Archiv für die Kategorie ‘Rasensprenger’

Endstation Achtelfinal?

Herr Pelocorto am Samstag den 18. Dezember 2010

Gegen die Katalanen also. Ausgerechnet. Die gestrige Auslosung der Champions-League-Achtelfinals hat die Paarung FC Barcelona v Arsenal FC hervorgebracht. Herr Newfield hat dieses Spiel gestern mit den Worten Man kann nicht von einem Freilos sprechen. Aber von einer schönen Affiche umschrieben. Unser Trainer, Arsène Wenger meinte: difficult but possible. Mir kamen nur Herrn Natischers Kraftausdrücke in den Sinn.

Kurz: Ich sehe schwarz für Arsenal. Nicht mit dieser Verteidigung und eigentlich auch nicht mit diesem Trainer.

Arsenals Probleme beginnen hinten in der Mitte. Wo früher solide Innenverteidiger zuverlässig ihre Arbeit verrichteten, machen mich heute die Neuerwerbungen Koscielny und Squillaci nervös. Wissen sie, was passiert? Stehen sie nahe genug beim Gegner? Ist ihnen klar, was ihre Teamkollegen beabsichtigen? Oft genug lautet die Antwort dreimal nein. Vermaelen machte seine Sache etwas besser, aber seit dem Freundschaftsspiel anfangs September gegen die Türkei ist der Belgier verletzt. Frühestens im Januar wird er wieder spielen. Auch Djourou ist immer wieder verletzt, nichts Ernstes, aber weil es einmal dort zwickt und dann wieder da zieht, kam er diese Saison in 17 Spieltagen nur viermal zum Einsatz. Djourou erinnert mich langsam an Senderos …

Kein Wunder, kassieren die Gunners Tore am Laufmeter. Kaum ein Spiel endet zu Null; bis jetzt mussten unsere Goalies in der Premier League 19 Mal den Ball aus dem Netz holen. Das ist einfach viel zu oft.

Offense sells tickets; defense wins championships, in dieser Phrase steckt ein Körnchen Wahrheit, auch wenn sie aus dem American Football kommt. Wenger muss den Goalies und Innenverteidigern unbedingt mehr Vertrauen schenken, um sie zu stärken. Unsere Stürmer und Mittelfeldspieler können regelmässig einen solchen Schwachsinn zusammenspielen, dass ich freiwillig zu Sven Epiney oder Frank A. Meyer umschalten würde, aber Wenger stellt unsere Mindertalentierten immer wieder auf. Aber wehe, ein Verteidiger begeht auch nur den geringsten Fehler. Dann muss er die nächsten Spiele zur Strafe auf der Bank absitzen. Nicht gerade das, was Spieler aufbaut.

Mit dieser Verteidigung tritt Arsenal also am 16. Februar 2011 gegen das aussergalaktische Barcelona an und wird sich zuhause überraschend einen soliden Vorsprung von etwa 2 bis 3 Toren herausspielen und keinen Gegentreffer zulassen, damit man zwei Wochen später trotz der 3:1-Niederlage im Camp Nou weiterkommt.

Wintertraining im Highbury-Stadion

Pepe Reina, der heimliche König

Frau B am Samstag den 11. Dezember 2010

Als sich Jamie Carragher Ende November die Schulter ausrenkte, stellte sich für Liverpool-Coach Roy Hodgson die Frage, wen er nun zum Captain bestimmen sollte. Carragher ist ja selbst nur vice-skipper hinter dem ebenfalls verletzten Steven Gerrard. Die offizielle Club-Website stellte die Captain-Frage auch, und zwar den Fans. Das Resultat erstaunte nicht: 54% der Supporter stimmten für José Manuel Reina, den Torhüter. Dahinter folgten Fernando Torres und Dirk Kuyt mit je 17% der Stimmen.

Ob Roy Hodgson auf die Fans gehört hat, weiss ich nicht, auf jeden Fall hat er Pepe Reina für die beiden letzten Spiele zum Captain ernannt. In der Europa-League gegen Steaua Bukarest vor neun Tagen lief es nicht optimal: Reina rutschte ein harmloser Ball durch die Beine, und es stand 1:1. Beim Heimspiel gegen Aston Villa am 6. Dezember hingegen gab es nichts auszusetzen: Liverpool siegte problemlos 3:0. Nebenbei war das eine eiskalte Dusche für Ex-Coach Gérard Houllier, der mittlerweile in den Diensten von Villa steht und an der Anfield Road warm empfangen wurde. Für Pepe Reina wurde es aber ein besonders schöner Abend, denn er feierte sein 100. Liverpool-Spiel ohne Gegentor. Insgesamt war es sein 198. Einsatz im Trikot der ‹Reds›; so schnell wie er hat kein Liverpool-Torhüter zuvor diese Marke erreicht.

