Ach!

Christian Zellweger am Donnerstag, den 30. Juni 2016 um 8:27 Uhr

gernhardt

Ein kleiner Hinweis: Heute vor zehn Jahre starb der grosse Lyriker, Satiriker und Maler Robert Gernhardt, 68-jährig an Krebs.

Ach, noch in der letzten Stunde
werde ich verbindlich sein.
Klopft der Tod an meine Türe,
rufe ich geschwind: Herein!

Woran soll es gehn? Ans Sterben?
Hab ich zwar noch nie gemacht,
doch wir werd’n das Kind schon schaukeln —
na, das wäre ja gelacht!

Interessant so eine Sanduhr!
Ja, die halt ich gern mal fest.
Ach – und das ist Ihre Sense?
Und die gibt mir dann den Rest?

Wohin soll ich mich jetzt wenden?
Links? Von Ihnen aus gesehn?
Ach, von mir aus! Bis zur Grube?
Und wie soll es weitergehn?

Ja, die Uhr ist abgelaufen.
Wollen Sie die jetzt zurück?
Gibts die irgendwo zu kaufen?
Ein so ausgefall’nes Stück

Findet man nicht alle Tage,
womit ich nur sagen will
— ach! Ich soll hier nichts mehr sagen?
Geht in Ordnung! Bin schon

Gernhardts Bezug zu Bern war offenbar eher locker. Dafür hat sich Thomas Gsella, einer von vielen von Gernhardt inspirierter Künstler, der die Fackel des satirischen Gedichts weiter trägt, mit der Stadt beschäftigt:

Bern
Hier gelten Frost und Schleichen mehr
Als Wärme und Geschwindheit.
Hier kommt Ovomaltine her,
Das Signum falscher Kindheit.

Hier hocken der «Weltpostverein»
U. ä. in Alt-Arkaden.
Hier konnte’s deutsche Nazischwein
Im zweiten Wunder baden.

Die Viertel: Muesmatt, Mattenhof …
Dass Gott so was erlaubt hat!
Ist Bern auch müde, ist’s doch doof
Und nicht mal echte Hauptstadt.

Idiotengeflügel und Urban Gardening

Milena Krstic am Dienstag, den 28. Juni 2016 um 5:50 Uhr

Vor zwei Jahren gab es die erste, nun ist die zweite Ausgabe des Dislike, dem Magazin für Unmutsbekundung erschienen. Das Mag kommt aus Bern und versammelt Texte, die trotz ungemütlicher Themen Spass machen zum Lesen.

Dislike_2016_5

Illustration von Eva Rust zum Text «Predigt zur wunderbaren Geldvermehrung» von Michael Ende.

KSB hat vor zwei Jahren bereits über den Erstling berichtet und das war noch die Zeit, in der gab es nur den Like-Button auf Facebook. Heute können wir mittels Emoticons spezifizieren, wie wir unser Like verstanden haben möchten (mit Härzli, einem grimmigen Gesicht, Sie wissen schon, oder nutzen Sie kein Facebook? Falls nicht: Sie Glückliche/r).

Wie dem auch sei: Die drei Bernerinnen Rebekka Gerber, Sarah Pia und Katja Zellweger haben beschlossen, eine zweite Ausgabe ihres Magazins herauszubringen. Dieses Mal aber sei der Fokus auf Autorinnen und Autoren gelegen, die nicht eigentlich Journalistinnen oder Literaten seien, sondern SpezialistenInnen auf einem bestimmten Themengebiet.

So gibt es etwa einen Beitrag von Stephan Bernard, einem Anwalt aus Zürich, der sich in seinem Text mit dem Titel «Justiz- und Rechtskritik von lechts und rinks» über die Unschlüssigkeit der Linken ärgert und ein herrliches Fazit liefert: «Rebellion kommt heute meist von rechts. Bissigen Linken bleibt letztlich meist wenig anderes als der Exodus aus der Realpolitik übrig, in die oft ebenso humorfreie wie politisch irrelevante Zone linksaussen, ins Urban Gardening, in die politische Einsamkeit oder in den Poetry Slam.» LOL

Zu lesen gibt es auch einen Text von Mark Twain, der im Jahr 1905 über die Tücken des Erlernens der deutschen Sprache wettert. Er macht das so zynisch und bitter, dass es ein Schmaus ist.

