Blogs

Gesammelte Werke, fragmentarisch

Roland Fischer am Donnerstag, den 17. April 2014 um 5:24 Uhr

Manchmal ist ein Ausstellungstitel auch zu gut. We Fragment, Collect and Narrate - das trifft ziemlich exakt die Magengrube eines Jetztgefühls. Entsprechend neugierig ist man auf die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Thun, die Werke aus den Sammlungen des FRAC Nord-Pas de Calais und des Kunstmuseums zusammenbringt.

Davide Cascio

Und dann bekommt man eben genau das zu sehen: eine fragmentierte Kollektion von Sachen, ein Durcheinander von Erzählfäden, die immer ein wenig zu kurz sind, um sie zu fassen zu kriegen. Und das Thema wird zum selbstreferentiellen Fallstrick - ist das womöglich beabsichtigt, dass aus dieser Ausstellung kein Ganzes wird, dass man ein wenig ratlos von Saal zu Saal, von Position zu Position wechselt? Und einen das Gefühl beschleicht, hier habe jemand unfreiwilligerweise eine Essenz der zeitgenössischen Kunst versammelt - diese suchenden, sich im schönen Arrangement erschöpfenden Gesten, die gar nichts mehr zu sagen versuchen? Nichtssagende Kunst: nein, so wird das wiederum auch nicht gemeint sein.

Bizarre Musikgenres Teil 12: Black Midi

Gisela Feuz am Mittwoch, den 16. April 2014 um 5:26 Uhr

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Black Midi.

Gehören Sie auch zu den Menschen, die auf eine abverreckte Klavierkarriere zurückschauen können? Schrecken Sie zwischendurch immer noch aus dem Schlaf auf, weil sie gerade geträumt haben, sie sitzen vor den schwarz-weissen Tasten, und zwar unter dem gestrengen Blick von Frau Thöni, die sie ausschimpft, weil sie wieder mal nicht geübt haben? Black Midi ist die elektronische Rache an allen Frau Thönis dieser Welt.

Grundsätzlich ist Black Midi ein Sub-Genre von Dubstep und wird zur Zeit in Asien als das nächste Grosse Ding abgefeiert. Die Notation von Black-Midi-Stücken sieht auf den ersten Blick gar nicht so anders aus als diejenige von klassischen Klavierstücken. Wäre da nicht die ungeheure Anzahl an Noten. Normalerweise werden bei einem Black-Midi-Stück abertausende elektronisch generierte 1/32 oder noch kürzere Noten verwendet, so dass eine fertige Komposition aussieht, als habe man auf einem linierten Blatt Papier einen ganzen Ameisenstaat plattgemacht. Das «Black» in Black Midi bezieht sich denn auch auf dieses Phänomen. Also auf die Schwärze, nicht die Ameisen. Eat this, Frau Thöni!

Lambada-Drone unter dem LED-Sternenhimmel

Milena Krstic am Dienstag, den 15. April 2014 um 2:23 Uhr

Carla Bozulich Workshop GearWie wenig es doch braucht zum elektronisch-musikalischen Glück: ein stimmiges LED-Licht, das Sterne an die Wand projiziert, ein lottriges Kinder-Keyboard, einen Boss Vocal Performer VE-20, Mikrofon, Mischpult, Boxen und das alles nützt nix ohne: Strom.

Im Dachstock der Reitschule gab es von alledem jedenfalls zur Genüge, als die amerikanische Avantgarde-Musikerin Carla Bozulich (die am Sonntag im Rössli ein Konzert gespielt hatte und sowieso gerade in der Stadt war) zum Workshop lud. Die Zeremonienmeisterin bat darum, eigene Lichtquellen mitzubringen und wünschte sich:  «Einen Haufen Spinner mit Flugbegleiter-Uniformen und Goldzähnen, schwingenden Riesen-Bassverstärker, Tonhöhen- Regler, Loop-Pedale, Schneebesen und Kurzwellenradios».

IMG_20140414_204021~2Bekommen hat sie: immerhin eine elektrische Ukulele (links im Bild), ein Akkordeon und viel klassisches Musikmach-Material wie Schlagzeugteile, Gitarren und Bass.

Gefühlte 1001 Projekte wird sie am Start haben, diese Carla Bozulich, die beim kanadischen Independent-Label Constellation Records unter Vertrag steht, sich musikalisch im No-Wave-Bereich bewegt und auch schon mit Sonic Youth zusammengearbeitet hat. Mit Hilfe ihrer Bandmitglieder führte sie bestimmt und herzlich durch den Abend, dirigierte auf ihre Weise, welche Stimmung erzeugt werden sollte und hielt ihr Versprechen, mittels musikalischer Improvisation zu frischer Erkenntnis zu gelangen.

