Schreck, lass nach!

Im fiesesten Moment fotografiert: Besucher einer Geisterbahn am Zürcher Knabenschiessen 1981.

 

Als Heranwachsender hat man ja Angst vor allerlei Kleinigkeiten: vor dem zähnefletschenden Monster unter dem Bett. Vor der Dunkelheit nachts im Wald. Vor dem nächsten Schultag, weil man von den Gspäändli vielleicht wieder gefoppt und geplagt wird. Kleinigkeiten sind es, sie werden im Kinderhirn aufgeblasen und gross gemacht – und das funktioniert ja nicht zuletzt auch auf der Geisterbahn, die früher noch zu jeder rechten Chilbi landauf, landab gehörte.

Vor 35 Jahren hat der TA-Fotograf Reto Oeschger am Zürcher Knabenschiessen fotografiert. Seine Bilder sind im Dunkeln der Bahn entstanden – und gerade den Kindern ist der Schreck ins Gesicht geschrieben (ebenso einem Soldaten, den er in eher kompromittierender Pose erwischt hat). «Ich habe bei jedem vorbeifahrenden Wägeli ein einzelnes Foto geschossen, in kurzer Zeit hatte ich drei 36er-Filme belichtet», sagt Oeschger.

Noch heute gibt es Geisterbahnen am Knabenschiessen – bloss drohen sie neben Attraktionen wie dem Freefall-Tower unterzugehen. Und wo ist eigentlich das Büchsenschiessen geblieben, das handbetriebene Karussell und das Spiegelkabinett, das stets nach Fensterputzmittel roch? Oder die Frau ohne Körper, die man für zwei Franken sensationsgeil – das war man nämlich schon damals – für einige kurze Augenblicke bestaunen durfte?

Tempi passati. Wie auch die ach so naiven Ängste aus der Kindheit. Doch wie gern hätte man sie als Erwachsener wieder zurück. Heute, wo man sich aus anderen Gründen gruselt – und nicht mehr vor Pappmaché-Figuren in der Geisterbahn: Reicht der Lohn? Behalte ich den Job? Bleibe ich gesund? Und was sollen wir tun, wenn ich doch unheilbar krank werde? Der Schreck ist schrecklicher geworden.

Vielleicht vergisst man ihn für ein paar Stunden am kommenden Wochenende oben beim Albisgüetli am Knabenschiessen.

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8 Kommentare zu «Schreck, lass nach!»

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