Kulturbeutel 52/14

Christian Zellweger am Montag, den 22. Dezember 2014 um 5:00 Uhr

Herr Zellweger empfiehlt:
Keine einfache Woche, diese Weihnachtswoche. Aber: Am Mittwoch (Heiligabend) in die Messe, mit Pfarrer Beat Man im Kairo scheint mir eine gute Option zu sein.

Herr Roth empfiehlt:
Es bleibt nicht viel übrig, ausser viel zu essen und andächtig zu sein. Ausser vielleicht an Weihnachten Club d'Essai Spezial in der Dampfzentrale mit Elektrobopacek und Mystessystem. Und am Samstag gibts in der Eiger Brasserie ein Jass-Turnier.

Fischer empfiehlt:
Mani Matter, unerhört. Aus zum Teil noch unveröffentlichtem Textmaterial aus dem Nachlass haben Guy Krneta und Meret Matter Vaters einen Theaterabend montiert. Heute und morgen abend, im Schlachthaus, im Rahmen der 25-Jahr-Feier des Club 111.

Kilian und die zwei komischen Frauen

Oliver Roth am Samstag, den 20. Dezember 2014 um 6:30 Uhr

In der Dampfzentrale zeigt die Cie BewegGrund das Tanzstück «Wieso geht jemand quer über einen Rasen, obwohl es einen Pfad ganz in der Nähe gibt?» als Premiere und im Anschluss Meret Schlegel & Kilian Haselbeck «Orthopädie or to be». In beiden Stücken tanzt Kilian Haselbeck neben einer Frau. Einmal mit der lernbehinderten Tänzerin Esther Kunz. Choreografiert von Susanne Schneider und Jürg Koch finden die beiden unterschiedlichen Körper zu Texten von Michael Stauffer zu einer unangestrengten, zugänglichen Choreografie zueinander. Im zweiten Stück steht Haselbeck neben der älteren Meret Schlegel auf der Bühne, die fragiler wirkt – aber auch überlegener. Beide Stücke sind leichte Tanzstücke, die zwei Körper auf fast spielerische Lockerheit miteinander in Verbindung bringen. Ein schöner Abend, der eigentlich nur nach einem fragen lässt: Weshalb muss ein Abend, an dem alte oder behinderte Körper auf der Bühne stehen, als etwas Besonderes erscheinen? Eigentlich sollte es die Kompanie BewegGrund, die sich für gemeinsamen Tanz von Menschen mit und ohne Behinderung einsetzt, gar nicht mehr geben müssen. Noch gibt es sie.

Die beiden Stücke laufen nochmals heute Abend um 20:00 Uhr in der Dampfzentrale.

BewegGrund_Foto_AnneSteudler3

Geschenkbeutel 2014

Christian Zellweger am Freitag, den 19. Dezember 2014 um 11:59 Uhr

Das Kulturblog Ihres Vertrauens öffnet den Geschenketippsack:

Herr Zellweger schenkt:
kugelfischWeil es von Podcasts keine Geschenkboxen gibt, erzähl ich einfach jedem, den ich kenne von Serial. Etwas handfesteres und immer wieder gern gesehen ist die Tierpatenschaft vom Tierpark Dählhölzli, warum nicht für den Kugelfisch? Noch etwas handfester wird es mit dem Buch Bilder deiner großen Liebe, dem letzten Roman von Wolfgang Herrndorf. Das kann man wunderbar zusammen mit dessen Durchbruch-Roman Tschick verschenken, die beide in derselben Welt spielen.

 

Oliver Roth schenkt:
die-schuerze-zum-nackt-kochen-und-grillen_2631Wer sich auch dieses Jahr wieder nicht dazu überwinden kann, sich nackt und nur mit einer Schleife um den Hals dem Liebespartner zu präsentieren, der schenke zum Beispiel ein Bio-Abi. Der oder die Beschenkte erhält dann im Stadtgebiet Bern im zweiwochentakt saisonal zusammengestellte Taschen mit Bio-Gemüse – frisch vom Bauernhof aus der Umgebung ins Haus. Natürlich kann man sich das auch selber schenken. Zudem lassen sich die beiden Ideen auch verbinden, indem man dem Partner oder der Partnerin nackt mit nur einer Schleife um den Hals Gemüse kocht.

