60 Grad zwischen den Füssen

Christian Aeber­hard hat eine Rekrutenschule begleitet. Und über die phänomenale Liebe zur Ordnung gestaunt.

 

Ist Ordnung schon das halbe Leben? Im Zivilleben vielleicht. Hier ist sie das ganze (zumal es im Dienst ohnehin kein anderes Leben mehr gibt). Der Fotograf Christian Aeberhard hat eine Rekrutenschule begleitet, und zwar die Infanterie-RS 13 in Liestal, vom Besuchstag über die Durchhalteübung bis zur Entlassung. Und es hat ihn schon interessiert, warum die angehenden Füsiliere so oft mit Dingen beschäftigt werden, die mit der Landesverteidigung eigentlich nichts zu tun haben, mit Haushaltsarbeit aber sehr viel: ein- und aufräumen, putzen und fegen, reinlich und ordentlich sein. Und wer den 35-Kilometer-Marsch übersteht und es binnen neun Stunden zurück in die Kaserne schafft, der wird als Erstes belohnt mit dem Schuhputzbefehl, bevor er mit Blasen an den Füssen ins Wochenende abtritt.

 

 

«Natürlich gewinnt man den Krieg nicht wegen sauberer Schuhe», sagt Christian Aeberhard. «Aber das behauptet keiner in der Armee. Der Zwang zur Ordnung ist ein Instrument für etwas anderes: Man schafft Disziplin.» Nicht umsonst erreicht die phänomenale Liebe des Militärs zur Akkuratesse einen Höhepunkt an der Inspektion, für die sogar der Winkel zwischen den Soldatenfüssen standardisiert wird, auf 60 Grad, mit einem Pannendreieck. Hier würden nicht die Rekruten geprüft, so Aeberhard: «Vielmehr müssen die Vorgesetzten ihren Vorgesetzten beweisen, dass sie ihre Leute im Griff haben und aus ihnen eine Truppe formen können, in der nichts Individuelles das Bild der Einheit stört.»

 

Selber sei er vor 27 Jahren mit erheblichem Optimismus eingerückt, erzählt Aeberhard – und natürlich habe er sehr schnell gemerkt, was der Verzicht aufs Individuelle bedeute: «Ich fand es enttäuschend.» Und ja, es komme auch beim Fotografieren auf das Aufräumen an, auf die Ordnung visueller Elemente im Bild. «Aber das ist dann meine eigene Ordnung», sagt der Fotograf, «ich muss sie selber suchen und finden.»

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Christian Aeberhard  (*1970) ist als freischaffender Fotograf Mitglied der Fotografen Agentur 13 Photo. Mehr zu seinem fotografischen Projekt über die Rerutenschule gibt es hier zu sehen.

 

15 Kommentare zu «60 Grad zwischen den Füssen»

  • Burri Thomas sagt:

    Jeder auf der Welt, egal in welcher Armee er Dienst leisten wird, weiss dass dort Ordnung herrschen muss. Dies praktiziert ja nicht nur die Schweiz weil sie keine Feinde hat. Für mich war eines der Grössten Dinge, die Sinn machten in der Armee, die Ordnung. Als junger Mann, manchmal zuviel Testosteron, vieleicht noch leicht pubertärer Kopf, tat es mir gut dass Vorgesetzte, kaum älter als ich, mir befahlen das Bett sauber zu beziehen. Nun war es nicht mehr die 25 Jahre ältere Mutter. Wer einmal Dienst geleistet hat versteht vieleicht auch etwas mehr, wieso es wichtig ist, dass verschwitzte Stiefel sauber sein müssen. Wieso ein Schlafsaal mit 20 – 40 jungen Männer ordentlich sein muss. Sonst wäre die Materialschlacht perfekt. Bei uns brach eine Seuche aus, danach schätzt man Ordnung wieder.

  • R. Wenger sagt:

    Es wundert mich nicht, dass immer mehr den Zivildienst wählen. Solche Kindereien haben nichts, absolut garnichts, mit der Landesverteidigung zu tum.

    • Daniel sagt:

      Doch, haben sie. Das findet man aber oftmals erst im Nachhinein heraus. Ohne Disziplin und Ordnung ist eine Armee nicht einsatzfähig und folglich keine Landesverteidigung möglich.

  • Marius Möller sagt:

    Ich bin für die Armee, weil sie eines der wenigen Dinge der Schweiz ist, die wir gemeinsam haben. Wir lernen in der Armee, dass es verschiedene Mentalitäten, Intellekte, geografische Räume etc. gibt. Ohne Militär wäre ich nie in Lostorf (SO) gewesen und hätte nie mit einem Bauern und einem Arzt zusammen gejasst. Das Militär ist eines der wenigen Dinge über die sehr viele Schweizer sprechen können und gemeinsame Erinnerungen haben. Dies ist gerade in der heutigen zeit viel mehr Wert als manche(r) denkt.

  • Koller sagt:

    Unsere jungen Rekruten oder Soldaten müssen doch mit irgend was beschäftigt werden! War bei uns schon so vor über 50 Jahren.

