Achtung – Raumstation auf Autobahn A1 Richtung Schönbühl!

Urs Rihs am Mittwoch, den 26. Juli 2017 um 11:59 Uhr

Plötzlich herausgerissen aus der fliessenden Selbstvergessenheit – nicht auf der Suche nach sich selbst beim Glasbrunnen, sondern auf dem Hund im Grauholz. Unverhofft, ein Örtchen Stadtkultur am Rande der Autobahn.

Auf der Heimreise vom Jura – dehydriert, übernächtigt und brutal hungrig. Ein Notstopp auf der Raststätte – Grauholz – mit sturmer Birne und zittrigen Händen. Kaffee plus Zopfsandwich, sitzen im Schatten der Tankstelle.

Da, mitten im Lärm der Blechlawine, plötzlich dieses Gefühl, im Würgegriff des bewussten Augenblicks. Eine Mischung aus Fernweh und Heimatgefühl, schauderhaft. Zu nah am Wasser gebaut für sowas – Scheisse!

Vielleicht weil der Kuno hier in seinem Chare einem Hit entgegenrauschte, auf dem Weg zu seinen Liebsten am Züri Flughafen.

Vielleicht weil das Grauholz früher immer erster oder letzter Halt ausserhalb der vertrauten Atmosphäre war. Vor einem Ausflug in die weite Welt oder nach der Rückkehr aus den Ferien. Wie eine Raumstation, schimmernd im gleissenden Sonnenlicht – weiss es nicht, nur dass es hart ans Eingemachte geht.

Zurück im Wagen geht dafür das Radio nicht. Ein Gedanke blitzt auf – am klarsten scheinen Dinge bisweilen an ihren Rändern, an der scharfen Trennlinie zum Anderen. So auch dieses Kultörtchen, unerwartet an dieser Stelle, einbetoniert zwischen Tankstutzen und Autobahn, an der Grenze unserer Stadt.

Im Schatten der Station – auf dem Orbit A1 – Richtung Mikrokosmos Bern

Keinzigartiges Lexikon: Folge 30

Gisela Feuz am Dienstag, den 25. Juli 2017 um 6:19 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Schachglanz setzen
Ursprünglich gab es im Schach drei Möglichkeiten, seinen Partner zu besiegen: schachmatt, schachglanz und – bei Profis – schachhochglanz. Die letzten beiden Spielarten wurden vom Weltschachbund inzwischen verboten, weil sie zu gefährlich sind. Kam es früher in einem Spiel zu einem Patt, begannen automatisch die Schachglanz-Regeln zu greifen. Dabei können die Spieler ihre Figuren nicht nur horizontal, vertikal und diagonal, sondern auch frontal einsetzen: Hat ein Spieler seinen Läufer auf Feld g7 beziehungsweise g2 platziert, kann er im nächsten Zug unter wildem Gekreische seinem Gegner die Spielfiguren ins Gesicht werfen. Da dies heute nicht mehr Brauch ist, sollte die Frage neu beurteilt werden, ob Schach wirklich ein Sport ist.


Schachhochglanz-Spieler verwenden Marmorfiguren und werfen je nach Strategie auch das Brett oder die Schachuhr hinterher.

Nächste Woche: Der Erdikus

Kulturbeutel 30/17

Milena Krstic am Montag, den 24. Juli 2017 um 5:59 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
Ohne ihn würden Sie diese Zeilen hier nicht lesen, weil er hat ihn erfunden, den KSB Blog: Benedikt Sartorius, Musikjournalist und am Freitag als DJ im Amt, wenn er im Kino Rex Pool-Sounds auflegt. Dort hinzugehen empfehle ich wärmstens, auch wegen dem Hotel-aus-den-60ern-Ambiente, in dem der DJ Sie überraschen wird.

Frau Feuz empfiehlt:
am Mittwoch beschallt der Alpine-Dubber vom Amt Dubokaj das Abschlussfest der Sommertournee von Radio Bollwerk im Zaffaraya und am Freitag spielen auf der Schützenmatt bei No Borders No Nations die Lokalhelden Baze und Jeans for Jesus auf.

Der Urs empfiehlt:
Mal eine Woche Abstand zu Übergangsprojekten!  Was die Knospe im Gemüseregal, scheint mir bisweilen die Zwischennutzung im Quartier – Saufen nur noch an temporären Orten und der Zeitgeist steckt auf Brachen fest – Ist auf Dauer denn nichts mehr wert?
Geht doch mal wieder zu den Beständigen – ins Brass Gärtli auf einen Eistee beispielsweise oder ins Souli für eine Focaccia mit Salat, denn gerade im Sommer darben die Vernachlässigten!