Für die Fans ist der Spanier, der 2005 von Rafa Benítez verpflichtet wurde, schon lange zu einem der beliebtesten Spieler geworden. Klar bewundert man Steven Gerrard, der mit seinen Weltklasseaktionen schon so manches Match zu unseren Gunsten entschieden hat. Aber ein richtiger Captain – so finden viele – ist Gerrard nicht: zu launisch und zu wenig lautstark agiert er auf dem Platz. Der heimliche Captain ist Carragher, der die Mitspieler hörbar aus der Abwehr dirigiert und angeblich auch in der Kabine das Sagen hat.

Carragher ist aber im Ansehen der Fans in den letzten Monaten gesunken. Einerseits ist man sich einig, dass er seinen Karrierehöhepunkt überschritten hat und immer mehr zum Risikofaktor auf dem Platz wird. Dass er nicht schneller geworden ist, streitet jedenfalls niemand ab. Ausserdem munkelt man, dass er eine der treibenden Kräfte hinter dem Hinauswurf von Benítez war, und viele Fans hätten den Spanier lieber heute als morgen zurück. Dass Carragher vor dem Spiel gegen Aston Villa in einem Interview Gérard Houllier höher eingeschätzt hat als Rafa Benítez, kam auch nicht überall gut an.

Auf Pepe Reina hingegen ist Verlass: Er spielt konstant auf hohem Niveau, bekennt sich stets uneingeschränkt zu Liverpool, liefert keine negativen Schlagzeilen, hat Führungsqualitäten und ist bei Spielern und Fans gleichermassen beliebt. Auf Englisch tönt die Bewunderung so: He’s a legend. As a leader and, well, just as a bloke really, he’s perfect captain material. I absolutely love the fella. Ja, die Fans lieben ihn, und ich liebe ihn auch. Der Fussball könnte durchaus mehr Pepe Reinas vertragen.

Three captains: Carragher – Gerrard – Reina (top bloke)

Schlafstörungen

Herr Pelocorto am Samstag den 4. Dezember 2010

Fussball geht mir nahe. Wenn Arsenal, Real Madrid oder GC verliert, bin ich enttäuscht. Schlimm sind die Spiele, die unglücklich oder leichtfertig verloren gehen, das wühlt mich auf und macht mich wütend. Es arbeitet in mir. Wieso trifft Hajrovic das Tor einfach nicht? Kann Salatic wirklich keinen anständigen Pass spielen? Und warum gelingt den Tessinern aus dem Nichts ein Bilderbuchkonter?

Schnell einschlafen nach solchen Spielen? Sie träumen wohl. Meine Gedanken kreisen um das Spiel und statt Schafen zähle ich verpasste Chancen. Das Endergebnis sehe ich am anderen Morgen nochmals im Badezimmerspiegel.

Es gibt aber auch Niederlagen meiner Teams, nach denen ich tadellos schlafe. Sie kennen solche Spiele sicher auch. Schon wenige Minuten nach dem Anpfiff spüre ich, das wird heute nichts, die Mannschaft ist kollektiv mit dem linken Fuss aufgestanden, nach vorne gelingt kaum etwas, im Mittelfeld gehen die Bälle verloren, die Aussenverteidiger werden überlaufen und die Innenverteidiger stehen zu weit weg vom Gegner. Das erste Tor fällt schnell und mein Team verliert klar und verdient. Die Chancenauswertung? Von welchen Chancen meines Teams sprechen wir? Der Gegner war gut organisiert, individuell besser und als Mannschaft effizienter, kurz: deutlich überlegen. Wenn alles so klar ist, dann wühlt mich auch nichts mehr auf.

El Clásico am Montagabend war so ein Spiel. Real Madrid hatte nicht den Hauch einer Chance gegen einen leuchtenden FC Barcelona und der hohe Sieg geht diskussionslos in Ordnung. Nachbessern bitte, Herr Mourinho! Am 17. April 2011 möchte ich gerne die Weissen siegen sehen.

Sicher ganz schlecht geschlafen diese Woche hat das Bewerbungsteam für England 2018. Es kam schon in der Nacht vor der Vergabe zu wenig Schlaf, weil es die Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees bis zum Schluss von den Vorteilen ihrer Bewerbung überzeugen wollte. Allein, es half alles nichts. Die Weltmeisterschaft in England wäre ein Anlass für die Fans geworden, aber die FIFA hat nicht nur die Fans im Auge.