  • Peter Müller sagt:

    Wenn man Dienst tut für die Landesverteidigung sollten diejenigen, die kein Land in der Schweiz besitzen solches vom Staat überschrieben bekommen.
    Weshalb soll ich das Land von Herrn Roger Federer verteidigen, eigenes habe ich ja keines, währenddem der in Wimbledon hockt und Erdbeeren mit Schlagsahne isst oder das Land von Erich Hess auf dem er sein Auto parkt? Da kann ich gerade so gut das Land vom Prinz von Kamerun verteidigen. Das fühlt sich genauso als mein Vaterland an.

  • Nick sagt:

    Bei diesen ganzen (sachlich) sinnlosen Befehlen geht es um genau Eines: Konditionierung durch Wiederholung. Was der (Unter)Offizier anordnet wird gemacht. Punkt. Immer wieder. Bis eines Tages (hoffentlich nicht) der Befehl kommt, das Leben zu riskieren („Raus aus dem Schützengraben zum Angriff“ oder so). In diesem Moment muss der Soldat so daran gewöhnt sein, zu tun was befohlen wird, dass der Instinkt zum Überleben geringer ist als die der blinde Gehorsam.

    • Alois Fischer sagt:

      Schön, dass dieses Argument wieder einmal zum Totschlag dienen soll. Da kommt mir spontan ein Seilbahnunglück in den Sinn, das sicher 20 Jhre her ist. In der Tunnelstation einer Standseilbahn brach ein Brand aus und wie jeder Feuerwehrexperte bestätigen wird, flüchteten auch die Passagiere in den Wagen instinktiv „nach oben“, also die Treppe im Tunnel rauf.Genau falsch und es gab zahltreiche Tote und Verletzte mit schweren Rauchvergiftungen. Und genau darum geht es: Im Chaos den „Kopf“ nicht verlieren und den Befehlen (nicht blind!) zu gehorchen, es ist möglich, dass die von erfahreneren Kameraden kommen. Weiteres Beispiel: Chaos auf der Titanic. Der Instinkt zum Überleben funktioniert eben meist genau gegenteilig.

    • Karl von Bruck sagt:

      Siehe die „Spiel“filme „Gallipoli“ und „Wege zum Ruhm“, welche die instinktwidrige, aber zum Kriegsgenuegen unerlaessliche Abrichtung und deren Missbrauch durch ruhmsuechtige Generaele traef dokumentieren. Intressant ist noch, dass die Filmzensoren der Kantone, den zweitgenannten Film ab 1958 verboten und erst im Laufe der Siebzigerjahre freigaben. Heute wird das Internet nicht nur vom Staat, sondern auch von Privaten zensuriert. Die Zensur ist zwar in der „nur nachgefuehrten“ Verfassung verboten, aber sie funktioniert perfekter denn je….

  • Bruno Froehlich sagt:

    Ganz klar, die Schweizer Armee entscheidet den Kampf gegen den Bö-Fei mit der korrekten Fussstelung, kontrolliert mit dem Pannendreieck – so herrlich sinnbildlich das Aufhaengerbild des Artikels uedber die Ferientruppe die enorm Geld verschlingt, das mangels einer Standortbestimmung ; „was soll die Armee, was kann sie, was kann sie niemals erfuellen“, sinnlos versickert allein fuer die Planspiele der Armeefuehrung, den Spitzenoffizieren, diese von Luftwaffe traeumend, aber Soldaten sich langweilen im WK und vielerorts querbeet Schweiz Beizenumsaetze steigern. Hoechste Zeit fuer eine andere Armee, eine die glaubhaft ist, ohne Koepfe an der Spitze die Volk Schutz vorgauckeln der jetzt Illusion, allein Mibilisierung, 4 Tage, ein schlechter Witz, wir schufen dies noch in 24 Stunden.

  • Arne Tvedt sagt:

    Gewinnt man so einen Krieg ? Krieg ist das totale Chaos, sprich das Ziel des Gegners, bzw. der eigenen Truppen ist es beim Kontrahenten ein Maximum an Chaos zu schaffen und so den Zusammenbruch der Strukturen herbeizuführen. Ob da der genormte Winkel von 60 Grad zwischen rechtem und linkem Schuh Abhilfe schafft ? Zweifel sind erlaubt.

    • The American sagt:

      Die 60 Grad sind Teil des Trainings, die Truppe in chaotischen Momenten zusammenzuhalten. Es sollen Disziplin und ein Präzisionssinn für die kleinsten Details entwickelt und gedrillt werden.

    • Andre Bohren sagt:

      Arne, das ist ja auch nicht der Zweck. Wenn die Grundausbildung inkl. Disziplin mangelhaft ist kriegst Du keine gute Armee auf die beine.
      Wenn Du dich bei den Marines meldest wirst Du in der ersten Stunde schon zur Scheisse gemacht und als naechstes alles Kopfhaar weg gemacht. Alle Rekruten werden von Null an aufgebaut. Absolute keine spezial Brotechen oder Individualisten hier. Die RS ist wie ein Pfadi Lager im Vergleich.

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