Fischer empfiehlt:
Always on the bright side of life zu luegen. Und zwar am besten wieder einmal auf Grossleinwand – Gelegenheit dazu gibt es am Mittwoch im Lichtspiel.

Schwab empfiehlt:
Früh aufstehen. Bisschen Luft lassen. Ein dickes Buch lesen. Lineares Radio. Facebook zu. Und dann evtl. (im englischen Sinne), wenn das Gspüri wieder eingerenkt ist, über die Schützenmatte tanzen mit Batuk. Die hat Frau Feuz noch vergessen.

#BernNotBrooklyn

Gisela Feuz am Sonntag, den 23. Juli 2017 um 18:58 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los, zum Beispiel am Sonntagabend vor dem Verkehrskunde-Lokal an der Effingerstrasse, wo sich folgender Dialog ereignete.

Junger Mann: «Nein, wir haben nicht alle gleichzeitig die Fahrprüfung bestanden. Wir sind hier, weil wir ein seltenes Tier abmurksen wollen.»

Frau Feuz (enerviert): «Und wann genau ist denn Tierhass so salonfähig geworden, dass man sich freimütig dazu bekennt und sich öffentlich zu Abmurks-Gruppen zusammenschliesst, he?! Und überhaupt! Was für ein Tier soll denn das bitteschön sein?!»

Junger Mann: «Kein richtiges Tier, denk. Ein virtuelles, das eben nur heute erscheint. Heissen tuts Lugia, ist so eine Art Vogel und man braucht mindestens 15 Verbündete, um es abschiessen zu können. Ja haben Sie denn noch nie was von Pokémon GO gehört?»

Frau Feuz hätte im 17 Jahrhundert einmal auf das Tamagotchi einer Freundin aufpassen sollen, und hat heute noch Alpträume, weil der Sauhund, pardon, der Sauvogel damals verreckt ist.  Von dem her ist mir jeder sympathisch, der einen Vogel erledigt, weil ich ihn dann nicht verhungern lassen kann. Bloss: was ist denn aus dem guten alten Taubenvergiften geworden?

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es pünktlich zum Katerfrühstück. Oder auch ein bisschen später. Und Frau Feuz ist im Fall nicht wirklich eine Vogelhasserin. Hat ja selber einen.

Out of Komfortzone: Tschingelhell

Gisela Feuz am Donnerstag, den 20. Juli 2017 um 14:07 Uhr

In dieser Serie verlässt KSB die Komfortzone und erweitert den eigenen Horizont, indem andere aus der Agglo oder über kulturelle (Un)orte berichten, die uns bis anhin durch die Lappen gegangen sind. Folgende Nachricht hat KSB letztes Wochenende zu früher Morgenstunde von Aussenkorrespondentin Klimbim aus dem hintersten Chrachen (Tschingelmad, Guttannen) erreicht:

«Das Höchstmass der Berichterstattung vom Tschingelhell wäre mit diesen Fotos erreicht. Aüs, Ende, Adieüiç.»

 

Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass sich Aussenkorrespondentin Klimbim im Zelt der charmanten Schnaüzdamen den einen oder andern Triple Erdogan genehmigt hat und irgendeinmal fliessend Türkisch sprach. Anders sind die unterirdischen Temperaturen nahe des Grimselpasses ja auch kaum zu überstehen.

 

Das Tschingelhell ist ein kleines Non-Profit-Festival im schönen Oberhasli, welches letztes Wochenende zum 11. Mal über die Bühne ging. Mit von der Partie waren dieses Jahr Sissy Fox, Captain Control, Blind Butcher, Attack Vertical, Quieta, Instinct Valley und Artlu Bubble & The Dead Animal Gang.  Nebst atemberaubender Bergkulisse, bietet das Tschingelhell 4 Toi-Toi-Klos, handbedruckte T-Shirts und jedes Jahr ein aufwändig und mit viel Liebe dekoriertes Festzelt, dessen Einzelteile mit dem Traktor angeliefert werden.

Du möchtest in unserer Serie mitmachen und über deinen liebsten kulturellen (Un)ort oder deine Lieblingsband berichten? Nichts einfach als das: alle Infos gibts hier.