Ärgern kann mensch sich aber auch über Frischhaltefolien, Wahlslogans und «Intakte Landschaften» (ein wunderbarer Text von Res Hofmann, einem Botaniker, der über seine Arbeit als Inspektor für die Erhaltung wertvoller Lebensräume schreibt).

Küre hat beim Betrachten des adretten Magazins etwas Schlaues gesagt: «Von einem Heft, das Unmut bekundet, erwarte ich eigentlich, dass es hässlich aussieht und nicht so schick daherkommt.» Auch eine Idee, find ich. Vielleicht für die nächste Ausgabe?

Und falls Sie wissen möchten, was es mit dem «Idiotengeflügel» (einer Konstruktion der Künstlerin Pinar Yoldas) auf sich hat: Das Dislike können Sie hier bestellen, oder in der Münstergass Buchhandlung und im Lehrerzimmer beim Progr direkt erwerben. 

Kulturbeutel 26/16

Gisela Feuz am Montag, den 27. Juni 2016 um 5:37 Uhr

Frau Feuz empfiehlt:
Der Berner Fotograf Rob Lewis und der Texter Rolf Loepfe haben unter dem Label Jetha Maila die Fondation Nicole Niquille bereits mit zwei Buchproduktionen unterstützt. Nun liegt mit PASANG das dritte Werk vor, getauft wird es am Donnerstag im Hauptsitz. Am Samstag beschallen dann nicht weniger als sechs Bands die kleine Schanze: Here Hare Here, Who’s Elektra, Zlang Zlut, Spencer, Matto Rules und Mercury 7 sind bei der 23. Ausgabe von Anyone Can Play Guitar dabei.

Herr Zellweger empfiehlt:
Wer hat noch nicht, wer will nochmal? Teil drei der «Rössli-Tour» von Melker, am Sonntag. Im Rössli.

Fischer empfiehlt:
Einen heissen Abend in der Heiliggeistkirche, mit dem streitbaren Ökonomen Tomáš Sedláček. Am Dienstag ist die «Lenzburger Rede» des Stapferhauses zu Gast in Bern, es geht um «Geld. Jenseits von Gut und Böse».

Sarah E. empfiehlt: 
Eine gesunde Work-Life-Balance. Oder überhaupt eine Work-Life-Balance. Oder wenigstens Balance. Auch empfohlen sei: stilvolle Einrichtung, produktivitätsfördernde Vertragsklauseln und die völlige Hingabe des Menschen an die Arbeitgebenden. Das Stück dazu gibt’s im Theater an der Effingerstrasse, es heisst zu Deutsch Nachwehen, von Contractions, von Contract, von Vertrag.

Mirko Schwab empfiehlt:
Natürlich sollten Sie ans Anyone – und natürlich hat das Frau Feuz schon propagiert, die alte Rockerbraut. (Selber tschuld, wer als letzter beutelt …) Und weil ich mich nächste Woche mal an diesem Fusion-Festival in Nord’schland versuche, ein Tipp noch für die hiesige Reisegruppe: Caesarean Moons aus Bern. Donnerstag, feine Sache.

#BernNotBrooklyn

Milena Krstic am Montag, den 27. Juni 2016 um 0:11 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist nachts mächtig was los. 

Heute hiess es in der Länggassner «WG of Love»: Who Cares, It’s Wurst. Ja, da hatte auch der Regen keinen Stich gegen die gute Laune.

Der Dachs (links) und Jessiquoi (rechts, die übrigens auch aufgetreten ist) tanzen zu Beats von Smokey Morris.

Der Dachs (links) und Jessiquoi (rechts), die übrigens auch aufgetreten ist, tanzen zu Beats von Smokey Morris.

