Wenn mit 35 Jahren der Pensionierungsschock droht

Mathias Morgenthaler am Samstag, den 14. Januar 2017
Mike Kurt, erfolgreicher Kanute, Unternehmer und Mitglied des Exekutivrats von Swiss Olympic.

Mike Kurt, erfolgreicher Kanute, Unternehmer und Mitglied des Exekutivrats von Swiss Olympic.

Solange sie um Titel und Medaillen kämpfen, sind Spitzensportler gefragte Leute, nach dem Karriereende fallen viele von ihnen in ein Loch. Der Kanute Mike Kurt hat sich frühzeitig auf den beruflichen Umstieg vorbereitet. Seine bitterste sportliche Niederlage wurde zum Sprungbrett für die Unternehmerlaufbahn.

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Kurt, Spitzensportler erleben den Pensionierungsschock schon mit 30 oder 35 Jahren. Wie schwer fiel Ihnen der Abschied vom Kanufahren?

MIKE KURT: Der Übergang war schwierig. Ich musste etwas loslassen, bei dem ich jahrelang zur Weltspitze gehört hatte, und in einem neuen Bereich Fuss fassen. Ich wusste, dass mir die Ausnahmestellung im Kanufahren bei der weiteren beruflichen Karriere wenig helfen würde. Ich war weder reich geworden noch prominent genug, um auf einen Bonus hoffen zu können. Aber vielleicht war genau das ein Vorteil. Weil ich nie vom Sport leben konnte, bin ich immer zweigleisig gefahren. Ich studierte parallel zum Spitzensport Betriebswirtschaft und arbeitete danach während Jahren in einem 50-Prozent-Pensum im Sozialmarketing. So war es für mich ein fliessender Übergang.

Es gab aber doch einen Wendepunkt: Am 1. August 2012 platzten in London wegen eines Paddelbruchs Ihre Olympia-Träume, danach lancierten Sie mit dem ebenfalls gescheiterten Degenfechter Fabian Kauter die Crowdfunding-Plattform «I believe in you». War die Niederlage im Rückblick ein Segen?

Frustration kann ein starker Antrieb sein. Wir ärgerten uns nicht nur über unser schlechtes Abschneiden, sondern auch über den Medaillenspiegel der Spiele in London: Die Schweiz belegte Rang 32, hinter Ländern wie Kasachstan oder Aserbaidschan. Uns war klar: Das ist nicht nur ein persönlicher Misserfolg, sondern auch eine Niederlage für den Schweizer Sport. Also entwickelten wir gemeinsam mit dem Onlinemarketing-Spezialisten Philipp Furrer eine Plattform, welche es Sportlern ermöglichte, auf einfache Weise Geld zu sammeln für ihre Projekte und sich so durch private Unterstützung bessere Trainingsbedingungen zu schaffen. Mir hätte das sicher geholfen, war ich doch während meiner ganzen Karriere der einzige Amateur unter den weltbesten Kanuten. Vom Spitzensport bin ich erst 2016 zurückgetreten, aber der Schwerpunkt verschob sich in den letzten Jahren klar vom Sport zum Unternehmertum.

Wie erfolgreich waren Sie als Jungunternehmer mit «I believe in you»?

Wir haben in den 3,5 Jahren seit der Lancierung der Plattform rund 4,5 Millionen Franken für den Schweizer Sport gesammelt, 670 Projekte konnten erfolgreich realisiert werden. Derzeit arbeiten 18 Angestellte für «I believe in you», 12 davon in der Schweiz. Der Schritt über die Grenzen nach Österreich und Norwegen ist geglückt, nun wollen wir als nächstes in Schweden Fuss fassen. Damit kommen wir von der Start-up- in die KMU-Phase, oder, sportlich ausgedrückt: Wir möchten nicht nur in der Super League Akzente setzen, sondern auch in der Champions League punkten.

Seit Anfang Jahr sind Sie neu Mitglied des Exekutivrats von Swiss Olympic. Was wollen Sie dort bewegen?