 

Die Krstic schenkt:
Feingebein_Lilith_BeckerNicht Diamonds sondern BONES are a human beings best friend: Schmuck aus Knochen! Die filigranen Halskettchen und Ohrstecker sind so hübsch wie Morbides nur hübsch sein kann und werden von der deutschen Künstlerin Lilith Becker hergestellt. Leider gibt es die Kollektion namens Feingebein online nirgends auszuchecken, aber sie wird momentan am Kunstkiosk der Sattelkammer verkauft. Dort lässt sich dann am Samstag gleich eine Tischbombe dazu ersteigern: Wie wärs mit der Sex Bomb, exklusiv zusammengestellt von J. P. Love?

 

Fischer schenkt:
Ein in einer Berner Lieblingsbuchhandlung der Wahl gekauftes schönes Buch mit guter Marge für den Laden. Zum Beispiel (noch verzweifelt auf der Suche nach etwas Undigitalem für das Göttikind?) die Little-Nemo-Gesamtausgabe im Taschen-Verlag. 549 Folgen des tollsten Zeitungscomics aller Zeiten auf über 700 Seiten, 37 mal 50 cm, 8,4 Kilo. Und dann aber auch wirklich verschenken, diese Zauberwelt von Winsor McCay, und nicht etwa selber behalten!

Miko Hucko schenkt:
Sie werden lachen. Also hoffentlich werden Sie lachen, denn ich finde es wird Zeit für ein lustiges Geschenk. Ich könnte Ihnen jetzt auch ein Buch empfehlen oder einen Theaterbesuch oder eine lustige Internetseite - aber wie wäre es mit etwas noch Analogerem. Schenken Sie Ihren Liebsten eine Stand-up-Show. Also eine eigene. Eine richtig Peinliche. Setzen Sie Ihre rhetorischen Künste und nackig-im-Geschenkband-Fähigkeiten ein. Alles wäre lustiger als Andreas Thiel. Spätestens in einem halben Jahr werden Sie dann selber darüber lachen.

Shnit! Cut! Cut!!

Roland Fischer am Donnerstag, den 18. Dezember 2014 um 14:59 Uhr

Was, Shnit? Bitte, das soll schnell jemand aufklären. Das kann doch nicht wahr sein, was man bei der Mannschaft drüben liest.

cut

Man hat vielleicht gelesen von der unsäglichen behördlichen Aktion gegen ein Schwulenbad in Kairo anfangs Dezember - sehr billiges politisches Ablenkungsmanöver, das Land hat nun wirklich andere Probleme. Noch unsäglicher war die Beteiligung eines regierungsnahen Fernsehsenders, der gleich vor Ort war und sich als Pranger nützlich machte. Lassen wir der FAZ das Wort:

Die Bilder waren aufrüttelnd: Zwei Dutzend nackte Männer, die Hände vors Gesicht geschlagen, werden von ägyptischen Polizisten in einen Mannschaftswagen gepfercht. Das war zu Beginn der Woche, als die Beamten die Männer abends aus einem Hamam zerrten und wegen angeblicher Verstöße gegen die Sittengesetze des nordafrikanischen Landes festnahmen. An Ort und Stelle dabei war die Reporterin eines staatsnahen Fernsehsenders, der die Bilder der Gedemütigten unverzüglich auf der Facebook-Seite der Sendung „Al Mestakhabi“ („Die Versteckten“) veröffentlichte.

„Al Mestakhabi ist es gelungen, einen Verschlag dichtmachen zu lassen, in dem Männer Sex miteinander hatten. Sie wurden alle auf frischer Tat ertappt“, brüstete sich die Journalistin Mona Iraqi und sprach vom „größten Sündenpfuhl für Gruppenperversion in Kairo“. Als willige Helferin des Regimes von General Abd al Fattah al Sisi, der in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit und des Krieges gegen bewaffnete Islamisten auf der Sinai-Halbinsel verzweifelt auf der Suche nach Legitimität ist, steigerte Iraqi mit ihrem Filmbericht nicht nur die Einschaltquote - sie unterstützt so auch die Sittenkampagnen der Regierung.

Und nun kommt's: Mona Iraqi ist Chefin (oder «Playground»-Managerin, wie das im Shnitspeak heisst) von Shnit Kairo! Oder war es zumindest bis vor kurzem. Hier die kleinlaute Stellungnahme der Shnit-Leitung:

The festival is exclusively an art event that does not support any political movements. We strongly believe in freedom of lifestyle and of expression and we condemn the violation of human rights in any form. [...] Regarding the events of December 7 in Cairo; out of respect towards all parties involved, we must refrain from commenting in detail until our own investigation, as well as the investigation undertaken by Egyptian authorities, bring forth clear and definite findings. [..] At the moment the collaboration with Mona Iraqi is on hold until the situation is clarified.