Erlebten Sie eine wilde Nacht in Bern und haben per Zufall ein passendes Föteli dazu? Dann posten Sie es auf einer digitalen Plattform unter dem Hashtag #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es pünktlich zum Katerfrühstück.

Gurten-Saufen fürs Dead End

Gisela Feuz am Sonntag, den 26. Juni 2016 um 12:01 Uhr

Bald geht auf dem Hausberg wieder die alljährliche Sause über die Haupt-, Zelt- und Waldbühne. In drei Wochen wird die trinkfreudige und musikverrückte Jugend auf den Gurten pilgern, die Anwohner werden dann entweder in den Ferien weilen (die Vernünftigen), einen scharfen Hund gekauft haben (die Sympathischen), um Pinkelfreudige am Verrichten ihrer Geschäfte in Vorgärten zu hindern oder sich ganz einfach selber im Bacardi-Dome die Nächte um die Ohren schlagen (die Berufsjugendlichen).

Zum 33. Mal geht das Gurtenfestival nun schon über die Bühne – die jährliche Programm-Diskussion soll jetzt hier nicht losgetreten werden. Vielmehr soll darauf hingewiesen werden, was neu ist auf dem Gurten und da sticht das Logo des Sleepers in der Rubrik «Partner» ins Auge. Dieses Jahr wird das Dead End nicht nur mit einem Stand auf dem Gurten vertreten sein, sondern auch derjenige Verein sein, dem die Einnahmen aus den Becherrückgaben zugesprochen werden. D.h. alle die, welche ihren Stutz für den leeren Becher nicht selber einheimsen, sondern spenden wollen, beschenken damit indirekt das Dead End. «Dieser abgehalfterte Partyschuppen beim Henkerbrünnli, der immer erst um Mitternacht aufmacht? Geits no??» Wenn Sie jetzt gerade das gedacht haben, dann haben Sie so was von keine Ahnung, was im Dead End tagein tagaus geleistet wird.

Bildschirmfoto 2016-06-25 um 17.04.54

Im Dead End gibt es eine Gassenküche, wo sich jedermann und -frau täglich für fünf Stutz verköstigen kann. Frau Feuz war für KSB testessen. Es gab Blumenkohl-Curry-Suppe, Salat mit Spinatküchlein, Omelette mit Hackfleisch und zum Dessert Aprikosenkuchen. Ich hab schon lange nicht mehr so gut gegessen, selbst Mama Feuz hätte das nicht besser hingekriegt und die ist kurz vor Gault Millau-Status. Ausserdem befindet sich im ersten Stock des Dead Ends eine Notschlafstelle, der Sleeper, mit insgesamt 18 Betten, die praktisch immer ausgebucht sind. Mit seinem niederschwelligen Angebot leistet das Dead End wichtige soziale Arbeit und bietet Menschen, die sich aus irgendeinem Grund in einer schwierigen Lage befinden, eine Art Familenersatz oder zumindest ein Dach über dem Kopf. Sleeper und Gassenküche werden vollumfänglich durch die Einnahmen aus dem Barbetrieb und durch Spenden finanziert, wobei die rund 15 Dead-End-Mitarbeiter_innen alle ehrenamtlich schuften.

Sollten sie am Gurtenfestival rumsürmeln, dann spenden sie doch ihren Becher.  Das Geld gelangt an den richtigen Ort. Drum auch: Applaus Gurtenfestival!! (Über das Programm nölen wir dann nächstes Jahr wieder.)

Hundenblind

Sarah Elena Müller am Samstag, den 25. Juni 2016 um 11:55 Uhr

Die innere, sehende Hündin, die äussere, blinde Hündin und das amerikanische Volk – ein Filmessay der Künstlerin Laurie Anderson

Foto am 25.06.16 um 02.04

Alle blicken zum Himmel, wo der Terror herkommt. Der Himmel überdeckt achtzig Prozent der Kindheit. Später ist er zwar auch noch da, jedoch verliert er an Wichtigkeit, da der Grossteil des Lebens sich nicht im Himmel abspielt. Sollten Sie am Himmel etwas Ungewöhnliches sehen, melden Sie es unverzüglich bei Homeland Security. Hoffentlich ist es nichts.