2010-12-04_FIFABetrachtet man die Stimmabgaben des Komitees, wird klar, dass die Meinungen von Anfang an gemacht waren, und sie hatten weder mit der Qualität der Bewerbungen noch mit den abschliessenden Präsentationen etwas zu tun. Bei einem absoluten Mehr von 12 Stimmen waren Russland und Katar beinahe schon in der ersten Runde gewählt, und England und Australien sind die ganz grossen Verlierer.

So zu entscheiden, ist das gute Recht der FIFA. Wirklich störend an der ganzen Sache sind für mich die Hoffnungen, die die FIFA mit dem Bewerbungsverfahren bei den Bewerbern und ihren Fans weckt. Das ist weder «For the Game» noch «For the World» und muss unbedingt geändert werden. Eine Verlosung wäre fairer und transparenter und die unterlegenen Fans könnten nach der Vergabe vermutlich besser schlafen.

Lucy in the Sky with Diamonds

Frau B am Samstag den 27. November 2010

Ob es Ihnen gefällt oder nicht, in vier Wochen ist Weihnachten. Und das ist gut so, denn im November habe ich immer schrecklich viel Arbeit. Anfangs Dezember aber pflegen sich die Stapel zu lichten; dann nehme ich die Dinge gelassen und geniesse die Zeit bis zum Jahreswechsel. Jedes Indiz auf den nahenden Dezember ist mir daher willkommen: Seit vorgestern strahlt Lucy allabendlich über der Zürcher Bahnhofstrasse – wunderbar! Morgen ist der erste Advent – grossartig! Im Liverpool-Forum diskutieren die Fans ihre Listen für die Alben und Songs des Jahres – endlich!

Die Liverpool-Fans haben übrigens schon am 20. September angefangen, über Weihnachten zu reden. Damals aus Ärger darüber, dass Tesco und Sainsbury bereits die ersten Weihnachtsartikel im Angebot führten. Inzwischen ist der Ärger verflogen, und die meisten freuen sich auf Weihnachten. Ich auch – was soll man daran nicht mögen? Ein paar freie Tage, viel und gutes Essen und Trinken, das Familienfest (unseres würde Ihnen auch gefallen) und nicht zuletzt: Fussball! Premier-League-Spiele gibt es reichlich über die Feiertage (am 26., 27., 28. und 29. Dezember sowie am 1., 2., 4. und 5. Januar).

Liverpool FC WeihnachtskugelAusserdem überlege ich mir in den ersten Dezembertagen gründlich, was ich mir selbst zu Weihnachten schenken soll, das hat bei mir Tradition. Nicht selten ist es ein Fussball-Shirt. Für das Jahr 2010 habe ich leider mein Kontingent an Shirts (es besteht aus einem Stück) schon aufgebraucht. Es war übrigens keine kluge Investition (Stichwort Three Lions), aber lassen wir das. Hingegen habe ich schon seit ewigen Zeiten nichts mehr vom FC Liverpool gekauft, und zwar aus dem gleichen Grund wie viele andere Fans der Reds auch: Wir boykottierten die parasitären Ex-Besitzer Hicks und Gillett und wollten ihnen auf keinen Fall unser sauer verdientes Geld in den Rachen werfen, indem wir Fanartikel kauften. So stehe ich heute da mit einem fünfjährigen Trikot, einer kaputten Tasse, einem ausgebleichten Kapuzenpulli und einem brettharten Badetuch. Ich werde mir also Zeit nehmen und ausgiebig im Onlineshop stöbern und mir das eine oder andere bestellen – bevor der nächste Boykott ausgerufen wird (was ich durchaus nicht erwarte).

Und wenn ich meine Weihnachtsbestellung aufgegeben habe, mache ich mir Gedanken zu den Alben und Songs des Jahres. Über Fussball will ich erst wieder nachdenken, wenn Liverpool besser spielt.

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Jammern auf hohem Niveau

Herr Pelocorto am Samstag den 20. November 2010

Schon vor zwei Wochen hat er vorbeugend mit Jammern begonnen. Man stecke gleichzeitig in drei Wettbewerben und hätte am folgenden Wochenende ein schweres Spiel, unmöglich sei das, schimpfte er. Freundschaftsspiele der Nationalmannschaften mitten in einer Novemberwoche? «C’est rageant et inacceptable!» Wer englischen Fussball etwas kennt, weiss: Hier wettert Wenger.

