Besetzter Beutel

Mirko Schwab am Samstag, den 29. April 2017 um 6:06 Uhr

Die Kulturbesetzungen «Café Toujours» und «Familie Osterhase» spannen unter dem Namen «Nou Norm» für eine gemeinsame Aktionswoche zusammen. Ein revolutionärer Sonderbeutel.

Wer ganz generell darüber auf dem Laufenden sein möchte, was kulturell abgeht in Berns Besetzernetz: Ausschau halten nach einem der liebevoll gestalteten «Bsetzt!»-Flugblättern (Im Bild – Props gehen raus an den Lieblingsillustratoren Tobias Bolliger.)

Liebe
Kulturbürger_innen mit Abonnement,
Student_innen mit Altbauwohnung,
Teenager_innen mit Ausreissgelüsten,
undsoweiter

Wir haben im hauptstädtischen LoFi-Feuilleton der Herzen schon feierlich die Nase gerümpft über die massenmediale Auseinandersetzung mit Berns Hausbesetzer_innen. Haben in Letuschenbach auf die vergoldete Türmatte gekackt für einen lächerlich unterinformierten Klick-Generator in journalistischer Aufmachung. Üh, hat das Spass gemacht. Aber ein bisschen zündeln ist erst die halbe Miete und ein Leichtes. Was also ist unsere gewinnende Perspektive auf die Kultur- und Wohnprojekte am Rand der Stadt?

Hingehen! Die Auseinandersetzung vor Ort ist Bürger_innenpflicht, sobald am analogen und digitalen Stammtisch darüber diskutiert wird. In Holligen und Ostermundigen ist Leerstehendes in Sinnvolleres überführt worden alhamdulillah. Was da läuft, zeigt Ihnen der folgende besetzte Sonderbeutel mit Empfehlungen der revolutionären All-Star-Redaktion:

Die Luxemburg empfiehlt:
Gang zum Gangloff! Am Mittwoch ruft das Café Toujours auf zu Brot und Spielen. In umgekehrter Reihenfolge gibts ab 16 Uhr Volleyball für alle (VoFA). Hinterher gemütliches veganes Znacht und Spieleabend. Oder wie ich immer zu sagen pflege: Fest und klar und heiter sein, ja heiter trotz alledem, denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche.

Sergei E. empfiehlt:
Am Donnerstag ab zum Farbfilm: Das «Kino Enzian» bei den Osterhasen zeigt «Kairo 678» von Mohamed Diab. Der Film verhandelt die Problematik sexistischer Übergriffe in Ägypten und erzählt von drei Frauen, die sich nicht länger damit abfinden wollen. Ganz recht: Gegenwärtig übt der mit visuellen Bildern (sic!) arbeitende Film einen mächtigen emotionalen Effekt auf die Menschen aus.

Der Camus empfiehlt:
Am Freitag dann lassen wir die Weinkaraffen im Schrank und erfreuen uns in nüchterner Klarheit an einer Konzertkaskade: Projeto Marataizes (Bossa e Samba), Idriss (Pop algérien) und Spezial K (Rap) versetzen das Toujours in Schwingung. Infomaterial zu Drogenkonsum und darüber, wie der gesellschaftliche Dauersuff patriarchale Strukturen verstärken kann, liegen (schwer) auf. Ist es nicht so: Wollen heisst Widersprüche wecken.

Proudhon empfiehlt:
In Ostermundigen am Samstag: Traumhaus bauen am Baunami, Grill ohne Tierleid und kantige Klänge: Deffekt und Kreuzer&Brequenzer laden ein ins Reich der elktronischen Finsternis. Gerade letztere seien Ihnen besonders ans Herz gelegt. Derweil lässt sich im Café Tojours über die Möglichkeiten und Chancen der Hausbesetzerei diskutieren. Eigentum ist DiebstahlQu’est-ce que la propriété? Gemeinsames Spazieren dann zu den Freund_innen im Osten.

Emma Goldman empfiehlt:
Ausserholligen again am Sonntag. Am Workshop «Let’s Talk About Sex» wird aus anarchistischer Perspektive über den Komplex von Sexualität, Sexismus und Patriarchat gestritten. Punchline: Ich werde nie Autoritäten dulden oder mich ihnen fügen, noch werde ich Frieden machen mit einem System, das Frauen zu nichts als einem Brutkasten degradiert!