Die Hündin schlägt an, sie hat etwas gesehen, aber sie kann nichts sagen. Um welche Sorte von Information handelt es sich? Homeland speichert ihr Gekläff vorsichtshalber auf einem Server. Was hat die blinde Hündin ohne Sprache dem amerikanischen Volk zu sagen? Zwei tibetanische Mönche schreien auf den Server ein, wo der Geist der Hündin weiterlebt. Sie wollen dem Geist Ratschläge geben. In welches Licht zu gehen und welcher Buddhismus der Beste sei. Dann erst kann gestorben werden. Das Leben wird mit jeder Aussage etwas mehr ausgehaucht, es folgt eine Phase von intensivem, persönlichem Regen. Verlieren Sie jetzt kurz den Faden. Erinnern Sie sich an Ihre Herkunft. Sind sie wach oder zitieren Sie schon? Hoffentlich. Solange die Sehkraft noch reicht, machen Sie einen Filmessay.

Dies ist eine sprachgewordene Empfehlung– wie Wittgenstein zu sagen pflegte.

Heart of a Dog läuft im Kino Rex.

Dominikpassion

Mirko Schwab am Freitag, den 24. Juni 2016 um 11:16 Uhr

Dominik Kesseli ist der Lord, Michael Galusser sein Trommler – macht Lord Kesseli & The Drums. Die Veröffentlichung ihres neuen Konzertfilms führt den Schreibenden auf theologische Abwege.

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Der Lord wartet auf Arnold.

Die Konzerte von Lord Kesseli & The Drums riechen nach Weihrauch. Was jetzt klingt, als hätte sich ein Büne Huber etwas fest mit der eigenen Poesie betrunken, ist so: Da räuchelts die ganze Darbietung lang aus dem Schälchen. Es muss erwähnt werden, weil auch im Jahr 2016 lediglich audiovisuelle Sinne per Stream bedient werden können (und bisweilen zum Glück, bei all den anrüchigen Blütteleien in diesem Internet.) Und das in diesem Blog bereits bei der einen oder anderen Gelegenheit mit Lobpreis gewürdigte Duo hat vor ein paar Tagen dem alten Internet mal wieder einen anmutigen Beitrag beschert – mit der Veröffentlichung ihres neuen Konzertfilms. Ein reizvolles Format: Einerseits verdichtet sich darin die ganze Grösse dieser Kleinstformation en scène, als Dreingabe rührts der konzertanten Direktheit aber auch eine Prise Cineastik unter.

Zur Gruppe ein paar Verlautbarungen eines glühenden Anhängers (etwa so, wie wenn Sie diese Tage Ihren metallenen Schlüsselbund in der Mittagssonne vergessen.) Es sind ganz zufällig zehn und Sie sollten sie befolgen.
Wir wechseln folgend ins bibelfeste Du.