Ein wenig kann ich ihn verstehen. Vor ziemlich genau einem Jahr ging Arsenals Stürmer Robin van Persie im Freundschaftsspiel zwischen Holland und Italien nach einer rüden Attacke Chiellinis schreiend zu Boden und fiel für lange Zeit aus. Diese Saison hat van Persie für die ‹Gunners› verletzungsbedingt kaum gespielt. Erst in den letzten Tagen ist er wieder fit geworden. Dass der holländische Nationaltrainer Bert van Marwijk van Persie für das Freundschaftsspiel gegen die Türkei aufgeboten hat, ist bei Wenger deshalb auf ziemliches Unverständnis gestossen.

Van Persie war einer der 16 Arsenal-Spieler, die diese Woche in internationalem Einsatz waren. Alleine für das Spiel zwischen England und Frankreich waren fünf ‹Gunners› aufgeboten: Die Engländer Gibbs und Walcott trafen auf die Franzosen Sagna und einen entfesselten Nasri. Clichy wurde von der französischen Bank aus Zeuge der Wiedergeburt der Bleus.

Cesc Fabregas wurde derweil auf dem Platz Zeuge des spanischen Untergangs gegen Portugal (4:0); Arshavin ging mit den Russen gegen Belgien unter (0:2); Eboue verlor mit der Elfenbeinküste gegen Polen 3:1, schliesslich stand bei den Polen Arsenals Torhüter Fabianski zwischen den Pfosten. Etwas besser machte es Chamakh, der ein Tor für die Marokkaner gegen Nordirland erzielte (1:1). Ebenfalls unentschieden blieb die Partie zwischen Dänemark mit Bankwärmer Bendtner und Tschechien mit Rosicky (0:0). Nicht vergessen möchte ich Johan Djourou, der beim Schweizer Unentschieden gegen die Ukraine anscheinend wenig falsch gemacht hat (2:2).

Und Robin van Persie? Der wurde in der zweiten Halbzeit eingewechselt, das einzige Tor der Partie gegen die Türken erzielte nicht er, sondern Huntelaar. Immerhin hat sich van Persie nicht verletzt. Uff.

Unser zweiter Torhüter, Wojciech Szczesny, kam nicht zum Einsatz, dafür einer unserer Perspektivspieler: Henri Lansbury!

Henri Lansbury

Diesen Namen müssen Sie sich merken, der Mittelfeldspieler aus dem Arsenal-Nachwuchs gilt als eines der ganz grossen Talente Englands. Lansbury spielte mit der englischen U21 am Dienstag gegen die deutsche U21 und erlebte in Wiesbaden sein blaues Wunder. Für die zweite Halbzeit brachte England mit Steele einen frischen Torhüter, der in der 58. Minute einen deutschen Stürmer umriss und dafür mit Rot bestraft wurde. Einen dritten Torhüter gab’s nicht, deshalb durfte sich Lansbury als neuer Torhüter beweisen. Als erste Aktion fischte er den versenkten Penalty zum 2:0 aus dem Netz. In der verbleibenden halben Stunde des Spiels konnte Lansbury mit zwei tollen Aktionen glänzen und wurde nicht mehr bezwungen.

Arsène Wenger hat sich also für einmal vergebens Sorgen gemacht; alle Spieler sind wohlbehalten zurückgekommen und stehen für das North London Derby gegen Tottenham Hotspur zur Verfügung. Dass man zuhause die Spurs locker schlagen kann, ist ja in Bern kein Geheimnis. Anpfiff im Emirates-Stadium ist heute um 13:45.

Wareniki *)

Herr Pelocorto am Samstag den 13. November 2010

Was fällt Ihnen zum Stichwort ‹Ukraine› ein? Klar, Streller, Barnetta, Cabanas, die drei verschossenen Elfmeter der Schweizer. Das Freundschaftsspiel nächsten Mittwoch ohne Behrami. Und sonst? Schewtschenko, höre ich jemanden rufen. Richtig. Und ausser Fussball? Die zwei Klitschkos, die orangene Revolution, Timoschenkos Hefekranzfrisur, der Sieg im Eurovision Song Contest 2004 (la Suisse avec Piero Esteriore: 0 points) und die riesige Grösse des Landes. Also eigentlich herzlich wenig. So ging es mir auch.