Friedlich war es, meditativ, nie zu laut, nie zu wild, immer irgendwo im Bereich der mittleren Frequenzen. Nach dem Workshop genehmigte sich Küre einen Fernet-Branca, lehnte sich zurück und meinte:  «Das war die absolute Lambada-Drone-Experience.»

PS. Hier noch mein Carla-Bozulich-Lieblingssong (zu hören auf ihrem Album «Boy», das dieses Jahr erschienen ist).

Singen Gläubige besser? Hallelujah!

Christian Zellweger am Montag, den 14. April 2014 um 14:03 Uhr

Aus der Reihe «Gläubige singen besser»: Nach der Nonne nun der Pater. Auch spannend: Die Diskussionen auf www.gloria.tv inwiefern denn eine solche Einlage die Regeln der Liturgie verletzte.

Kulturbeutel 16/14

Milena Krstic am Montag, den 14. April 2014 um 5:43 Uhr

Milena Krstic empfiehlt
to support your locals. Die bernerisch-brasilianischen Da Cruz taufen ihr Doppel-Werk ORDEM E DISCO am Sonntag in der Turnhalle des Progr. Die Musik wurde übrigens bereits auf Tanzbarkeit geprüft. Test bestanden! Ô Brasil!

Miko Hucko empfiehlt:
Lassen Sie den Frühlingsgefühlen freien Lauf und setzen Sie sie gleich noch für etwas ein. Am Dienstag gibt's nämlich ein KISS-IN für O. Am Freitag würde ich zwanzig Zugminuten auf mich nehmen und in den goldenen Güggu in Olten, wo es nach einem wahrhaftigen Kunstexzess aussieht. Lange genug gefastet, jetzt wird getätscht und getütscht!

Herr Zellweger empfiehlt:
Nicht am Donschti, aber am Freitag ins Bonsi. Dort trifft man Giraffage an, sample-based pop, wie er selbst auf Soundcloud schreibt. Offenbar eines der letzten Male in dem Stil, denn in Zukunft will der junge Mann ganz auf Samples verzichten.

Frau Feuz empfiehlt:
Das Konzert von Eagulls am Donnerstag im ISC. Das Quintett aus dem Englischen Leeds spielt cure-esquen Post-Punk, angereichert mit viel Hall. Am Samstag ist Record Store Day, deswegen sollten Sie dem Plattenladen ihres Vertrauens wieder einmal einen Besuch abstatten.

Der Maharadscha des Soul

Gisela Feuz am Sonntag, den 13. April 2014 um 13:06 Uhr

Er ist fürwahr eine royale Nummer dieser King Khan. Der Indo-Kanadier, der mit bürgerlichem Namen Ahmad Khan heisst, war gestern mit seiner 8-köpfigen Truppe im Dachstock der Reitschule zu Gast und hat Bern gezeigt, wo der Gott des Soul hockt. Eine pompöse Federkrone auf dem Kopf, das beachtliche Bäuchlein mit viel Stolz in Szene gesetzt, verströmte King Khan Glamour und Charisma.

Foto 1.JPG

Es ist eine funky Version von Soul, die King Khan and the Shrines spielen und dieser Soul fährt gewaltig in die Beine. So war es im «Moshpit» um die zehn Grad wärmer als im Rest des Dachstocks; fröhliche Aufgekratztheit herrschte vor und auf der Bühne. Nicht nur der König selber verströmte mit seiner Garderobe Glamour und zelebrierte Spielfreude, sondern auch alle übrigen acht Musiker waren mit offensichtlicher Freude bei der Sache – der Mann am Keybord wagte gar einen Ausflug ins Publikum, sein Instrument auf dem Kopf balancierend.

Wie es sich für eine ordentliche Soul-Diva gehört, wurde für die Zugabe dann noch die Garderobe gewechselt. Der King stand nun mit einer ägyptisch anmutenden Afro-Perücke auf der Bühne, trug dazu einen glitzernden Superhelden-Umhang und ein einigermassen knapp sitzendes Höschen, das nicht zuletzt wegen der Pailletten im Schritt Blicke auf sich zog. King Khan tanzte, schwitzte, sang und schrie wie James Brown und bot Hofstaat und Volk beste Unterhaltung. Also falls die Schweiz irgendeinmal doch noch eine Monarchie werden sollte, wünscht man sich King Khan zum Maharadscha. Freiheit, Glamour und Soul für alle!

