Keine Menschen, sondern «Wesen» mit Federn

Als die Ferne noch ein Versprechen war: Das Berner Kornhaus­forum zeigt Reportagebilder von Freddy Drilhon.

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Das Haus Tambaran ist Ort der Dämonen. Das Pangol, die Stirnfront des gut zwanzig Meter hohen Gebäudes, das wie ein «sitzendes Ungeheuer» aussehe, wie Katharina von Arx den Lesern der «Sie + er» erzählte, ist reich bemalt: Es sind die wachsamen Augen der Ahnen, die zu den Lebenden hinunterschauen. Mapirk am Sepik, Papua-Neuguinea, 1958.

Man muss sich eine Welt vorstellen, die noch kein Dorf war, sondern viel grösser als die von heute; in dieser Welt zudem eine Frau und einen Mann, die sie bereisten, um dem Illustrierten­publikum daheim von ihren Abenteuern zu berichten, von den Wundern fremder Leute und Länder, und das alles in einer Zeit, als die Ferne noch ein Versprechen und das Fern­sehen gerade erst ­erfunden war.

Es ist die Geschichte von Freddy Drilhon (1926–1976) und Katharina von Arx (1928–2013); er Fotograf aus Frankreich, sie Reisereporterin aus der Schweiz. Dass sich die beiden in der Südsee fanden und als Paar heimkamen, ­wobei ihre Liebe dann gerade dar­­an tragisch scheiterte, also am Kauf eines Anwesens in der Waadt und daran, dass hier zwei Seelen sesshaft werden sollten, die doch globe­trottend ihren Platz im Leben gesucht hatten – das macht die ganze Geschichte filmreif. Den Film hat der Autor und Regisseur Wilfried Meichtry gedreht; «Bis ans Ende der Träume» läuft derzeit im Kino. Zudem gibt es Bilder zur Geschichte, und die zeigt jetzt das Kornhaus­forum. Neben tagebuchartigen Tuschezeichnungen, die Katharina von Arx unterwegs zu Papier brachte, sind es Freddy Drilhons Fotos zu den Reportagen, von denen viele von Arx schrieb. Zum Beispiel Papua-Neuguinea 1958 (oben), die Bewohner eines Dorfs am Sepik. Oder 1952, das Ritual auf der Insel Pentecost, bei dem sich junge Männer von einem Turm in die Tiefe stürzen, die ihr Tod wäre ohne die Liane, die sie sich an die Füsse binden.

«Wilde» – so hiessen die Bewohner der Südsee in den Reportagen, die von Arx und Drilhon ­damals publizierten. Und auch nicht Menschen, sondern eher «be­federte Wesen». Leider weiss man nicht, was sie selber von den zwei Weissen hielten, die sie besuchten; mitunter waren es die ersten Weissen überhaupt. Aber auf manchen von Drilhons Bildern blicken sie zurück. Und stellen einem so die Frage, was sie da sahen. Und wer hier eigentlich wen entdeckte.

«Abenteurerin und Fotograf. Reisen und Leben von Katharina von Arx und Freddy Drilhon»:

bis 17. März im Kornhausforum Bern, Galerie im zweiten Stock

Das Haus Tambaran ist Ort der Dämonen. Das Pangol, die Stirnfront des gut zwanzig Meter hohen Gebäudes, das wie ein «sitzendes Ungeheuer» aussehe, wie Katharina von Arx den Lesern der «Sie + er» erzählte, ist reich bemalt: Es sind die wachsamen Augen der Ahnen, die zu den Lebenden hinunterschauen. Mapirk am Sepik, Papua-Neuguinea, 1958.

Eine Reisereportage im Mai 1958 in «Sie + er» beendete Katharina von Arx etwas resigniert: «Die Dämonen von Neuguinea haben uns müde gemacht. Alle Weissen ermüden in diesem Land, nach einem temperamentvollen Anlauf. Neuguinea ist eben nicht für uns erschaffen worden.» Am Sepik, 1958.