Aber ich kenne Dr. Bruno. Er ist ein guter Freund von mir, Anhänger der AC Milan, und er findet Fussball generell wichtig. Wir treffen uns regelmässig, essen italienisch und diskutieren über alles, was zum Fussball gehört. Seine zweite grosse Leidenschaft gilt den Ländern Osteuropas. So hat er kürzlich Montenegro bereist und dabei in der Hauptstadt Podgorica auf abenteuerlichem Weg ein Trikot des FK Budućnost erworben. Das ist eine eigene Geschichte, die ich Ihnen ein anderes Mal erzähle werde. In der Ukraine war er natürlich auch schon und er hat mit seinen Schilderungen in mir das Reisefieber geweckt. Jetzt können Sie eins und eins zusammenzählen: Wir planen eine Reise an die EURO 2012.

Also bin ich nach einem unserer italienischen Essen schnurstracks in die nächste Buchhandlung marschiert und habe mir einen Reiseführer über die Ukraine besorgt. Nach der ersten Durchsicht war mir klar: Das wird grossartig! Die Ukrainer sind mir jetzt schon sympathisch; sie sind direkt, sie essen gerne deftig, sie fluchen und singen, sie sind neugierig, witzig und selbstironisch. Höchstens die fehlende Infrastruktur könnte unseren Plänen einen Strich durch die Rechnung machen. Eines der vier Stadien, in denen gespielt werden soll, macht noch einen ziemlich unfertigen Eindruck. Nicht einmal einen Namen hat das ‹Neue Stadion› in Lviv! Dr. Bruno ist weniger wegen der Stadien skeptisch, sondern wegen der bescheidenen touristischen Infrastruktur, die er aus eigener Erfahrung kennt, wegen den riesigen Distanzen zwischen den Austragungsorten und vor allem wegen der umständlichen Reiserei («Öffentlicher Verkehr? Vergiss es!»).

Sonnenblume UkraineDa kommt das fröhliche Sonnenblumen-Logo und das zugehörige Video gerade recht. Damit wird die Ukraine für die UEFA EURO 2012 werben und der stellvertretende Premierminister Borys Kolesnikov erklärte vor wenigen Tagen selbstbewusst:
«Vor kurzem war die Ukraine noch Terra Incognita für die meisten Europäer. Mit diesem Werbe-Video und dem Slogan werden wir der Welt die Ukraine näher bringen. Ausländer erhalten die Gelegenheit, uns besser kennen zu lernen.»
Damit sind unsere letzten Vorbehalte ausgeräumt; *) Maultaschen – wir kommen!

Dass die EURO 2012 definitiv näher kommt, werden Sie nächsten Dienstag bemerken: In Warschau wird das offizielle Maskottchen vorgestellt.

@MrsB

Frau B am Samstag den 6. November 2010

«Ich studiere gerade das Anfield Songbook, um mich auf mein erstes Liverpool-Match vorzubereiten. Welche Lieder ausser ‹You’ll never walk alone› soll ich lernen?»

Linda Pizzuti und John W. HenryDas ist das erste, womit ich am Donnerstagmorgen konfrontiert werde. Die Frage stellt Linda Pizzuti, die Frau des neuen Liverpool-Besitzers John W. Henry. Sie fragt natürlich nicht mich persönlich, sondern die Menschen, die auf Twitter ihren Mitteilungen folgen. Ich antworte auch nicht, aber für den Rest des Tages läuft mir das schöne Lied Fields of Anfield Road nach.

Twitter habe ich für mich während des Übernahmedramas des FC Liverpool entdeckt. Man konnte damit der Gerichtsverhandlung praktisch live folgen. Seither lasse ich mich ganz gerne durch die Kurznachrichten von einer ekligen Mehrwertsteuer-Abrechnung ablenken.

«Lügen, Statistiken und Sabermetrics», das ist der Titel von einem der vielen Artikel, die an diesem Morgen zu Damien Comolli erscheinen. Comolli ist seit Mittwoch Liverpools neuer Sportdirektor. Er stand früher in den Diensten der AS Monaco, dann der AS Saint-Étienne, später war er bei Arsenal und zuletzt bei Tottenham Hotspur. Seine Verdienste sind umstritten. Was Sabermetrics sind, fragen Sie am besten Herrn Pelocorto.

«Der 488-reichste Mann der Welt investiert in … die Bedlington Terriers», meldet der Guardian. Wie, wer? Aha, ein Non-League-Team aus Northumberland wird bald zur internationalen Marke – gut zu wissen!

Derweilen startet OptaJoe ein Quiz: «Nur ein einziger aktiver Premier-League-Spieler hat sieben Premier-League-Tore gegen Chelsea geschossen. Wie heisst er?» Hm, muss wohl ein Liverpooler sein, denn am Sonntag spielen die ‹Blues› ja gegen die ‹Reds› und OptaJoe studiert bestimmt schon die Statistiken dazu. Gerrard vielleicht? Torres bestimmt nicht. – Weit gefehlt: Es ist Louis Saha; darauf wäre ich nie gekommen!