Ich werde mich unter anderem dafür einsetzen, dass der Übergang vom Spitzensport zur zweiten Karriere besser gelingt. Sportler reden ungern darüber, aber die meisten tun sich extrem schwer mit der Umstellung. Ich habe in den letzten drei Jahren mit vielen Athleten Gespräche geführt. Einige, die als Sportstars umjubelt waren, fielen in ein tiefes Loch. Ich weiss von einem bekannten Sportler, dass er ein halbes Jahr lang kaum mehr das Bett verlassen konnte. Er verlor durch das Karriereende seine ganze Identität, hatte keine Ziele mehr, kein Netzwerk, kein Selbstwertgefühl. Für den Körper ist der Rücktritt vom Spitzensport ein Schock, für die Psyche erst recht. Die Sportler werden nicht mehr zu Veranstaltungen eingeladen, haben das Gefühl, sie seien niemand mehr ohne Aussicht auf Titel und Medaillen. Nur ein kleiner Teil schafft es, den Prominenten-Status zu konservieren oder ohne Krise eine neue Passion zu finden.

Was müsste sich konkret ändern?

Es gibt Angebote von Swiss Olympic, etwa das «Athlete Career Programme» in Zusammenarbeit mit dem Personaldienstleister Adecco. Es ermöglicht Spitzensportlern vor allem, während der Karriere einen passenden Teilzeitjob zu finden, was später den Übergang erleichtert. Insgesamt hat der Spitzensport in der Schweiz aber keine sehr starke Stellung. In Österreich oder Italien spielt der Staat eine viel stärkere Rolle; da erhalten viele Spitzensportler nicht nur beste Trainingsbedingungen während der Aktivzeit, sondern auch Jobgarantien im öffentlichen Dienst für die Zeit danach oder Geld für Ausbildung und Studium. Ich sage nicht, dass die Schweiz den gleichen Weg einschlagen muss. Bei der staatlichen Sportförderung haben sich in letzter Zeit ganz neue Möglichkeiten ergeben. So können Spitzensportler heute jährlich bis zu 130 Tage Erwerbsersatzentschädigung (EO) beanspruchen, um sich während dem Militärdienst ganz auf ihren Sport zu konzentrieren. Darüber hinaus würde es helfen, wenn die Wirtschaft mehr dafür tun würde, Athleten zu integrieren – idealerweise schon während der Aktivzeit des Sportlers.

Leisten Spitzensportler denn auch in anderen Berufen Überdurchschnittliches?

Spitzensportler bringen einige grundlegende Fähigkeiten mit. Sie lernen im Verlauf einer Karriere, fokussiert und hartnäckig auf ein Ziel hinzuarbeiten, diesem alles unterzuordnen. Und sie entwickeln die Fähigkeit, aus Niederlagen zu lernen und die Weichen auf Erfolg zu stellen. Solche Eigenschaften helfen auch in der Wirtschaft. Alles andere ist sehr individuell. Als Einzelsportler, der jährliche Ausgaben von 80‘000 zu finanzieren hatte, wurde ich automatisch zum Unternehmer und entwickelte Eigeninitiative. Das half eindeutig beim Aufbau unserer Firma. Teamfähigkeit dagegen musste ich erst lernen. Klar ist, dass viele Spitzensportler nicht geschaffen sind für einen gewöhnlichen Bürojob. Sport ist ein extrem emotionales Berufsfeld – es ist schwierig, nach dem Rücktritt noch einmal ähnlich intensive Momente zu erleben wie beim Kampf um Titel und Medaillen.

Klingt da Wehmut mit?

Nein, ich bin sehr glücklich mit meiner Situation. Ich hatte in jungen Jahren zwei Träume: Ich wollte der beste Kanute der Welt werden und später als Unternehmer etwas aufbauen. Dem ersten Ziel bin ich sehr nahe gekommen, nun erlebe ich als Unternehmer eine ähnlich spannende Zeit wie zuvor im Wildwasserkanal. Zudem verbessere ich als Unternehmer eine Situation, unter der ich als Sportler gelitten habe. Indem ich jungen Sportlern zu besseren Perspektiven verhelfe, schliesst sich für mich der Kreis.

