Ein Spiel, viele Gesichter

Der TA-Fotograf Reto Oeschger hat seine Kollegen vom Pétanque Club Zürich in den Fokus genommen.

Naturboden ist gut. Besser noch: Kies. Plätze wie der neue Sechseläutenplatz sind, wenns nach ­Pétanque-Fans geht, totale Fehlkonstruktionen. Da federt nichts. Und wagte man doch einen Wurf, käme schnell einer angerannt und würde das verbieten. Es wäre nicht das erste Mal. Blickt man zurück in der Geschichte, ist Pétanque verblüffend oft durch Verbote nachweisbar. Vor allem in Frankreich: 1319 verbannte König Philipp «der Lange» das Spiel; wenig später doppelte der Erzbischof von Tournay nach. Und im 17. Jahrhundert erliess gar das Parlament ein Pétanque-Verbot, um das Federballspiel zu fördern.

Zwei Jahrhunderte später war all das vergessen; Pétanque war an der Pariser Weltausstellung von 1900 Teil des «Internationalen Wettbewerbs für Leibesübungen». Klingt etwas hüftsteif – dabei ist Pétanque den Gelenken durchaus zuträglich. Das wusste man schon im alten Griechenland: Bereits Hippokrates und seine Ärztekollegen legten ihren Zeitgenossen ein Wurfspiel mit Steinkugeln ans Herz.

Kein Wunder, kam dieses Ur-Pétanque in der Wiege der Demokratie gut an: Das Spiel hat etwas herrlich Gerechtes, vor den Kugeln sind alle gleich. Eine Bodenwelle kann dem Büezer ebenso zum Verhängnis werden wie dem Professor. Und dann ist da noch die schwankende individuelle Tagesform. Wie gut kann man den Alltag hinter sich lassen und sich ganz aufs Spiel konzentrieren? Ist man geduldig genug, um präzise zu werfen? Und um clever zu taktieren?
Solche Tücken kennt «Tages-Anzeiger»-Fotograf Reto Oeschger zur Genüge aus eigener Erfahrung. Seit Jahrzehnten ist er «angefressen», seit fünf Jahren Mitglied im Pétanque Club Zürich, dessen rund 150 Mitglieder sich das ganze Jahr hindurch praktisch täglich auf der Josefwiese treffen, zum Spielen, Plaudern, um ein Bierchen zu trinken. Am Jahresausklangsturnier im vergangenen Herbst nahm Oeschger seine Kamera mit – und startete sein Fotoprojekt «Ein Spiel, viele Gesichter».
Und wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen Pétanque und Boccia? Bei Letzterem sind die Kugeln aus Holz oder Kunststoff statt aus Metall, und es wird auf einer präparierten, genau eingeteilten Sandbahn gespielt. Dafür kennt Pétanque 48 Regeln, Boccia nicht einmal halb so viele. Daher der freche Spruch unter Pétanquiers: «Wenn Pétanque einfach wäre, wäre es Boccia.»

Oeschger_Reto_v2

Reto Oeschger arbeitet seit 1980 als Pressefotograf und davon fast 31 Jahre beim «Tages-Anzeiger».

6 Kommentare zu «Ein Spiel, viele Gesichter»

  • Marcel sagt:

    Hola Reto – grossartige Petanquecharaktere-Bilder!
    Gruess uss Uruguay vomene Basler

  • andreas witschi photopuralist sagt:

    Reto Oeschger ist da wahrlich ein photographischer „sur fer“-Treffer gelungen, also sozusagen ein photo-thematischer Schuss eben dieser Könnerqualität mit dem der Tireur die Kugel des Gegners so genial und direkt „auf Eisen“ trifft, dass seine eigene Kugel diese gegnerische, am Cochonet (Schweinchen-Holzkügelchen) liegende wie in magischer Perfektion austauscht. Das kann so schnell und treffsicher gehen, dass man den Kugeltausch manchmal nur zu hören glaubt, weil sich fürs Auge, von Weitem betrachtet, nichts geändert hat. Oeschger’s Bilder sind für mich ein Sieg über den entscheidenden Moment, etwa so wie ein Pétanque-Team ruhig und souverän im „Fanny“ gewinnt.

  • Iso Rechsteiner sagt:

    Warum so grimmig und ernst? Heitere Gelassenheit möge ein treuer Begleiter sein beim Spiel. So verbissen und konzentriert – da kommt wenig Freude auf. Pétanque ist wunderbar. Aber immer mit Contenace. Und Spass an der Freude.

    • Paul Girard sagt:

      Im Moment, in dem die Kugel losgelassen wird, sind alle konzentriert. Anders geht es gar nicht. Schon mal einen beim Kopfball gelöst lächelnden Fussballer gesehen? Oder einen fröhlich grinsenden Turmspringer während der zweieinhalbfachen Drehung? Oder einen lustig giggelnden Armbrustschützen beim Zielen? Natürlich hätte Reto Oeschger auch die Gesichter im Moment fotografieren können, in dem die Kugel landet. Oder die gegnerisch wegfliegt. Er hat sich nun halt für diesen Moment entschieden. Und: Ich habe es mit vielen dieser Spielerinnen und Spieler schon sehr lustig gehabt auf dem Platz. Abgesehen davon: Wenn eine kurze konzentrierte Phase nicht zu diesem Spiel gehören darf, kann ich ja gleich Lachyoga machen. Und dabei unkontrolliert mit ein paar Eisenkugeln um mich werfen.

  • Paul Girard sagt:

    Wirklich grossartig! Und falls jemand davon nicht genug bekommen kann: Auf der Website des Pétanque-Clubs Zürich gibt es noch einige mehr davon.
    Aber der Text von Frau Szczesniak ist nicht so wahnsinnig stark: Alles, was sie bei Wikipedia über Pétanque abgeschrieben zu haben glaubt, bezieht sich auf ältere französische Kugelspiele wie Boule de Fort oder Boule Lyonnaise. Und: Nein, Boccia ist vom Regelwerk her wesentlich komplizierter als Pétanque und technisch eher anspruchsvoller. Die Konkurrenz zwischen Federball und Pétanque gibt es erst seit 1908. So lang musste die Welt auf die Erfindung des Kurzstreckenboule warten. Dementsprechend kam auch die Weltausstellung 1900 etwas zu früh für eine Pétanque-Demonstration. In Paris spielte man damals – wenn schon – nur Boule des Berges.

  • Fritz Lanz sagt:

    Einfach grossartig, genial!

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.