«Heute in drei Wochen beginnen ‹The Ashes›», erinnert mich die Zeitung Liverpool Echo. Also das ist nun wirklich ungeheuer wichtig! (The Ashes ist ein sehr traditionsreicher Cricket-Länderkampf zwischen Australien und England.)

OptaJoe meldet sich wieder: «Von allen Premier-League-Spielern, die mindestens zehn Torschüsse abgegeben haben, hat Kevin Nolan die beste Chancenauswertung (38.9%).» Also wenn der Newcastle-United-Captain zehmal aufs Tor schiesst, trifft er 3.89-mal. OptaJoe hat übrigens Brüder in diversen Ländern namens OptaJean, OptaJose, OptaPaolo et cetera und ist eindeutig ein Seelenverwandter von Herrn Pelocorto.

Apropos Herr Pelocorto – ich sollte dringend einkaufen gehen, sonst gibt es heute weder Mittag- noch Abendessen. Die Mehrwertsteuer erledige ich dann morgen.

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Wehmut

Herr Pelocorto am Samstag den 30. Oktober 2010

Objektiv betrachtet spricht alles für den Letzigrund. Die Eingangskontrollen laufen zügig ab, im Inneren ist alles sehr grosszügig, die Stützen-Wurst schmeckt erstklassig und auf der Toilette findet man eine unendlich lange Reihe Designer-Pissoirs. Die Architektur überzeugt; das beinahe frei schwebende Dach hat mir von Anfang an gut gefallen und die roten Sitze geben dem Rund eine warme Atmosphäre. Aber wer ist schon objektiv, wenn es um Fussball geht? Ich nicht.

Meistens bin ich bereits eine Stunde vor Anpfiff im Stadion. Ich schlendere ein wenig umher, werfe einen Blick auf das Angebot beim Fanartikel-Stand, esse eine Wurst, trinke etwas, schaue, ob der Match-Flyer in der Box schon bereitliegt und geniesse die Ruhe. Nur wenige Zuschauer sind auch schon hier. Mir gefällt diese Zeit, wo das Stadion noch nichts weiss von der Erregung und dem Geschrei, die bald herrschen werden.

Jedes Mal, wenn ich den Letzigrund betrete, mischt sich in die Vorfreude und die angespannte Erwartung auf das kommende Spiel auch ein wenig Melancholie. Im Letzigrund bin ich Besucher, vielleicht sogar Gast, aber sicher nicht zuhause. Der Letzigrund ist ein schönes Stadion, aber keine Heimat.

Mehr als drei Jahre ist es her seit dem allerletzten Spiel in unserem Heimstadion. Mit Wehmut denke ich an das alte, hässliche, baufällige Stadion zurück, dessen spröder Charme sich einem nicht beim ersten Besuch erschloss. Ja, ich vermisse den Hardturm.

Im Hardturm

Wann kommt der neue Hardturm? Der Stadtrat arbeite «mit Hochdruck» am Projekt, damit der Wettbewerb für das neue Stadion anfangs 2012 gestartet werden kann. 2013 folgt die Ausführungsplanung, ein Jahr später beginnt der Bau, der vermutlich zwei Jahre dauern wird. 2016 kann angepfiffen werden, vorausgesetzt, dass das Stadtparlament und das Zürcher Stimmvolk nicht vorher schon abpfeifen werden.

Bis wir wieder in einem eigenen Stadion, in unserem Stadion, spielen werden, vergeht noch viel Zeit. Viel Zeit für Wehmut.

Fan, der; -s, -s (begeisterter Anhänger)

Frau B am Samstag den 23. Oktober 2010

Seit es Fussball gibt, diskutieren die Fans darüber, welche unter ihnen die richtigen seien. Sicher nicht jene, welche die eigenen Spieler auspfeifen. Oder doch? Immerhin gehen sie ins Stadion und verstehen etwas vom Spiel, denn sie können gute von schlechter Leistung unterscheiden. Ich selber gehe nicht oft ins Stadion, ich pfeife auch nicht, aber ich applaudiere, wenn mir etwas gefällt, und juble hin und wieder, nicht allzu laut, wohlgemerkt. Ich gehöre also nicht zu denen, die Stimmung machen, und könnte problemlos auf diese Stimmung verzichten, wenn sie darin besteht, lautstark «alle Basler sind schwul» oder «GC, GC, die Scheisse vom See» zu grölen. Ich finde es auch primitiv, bei der Bekanntgabe des gegnerischen Teams bei jedem Namen «Arschloch» zu brüllen.
Meine 73-jährige Mutter, die uns ans letzte Zürcher Derby begleitete, fand das hingegen amüsant. Die Kinder vor mir übrigens auch. So unterschiedlich all diese Menschen sind, sie alle sind sie richtige Fans.