Infos und Vortragsreise durch die Schweiz

www.mikekurt.com oder mike.kurt@ibelieveinyou.ch

«In Malaysias Regenwald fand ich Inspiration ohne Ende»

Mathias Morgenthaler am Samstag, den 7. Januar 2017
Experimentalphysikerin Ille Gebeshuber will nicht nur in einer Disziplin glänzen. Foto: Fotostudio Wilke, 1010 Wien.

Experimentalphysikerin Ille Gebeshuber will nicht nur in einer Disziplin glänzen. Foto: Fotostudio Wilke, 1010 Wien.

Die Wiener Physikerin Ille Gebeshuber war schon als Kind lieber in der Natur als im Klassenzimmer. Nach ihrer Habilitation brach sie auf zu einer Expedition in Malaysias Regenwald. Im Dschungel entdeckte die Forscherin nanotechnologische Wunderwesen, welche die industrielle Produktion revolutionieren könnten.

Interview: Mathias Morgenthaler
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«Lieber weniger verdienen und viel bewegen als umgekehrt»

Mathias Morgenthaler am Samstag, den 31. Dezember 2016


Eine Postkartenschreiberin, ein Schokolade-Revolutionär mit grossem Herz, ein Bildhauer, der das erste abhörsichere Smartphone erfindet, und ein Banker, der auf einem Zeltplatz wohnt und Beton-Badewannen baut. Diese Interview-Portraits aus dem zu Ende gehenden Jahr zeigen: Je weniger Sicherheiten der Arbeitsmarkt bietet, desto wichtiger wird es, seine Talente zu kennen und zum Unternehmer in eigener Sache zu werden.

Mathias Morgenthaler

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«Wir bauen eine direkte Brücke von Äthiopien in die Schweiz»

Mathias Morgenthaler am Samstag, den 24. Dezember 2016
Marie und Michaël Tuil bringen äthiopischen Kaffee direkt zur Schweizer Kundschaft.

Marie und Michaël Tuil bringen äthiopischen Kaffee direkt zur Schweizer Kundschaft.

Vor einem Jahr haben Michaël und Marie Tuil ihr Leben auf den Kopf gestellt: Der Unternehmensberater und die Journalistin gaben ihre Jobs auf und kauften äthiopischen Kleinbauern knapp 2 Tonnen Kaffee ab. Seither betreiben die beiden in ihrer Einzimmerwohnung in Zürich das soziale Start-up «Direct Coffee». Ein Teil jeder Bestellung fliesst in soziale Projekte im Anbaugebiet.

Interview: Mathias Morgenthaler
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Wenn mit den Babyboomern auch das Wissen die Firma verlässt

Mathias Morgenthaler am Samstag, den 17. Dezember 2016
Susan Herion, Unternehmensberaterin mit Spezialgebiet Wissenstransfer.

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In manchen Organisationen wird innerhalb der nächsten fünf Jahre die halbe Belegschaft ausgewechselt. Dabei besteht die Gefahr, dass viel Erfahrungswissen verloren geht. Susan Herion, Spezialistin für Wissenstransfer bei der Unternehmensberatung Con.win, rät dazu, das Wissensmanagement nicht den Computern zu überlassen, sondern ältere Angestellte gezielt zu Mentoren zu machen.

Interview: Mathias Morgenthaler

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«Das Glück kommt und geht, es nimmt sich, was es will»

Mathias Morgenthaler am Samstag, den 10. Dezember 2016
  • «Immer gibt es einen Teil, über den ich keine Macht habe»: Ivo Moosberger vor einem Steinbogen am Col du Sanetsch. Fotos: zvg

  • Arbeiten unter speziellen Bedingungen: Im Zugersee baut Ivo Moosberger Kugeln aus zu Ringen verflochtenen Weideruten.

  • Die Berggipfel hat er gemieden, ansonsten gab es für Ivo Moosberger weder Plan noch Ziele auf seiner Erkundungstour durch die Schweiz.

  • Die Stille als Wohltat: Kochen und Übernachten auf knapp 3000 Metern über Meer am Lischana-See im Engadin.

  • «Eine Handvoll Pasta kann etwas Wunderbares sein»: Ivo Moosberger beim Nachtessen vor dem selbst gebauten Iglu und Schneeskulpturen.