Michail Bakunin empfiehlt:
Den Schlusspunkt setzt die traditionelle «Montagsbar» bei den Osterhasen. Bühne frei – denn: Wer nicht das Unmögliche wagt, wird das Mögliche niemals erreichen. So sing that song, Liebes!

Aktionswoche «Nou Norm» vom 3. bis zum 8. Mai. Detailprogramm hier.

Holligen: Randnotiz

Roland Fischer am Freitag, den 28. April 2017 um 11:21 Uhr

aufgezeichnet von Helmut Dick

Wie schon am Vortag komme ich wieder an der ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage vorbei. Ich überlege kurz, ob ich noch einmal zu dem Brachgelände hochgehe. Genau in diesem Moment kommt, wie gestern, wieder der ältere Herr auf seinem E-Bike den Hügel heruntergefahren. Und auch heute fällt mir auf, wie eigenartigartig er die Rechtskurve am Ende des Hügels durchfährt. Er schneidet die Kurve nicht nur in einem komischen Winkel an. Auch das Zurücknehmen der Fahrgeschwindigkeit steht nicht im Verhältnis zur eigentlichen Reisegeschwindigkeit. Und dann noch diese angespannte Konzentration in seinem Gesicht.
Heute stoppt der Mann kurz hinter der Kurve, steigt ab und schaut nach dem Hinterrad seines E-Bikes. Kurz entschlossen gehe ich zu ihm hinüber. Ich beginne das Gespräch mit der Frage, ob etwas nicht in Ordnung sei. „Sie sind mir auch gestern schon mit Ihrem Fahrrad aufgefallen“. Ich merke, dass er es merkwürdig findet, dass ich ihn beobachtet habe. Darum beginne ich von Transform zu erzählen. Dass ich als Künstler dabei bin das Holligen Quartier zu erkunden. Und ich erzählte ihm von meinen Projekten. Bei The Blinking scheint ein Auto nachts in ein großes Gebäude gefahren zu sein und sowohl Auto als auch das ganze Haus blinken plötzlich einheitlich im selben orangefarbenen Rhythmus.
Das gefällt ihm. Auch er beginnt zu erzählen. Er arbeitet in einer Verwaltung. Noch ein paar Jahre bis zur Rente. Er fährt hier fast jeden Tag vorbei. Genau durch diese Kurve. Wenn er von der Arbeit kommt. Seit er das E-Bike hat, fährt er sogar schon mal eine Extrarunde. Seine Frau sagt immer, er soll es nicht rumerzählen. Aber er hat diese Faszination schon seit vielen Jahren. DENN wenn er es schafft GENAU, HAARGENAU im richtigen Bogen durch DIESE Kurve zu fahren, mit dem ABSOLUT richtigen Neigungswinkel UND EXAKT passender Geschwindigkeit DANN MUSS es möglich sein, in eine andere, noch UNBEKANNTE Dimension hinüberzufahren .
Ich habe ihn dann noch alles Mögliche gefragt, aber nicht wie er denn wieder zurückkommen würde. Dann hat er sich freundlich verabschiedet. Er müsse jetzt aber weiterfahren, da sich seine Frau sonst Sorgen machen würde.

Ich würde gerne im Zug sitzen und in einer gefunden Berner Zeitung die Randnotiz lesen, dass ein Mann aus Holligen mit Fahrrad auf dem Weg nach Hause spurlos verschwunden ist.

Das transdisziplinäre Kunstprojekt transform fragt in seiner sechsten Ausgabe gemeinsam mit zehn Kunstschaffenden aus allen Sparten und einer Jury bestehend aus BewohnerInnen Holligens, was Kunst im öffentlichen Raum Holligens soll. Seit Februar diskutiert die Jury gemeinsam mit transform, was sie von Kunst für ihr Quartier erwarten. Im April waren die eingeladenen KünstlerInnen in Holligen unterwegs und traten mit dem Quartier in Interaktion. Die Jury entscheidet demnächst, welcher ihrer Projektvorschläge für ein grosses Kunstprojekt in Holligen realisiert werden wird.

«Ich brauche dringend einen Drink»

Milena Krstic am Donnerstag, den 27. April 2017 um 6:00 Uhr

Gestern habe ich mir mit einer einer ganzen Teenager-Schulklasse das Stück «Das beste aller möglichen Leben» in der Vidmar angeguckt. Die Kids waren verstört. Und ich auch. Wenn auch nicht unbedingt aus denselben Gründen.