Das ist alles, Shnit? Das ist echt alles?

19.12., update: Allem Anschein nach war Mona Iraqi nicht einfach vor Ort, sondern war beim Ausheben des «Sündenpfuhls» federführend und hat selber die Polizei informiert. Die Motivation der «Journalistin» ist offenbar ein kruder und unverhohlen homophober Anti-AIDS-Kampf.

Eine neue Figur für die Kunsthalle

Roland Fischer am Mittwoch, den 17. Dezember 2014 um 0:40 Uhr

Kurzes Kuratorenraten aus aktuellem Anlass - was gehört zum scheidenden, was zum kommenden Chef der Kunsthalle?

«Ich kann allerdings bereits sagen, dass ich den Fokus hauptsächlich auf die aufstrebende junge Generation legen werde, die von den Institutionen noch nicht entdeckt worden ist.»

Die Förderung junger, wenig bekannter Kunstschaffender ist ihr ein wichtiges Anliegen.

Diese Geschichte zeigt, dass Institutionen von den Figuren leben, die sie leiten, und nicht von abstrakten Konzepten.

Daneben möchte sie die Kunsthalle auch durch internationale Kooperationen profilieren.

«Gegenentwurf zum Bild des jungen, professionell-nüchternen und technikaffinen Kurators»

Sie sei weltweit gut vernetzt, überzeuge mit betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten sowie Kenntnissen zur Konzeption und Kuratierung von Ausstellung mit überregionaler Ausstrahlung.

Ok, nicht so schwer, aus erfreulichem Grund. Die Kunsthalle bekommt, nach zwölf Direktoren und fast hundert Jahren, erstmals eine weibliche Leitung. Wenn das mal keine glückliche 13 ist - in diesem Sinn: Willkommen, Valérie Knoll!

Just another Brick

Roland Fischer am Dienstag, den 16. Dezember 2014 um 5:26 Uhr

Es ist ein ziemlich anspruchsvolles Ausstellungsthema, und mit dem Titel kann man zunächst mal rein gar nichts anfangen: Alphabrick. Gut, im Maison d'Ailleurs in Yverdon (sowieso eine Reise wert, die schmucke Stadt am Südwestende des Neuenburgersees) geht es standesgemäss um irgendwie höhere Sphären und andere Dimensionen, das Science-Fiction-Museum hat sich längst von seinen Wurzeln als Jules-Verne-Archiv emanzipiert, es ist gewissermassen aufgebrochen in «den Weltraum, unendliche Weiten».

alpha

In der aktuellen Ausstellung geht es um: den Cthulhu Mythos von H. P. Lovecraft, Star Wars, Lord of the Rings, es geht um Originalzeichnungen, Games und Filmsoundtracks, und es geht um: Lego. Die Austellungsmacher haben das Materialdurcheinander nämlich auf einen sehr cleveren gemeinsamen Nenner gebracht: den Baustein, aus dem man ganz verschiedene Welten bauen kann. Auf diese Weise wird aufgezeigt, welche narrativen Legosteine sich im Laufe der Science-Fiction-Geschichte als besonders praktisch erwiesen haben und in welchen Zusammenhängen sie immer wieder aufgetaucht sind. Dazwischen gibt es überall herrliche überdimensionale Legowelten zu bestaunen - und so das Kind im Mann wiederzuentdecken. Oder aber man geht sehr erwachsen durch die verwinkelten Räume und philosophiert darüber, dass alle diese ganz verschiedenen Welten aus denselben im Grunde doch langweiligen (Lego)steinchen zusammengebastelt sind. Ein Ausflug in andere Welten: eine Stunde nur von Bern und sehr zu empfehlen.

Herein in die gute Stube!

Milena Krstic am Montag, den 15. Dezember 2014 um 17:11 Uhr

Impressionen von Julian Sartorius' Solo-Stubenkonzert gestern Abend in der Künstlerwohnung der Dampfzentrale.

Zatter Stubete_Julian Sartorius

Vor dem Konzert.
«Scho easy, we Dir vor mir hocket, de dämpfts viellech chly di lute Schläg.»
«Uh, i nime vorher gärn no es Bier.» Griff ins Körbchen mit den Ohrstöpseln.