«Window Shopper» VI

Urs Rihs am Mittwoch, den 19. Juli 2017 um 1:17 Uhr

…oder die schönsten Schaufenster der Stadt, eingerichtet durch König Zufall, mit Eigenwille dekoriert, angenagt durch den Zahn der Zeit.
Hier gibts weder fabrikneue Ware noch die hipsten Ernährungstrends. Das ist die Fotoserie abseits der hegemonial marktlogisch gestalteten Vitrinen unserer Einkaufsmeilen. Und dazu ein Versuch, ihnen Graustufen des Zeitgeistes abzugewinnen.

– Eigentlich hatte ich an eine Ecke im Monbijou gedacht. Doch dann liess mich unterwegs in stadtnahen Ländereien, kurz nach einer Linkskurve, dieses heimatlich-barocke Schauerstück erstarren.

Wie hypnotisiert stieg ich aus, um mich in dieser reflektierenden Scheibe einer Angst gegenüber zu sehen, diese zu verheimlichen ich nun unmöglich in der Lage bin.
Die Ware im Schaufenster und dem dahinter liegenden Raum löste in mir eine solch grässlich-behagliche Traulichkeit aus, dass mein Gefühlszustand sich irgendwo zwischen einer Kindheitserinnerung in Zermatt und einem Rebus mit Losung: «Ursuppe reaktionärer Borniertheit» festsetzte. Eisig lief es mir den Rücken hinab und der Schauer packte mich im Nacken.

Ein Backflash ins Spiegelstadium, dass es dem Lacan eine Freud gewesen wär…

Zurückgeworfen wie der Schwab auf seine Bruchstücke – wie so oft der Mensch, übermannt von einer simplen, sich spiegelnden Fläche und ein paar billigen Produkten.
Plötzlich, Auge in Auge mit dem Fürchterlichsten, konfrontiert mit sich selbst und seinen tiefsten Abgründen –

Ich suchte augenblicklich das Weite und probierte mich kalt schwitzend auf den Fahrersitz meines alten Schwedens zu retten.
Jetzt zehnmal tief durchatmen und meine Mitte finden, wie ich es im Power-Yoga gelernt habe – dachte ich mir und versuchte ein komplettes Wegtreten zu verhindern.

Der Laden des Schreckens – ohne Bedienung, dafür mit Incarom, Suchard, Maggi und Knorr. Den teuflischen Ingredienzen des Identitären…

Auf der Rückfahrt verdrehte ich meine Seitenspiegel so, dass sie mir keinen Rückblick erlaubten und dankte Gott für das erstbeste Denner Schaufenster, das ich in der Agglomeration schon von weitem erblickte.

Festival-A und O

Roland Fischer am Dienstag, den 18. Juli 2017 um 12:02 Uhr

Check, Festivalwochenende. Geschafft. Und es ist zwar Sommer und Sparflamme und so, aber herrje, die Vermarketingsabteilungen laufen trotzdem auf Hochtouren. Und so kann man diese wie jene Festivität bereits jetzt im Videorückblick kontemplieren und sich fragen, ob the grass nicht vielleicht doch grüner war auf der ander side.

Gurten:

vs. Garten:

Keinzigartiges Lexikon: Folge 29

Gisela Feuz am Dienstag, den 18. Juli 2017 um 6:09 Uhr

Der Berner Schriftsteller Giuliano Musio spürt für KSB jede Woche einen heimlichen Verwandten eines vermeintlich einzigartigen Begriffs auf. Manuel Kämpfer illustriert ihn.

Heute: Die Quität
Wie die These zur Antithese oder der Held zum Antihelden, so bildet die Quität den Gegenpol zur Antiquität. Quitäten sind folglich Gegenstände, die sich schlecht zum Angeben eignen und bei denen es sich nicht lohnt, sie zu kopieren und auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Im Unterschied zu morschen Holztruhen spricht man ihnen auch keine Seele zu, um einen überrissenen Preis zu rechtfertigen. Es wäre nun ein Trugschluss, zu glauben, dass das Geweih einer Antilope eine Antiquität sei, jenes der Lope – ihres weniger ängstlichen und positiver eingestellten Pendants – dagegen eine Quität. Beide Geweihe sind bei entsprechendem Alter eine Antiquität. Genau gleich verhält es sich natürlich mit Gazelle und Antigazelle.


Quitäten erkennt man unter anderem daran, dass sie nicht nach Großmutter müffeln.