Ich als Liverpool-Fan bin hingegen etwas Besonderes: Ich bin sachkundig, kenne die traditionellen Lieder, respektiere den Gegner und unterstütze die eigene Mannschaft durch Wind und Regen. The Liverpool Way nennt sich das, man tut die Dinge nach Liverpool-Manier. Was genau man darunter versteht, ist meistens Interpretationssache. Schon nach wenigen Monaten die Entlassung des Trainers zu fordern, gehört jedenfalls nicht dazu, auch wenn es in der momentanen Situation mehr als verständlich ist.

So viele einzigartige «Reds»-Fans sind natürlich nicht unter einen Hut zu bringen, darum gibt es viele verschiedene LFC-Fan-Gruppierungen, und auch bei den Internetforen sucht sich jeder das aus, das ihm am ehesten entspricht. Manchmal frage ich mich, ob ich jetzt eigentlich Supporter von einer dieser Organisationen bin oder einfach Liverpool-Fan.

Nicht einmal in der verzweifelten Situation der letzten beiden Jahre, als die beiden Besitzer Hicks und Gillett den Club ruinierten, gelang es, die Mehrheit der Fans um der Sache willen zu vereinigen. «Spirit of Shankly» hatte immer wieder Kampagnen gegen die Ex-Besitzer gestartet und in den Medien eine gewisse Aufmerksamkeit erhalten, aber Tatsache ist, dass längst nicht alle Liverpool-Fans hinter der Union SOS stehen. Elitär sei sie, sagen einige, während andere sich daran stören, dass SOS sich als Sprachrohr für alle Liverpool-Fans betrachte. Besonders stossend war das Verhalten einiger SOS-Mitglieder an der Party zum Saisonende 2009: Sie sangen Lieder über das Flugzeugunglück von Manchester United und wurden dabei gefilmt. Was wohl Bill Shankly, der ein Freund des überlebenden Trainers Matt Busby war, dazu meinen würde?

Mich persönlich hat SOS schon ganz zu Beginn vergrault, als man sich noch «Sons of Shankly» nannte. Gute Güte, ich bin ja nicht einmal ein Sohn!

Richtige Fans

Sind Sie die neue Zwölf?

Herr Pelocorto am Samstag den 16. Oktober 2010

Sind Sie die neue Zwölf?

Yanks out! Yanks in!

Frau B am Samstag den 9. Oktober 2010

Als ich mich am Mittwochmorgen an meinen Computer setze und wie gewöhnlich zuerst einen Blick in «mein» Liverpool-Fan-Forum werfe, traue ich meinen Augen nicht: Gegen Mitternacht hat die offizielle Internetseite des Liverpool FC das Aufsehen erregende Statement publiziert, die beiden Besitzer Tom Hicks und George Gillett hätten versucht, zwei Führungsmitglieder zu ersetzen, um einen Verkauf des Clubs zu verhindern. Zwar kursierten bereits am Dienstag Gerüchte über neue Übernahme-Angebote, aber kaum jemand schenkte diesen ernsthaft Beachtung. Zu oft schon hat ein scheinbarer Interessent einen Rückzieher gemacht. Seltsames schien nun aber an der Anfield Road vor sich zu gehen. Nachdenklich beginne ich mit meiner Arbeit, die News-Seiten im Auge behaltend. Kurz vor halb neun kommt überraschend die Meldung, man habe sich mit New England Sports Ventures über den Verkauf geeinigt! Endlich – Hicks und Gillett, die beiden Parasiten, müssen abtreten!

