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Chaos auf Martinique

Briger am Montag den 24. Februar 2020

Der Fussball auf Martinique hat ein Gewaltproblem.

Am 20. Januar beschloss der Ligaverband auf Martinique, dass der Spielbetrieb für zwei Wochen zu ruhen habe. Zumindest die drei Regionalligen der Männer (R1-R3), Frauen und Junioren und Futsalspieler waren nicht betroffen.

Angefangen hat alles mit dem Spiel Club Franciscain und Club Colonial in der 1. Liga (R1) am 11. Januar. Der 25-jährige Damien Rosa, hauptamtlich Polizist, beschloss nach der Partie, bis Ende Saison nicht mehr zu pfeifen.

„Ich wurde von einer Flasche am Kopf getroffen, auf mein Auto, in dem meine Frau sass, wurden Steine geworfen. Meine Angehörigen wurden in aller Öffentlichkeit belästigt und bedroht.“ Kollegen zeigten sich solidarisch und beschlossen zu streiken.

Eine Woche später greift Pierre-Justin Mélinard, der Präsident des Teams Anses d’Arlet FC mangels Schiedsrichter zur Pfeife – er sieht sich Aggressionen ausgesetzt und die Liga reagiert. Zwei Wochen Pause.

Wer hier nun einen kollektiven Schulterschluss erwartet hätte, sieht sich getäuscht.
Erick Littorie, Präsident des Club Franciscain, warf Rosas Linienrichter danach vor, dem Publikum den Mittelfinger entgegen gestreckt zu haben. Rosa habe ohne Probleme in die Kanine zurückkehren können. Er hätte vom Schiedsrichter erwartet, dass man sich am Morgen danach zusammensetze, auch wenn er die Gewalt natürlich verurteile.

Auch vom Liga-Präsidenten Samuel Péreau gibts keine Unterstützung. Rosa habe das Stadion zu früh verlassen – Rosa sagt, er habe 60 Minuten nach Schlusspfiff das Stadion verlassen – und sich medial zu fest exponiert. Gerade im Hinblick auf die Untersuchungen hätte er sich zurückhalten sollen. Einige Schiedsrichter beschlossen daraufhin, den Streik zu verlängern, was den Ligachef wiederum zur Aussage verleitete, man könne auch alles übertreiben und niemand sei perfekt.

Am 7. Februar dann die Urteile: Der Club Franciscain darf sechs Monate nicht mehr vor Publikum spielen, der Sicherheitschef und der Clubarzt werden für acht resp. 12 Monate gesperrt und der Finanzchef für fünf Spiele.

Rosa findet das alles zu wenig, da die Urteile sicher noch nach unten angepasst würden, aber es sei besser als nichts.

Beim Club sieht man sich als Opfer, an dem ein Exempel statuiert werde.

Immerhin: bei einem Punkt wurden sich alle einig, die Gewalt im Fussball auf Martinique ging in den letzten 20 Jahren zurück, im Gegensatz zur Gewalt auf der Insel allgemein. 2019 gab es 25 Morde, der Fussball will zur Befriedigung der Insel beitragen. Gefahr droht dem Fussball in Martinique auch von demografischer Seite, 2017-2019 verliessen 10‘000 Leute die Insel, bis 2030 dürfte Martinique das älteste Département Frankreichs sein.

Doch zurück in die Gegenwart: Letzten Freitag, die Éveil des Trois-Ilets aus der R3 feierte einen überraschenden Cupsieg im Achtelfinale der Coupe de Martinique mit dem Sieg gegen die US Robert (R1) – das Spiel wurde von Zwischenfällen überschattet.

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18 Kommentare zu “Chaos auf Martinique”

  1. Eigentorschützenkönig sagt:

    “Das sind no Emotione – ode, wa meinch du Alaing?”

  2. Alleswisser sagt:

    Kanine

    Kabine oder Kantine?
    Tee oder Kaffee?

    schwierige Fragen, passend zum problematischen Nachmittagsbeitrag.

  3. Harvest sagt:

    älteste Département Frankreichs

    Kann ich demfall davon ausgehen, dass sich das Gewaltproblem langfristig von selbst löst?

  4. Renz sagt:

    Sie können sich nicht vorstellen, was für Schäden man mit einem Rollator beim Schiedsrichterauto anrichten kann, Herr Harvest.

  5. spitzgagu sagt:

    Vielleicht hat es mit Hunden zu tun, Herr Alleswisser. Zwinger oder so.

  6. dres sagt:

    Danke, Herr Briger, dass mit Ihnen wieder Internationalität in diesen Blog zurückkommt. Diese Bratwurstpossen sind dann irgendwann auch wie ausdiskutiert. Allerdings verstehe ich nicht, warum die Mitmenschen auf Martinique überhaupt Fussball spielen müssen. Dort taucht man mit Tigerhaien und plagt keine Polizisten.

  7. Senffan sagt:

    Und keine schöne Geschichte, wie sie nur der französische Fussi schreibt, nämlich wie eine Mannschaft nach Frankreich fliegt, um Cup zu spielen?!

  8. zuffi sagt:

    Wie ich nach Guillaumes 1. Versuch angerumpelt raus eines rauchen ging und die Wiederholung wirklich rein zufällig mitbekam …

    Ich meinerseits habe direkt nach Parade ausgeschaltet und war gute 2 1/2 Stunden stinkig. Bis ich nachschauen wollte, ob der Basler den Vorsprung über die Runden gebracht hat oder nicht.

  9. Frau Götti sagt:

    beim Club sieht man sich als Opfer

    Das erinnert mich jetzt irgendwie an etwas, bloss an was?

  10. Nörgel sagt:

    der Fussball will zur Befriedigung der Insel beitragen

    Geschichten, wie sie nur der Fussball zu schreiben vermag!

  11. Renz sagt:

    Mich haben die jubelnden Nachbarsbuben auf die unerwartete Wendung aufmerksam gemacht.

  12. dres sagt:

    Ich habe a) die Parade vorausgesagt und b) war mir klar, dass Hoarau beim zweiten Versuch treffen würde. Wir sind ein Medium, dass es nicht mehr normal ist.

  13. spitzgagu sagt:

    Mich persönlich hat ja das 0-0 bei Lugano-Sion am meisten gefreut.

  14. spitzgagu sagt:

    Ohalätz! Die Liga-Mafia schiebts auf die FIFA-Mafia. Jetzt haben wirs: Schuld ist das Oberwallis!

  15. Natischer sagt:

    *hüstel* …

  16. dres sagt:

    Ui, erster Fall von Coronavirus…

  17. Natischer sagt:

    Etwas, was Corona heisst, hat bei mir keine Chance.

  18. Fallrückzieher sagt:

    Haben die auf Martinique eigentlich auch einen VAR? Oder brauchen sie den nicht angesichts der Emotionen, die auch ohne ihn geschaffen werden? Und gibt es dort auch grün-weisse Fans, die nicht (Punkte) verlieren können?