Die Mittelstandstragik in grau und ein überdimensionaler Säugling. Foto: Annette Boutellier

Die Medienfrau des KTB ist mittlerweile zu einer mir lieb gewordenen Bekannten avanciert, die mich immer motiviert auf neue Stücke aufmerksam macht. Bei «Das beste aller möglichen Leben» hatte sie mich nicht gleich im Sack, weil mich das Thema etwas anödete: Ein Paar mit Kinderwunsch bekommt mitten in der Nacht einen Korb mitsamt Säugling drin vor die Tür gestellt. Laaangweilig, gähnt es da aus mir heraus, aber der Zusatz im Medientext, dass der amerikanische Autor Noah Haidle mit einem anderen Stück («Alles muss glänzen») im Jahr 2015 einen Preis gewonnen hat und auch die Tatsache, dass die Premiere ausverkauft war, liessen mich aufhorchen. Ich ging also hin.

Was dann geschah, konnte ich nicht erwarten, niemand konnte das. Dieser Säugling nämlich (gespielt von David Berger und Jürg Wisbach) fängt an zu quatschen, tanzt einen wunderbar grotesken Tanz und durchlebt innerhalb von zwei Stunden ein ganzes verdammtes Leben. Und mit «verdammt» meine ich das wörtlich, weil da kommen alle menschlichen Abgründe darin vor, die so ein Leben mit sich bringen kann: Drogen, Vergewaltigung, Betrug, Lug und hässlich verzweifelte Versöhnung. Was für ein Reigen, was für ein Grauen.

Die Eltern (Kornelia Lüdorff und Jonathan Loosli) schweben zwischen Entzücken, Verwantwortungsbewusstsein, Ekel und Abscheu angesichts dieses Säuglings, der sich rasant zum predigenden Greis wandelt.

Regisseur Mario Matthias inszeniert die Hässlichkeit eines Paares im Mittelstands-Dasein mit Witz und Schalk (diese Choreographien!) und lässt keine unnötigen Längen zu.

Der Text trägt unendlich viel Kopfnick-Material in sich: Da fragt sich dieser überdimensionale Säugling so Existentielles wie:

«Und das ist das Leben? Etwas, das man erträgt?»

«Wie oft kann es brechen?» (mit «es» meint er das Herz) und «Grundlos aus Enttäuschungen besteht es» (er meint das Leben) und schliesst mit den Worten:

«Ich brauche dringend einen Drink.»

Als das Stück fertig ist, bin ich es irgendwie auch. Die Teens raunen sich «Shit, ds isch huere schräg gsi» zu und ich denke nur so: «Shiiit, so chas ga».

Fazit: Das Stück ist ganz klar sehenswert. Aber seien Sie darauf gefasst, mit eigenen Gruseligkeiten konfrontiert zu werden. Entweder, Sie wollen sich danach besaufen, oder ihre Beziehung beenden. Oder Ihren Job kündigen. Oder gleich alles zusammen.

«Das beste aller möglichen Leben» läuft noch bis am 20. Juni. Alle Daten gebündelt finden Sie hier. Und hier noch die seriös tolle Besprechung aus dem Mutterschiff.

Bizarre Musikgenres Teil 25: Gospel Black Metal

Gisela Feuz am Mittwoch, den 26. April 2017 um 6:34 Uhr

Die Welt der Musikgenres ist eine vielfältige, bunte und manchmal unfreiwillig komische. In dieser Serie sollen Genres zum Zuge kommen, von denen Sie bis anhin vielleicht (zu recht) noch nie gehört haben. Heute: Gospel Black Metal.

Zurückgerufen hat er dann doch nicht. Aber irgendwie kann man es ihm auch nicht verübeln, diesem Manuel Gangneux, denn der 28-jährige Basler geht mit seinem Unterfangen Zeal & Ardor gerade durch die Decke. Und zwar mit Lichtgeschwindigkeit. Noch bevor der Sohn eines Wallisers und einer Amerikanerin auch nur ein Konzert gespielt, geschweige denn eine Platte herausgegeben hatte, wurde er von der internationalen Presse gefeiert, als wäre er der Retter der Musik. Ist er ja irgendwie auch, weil er nämlich demonstriert hat, dass noch nicht alle musikalischen Pfade ausgetrampelt sind. Gagneux kombiniert bei Zeal & Ardor zwei Genres, welche weiter nicht auseinanderliegen können: Black Metal und Gospel. Wie das klingt? Fantastisch.