  • Unvernünftig, aber beglückend: In dreitägiger Arbeit hat Ivo Moosberger aus Weideruten diese Trompetentürme geformt.

  • In den ersten Wochen war Ivo Moosberger am Abend so erschöpft, dass er kaum noch sein Zelt aufstellen mochte.

  • Nicht geplant, aber dokumentiert: In 10 Monaten ist Ivo Moosberger 6000 Kilometer kreuz und quer durch die Schweiz gewandert.

Tagelang Steintürme bauen, Blumen auslegen, Schneeskulpturen errichten: Ivo Moosbergers Arbeit ist nicht nur vergänglich, sondern auch «komplett unvernünftig». Doch das monatelange Verweilen in der Natur hat für den 42-jährigen Landart-Künstler einen doppelten Nutzen: Er empfindet das Alleinsein in der Stille als Wohltat. Und seine Naturschauspiele erreichen ein immer grösseres Publikum.

Interview: Mathias Morgenthaler
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«Handwerk hat auch im 21. Jahrhundert ein grosses Potenzial»

Mathias Morgenthaler am Samstag, den 3. Dezember 2016
Philipp Kuntze will dafür sorgen, dass sich Handwerker besser vernetzen und vermarkten.

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Wer lernt heute noch Küfner, Kürschner, Drechsler oder Korbflechter? Viele Handwerksberufe sind vom Aussterben bedroht. Der Berner Möbelhändler und Innenarchitekt Philipp Kuntze will dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen. Mit dem Verein «World Crafts» macht er Handwerkskunst sichtbar und setzt sich dafür ein, dass es weiterhin Alternativen zum 3D-Drucker gibt.

Interview: Mathias Morgenthaler
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4646 Kilometer auf der Spur der Freiheit

Mathias Morgenthaler am Samstag, den 26. November 2016
Kein Mensch nirgends: Christoph Rehage auf seinem Marsch durch die Wüste.

Kein Mensch nirgends: Christoph Rehage auf seinem Marsch durch die Wüste.

4646 Kilometer hat Christoph Rehage zu Fuss in China zurückgelegt. Eigentlich wollte er bis nach Deutschland marschieren, doch eine Nachricht seiner Freundin liess ihn das Vorhaben abbrechen. Als er scheinbar alles verloren hatte, entdeckte er etwas, wonach er in China vergeblich gesucht hatte: ein Gefühl von Freiheit. Seine Geschichte berührt Millionen von Menschen.

Interview: Mathias Morgenthaler
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«Es war eine einzige Tortur – und die beste Zeit meines Lebens»

Mathias Morgenthaler am Samstag, den 19. November 2016
Christoph Rehage, Sinologe und Abenteurer.

Christoph Rehage, Sinologe und Abenteurer.

Mit zwanzig fühlte sich Christoph Rehage nicht bereit für den Ernst des Lebens. Er jobbte ein Jahr lang in Paris, kehrte zu Fuss nach Deutschland zurück, studierte zwei Jahre Sinologie in München und setzte sein Studium in Peking fort. Dort fasste er den Entschluss, den Heimweg wieder zu Fuss anzutreten. An seinem 26. Geburtstag brach er auf zu einer Expedition mit ungewissem Ausgang.

Interview: Mathias Morgenthaler

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«Ich finde es wunderbar, dass der Zufall hier mitreden darf»

Mathias Morgenthaler am Samstag, den 12. November 2016
Regula Tanner, Gastgeberin im Büchercafé «Das Leseglück». Foto: David Schweizer

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In der Schulzeit träumte Regula Tanner davon, Schriftstellerin zu werden. Ihr Traum hat sich bis heute nicht erfüllt, ohne Folgen blieb er aber nicht. Über das journalistische Schreiben fand die gelernte Kindergärtnerin zu ihrer heutigen Passion. Im Büchercafé «Das Leseglück» bietet sie nicht nur literarische Entdeckungen an, sondern auch Kaffee, Kuchen und Kurse in kreativem Schreiben.

Interview: Mathias Morgenthaler

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