  1. Du sollst keine anderen Götter neben mir dem Lord haben. Allein die heimische Szene bietet beste Musiken. Du sollst etwa beim Zürcher Plattenbau Ikarus Records vorbeischauen, dem das Debutalbum zu verdanken ist vom Kesseli und den Trommeln.
  2. Du sollst den Namen Gottes des Lords nicht verunehren. Das wäre den bescheidenen Ostschweizern nicht recht. Du sollst ihn aber rumerzählen – und dir ein Bildnis machen: den nächsten Berntermin sollst du der Fusszeile entnehmen.
  3. Du sollst den Tag Schlag des Herrn heiligen. The Drums Michael Galusser, bekannt als Gitarrist und Produzent, hat für diese Band das Schlagzeugspiel quasi gelernt. Verdammt viel Stil im Spiel hat der Herr.
  4. Du sollst Vater und Mutter Kinder und Muskelprotze ehren. Die Schauspieler im Film tun das ihrige auch sehr ansprechend. (Pastor ab 04:30, Muskelmann ab 07:16 und Unschuldsbuben ab 08:40.)
  5. Du sollst nicht töten. Ist so.
  6. Du sollst nicht ehebrechen mit deinen Vorurteilen. Lord Kesseli & The Drums machen verbotene Dinge salonfähig: Sie spielen über vorproduzierte Tonspuren und mit aus der Mode geratenen Instrumenten (Die kopflose 80er-Jahre-Plastikgitarre des Lords kommt im Video leider nicht vor, davor live umso eindrücklicher.)
  7. Du sollst nicht stehlen. Du sollst dir das Debutalbum der Band käuflich erwerben.
  8. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen (mit)singen. Du sollst der Engelsstimme des Lords lauschen.
  9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau eine Zugabe. Halb Performance, halb Konzert, wirds sicher nichts mit Mitklatschanimation, Zugaben und sonstigem Tand aus der Unterhaltungspraxis. Heldenhafte Gitarrenposen liegen drin.
  10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut des Lords Fleischhut. Der schönsten Glatze im Musikbusiness sei das letzte Gebot gewidmet. (Du sollst nicht eitel werden bei Haarausfall.)

Lord Kesseli & The Drums beweihräuchern das Rössli am 18. September 2016.

Sommerlicher Filmtipp: Plan 9 From Outer Space

Christian Zellweger am Donnerstag, den 23. Juni 2016 um 8:10 Uhr

Ist es wirklich der schlechteste Film aller Zeiten? Zumindest ist «Plan 9 From Outer Space» des legendären Ed Wood sicher einer der ersten schlechten Filme, die ihre mangelnde Qualität mit totaler Überambitioniertheit und viel zu kleinem Budget kombinierten – und darum schon wieder gut sind.

Sie können den Film natürlich schon auch auf Youtube sehen. Sie können aber auch ins Kino gehen. Heute nämlich zeigt die «Kultmoviegang» den grandiosen Streifen im Ciné Camera. Wenn Sie genug von Fussball und Sonne haben: Statten Sie doch den Aliens einen Besuch ab, es wird sich lohnen.

Der singende Motivations-Guru-Filmemacher

Gisela Feuz am Mittwoch, den 22. Juni 2016 um 5:26 Uhr

Sein Film sei der erste gewesen, der extra für mobile Geräte produziert worden sei, obwohl er damals selber ja kein Telefon besessen habe, sagt Cory McAbee und grinst breit. Es ist Montagabend in einer schmucken Berner Altstadtwohnung, etwa 15 Filmnerds und Anverwandtes hat sich eingefunden, um diesen Cory McAbee und dessen Schaffen kennenzulernen.

McAbee ist einerseits Filmregisseur, wobei er eine Vorliebe für trashige Cowboy-Space-Musicals an den Tag legt (z.B. The American Astronaut oder Stingray Sam), hat daneben eine Vielzal an prämierten Kurzfilmen gedreht und hat 1995 beim renommierten Sundance Festival als erster einen Multimedia-Event anstelle eines gängigen Films präsentiert. Zudem ist dieser Cory McAbee ein begnadeter Sänger, der mit seiner Band The Billy Nayer Show Soundtracks für seine eigenen Filme produzierte und dann ist er auch noch Schauspieler, der, Sie ahnen es, gellen Sie, oftmals die Hauptrolle in seinen eigenen Filmen spielt. Ach ja: Und Vater ist er auch, und zwar einer, der die kleine Tochter in seinem Mobiltelefon-Film unter der Theke eine Art Aerobic aufführen lässt und ihr dafür 20 Dollar bezahlt. So habe zumindest jemand in der Familie etwas an diesem Projekt verdient, erklärt der in New York beheimatete McAbee gut gelaunt.

