«Ich» und «Wir»

Dokumentarfotografie, die sich dem spannenden Verhältnis der beiden Gegenüber widmet.

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Das Fotografiefestival «Fotodoks» in München zeigt dieses Jahr Arbeiten von Künstlern, die sich mit dem Thema ME:WE auseinandergesetzt haben. Eine Bewegung in beide Richtungen: Das Individuelle auf der einen und das Kollektive auf der anderen Seite. Gemeinsam mit dem Gastland USA widmen sich die 19 Fotografen und Fotografinnen diesem Spannungsverhältnis auf persönlicher, politischer und medialer Ebene. Wir zeigen eine kleine Auswahl der Arbeiten:

Endia Beal: Die Fotografin näherte sich bei ihrer Serie «Can I Touch It» weissen Frauen in den Vierzigern und versah sie mit Frisuren, die typischerweise bei schwarzen Frauen gemacht werden. Nach der Veränderung posierten diese für klassische Firmenporträts. Nicht nur die physische Diskrepanz zwischen einer weissen Frau und ihrem schwarzen Haar fällt auf, sondern all die komplexen Geschichten und Unterstellungen, die diese Diskrepanz bei den Betrachtern so offenkundig machen.

Ellen, aus der Serie «Can I Touch It?», 2013 (Endia Beal)

Christina, aus der Serie «Can I Touch It?», 2013 (Endia Beal)

Mike Mandel und Chantal Zakari: Am 19. April 2013 befahl Massachusetts Gouverneur den Einwohnern von Watertown, ihre Häuser nicht zu verlassen, «to shelter-in-place». Denn eine Fahndung nach dem Boston-Marathon-Bomber Dzhokhar Tsarnaev wurde initiiert. Bald war eine riesige militärisch geprägte Fahndung im Gange, eine der grössten in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Diese scheiterte und der Befehl wurde aufgehoben. Eineinhalb Stunden später entdeckte ein Anwohner Tsarnaev unter der Abdeckung seines Bootes. Die Arbeit ist eine Sammlung von Bildern, die alle im Web gefunden und chronologisch nach Kategorie und Ort geordnet wurden, um einen enzyklopädischen Überblick dieser Menschenjagd zu geben.

Lockdown Archive, 2015 (Mike Mandel & Chantal Zakari)

Lockdown Archive, 2015 (Mike Mandel & Chantal Zakari)

Stefanie Moshammer:  Las Vegas: Eine Art buntes Parallel-Universum neben dem restlichen Amerika. Einer entwickelten städtischen Kultur und eines traditionellen Erbes beraubt, entwickelt sich die Stadt zu einem gigantischen Vergnügungspark. In dieser ambivalenten Welt verbrachte Stefanie Moshammer einige Monate, um an «Vegas and She» zu arbeiten, einem Porträt dieser künstlichen Stadt und ihrer Bewohner und Bewohnerinnen. Es zeigt die grelle Welt der Erwachsenenunterhaltung, der Stripper und Stripperinnen und die vorhandenen zwielichtigen Zonen.

Vegas and She, 2014/15 (Stefanie Moshammer)

Vegas and She, 2014/15 (Stefanie Moshammer)

Richard Renaldi: Die in 2007 gestartete Serie «Touching Strangers» thematisiert die Annäherung an Fremde, indem diese für ein Porträt posieren und dabei körperlich interagieren, sich gegenseitig berühren. Renaldi begegnet den Menschen auf den Strassen mit einer Grossformat-8×10-Inch-Kamera und kreiert Paare und lädt sie ein, gemeinsam zu posieren, auf intime Art und Weise, wie sie es normalerweise nur mit engen Freunden und ihren Liebsten machen würden. Er schafft spontane und flüchtige Beziehungen zwischen Fremden für die Kamera und drängt sie dabei oftmals aus deren Komfortzone.

«Touching Strangers»: Sonia, Zach, Raekwon, and Antonio ; Tampa 2011. (Richard Renaldi)

«Touching Strangers»: Nathan and Robyn; Provincetown 2012. (Richard Renaldi)

Sofia Valiente: Im Süden Floridas liegt eine kleine Gemeinde namens Miracle Village, die Heimat von über 100 Sexualstraftätern. Sie wurde vor sieben Jahren von einer christlichen Organisation gegründet und versucht, diesen zu helfen, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Die gesetzliche Regelung, dass sich Sexualstraftäter bis mindestens 800 Meter keinen Bushaltestellen, Schulen oder Orten, wo sich Kinder versammeln, nähern dürfen, erschwert die Eingliederung besonders. Sofia Valiente lebte mit ihnen und fotografierte die Bewohnern. Valientes Projekt behandelt Fragen des Vertrauens, die Lebensrealität von Sexualstraftätern, Stigmatisierung, Missverständnisse, den Verlust von Familie sowie deren Zugewinn und die Dankbarkeit einen Ort zuhaben, den man Zuhause nennt.

Doug lebte in einem Zelt im Wald, bevor er nach Miracle Village kam. Durch die gesetzlichen Regelungen war es ihm nach der Haft nicht möglich, nach Hause zu ziehen. (2014, Sofia Valiente)

David verräumt mit Matt die Weihnachtsdekoration. Für ihn war Miracle Village die Rettung: Vor seiner Inhaftierung war er in die Drogenszene geraten und jetzt kann er in einem anständigen Haus wohnen, wo er sich auch wohlfühlt. (2014, Sofia Valiente)

 

 

 

 

 

 

Plakat_Fotodoks_2017

Die Fotodoks-Hauptausstellung ME:WE ist in der Lothringer13 Halle in München vom 12. Oktober bis 26. November 2017 zu sehen. Parallel ergänzt eine Ausstellung im Amerikahaus das Programm.

Weitere Informationen gibt es auf der Homepage.

3 Kommentare zu ««Ich» und «Wir»»

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