Mit Metal habe er sich bereits in seiner Jugend beschäftigt, sagt Gagneux in einem Interview bei Radio Deutschland Kultur und auf die choralen Gesänge der Sklavenbewegung sei er in den öffentlich zugänglichen Archiven des Alan Lomax gestossen. Beides verwurstelt hat Gagneux alleine im stillen Kämmerchen, herausgekommen ist eine rund 25-minütige Platte mit dem klingenden Namen «The Devil is Fine». Vorletztes Wochenende präsentierte Gagneux seine Songs dann zum allerersten Mal live, und zwar in der Kaserene Basel beim Czar of Crickets Festival vor ausverkaufter Hütte.

Während auf der Platte die hymnischen Gospel-Klänge und die Death-Metal-Blast-Beats manchmal klanglich auseinanderklafft, werden die Songs von Zeal & Ardor live dank solider Band und v.a. auch dank zwei stimmgewaltigen Backgroundsängern zum stimmigen, organischen Ganzen. Mit Black Metal hat Zeal & Ardor allerdings höchstens ansatzweise zu tun, dafür ist «The Devil is Fine» mit seinen machmal schon fast poppigen Ansätzen dann doch zu eingängig (nicht dass das schlecht wäre), sonst wäre der Titeltrack wohl kaum kürzlich bei «Germany’s Next Top Model» zu hören gewesen. Herr Gagneux scheint ja selber durchaus über eine poppige Ader zu verfügen, was auch die Tatsache zeigt, dass er bei der Czar of Crickets Aftershow-Party, wo er sich als DJ betätigte, Heuler wie Missy Elliot aus der Plattenkiste klaubte.

Man mag ihm den Hype und die Auftritte bei renommierten Festivals wie Roadburn oder Reading von Herzen gönnen, diesem Manuel Gagneux, und zwar weil da einer eine Platte geschmiedet hat, die richtig Freude bereitet und weil hier endlich mal wieder ein Schweizer das Zeugs dazu hat, international durchzustarten. Gute Reise, Herr Gagneux, may the devil be with you. Lassen sie sich einfach nicht verheizen, gellen Sie.

Keinzigartiges Lexikon: Folge 17

Gisela Feuz am Dienstag, den 25. April 2017 um 6:52 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Das Dünnicht
Dünnichte sind, anders als Dickichte, sichere und überwachte Zonen im Wald, der bekanntlich von jeher der Todfeind des Menschen ist. Die vom Bundeswaldgesetz verordneten Dünnichte sind mit Scheinwerfern und Feuermeldern ausgestattet und von jeglichen Gefahren befreit worden: Regelmäßig entfernen Gärtner spitze Zweige, Dornen, giftige Beeren, aus dem Boden ragende Wurzeln und ekliges Moos. Das nervtötende Vogelgezwitscher wird von angenehmer Liftmusik übertönt, und alle Tiere sind auf den Fuchsbandwurm getestet. Mithilfe von Pestiziden hat man Zecken, Mücken und singende Pfadfinder ausgerottet. Dank klarer Beschilderung sind sogar Orientierungsläufe einfacher geworden. Waldspaziergänge und Erholung sind endlich kein Widerspruch mehr.


Die in Dünnichten lebenden Igel werden monatlich von Hundesalonbesitzerinnen entstachelt.

Nächste Woche: Klipp

Frau Patagônia, ins Büro!

Gisela Feuz am Montag, den 24. April 2017 um 14:33 Uhr

Alle, die wir hier bei KulturStattBern mittun, stehen ja selber mit einem Bein im Kulturgrab mitten im kulturellen Geschehen. Allerdings gehen wir mit unseren Outputs, beziehungweise deren Streuung ganz unterschiedlich um. Rockboy Schwab und Chefin Feuz zum Beispiel lassen ja keine Chance aus, KSB schamlos als Distributionskanal für eigenen Unfug zu missbrauchen und lügen dabei gerne auch mal das Blaue vom Himmel herunter. Konfuzius Rihs würde wohl auch lügen wollen, scheitert dann aber an der konzeptuellen Dekonstruktion seiner selbst (auf der Metaebene, versteht sich) und schreibt drum über Schnaps im Denner. Dandy Fischer säuft nach Design- und Kunstvernissagen die stehengelassenen Gläser leer und gleist den Umsturz aller bestehenden Systeme auf, weiss dann aber am nächsten Tag leider nichst mehr davon, weswegen wir hier auch nie darüber lesen.