Ein Blick ins Forum zeigt mir, dass die Fans gleichzeitig erfreut und skeptisch reagieren: wieder amerikanische Besitzer?! – «Was machen wir nun mit all unseren ‹Yanks out!›-Transparenten?», fragt einer. «Am besten noch behalten, vielleicht brauchen wir sie in einem Jahr wieder», meint ein anderer. Glücklicherweise werfen aber die wenigsten Fans alle Amerikaner in einen Topf. Amerikanische Forumsmitglieder, für welche der potenzielle zukünftige Besitzer John W. Henry kein Unbekannter ist, zeigen sich sehr zuversichtlich. Dass der Besitzer des Baseballteams Boston Red Sox ein erfolgreicher Geschäftsmann ist und kein stinkreicher Scheich oder Ölmagnat, für den ein Fussballclub ein Spielzeug ist, freut nicht nur mich. Rote Socken sind mir als Wanderin und Liverpool-Fan fraglos sympathisch, und dass die Red Sox die Todfeinde der New York Yankees sind, welche wiederum mit Manchester United marketingmässig verbandelt sind, nimmt die Fangemeinde der ‹Reds› mit Begeisterung auf.

Mehr und mehr Informationen erscheinen in den Medien. Tom Hicks wird den Deal nicht kampflos über die Bühne gehen lassen, sondern strebt einen Prozess an, da er eine Menge Geld verlieren wird. Aber Martin Broughton, der Präsident des FC Liverpool, ist zuversichtlich, dass die Übernahme stattfinden wird. Ich bin es auch. «Ist irgendeiner von Euch in der Lage zu arbeiten?», fragt ein Fan im Forum kurz nach zehn Uhr in die Runde. Nein, natürlich nicht, wir sind alle furchtbar aufgeregt und unfähig, uns auf die Arbeit zu konzentrieren. Hoffentlich ist die ganze Aufregung nicht vergebens …
NESV's Übernahmeangebot als Wortwolke
Die Wörter, die New England Sports Ventures in einem Statement betreffend Übernahme des Liverpool FC am meisten verwendet hat.

222

Herr Pelocorto am Samstag den 2. Oktober 2010

An meinem Arbeitsplatz sind wir Hopper im Vergleich mit den FCZ-Fans in der klaren Minderheit, aber das hält uns nicht vom Sticheln ab. Schliesslich liegen wir im ewigen Vergleich deutlich vorne und auf den Mund gefallen sind wir schon gar nicht.

Am Montag steht Kollege G. am Kaffeeautomaten, ein Ur-FCZler. So eine Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen: «Bitter, dass Ihr Euer Heimspiel gegen die Basler grad mit 1:4 versiebt habt; diese Basler wären doch zu packen gewesen, oder nicht? Und das Ganze mit zwei Mann mehr auf dem Platz, ts, ts.». Wir haben schliesslich in der Woche zuvor mit einem Rumpfteam auswärts den Baslern ein 2:2 abgerungen und ich weiss, dass G. das auch weiss.

Eine solche säuerliche Miene am Montagmorgen: herrlich!

Auch FCZ-Präsident Ancillo Canepa liefert uns mit seinen unüberlegten Äusserungen in den Medien immer wieder neue Munition für Sprüche. Wenn ‚Cillo‘ etwa seinen Trainer Urs Fischer beschreibt, könnte man meinen, der FC Zürich werde mindestens von José Mourinho trainiert. Ein gefundenes Fressen für uns am Mittagstisch: «Wie kann der FCZ überhaupt noch jemals verlieren? Der Trainer überzeugt zu 200% und das Kader ist reif für den Titel, haben wir jedenfalls gelesen. Wir freuen uns für Euch!»

Genug gespottet, auch wir müssen zwischendurch gute Miene zum bösen Spiel machen. Als etwa der GC Ciriaco Sforza verpflichtet hatte, durften wir uns einiges anhören. Oder die Volker-Eckel-Geschichte mit dem 300 Mio. Franken; das waren ganz unschöne Kaffeepausen …

Der FCZ ist schon mein Lieblingsgegner und ich freue mich auf jedes Zürcher Derby. Mir kommt es vor, als spielten wir schon ewig gegen den FC Zürich. Als zum ersten Derby angepfiffen wurde, da waren die meisten der heutigen Super-League-Clubs noch gar nicht gegründet. Morgen findet der Klassiker zum 222. Mal statt und ich hoffe, dass uns wieder einmal ein atemberaubender Aussetzer Nachschub für neue Spöttereien liefert. Gerne erinnere ich mich an den 2. Oktober 2005, als wir vom FCZ nach Belieben dominiert wurden und wir nur mit viel Glück nicht zurücklagen. Dann kam die 89. Minute. Torhüter Johnny Leoni setzte zu einem völlig unmotivierten Dribbling an der Seitenlinie an und verlor prompt den Ball an Dos Santos, der ohne Mühe zum 1:0 einschiessen konnte. Dann Abpfiff, Geschrei und Glückseligkeit.

Sie treffen mich morgen im Stadion an.

Zürcher Derby: Urs Fischer am Boden