tänzerin für die Saison 2013/2014 von der Dampfzentrale zur Associated Artist gekürt wurde, hatte sie die vergangenen zwei Tage zur Verfügung, um ihre Rechercheergebnisse zu präsentieren. Getauft hat sie «ihr» Wochenende: Trade Secrets. Putting Process on Show and Collaboration to the Test. Die folgenden Bilder zeigen: Es war alles viel einfacher. Und vor allem sehr schön fürs Auge.

Emma_Murray_Trade_SecretsDie Tänzerin und Choreographin Marie-Caroline Hominal in einem der Interviews, das nonstop über einen der Bildschirme flimmerte. In der Künstlergarderobe las sie ausserdem in einer 1:1-Performance ein Gedicht vor. Dafür musste man sich anmelden - und bei meiner Ankunft war die Liste schon voll.

 

Mutant_Slappers_&_The_Planet_BangSchweisstreibend und kunstblutverschmiert kamen Mutant Slappers & The Planet Bang daher, eine verrückte Performance-Truppe, die Hardcore-Songs covert. Das war dann überwiegend wegen der Tanzeinlagen, aber weniger aufgrund der Musik spannend.

 

 

PS. Der Anlass, sauber recherchiert und erklärt: hier klicken.

«Spannendi Lüt im Netz»

Milena Krstic am Samstag, den 19. April 2014 um 15:10 Uhr

... sprechgesangt Kutti MC auf «Unghüür» und tritt heute Abend real-life im zaubertollen Café Bar Mokka auf.

Es muss ja nicht gleich die Auferstehung sein, es kann auch einfach vom Sofa aufstehen sein. Deshalb hier noch ein Grund für morgen Abend:

Die Berner Band rund um die brasilianische Sängerin Mariana Da Cruz tauft morgen in der Turnhalle des Progr das neue Doppelalbum.

Raus aus dem Netz! Rein ins Real-Life! 

PS. Sonst noch welche Lokal-Helden, die am Wochenende auftreten und hier vergessen wurden? Jeans for Jesus anyone? À propos: Die Berner Goodbye Fairbanks haben eine hübsche up-on-melancholy-hill Akustik-Version von Nie Meh gemacht.

Gesammelte Werke, fragmentarisch

Roland Fischer am Donnerstag, den 17. April 2014 um 5:24 Uhr

Manchmal ist ein Ausstellungstitel auch zu gut. We Fragment, Collect and Narrate - das trifft ziemlich exakt die Magengrube eines Jetztgefühls. Entsprechend neugierig ist man auf die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Thun, die Werke aus den Sammlungen des FRAC Nord-Pas de Calais und des Kunstmuseums zusammenbringt.

Davide Cascio

Und dann bekommt man eben genau das zu sehen: eine fragmentierte Kollektion von Sachen, ein Durcheinander von Erzählfäden, die immer ein wenig zu kurz sind, um sie zu fassen zu kriegen. Und das Thema wird zum selbstreferentiellen Fallstrick - ist das womöglich beabsichtigt, dass aus dieser Ausstellung kein Ganzes wird, dass man ein wenig ratlos von Saal zu Saal, von Position zu Position wechselt? Und einen das Gefühl beschleicht, hier habe jemand unfreiwilligerweise eine Essenz der zeitgenössischen Kunst versammelt - diese suchenden, sich im schönen Arrangement erschöpfenden Gesten, die gar nichts mehr zu sagen versuchen? Nichtssagende Kunst: nein, so wird das wiederum auch nicht gemeint sein.

Bizarre Musikgenres Teil 12: Black Midi

Gisela Feuz am Mittwoch, den 16. April 2014 um 5:26 Uhr

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Black Midi.

Gehören Sie auch zu den Menschen, die auf eine abverreckte Klavierkarriere zurückschauen können? Schrecken Sie zwischendurch immer noch aus dem Schlaf auf, weil sie gerade geträumt haben, sie sitzen vor den schwarz-weissen Tasten, und zwar unter dem gestrengen Blick von Frau Thöni, die sie ausschimpft, weil sie wieder mal nicht geübt haben? Black Midi ist die elektronische Rache an allen Frau Thönis dieser Welt.

Grundsätzlich ist Black Midi ein Sub-Genre von Dubstep und wird zur Zeit in Asien als das nächste Grosse Ding abgefeiert. Die Notation von Black-Midi-Stücken sieht auf den ersten Blick gar nicht so anders aus als diejenige von klassischen Klavierstücken. Wäre da nicht die ungeheure Anzahl an Noten. Normalerweise werden bei einem Black-Midi-Stück abertausende elektronisch generierte 1/32 oder noch kürzere Noten verwendet, so dass eine fertige Komposition aussieht, als habe man auf einem linierten Blatt Papier einen ganzen Ameisenstaat plattgemacht. Das «Black» in Black Midi bezieht sich denn auch auf dieses Phänomen. Also auf die Schwärze, nicht die Ameisen. Eat this, Frau Thöni!

Lambada-Drone unter dem LED-Sternenhimmel

Milena Krstic am Dienstag, den 15. April 2014 um 2:23 Uhr

Carla Bozulich Workshop GearWie wenig es doch braucht zum elektronisch-musikalischen Glück: ein stimmiges LED-Licht, das Sterne an die Wand projiziert, ein lottriges Kinder-Keyboard, einen Boss Vocal Performer VE-20, Mikrofon, Mischpult, Boxen und das alles nützt nix ohne: Strom.

Im Dachstock der Reitschule gab es von alledem jedenfalls zur Genüge, als die amerikanische Avantgarde-Musikerin Carla Bozulich (die am Sonntag im Rössli ein Konzert gespielt hatte und sowieso gerade in der Stadt war) zum Workshop lud. Die Zeremonienmeisterin bat darum, eigene Lichtquellen mitzubringen und wünschte sich:  «Einen Haufen Spinner mit Flugbegleiter-Uniformen und Goldzähnen, schwingenden Riesen-Bassverstärker, Tonhöhen- Regler, Loop-Pedale, Schneebesen und Kurzwellenradios».

IMG_20140414_204021~2Bekommen hat sie: immerhin eine elektrische Ukulele (links im Bild), ein Akkordeon und viel klassisches Musikmach-Material wie Schlagzeugteile, Gitarren und Bass.

Gefühlte 1001 Projekte wird sie am Start haben, diese Carla Bozulich, die beim kanadischen Independent-Label Constellation Records unter Vertrag steht, sich musikalisch im No-Wave-Bereich bewegt und auch schon mit Sonic Youth zusammengearbeitet hat. Mit Hilfe ihrer Bandmitglieder führte sie bestimmt und herzlich durch den Abend, dirigierte auf ihre Weise, welche Stimmung erzeugt werden sollte und hielt ihr Versprechen, mittels musikalischer Improvisation zu frischer Erkenntnis zu gelangen.

Friedlich war es, meditativ, nie zu laut, nie zu wild, immer irgendwo im Bereich der mittleren Frequenzen. Nach dem Workshop genehmigte sich Küre einen Fernet-Branca, lehnte sich zurück und meinte:  «Das war die absolute Lambada-Drone-Experience.»

PS. Hier noch mein Carla-Bozulich-Lieblingssong (zu hören auf ihrem Album «Boy», das dieses Jahr erschienen ist).

Singen Gläubige besser? Hallelujah!

Christian Zellweger am Montag, den 14. April 2014 um 14:03 Uhr

Aus der Reihe «Gläubige singen besser»: Nach der Nonne nun der Pater. Auch spannend: Die Diskussionen auf www.gloria.tv inwiefern denn eine solche Einlage die Regeln der Liturgie verletzte.