Die einzig Vernünftige in diesem Saufhaufen ist unsere Frau K. (eigentlich Krstic, aber das schreib ich nie mehr aus, weil Frau K. mir mit Enthauptung gedroht hat, falls ich ihren Namen noch einmal falsch zu Papier bringe.)  Besagte Frau K. ist die Bescheidenheit in Person, trinkt ausschliesslich Gurkenwasser und erwähnt denn auch nur ganz beiläufig im Kleingedruckten irgendeiner E-Mail, dass sie gerade ihr erstes Video herausgegeben habe. Frau K. ins Büro der Chefin, los hopp! Wir üben jetzt mal blöffen. Und Schnaps saufen.

Kulturbeutel 17/17

Milena Krstic am Montag, den 24. April 2017 um 5:22 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
Ich fühle diesen Yoga praktizierenden, Dreadlocks tragenden, verquer mystische Musik fabrizierenden und wunderschöne Videos herausbringenden Mann namens Gonjasufi einfach so sehr. Deshalb gehe ich am Freitag in die Dampfzentrale. Meet me at the bar und bezahl mir eine Gurkenschorle.

Mirko Schwab empfiehlt:
Der Krstic eine Gurkenschorle auszugeben. Wer sich auf dieses musikalisch-kulinarische Wagnis am Bett der Aare nicht einlassen möchte, gehe nach dem Burgernziel, gehe es ein paar Schattierungen leichter an: Sissy Fox aus BNC ta mère zeigen ihren «unpolierten Elektropop mit Attitüde» her. Ebenfalls am Freitag. Vorm hübschen Punto sollten wir uns indes eh verneigen, solange wir noch können – irgendwann fahren die Bagger auf, eine Runde Lärm für alle wird spendiert und schliesslich tötelets wieder still im Quartier.

Frau Feuz empfiehlt:
wer weder gurkenschorlen mit Madame Kristic noch punto-poppen mit Schwab will, der gehe am Donnerstag in die Cinématte. Dort wird einerseits David Lynchs Klassiker Blue Velvet gezeigt, andererseits spielen im Anschluss BAR ihren atmosphärischen Rock Noire. Oder aber man lausche im Schlachthaus irgendwann zwischen Mittwoch und Samstag beim Lesefest Aprillen Texte unterschiedlichster Natur.

Fischer empfiehlt:
An so einem ganz ordinären Montag Abend: volle Kanne Theatertheorie. Und schon einmal ein wenig mit Auawirleben anfangen. Das Out+About-Vorfestival in Bümpliz draussen fängt zwar eigentlich erst nächste Woche an, aber man kann sich schon mal aufwärmen, mit einem Vortrag zum schönen Thema: Zeitgenössisches Theater, was ist das?

Der Urs empfiehlt:
Profaneres als der Fischer – Wursten unter der Linde(!) – im Restaurant zum Schloss in Köniz, am Sonntag, ab 13:00 Uhr. Dort wird Regionales in die Pelle gedrückt – klingt nach Spass. Wer jedoch eher auf Mediterranes steht, der gehe am Mittwoch doch ins bee-flat, zu MEDUOTERAN FEAT. CARLES BENAVENT: Balkan trifft auf türkischen Folk trifft auf Flamenco, und das Ganze ergibt sowas wie eine musikalische Konzeption des Mittelmeeres, klingt nach gut.

#BernNotBrooklyn in #FullSizeRender

Milena Krstic am Sonntag, den 23. April 2017 um 15:26 Uhr

Bernümpliz ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Agglo ist mächtig was los.

Mein Telefon hat dieses Foto gleich selbst mit FullSizeRender.jpg benannt. Geknipst habe ich es. Und zwar kurz vor dem Auftritt der jungen Boy$ aus ‘Pimpliz’.

Dieser Keller mitsamt dazugehörigem Haus wird bald der Gentrifizierung zum Opfer fallen. Deshalb: Hier eine letzte Hommage an diesen günstigen Wohnraum. In so würdevoll hoher Auflösung wie nur möglich.

 

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es manchmal sogar pünktlich zum Katerfrühstück (ussert hüt).

«Window Shopper» V

Urs Rihs am Samstag, den 22. April 2017 um 11:05 Uhr

…oder die schönsten Schaufenster der Stadt, eingerichtet durch König Zufall, mit Eigenwille dekoriert, angenagt durch den Zahn der Zeit.
Hier gibts weder fabrikneue Ware noch die hipsten Ernährungstrends. Das ist die Fotoserie abseits der hegemonial marktlogisch gestalteten Vitrinen unserer Einkaufsmeilen. Und dazu ein Versuch, ihnen Graustufen des Zeitgeistes abzugewinnen.