Keine euphorische, viel zu lange Hymne

Christian Zellweger am Samstag, den 12. April 2014 um 15:17 Uhr

goldies

Was sagt man zu einem perfekten Abend, wie das gestern einer mit den Goldenen Zitronen war? Entweder man verfasst eine euphorische, viel zu lange Hymne, die auch für den gestrigen Abend ihr Gültigkeit hat, oder man verlinkt einfach die euphorische, viel zu lange Hymne und behauptet: Wer gestern nicht da war, hat das vielleicht beste Konzert verpasst, dass diese Stadt 2014 gesehen haben wird. Und das schon im April. Sogar das Fotografieren ging vergessen. Dankeschön, du ehemalige Punkband.

Plattenkiste Volume 38: Todd Terje

Christian Zellweger am Freitag, den 11. April 2014 um 5:00 Uhr

10 Jahre brauchte Todd Terje bis zu seinem ersten Album. Mit «It's Album Time» setzt man sich gerne an die Strandbar.

terje

Es war irgendwann Ende 2012, oder Anfang 2013, als «Whateverest», ein 15-minütiger Kurzfilm aus Norwegen im Internet auftauchte. Da ist dieses neblige Kaff im hohen Norden und da ist dieser etwas verwirrte, traurige junge Mann im Morgenmantel oder wahlweise im Glitzer-Pullover, der den Traum der weiten Welt aufgegeben hat, um seinen kranken Vater zu pflegen. Er führt ein Solarium, kocht sich selber Drogen mit Zutaten aus dem Supermarkt, tanzt immer und überall und macht davon Videos, die er auf Youtube stellt. Und genau diese Videos haben den norwegischen House-Produzenten Todd Terje zu seinem Über-Hit von 2012, den selbstvergessen tänzelnden «Inspector Norse» inspiriert.

Sagt der. Denn natürlich war alles ganz anders. Der Film ist ein klassischer «Mockumentary» und Terjes Track war vielmehr der Ausgangspunkt für die Figur des Marius Solem Johansen, der sich im Internet angeblich «Inspector Norse» nennt.

Jetzt hat also derjenige, der am Anfang dieser schönen kleinen Geschichte steht, ein Album veröffentlicht. Seit zehn Jahren schon dreht Terje an den Knöpfen seiner analogen Synthesizer und Drummaschinen, hat sich in der Szene einen Namen gemacht als Teil der norwegischen Discobrigade mit Lindstrøm und Prins Thomas, hat unzählige Remixe veröffentlich, mit Robbie Williams und Franz Ferdinand gearbeitet und sich so den Ruf als einer der wichtigsten DJs der Welt ertüftelt.

Terje ist ein Musiker, welcher den bitteren Ernst der Clubmusik schon immer elegant unterlaufen hat (wie «Whateverest» demonstriert). Auch auf dem Album lässt er seinen Spieltrieb walten. In der Ferne klingt die Italo-Disco, doch Terje modifziert, löscht den grössten Teil der Käsigkeit aus den Spuren und lässt seiner Freude an den lustig perlenden Synthesizer-Sounds freien Lauf. Zumindest in den besten Momenten, in «Delorean Dynamite» etwa oder «Oh Joy» und auch Inspector Norse begegnet man gerne wieder. Nur dieses «Svensk Sås» wär eher nicht nötig gewesen, ein Stück aus Vocal-Samples, dass beim Produzieren wohl amüsanter geklungen hat, als es zum Hören geworden ist.

Und dann wär da auch noch das melancholische Breitleinwand-Cover von «Johnny und Mary», gesungen von Brian Ferry. Das bricht zwar mit der Stimmung, passt aber mit seiner 80ies-Blockbuster-Kitschigkeit dennoch wunderbar auf das Album.

Und so lässt einen dieser Todd Terje, Meister der entspannt spannenden Clubmusik, die auch im Freien funktioniert, auf dem Weg durch die Stadt innerlich beschwingt tänzeln.

Try Again

Miko Hucko am Donnerstag, den 10. April 2014 um 5:45 Uhr

So etwas habe ich noch nie gesehen. Als im Tojo der extra eingebaute Vorhang zwischen Bar und Bühne sich öffnet, bin ich erstmal überwältigt. Dunkel, Schwarz, dazu Neonlicht und Leinwände. Grösse, Design. Ich muss an TRON denken, an Zukunft, an eine SciFi-Version der Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band. Ein dumpfer Beat, stimmige Synthies. Ich bin bereit für den Trip. 3 2 1 lift off.

