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Trennung von Kirche und Stadion?

Newfield am Montag den 12. Oktober 2009

BREAKING NEWS: Aarau ersetzt Trainer Saibene durch Vizemeistertrainer Andermatt

Klagen darüber, dass Menschen immer weniger singen, schärfen unabhängig davon, ob die Klagen durchwegs zurecht erhoben werden, immerhin das Ohr für die Orte, an denen es noch praktiziert wird. Dazu gehören die Kirchen und die Fussballstadien, die vordergründig wenig miteinander zu tun haben.

Absolut grundlegend: Der Fan singt prinzipiell auswendig. Stadiongesänge kommen aus oral tradition, mündlicher Überlieferung, eine ursprüngliche, ethnologisch gesprochen «primitive» Kultur. Gäbe es ein Fan-Gesangbuch, wäre das ein Indiz für nachlassende Ursprünglichkeit und Lebendigkeit.

Das Repertoire ist erstaunlich. Reinhard Kopiez berichtet 1998 von einem Repertoire von 26 Liedern, das die Fans von Borussia Dortmund in einer Halbzeit anwenden. Aufs Ganze gesehen muss der Fan im Durchschnitt, um dazuzugehören und bei der Stadionliturgie mitmachen zu können, insgesamt zwischen 40 und 50 verschiedene Rhythmen, Rufe und Lieder beherrschen. Morris nennt gar 150 Gesänge mit 50 verschiedenen Liedern, die ein Fan in England für ein durchschnittliches Spiel braucht.

Mit ihren Gesängen unterstützen und stärken die Fans die eigene Mannschaft, drücken Hoffnung und Lobpreis aus, sie verarbeiten im Singen die eigenen Emotionen, Freude wie Enttäuschung, und sie geben ihren aggressiven Gefühlen Ausdruck, indem sie mit verschiedenen Gesängen den Gegner kritisieren, rituell beleidigen und schwächen, vor allem den gegnerischen Torwart. Auch der Schiedsrichter soll beeinflusst werden. Das kann für die Fans anstrengend sein. Deshalb charakterisieren Kopiez und Brink die Fangesänge insgesamt eher als «Arbeitsgesänge» denn als Gesänge zur Selbstdarstellung.

Desmond Morris spricht von «hymns of praise and songs of hate».
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Alles, ausser Titel und Bilder, was Sie soeben (eventuell) gelesen und gesehen haben bzw. noch werden, sind Zitate aus einem ebenso zeitlosen wie unentbehrlichen Dokument, das uns unser Mehrfach-A-Leser, -Kommentierer und -Dichter Herr Lich zugespielt hat.

Fangesänge werden nicht mit der Stimmgabel angestimmt. Es gibt ein kollektives Tonhöhengedächtnis, das über das Körpergedächtnis gesteuert wird, insofern der Kehlkopf bei Laienstimmen nur bis zu einem bestimmten Spitzenton Spannung zulässt bzw. ohne bleibende Schäden erträgt. Untersuchungen zeigen, dass die höchsten Töne von Liedern und Rufen sich am häufigsten bei fis’ einpendeln. Höher als g’ geht nichts im Stadion.

Um in diese Trance zu kommen, ist dreierlei hilfreich und für die Stadionrituale kennzeichnend: nichtalltägliche Kleidung, nichtalltägliches Verhalten und narkotisierende Getränke. Dies sind die drei klassischen Accessoires des Schamanismus bzw. der archaischen Ekstasetechnik.

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19 Kommentare zu “Trennung von Kirche und Stadion?”

  1. häck sagt:

    Also ich habe immer das Gefühl, dass das D etwa drei Lieder kennt, davon aber nur die 1. Strophe halb, angestimmt sind sie zu viel zu tief, und dienen ausschliesslich der Selbstdarstellung…

  2. Herr Lich sagt:

    Das haben Sie aber wunderschön gemacht, Herr newfield! Ich fühle mich fast ein bisschen geehrt, dabei in erster Linie Sie das Lob verdient für die kunstvolle Umsetzung. Und auch den Titel!

  3. sitting dino sagt:

    guten morgen, fantastischer beitrag auch hier, maximus!

    amen

  4. Baresi sagt:

    Trennung von Kirche und Stadion?

    Nein, warum auch

  5. Khathran sagt:

    Sehr schöne, Herr newfield. Und aber auch Herr Lich. Guten Morgen.

  6. Herr Lich sagt:

    Interessant ist ja auch, dass dieser Herr Desmond von Beruf Zoologe war. Dies nur als Anmerkung zur Anmerkung des Herrn häck.

  7. häck sagt:

    Der olle Desmond hat übrigens 1981 ein Buch namens «The Soccer Tribe» rausgegeben. ISt noch ganz lustig zu lesen.

    Und er hat auch etwa 100 BBC-Dokus zu menschlichem Verhalten in allen Lebenslagen gedreht.

  8. Pipistrella sagt:

    Andermatt soll Saibene ersetzen. Kommt das gut?

  9. Khathran sagt:

    Aus der Serie “Deutsche Tageszeitungen bekennen sich zu YB”. Heute: die TAZ.

    TAZ

  10. Tom Bombadil sagt:

    Ich finde das Stadion ersetzt die Kirche vollumfänglich. Huldigen wir doch noch etwas unseren Göttern: “Doumbia my Lord, Doumbia…”

  11. Tom Bombadil sagt:

    Öh irgendwie ist jetzt alles fett und das ist ech unüblich

  12. Tom Bombadil sagt:

    Könnte jemand aus der Redaktion bei den eingeflickten Breakin News auch noch das Fettschreiben schliessen. Das wäre äusserts erfreulich.

  13. HeRrr99 sagt:

    Uppsala.

    Dann peitsche ich jetzt mal den Redaktionsstreller aus.

  14. Natischer sagt:

    Ich werde ehrlich nie wieder an ein Auswärzsspiel der Schweizer Fussballnationalmannschaft reisen.

    Guten Morgen. Liege fiebrig zuhause. *grmbl*

    Und nein, ich kann das sehr wohl von einem Hangover unterscheiden.

  15. Alä Sutter sagt:

    Ich werde ehrlich nie wieder an ein Auswärzsspiel der Schweizer Fussballnationalmannschaft reisen.

    Am Mittwoch dann also in Basel, Herr Natischer!? “Schwiiiiiiiiizr Natsi eh olé!”

  16. Natischer sagt:

    Also die Zugsfahrten waren zimmli lustig, aber was da so für Bauern hinfahren – das geht ehrlich auf keine Kuhtreichel. *zeter*

    Und dann merken die Göicha noch nicht mal, dass sie Alkoholfreies trinken.

  17. Rrr sagt:

    Liege fiebrig zuhause

    Darm-Alarm im Runden Leder! Bleiben Sie mir gefälligst mindestens eine Woche fern von der Redaktion, Herr Natischer.

  18. […] Trennung von Kirche und Stadion? | «Zum Runden Leder» "Untersuchungen zeigen, dass die höchsten Töne von Liedern und Rufen sich am häufigsten bei fis’ einpendeln. Höher als g’ geht nichts im Stadion." (tags: musik stadion fans wissenschaft) […]

  19. Anonymous sagt:

    Pff, Herr Natischer. Wer hat schon Grippe.
    Ich werd wieder mal einen Fuss hochlager. Evtl war das mit dem Alk doch nachhaltiger als angenommen.