Das alles und noch viel mehr

Der Berner Fotograf Michael von Graffenried hat seinen Hunger nach Bildern in Brasilien gestillt.

Samba und Sex gehört zusammen. Millionen kommen für den Karneval in die Stadt und schauen sich die Umzüge der Sambaschulen an. März 2016.

Samba und Sex gehört zusammen. Millionen kommen für den Karneval in die Stadt und schauen sich die Umzüge der Sambaschulen an. März 2016.

«Seit 25 Jahren», sagt er, «sehe ich breit.» Ja, Michael von Graffenried ist der Mister Cinemascope unter den Schweizer Fotografen, und auch «Changing Rio», sein neuer Bildband, beansprucht aufgeklappt wieder die ganze Breite eines Sitzplatzes im Zug. Etwas aber ist anders.

Armee Aufmarsch in der Favela La Maré, Rio de Janeiro, Juni 2015.

Armee Aufmarsch in der Favela La Maré, Rio de Janeiro, Juni 2015.

Zum Cliché von Rio de Janeiro gehört das Strandleben. Die Copacabana ist berühmt, aber der Ipanema Strand ist schöner, Juni 2016.

Zum Cliché von Rio de Janeiro gehört das Strandleben. Die Copacabana ist berühmt, aber der Ipanema Strand ist schöner, Juni 2016.

In der Favela Providencia herrscht Hochspannung. Die Kinder im Slum wachsen mit der banalisierten Gewalt auf. Rio de Janeiro, Juni 2015.

In der Favela Providencia herrscht Hochspannung. Die Kinder im Slum wachsen mit der banalisierten Gewalt auf. Rio de Janeiro, Juni 2015.

Am höchsten Punkt der Vidigal Favela ist die Aussicht auf Rio am schönsten. Rio de Janeiro, Mai 2015.

Am höchsten Punkt der Vidigal Favela ist die Aussicht auf Rio am schönsten. Rio de Janeiro, Mai 2015.

Eine Limousine wird abgefakelt, Rio de Janeiro, Juni 2015.

Eine Limousine wird abgefakelt, Rio de Janeiro, Juni 2015.

Hochzeit, Rio de Janeiro, Mai 2015.

Hochzeit, Rio de Janeiro, Mai 2015.

Minderjährige Mütter, Rio de Janeiro, Juni 2015.

Minderjährige Mütter, Rio de Janeiro, Juni 2015.

 

Neue Seilbahnen erschliessen die Favelas, Rio de Janeiro, Juni 2015.

Neue Seilbahnen erschliessen die Favelas, Rio de Janeiro, Juni 2015.

Eine Limousine wird abgefakelt, Rio de Janeiro, Juni 2015.

Eine Limousine wird abgefakelt, Rio de Janeiro, Juni 2015.

Olympia wird in Rio de Janeiro diesen Sommer gross geschrieben, März 2016.

Olympia wird in Rio de Janeiro diesen Sommer gross geschrieben, März 2016.

Tunnel für die neue Metrolinie. Zahlreiche Verkehrslinien der Stadt wurden neu gebaut. Rio de Janeiro, Juni 2015.

Tunnel für die neue Metrolinie. Zahlreiche Verkehrslinien der Stadt wurden neu gebaut. Rio de Janeiro, Juni 2015.

Wer Graffenrieds Blick aufs Münchner Oktoberfest noch im Kopf hat («Bierfest», 2014) oder auch manche seiner Bilder aus dem algerischen Bürgerkrieg der Neunzigerjahre, der merkt es: das gleiche Breitleinwandformat, aber hier hat man nicht gleich viel davon. Gerade am Oktoberfest kam man mit Graffenried unerhört nahe an die Leute heran, und zugleich sah man mehr vom umgebenden Raum, als man für möglich gehalten hätte. Das verdankte er seiner Widelux, einer Panorama­kamera mit einem 160-Grad-Ausschnitt. Eine phänomenale Optik. Und eine überraschende Seherfahrung, immer wieder.

Auch in «Changing Rio» sieht man nun beeindruckend viel: das Treiben in der brasilianischen 12-Millionen-Metropole, die sich nach der Fussball-WM derzeit für die Olympischen Spiele rüstet; Baustellen von Stadions und Autobahnen, Polizeipatrouillen in den Favelas, knutschende Teenager in der Metro, Karneval, Strandleben, Verkehrsunfälle, Hochzeiten, Obdachlose, und einmal blickt man einer Frau mitten ins dunkel glänzende Auge. Aber auch einem Papageien auf der Theke eines Kiosks.

Das alles und noch viel mehr puzzelt sich zum Porträt einer Stadt zusammen – Rio bebt zwischen Euphorie und Elend. Aber das Panoramaformat macht es nicht aus. Graffenried hat seine Widelux zur Seite gelegt und digital fotografiert, zum ersten Mal überhaupt – das sind keine echten Panoramen, sondern nur Ausschnitte aus dem üblichen Bildformat. Manchmal aus weiten Totalen, manchmal aus herangezoomten Perspektiven, und da fällt fürs Auge zwangsläufig weniger ab.

«Die Widelux funktioniert nicht in Rio», erklärt Graffenried: Mit ihr müsse man nahe heran. Doch wer in den Elendsquartieren dieser Stadt unterwegs sei, der brauche mehr Distanz, schon sicherheitshalber.

Was ihm die Technik versagte, macht er nun mit seinem Hunger nach Bildern teilweise wett. Und von diesem Hunger handelt «Changing Rio» nicht weniger als von der Energie dieser Stadt.Merken

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