IMG_20140409_205520~2

Doch bevor es richtig los geht, verklingt die Musik wieder.  TRY AGAIN leuchtet auf. Ein Spiel soll es wohl werden, ein Suchen. Musikstück folgt auf Musikstück, dazu spricht eine amerikanische Macho-Stimme und erzählt mal distanziert, mal involviert kurze Schnipsel aus unserem kollektiven Gedächtnis. Trailerhaft werden Faust, Orpheus, Sin City, Bill Clinton und weitere Episoden und Zitate aneinander gereiht. Suchen, Probieren ist anders, denn alles ist durchgetaktet, abgesprochen, beinahe mechanisch bewegt sich die Band auf der Bühne. Vieles wird angerissen, nichts vertieft. Irgendwann habe ich begriffen, wie es läuft und warte auf den durch die vielen Anrisse versprochenen Inhalt. Vergeblich. Formschön und aalglatt, fast wie ab Video exerzieren pulp.noir ihre Show durch. Eine Show, die von der Anlage her besser in einen Club als in ein Theater passt.

Dass hier jemand fehlt, die/der für Struktur und Inhalt sorgt, dass Ecken, Kanten und Dramaturgie fehlen, zeigen sowohl peinlich-kitschige pseudoanarchische Gesten, auf die nahtlos Bilder von marschenden Armeen folgen, als auch der Satz, mit dem die einzige Frau der Truppe vorgestellt wird. Sissy Fox ist ihr Künsterinnenname, und sie ist sexy and beautiful. Lost in Aesthetics.

Computerliebe

Roland Fischer am Mittwoch, den 9. April 2014 um 5:02 Uhr

Sie ist gar nicht so fern, diese Zukunft, vielleicht 20 Jahre noch? Dann werden die Computer richtig reden gelernt haben, und dazu gehört dann auch, dass ihnen ein Bewusstsein wächst, das eine hat irgendwie ziemlich viel mit dem anderen zu tun (im Anfang war das Wort, oder so). «It's not just an OS. It's a consciousness» raunt die Werbung in Spike Jones' neuem Film «Her» - und dieses operating system wird sich dann bald auf einen ganz eigenen bewusstseinserweiternde Trip aufmachen, nach seiner Menschwerdung.

Konfigurieren muss der User (herrlich schusselig und weltverloren: Joaquin Phoenix) da nicht besonders viel, das System lernt schnell und passt sich an. Eine Frauenstimme gefällig? Ja, das wäre doch nett, bloss dass es dann eine so verführerische ist, damit hatte der KI-Anfänger nicht gerechnet - von nun an wird Scarlett Johansson die grosse An- und Abwesende dieses Films sein. Und da haben wir es dann wieder mal mit einem wunderbaren filmischen Erzähltrick zu tun, denn eigentlich entwickelt sich nun einfach eine Liebesgeschichte, nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen Mann und Frau. Und der Zaubertrick ist erst noch ein simpler, es braucht keine Special Effects, keine digitale Nachbearbeitung, bloss die Stimme einer Schauspielerin aus dem Off. Das Besondere und womöglich Unheimliche dieser Beziehung muss der Zuschauer sich immer wieder selbst klarmachen, denn vordergründig flirten da einfach zwei miteinander, und finden sich, und verlieren sich. Aber hintergründig passiert da natürlich noch einiges anderes: soll man (darf man?) sich in diese Geschichte hineinziehen lassen, geht man da ebenso wie die Filmfigur einer blossen Behauptung von Emotion auf den Leim - und: sind im Kino nicht sowieso alle Gefühle Surrogate, mehr oder weniger gut dem (echten, wahren) Leben nachempfunden?

Das ist die Ebene, die Jonze interessiert - er fragt nach dem «uncanny valley» der künstlichen Intelligenz. In der Trickfilmbranche nennt man so den ungemütlichen Ort, an dem wir derzeit feststecken: kurz vor der perfekten Nachbildung der Welt, da wo sich ein unheimliches Gefühl einstellt, weil man eigentlich nicht mehr sagen kann, was dieser künstlichen Realität noch fehlt, man aber doch untrügbar weiss, dass man es mit Computerwelten zu tun hat. Auch das OS in «Her» geht durch dieses unheimliche Tal, und wie es auf der anderen Seite herausfindet, ist vielleicht ein wenig zu dramatisch erzählt, mit etwas zu viel philosophischem Eifer. Man hätte gern gesehen, wie die beiden einfach irgendwo in einem hinteren Winkel des verwunschenen Tals glücklich werden, aber das geht natürlich nicht - oder?