Nächste Woche: Schachglanz setzen

Kulturbeutel 29/17

Milena Krstic am Montag, den 17. Juli 2017 um 5:55 Uhr

Die Krstic empfiehlt:
Waren Sie schon bei der magischen Mandel aka magnetischen Allmend? Falls nicht, könnte sich diese Woche für einen Besuch anbieten. Dort gibt es ab Mittwoch nämlich einen Videospaziergang zu erleben, geleitet vom Multimedia affinen Philip Ortelli, der uns die Skulptur von Serge Brignoni näherbringen will. Sie wissen nicht, von welcher Skulptur die Rede ist? I dänk o nid und gerade drum geh ich hin.

Der Urs empfiehlt:
Raus an die frische Waldluft mit Sack, Pack und Radio. Letzteres braucht ihr Tagediebe nämlich, wenn ihr euch ab Mittwoch nach Schniggene bei Brenzikofen begebt, ans «Boui-Boui» nämlich, dem legendären Musik- und Kleinkunstfestival. Dort braucht man nebst  tragbarem Rundfunkempfänger nichts mehr, als einen freien Geist, um unaufgeregt Momente des Staunens, Lachens und guten Lebens zu geniessen. Klingt fair, nicht? Aber bitte mit ÖV anreisen!
Und heute Montagabend geht doch in die Cinématte und gönnt euch SON OF A FOOL – ein Streifen über eine Zirkus-Theater-Compagnie im Ausnahmezustand und die Odyssee eines Sohnes auf der Suche nach seinem Vater. Hab letzte Woche mit dem Regietypen gequatscht und der wirkte schön rastlos. Gute Voraussetzung für tollen Film – dacht ich mir – drum der Tipp, geht schauen und sagt Bescheid.

Fischer empfiehlt:
Die Radio Bollwerk Sommertour ist am Mittwoch zu Besuch im Lorrainebad. Lokalmatador Mastra verspricht einen Mix von Improvisationsdrang und Perfektionsstreben, leider nur bis kurz vor acht. Ach ja, die Nachbarn.

Mirko Schwab empfiehlt:
Ebenfalls «Boui-Boui». Doppelt gehypet hält halt besser. Und weil der Urs die Rahmenbedingungen schon so farbig ausgemalt hat, hier ein paar musikalische Empfehlungen darüberhinein: Am Mittwoch lofi und legit eingrooven mit Bloglady Milena Patagônia, den Zivilisationsfrust kathartisch wegfegen mit Liedreiterpunk Roger F. und schliesslich einmal schnausen in der Synth-Pop-Confiserie von Sophie Adams Namaka. Der Donnerstag hält nebst den enfants terribles des Quartierraps FHG auch die Blues-Checker The Konincks bereit, die alltbewährtes bis angegoren-abgehangenes so spielen, dass es einen frisch dünkt. Am Freitag dann bei den betörenden Naked In English Class vorbei, weil düster-lüsternste Farbgebung des Festivals und auch die Nkonsonkonson Star Band würd ich nicht missen – Highlife und Afrobeat ergreifen den kleinen weissen boi-boi auch fast genau 20 Jahre nach Fela Kutis Tod noch immer mit den dringlichsten Tanzrhythmen. Und zum samstäglichen Abschluss gilts die mit Stimmgewalt und Humor auftrumpfende Sarah Reid anzuhören, Indie-informierte Seelenmusik ist ihr Terrain und Nobody Reads heisst das entsprechende Dreigespann.

#BernNotBrooklyn

Mirko Schwab am Sonntag, den 16. Juli 2017 um 14:34 Uhr

Bern ist zwar nicht Brooklyn Braunschweig Bremen Berlin, aber hey, auch in der Hauptstadt ist mächtig was los.

Bild: Tonmann Bence.

Weil in Brooklyn würde man den Vober Phober wohl kaum konzertieren lassen. Gut, wer weiss: gerade letzthin in Bologna: eine Britin, die von ihrem Natel (?) ein AnnenMayKantereit-Lied losgelassen hat – ohne auch nur ein Wort vong Text zu verstehen. Ist vielleicht in diesem Fall auch besser so … Egal. Die Photographie jedenfalls zeigt les boys vor ihrem Auftritt im Gurtenzelt. Weiter im Bild: Pegasus’ (…) Minivan. Das ist ja fast wie als würde man eine wirklich gute Band vor dem Tourbus einer wirklich miesen ablichten …

Posten Sie Ihr Foto/Video auf irgendeiner digitalen sozialen Plattform mit dem Zusatz #BernNotBrooklyn. KSB wählt unter den Fotos das leckerste aus und veröffentlicht es pünktlich zum Katerfrühstück.