Wer entdeckt hier wen? Restaurant, vermutlich Goroka, 1958.

In einer mehrteiligen Reportage unter dem Titel «Eine weisse Frau bei den Wilden Neuguineas» berichtete Katharina von Arx 1957 in der Schweizer Illustrierten «Sie + er» wöchentlich über ihre Reise in die sogenannt verbotenen Zonen des Landes. Freddy Drilhon war der Fotograf der Berichte. «Befederte Wesen» nannte von Arx…

… die Männer zunächst, denen sie auf der Reise ins Chimbu-Tal 1957 begegnete. Die mit Federn geschmückten und farbig geschminkten Stammesangehörigen waren ihr so fremd wie sie ihnen.

Bungee-Jumping an Lianen: Auf der Pentecost-Insel im Pazifischen Ozean fotografierte Freddy Drilhon die Sprünge der jungen Männer von hohen Türmen – die Reportage wurde weltweit publiziert. 1952.

«Ich betrachtete die Männer durch mein Teleobjektiv: Mit weit offenen Augen, im Gesicht Schweissperlen und ein stolzes Lächeln stehen sie hoch oben auf dem Gerüst und blicken in die Tiefe. Offenbar haben sich die meisten von ihnen mit einer mysteriösen Droge berauscht, die der Medizinmann ihnen verabreicht hat. Dann wird die Stimmung der Menschenmenge am Fuss des Gerüsts immer aufgeheizter und fiebriger… die Masse brüllt und tobt. Schliesslich springen sie, einer nach dem andern, und erst kurz vor dem harten Aufprall auf dem Erdboden wird ihr freier Fall von den an ihren Füssen befestigten, straff gespannten Lianen abgebremst, an denen die Männer dann kopfüber hängen. Unter Ovationen werden die Krieger kurz darauf von den Lianen befreit.» (Freddy Drilhon)

In den Eastern Highlands von Papua-Neuguinea lebt das Volk der Fore. In den Fünfzigerjahren wütete unter den damals völlig abgeschieden von der Zivilisation lebenden Stämmen eine heimtückische Krankheit: Kuru – was in der Sprache der Einheimischen Muskelzittern bedeutet –, eine Prionenkrankheit. Man nannte sie «The Laughing Death». Ihre Ursachen wurden im Verzehr von Menschenfleisch vermutet. Ein Fore-Stamm waren die Kukukuku. Sie beerdigten ihre Toten nicht, sondern räucherten sie aus und behielten die mumifizierten Überreste unter sich. Der junge Mann trägt seinen Vater auf der Schulter. Späte 1950er-Jahre.

Nicht näher dokumentierte Aufnahme von Freddy Drilhon aus der Zeit der Reise mit Katharina von Arx durch Neuguinea. 1957/58.

4 Kommentare zu «Keine Menschen, sondern «Wesen» mit Federn»

  • Rusterholz Andreas sagt:

    Rassismus pur. auch in Papua Neuguinea leben menschen.

  • Urs Schnell sagt:

    Spannende Ausstellung. Gefällt mir!
    Drilhon sehnte sich nach der Weite der „mers du Sud“, sog die Fremde der Inseln in sich auf. Und wusste gleichzeitig, dass er ein Eindringling war: „Combien de temps me laisserai-je ballotter entre les îles que perdront de leur charme quand l’attrait de l’inconnu aura disparu?“

  • Margot sagt:

    Fantastische Fotos. Wir sind übrigens nicht anders „gebaut“ als jene Leute aus Papua-Neuguinea, wir glauben das nur…

    • Lori Ott sagt:

      Das von Ihnen kolportierte Märchen, dass jene Leute anders gebaut seien als wir, höre ich heute zum ersten Mal. Darf ich fragen woher es stammt? Dem Text dieses Fotoblog bzw. der beschriebenen Reportage kann ich es nicht entnehmen.

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