Gestern traurig schöne sechs Minuten hinter diesem eigentlichen Anti-Schaufenster verbracht. Vor den Aludosen erst: «Hesch mr zwe Stuz für vier Gralsburg, de hani drum gad no gnue für nes Päckli Batton?» Dann neben dem harten Fusel: «I wana have this – Red-Label – can you help me with some coins my friend?» Am Schluss kostet mich also mein Parmesan trotzdem etwa gleichviel wie im LOLA. Fuck, und dazu dieses Scheissgefühl ein Wohltäter zu sein, wobei das hätt ich im LOLA auch gehabt, und dort irgendwie aus noch beschisseneren Gründen. Beim Austreten durch die Schiebetür auf die Strasse ergreift mich eine Gerührtheit, ob der Szenerie im Laden und davor, dicht gefolgt von Ekel.
So ist das mit diesen Widersprüchen im Quartier.

Der Denner am Schmiedweg 3 in der Lorraine, vielleicht einer der letzten wirklichen Quartierläden – geziehrt durch dieses wunderbare Anti-Schaufenster.

Heavy Rotation sucks!

Gisela Feuz am Freitag, den 21. April 2017 um 12:48 Uhr

Er habe mit seinem Wrestling-Projekt «Lightning Beat-Man» in den 90er-Jahren eine Platte aufnehmen wollen, hätte aber zu wenig Geld fürs Mastering gehabt, erzählt Berns Höllen-Priester Reverend Beat-Man. Radio RaBe habe dann vorgeschlagen, dass zu Unzeiten (4 Uhr morgens) die gesamte Platte durch den Äther gejättet werden solle und dass er, Beat-Man, ja dann zuhause eine DAT-Aufnahme davon machen könne. Gesagte getan und so kam der Reverend zu seinem billigen Mastering für eine Platte, welche dann in die ganze Welt verkauft wurde.

Diese und andere vergnüglich Anekdoten finden sich im soeben erschienen Buch «RABE – 20 Jahre alternatives Kulturradio in Bern» für welches sieben Rabeisten und Rabeistinnen tief in den Archiven gegraben und Originaldokumente, Fotos, künstlerische Beiträge, grafische Elemente, Kommentare und Einschätzungen zusammengetragen haben. Da wird zum Beispiel berichtet, wie der Rabe einst schlüpfte und on Air ging und wie er sich bis heute in der Berner Medien- und Kulturlandschaft zu behaupten vermochte. Dabei bleibt der Fokus aber nicht alleine auf RaBe, sondern es wird auch ein informativer Überblick geliefert, wie sich die Rundfunkpolitik im Allgemeinen und die radiophone Medienlandschaft in Bern im Spezifischen in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Des Weitern machen zahlreiche Fotos von Events, RaBe-Flaggen an allen mögliche und unmöglichen Ecken und Enden dieser Welt und Abbildungen von Plakate das RaBe-Buch schön bunt.

RaBe ist ein Gemeinschaftsradio, bei welchem Selbstbestimmung und Selbstverantwortung gross geschrieben werden und welches als Sprachrohr für rund 180 Sendungsmachende aus verschiedenen Herkunftsländern fungiert. Das RaBe-Buch gibt einen Überblick über aktuelle Sendungen (zur Zeit 84, davon 24 fremd- bzw. mehrsprachig in 16 Sprachen) und schlüsselt zudem auf, wie der ganze Horst organisiert und finanziert wird, wobei auch Technik-Nerds auf ihre Kosten kommen. Und wer schon immer wissen wollte, wie die Musikredaktion von RaBe funktioniert, welche Kriterien ein Song erfüllen muss, dass er ins «Klangbecken» (das Musikarchiv, welches zum Zuge kommt, wenn keine Live-Sendung läuft) aufgenommen wird und wie oft er dann dort täglich zu hören ist, auch der findet Antwort im RaBe-Buch. So viel sei verraten: Heavy Rotation sucks – es lebe die Vielfalt!

«RABE – 20 Jahre alternatives Kulturradio in Bern» mit Text-, Bild- und Tonmaterial, Zahlen, Fakten, allerlei Wissenswertem und vielen Bilder wird morgen Samstag im Rahmen des Rabe-Festes ab 19 Uhr im Tojo Theater getauft und kann für 35.- hier bestellt werden.