Nach dem Konzert versammelt sich das Publikum um Sartorius' Arrangement aus Klangwerkzeugen. Grosses Werweisen.

«Das si dänk elektronischi Lippestifte. Hihi.»
«Nei, das isch kes Hackbrätt. Das isch e Zither.»
«Ds chönnt no es Harmonium si, woner het ine Goffere inegmechet.»
J. S. klärt auf: «Nei, das isch e Shrutibox. Die hani vo Berlin. I cha dir znächscht Mau eini mitbringe.»
«Julian, si bi dir au Schläg planet?»
J. S.: «Nei, vou nid. I mache scho säuber mit mir öppis ab. Aber i entscheide när spontan, ob und was ig genau spiele.»

«Wie bisch uf die Usdrück cho?» (Julian Sartorius hat sämtliche der 14 Stücke auf dem neuen Album «Zatter» mit vergessenen Wörtern aus dem Berndeutschen benannt).
«Usemne tolle Lexikon. Weisch eigentlech, was es 'Maali' isch?»
«Nei.»
«Es chunnt vo 'Male' u steit für 'Gemälde'.»

Und wofür steht eigentlich «Zatter»? Die Antwort gibts in der morgigen Ausgabe des Bund, inklusive der vollständigen Rezension, versteht sich.

PS. Die Ohrstöpsel blieben übrigens unangetastet. Es war gar nicht so laut.

Für Plattentaufe Nummer 6 und 7 von 7 gibt es noch Tickets. Freitag und Samstag ab 22 Uhr. 

Kulturbeutel 51/14

Christian Zellweger am Montag, den 15. Dezember 2014 um 5:00 Uhr

Herr Zellweger empfiehlt:
Er ist ja eher der König der kleinen Lokale. Und so steigt Sarbach wieder mal auf sein Velo und velölet nach Bern, um am Dienstag im Burgunder aufzuspielen. Am Donnerstag spielen die tropischen Waldromantiker der Silver Firs vor dem Progr für die Klangkartoffel. Und auch am Sonntag ist nichts mit gemütlich: Da steht dann die D.I.Y/No-Wave/Punk-Legende Lydia Lunch im Dachstock auf der Bühne.

Oliver Roth empfiehlt: 
Gehen sie raus aus der Stadt nach Baden ins Royal. Dort wird am Freitag an dem Mini-Festival Berner Platte eine unvollständige Werkschau Bernischen Pop-Musik-Schaffens gezeigt. Mit Labrador City, Silver Firs und Patrick Bishop sind drei nationale und international bekannte Berner Bands eingeladen. Die Reise dürfte sich nicht nur wegen der schönsten Weihnachtsbeleuchtung der Schweiz (Quelle: SRF) für BernerInnen ins fremde Aargauer-Land lohnen.

Die Krstic empfiehlt:
Sie habens nicht so mit der Volksmusik? Dann probieren Sie es mal mit dem Trio Miesch am Rügge. Ich habe die drei Berner an einem heissen Sommerabend in einem schicken Garten in Berns Agglo erleben dürfen und war hin & weg. Die Texte sind auf Mundart, aber wovon gesungen wurde, weiss ich nicht mehr recht, nur noch, dass es lustig war. Am Freitag spielen sie am Fondue-Plausch in der ZAR Bar. Es gibt keine andere  Band, die da besser hingepasst hätte.

Miko Hucko empfiehlt:
first as tragedy, then as farce. Dauert nur 10 Minuten, passt aber ganz hübsch zum Weihnachtsgeschenkeeinkaufgüezibackstress, der jetzt wahrscheinlich auch unsere werte Leser_innenschaft ergreifen wird. Dazu am Mittwoch einen Besuch im Reitschulkino zum Thema Schreinachten.

Fischer empfiehlt:
Ein Film über die Entstehung der Schweiz, aus dem Jahr 1924, gefertigt von einem nach Übersee ausgewanderten St. Galler Bäcker. Klingt ebenso kurios wie spannend, was es heute abend im Lichtspiel zu sehen gibt - mit Livemusik von Christian Henking.

«Ich hasse Kunst»

Milena Krstic am Sonntag, den 14. Dezember 2014 um 16:59 Uhr
I Hate Art. Ian Stevenson, 2012.

I Hate Art. Ian Stevenson, 2012.