In seinem neusten Unterfangen ist er nun auch noch eine Art Guru, dieser Cory McAbee, oder gibt zumindest vor, einer zu sein, und zwar einer, der eine neue Religion propagiert: Internal Astronomy. In seiner Konzert-Film-Performance «The Small Star Seminar» gibt der amerikanische Tausendsassa nämlich den singenden Motivationstrainer, welcher quer durch die Welt reist und Menschen dazu bewegen will, nach den Sternen im Innern eines jeden zu suchen, anstatt nach denen zu greifen, welche sowieso unerreichbar sind. Damit kommentiert McAbee einerseits ironisch den omnipräsenten Eso-Kitsch und die unsäglichen Heilsversprechungen von TV-Priestern. Andererseits sei «The Small Star Seminar» aber nicht nur als Parodie zu verstehen, betont Cory McAbee. Was er genau damit meint, will er am Montagabend nicht ausplaudern.

Die Small-Star-Seminar-Auftritte, welche Cory McAbee rund um den Planeten absolviert, werden aufgezeichnet und dann zu einem Film verarbeitet. Ursprünglich sei ja ein Dokumentarfilm geplant gewesen, und nun werde wohl eine Art Fantasy-Streifen draus, sagt MCAbee, der offensichtlich selber entzückt ist, wenn sich seine Arbeit in eine Richtung entwickelt, die er so nicht vorausgesehen hat. Und genau das zeichnet dann auch das Schaffen des Cory McAbee aus: Abseits der Norm und sich humorvoll jeglichen filmischen normativen Grundlagen entziehend. Schön!

Die Konzert-Film-Performance von Cory McAbee «The Small Star Seminar» ist morgen Donnerstag um 19:30Uhr im Kino Reitschule. Hingehen!

Das Leben ist ein Schleck

Mirko Schwab am Dienstag, den 21. Juni 2016 um 11:59 Uhr

An der Mittelstrasse zu Länggassen gibts ja diesen omnigeliebten Glacéladen. Zieht einer also diese lange Strasse entlang, entlang der geduldig-gelassenen Glacécrowd an der Mittelstrasse, die bald zur Bühl-, später zur Freiburgstrasse wird, landet er beim Bremgartenfriedhof.

NV

Weitsicht im Duo: Noti Wümié. (Also das Pressefoto, wo sie drauf abgebildet sind.)

Benjamin Noti und Greis Grégoire Vuilleumier sind Noti Wümié und tun, was hiesige Chansoniers tun müssen: Sie verneigen sich vor dem Matter. Ihr neuestes Video, Platz nehmend (wie der Engländer sagt) in eben jenem Schmelzeis-Etablissement grad neben dem Sattler-Café, ist eine Hommage an Matters »Die Strass, won i dran wohne.«  Welchen Blumen- oder Nachttopf, der dem Ferdinand nicht schon tausendmal über dem Kopf zerbrochen worde, kann man denn damit noch gewinnen?

Bliebe es nämlich bei der Neuinterpretation des Originalmaterials und der halben Minute Einschunkeln, die Sache wäre wohl als Soundteppich für eine sympathisch-harmlose Werbung eines Detailhändlers zu verbuchen. Dann setzt aber Vuilleumier an zu zwei Strophen feinster Sprachrhythmik, die dem Thema der eigenen Vergänglichkeit mit einer zeitgenössischen Handschrift bestens beikommen. Die Instrumentierung wird herber, während er zitiert, ohne sich im Schatten des Matterhorns zu verstecken, die matter’schen Verse streift und doch immer der ihm eigenen versierten Leichtfüssigkeit treubleibt. Wie im Original lässt sich so die bittersüsse Geschmacksrichtung der überblickbaren Lebensspanne schmecken. Und die Moral ist wie so oft bei Matter eine einfache und schöne: Das Leben ist ein Schleck. Aber der schmilzt bestimmt.

Das Lied ist die vorab veröffentlichte Zutat einer weiteren Mani Matter-Tributkompilation, die am 2.9. im Zytglogge Verlag erscheinen wird.

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