Ein Nachtrag: Am Donnerstagabend bin ich per Zufall in die Eröffnung der «Cantonale Berne Jura» gestolpert. In der Stadtgalerie des Progr zeigen neun Ausstellungsinstitutionen (übles Wort) das «aktuelle Schaffen von Künstlerinnen und Künstlern aus den Kantonen Bern und Jura». Auf der Webseite der Cantonale Berne Jura ist zu lesen: «Zur Teilnahme berechtigt sind alle professionellen Künstlerinnen und Künstler, die entweder im Kanton Bern oder Jura ihren Wohnsitz oder Arbeitsort haben oder einer der beiden Kunstszenen angehören.» Okay, aber ... Reicht es nicht, «nur» Künstler zu sein? Muss man das auch noch professionell machen? Und ab wann ist der/die KünstlerIn professionell? Reicht da ein Diplom der HKB?

Ich gehe an dieser Stelle nicht auf die ausgestellten Werke ein. Nein, hier soll es um den Eröffnungs-Apéro gehen, der so steif as steif can be war. Ich kann gar nicht wiedergeben, welche Gemeinplätze da bemüht wurden, aber Küre hat sich furchtbar aufgeregt, mich am Ärmel gezupft und nach draussen in die Kälte gezogen, damit wir uns dort mit einem Härdöpfusiech, wie er an der Klangkartoffel zubereitet wird, verköstigen konnten. Während Küre in seiner mit Raclette-Käse und Cocktailsauce gefüllten Kartoffel stocherte, sagte er:
«Gell, dann tun sie immer so anti-niederschwellig und geschwollen, als würden sie den heiligen Gral beherbergen in diesen klinisch weissen Räumen und dann reden sie mit einer fruchtbaren Ernsthaftigkeit und machen möglichst viele Verweise auf andere Theorien und Texte und Werke, damit auch ja niemand sagen kann, ein Mensch alleine hätte sich so einen langweiligen Scheiss einfallen lassen können, das wäre dann doch zu komplex für ein Hirn, nicht wahr? Manche Leute müssen einfach rausgeschmissen und manche Häuser besetzt werden und einiges muss aus Ärschern gezogen werden, das wäre schon mal ein grosser Schritt, dann müsste ich vielleicht nicht mehr sagen, ich hasse Kunst.»

Die Cantonale Berne Jura dauert noch bis am 17. Januar 2015.

Wen interessiert das schon? Mich, zum Beispiel.

Roland Fischer am Samstag, den 13. Dezember 2014 um 11:45 Uhr

Ein sozialistischer Schweizer Drucker und Anarchist, 1885 in Bern geboren und 53 Jahre später in seinem ganz persönlichen Utopia im Tessin gestorben, von der Realität längst eingeholt: Nein, sowas taugt wohl kaum zum verlegerischen Selbstläufer, die Geschichte ist nicht wirklich ein Bestseller-Kandidat. Aber andererseits auch nicht vollkommen uninteressant - ein Wagnis also zwischen Neugier und Geschäft. Wäre das nicht überhaupt die Formel für ein kunstvoll gelebtes Leben, sei es nun als Anarchist mit hochfliegenden Ideen vor hundert Jahren, als durchaus nüchterne Verlegerin heute - oder als Tanztheatertruppe in ewig prekären Verhältnissen?

kumpane

Man ist froh, betreiben die Kumpane ihre kunstexistenzielle Nabelschau auf solch übertragene Weise und nicht wie man es derzeit so oft sieht als direkte Selbstbefragung. Man lässt sich die Geschichte von Fritz Jordi gern erzählen, und man merkt auch, dass der Autor Andri Beyeler da einiges an Recherche hineingesteckt hat. Wie die Geschichte nun im kleinen Verlagsbüro auf der Tojo-Bühne so langsam Konturen gewinnt und gleichzeitig immer mehr in ihre Einzelteile zu zerfallen droht - als ebenso schönes wie alptraumhaftes Bild fliegen einmal hunderte Seiten Papier plötzlich ganz zusammenhangslos durch die Luft -, beweist viel Gespür für Theaterintimität. Dabei springt immer wieder der Telefonbeantworter an und registriert all die Störgeräusche aus der Welt da draussen, während sich die Verlegerin immer kompromissloser durch ihre Zweifel tanzt und, als der Druck vor dem Druck fast zu gross wird, das Gestell hinter ihr leise Musik zu machen beginnt.

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