Stachelige Umarmungen

Immer zu Jahresbeginn stürmen die Bärzeli das aargauische Hallwil, um dem Winter den Garaus zu machen – und das eine oder andere Fröllein zu herzen.
Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) Hallwiler Bärzeli Datierung: 2.1.1961 Hallwiler Bärzeli, 1961. Reportage mit 9 Bildern (Auswahl digitalisiert) Kategorien: Hallwil, Reportagefotografien, Comet Photo AG, Archiv der Fotoagentur, Brauchtum + Tradition Bildcode: Com_C09-187-005 Asset-Datengröße: 70.976 KB

Alle Bilder: 2.1.1961 Comet Photo AG (ETH-Bibliothek, Bildarchiv)

Kratzig, stachelig und schlagfertig sind sie, die Hallwiler Bärzeli. Vierzehn kurlige Maskengestalten, die einmal jährlich zum Leben erwachen und in der aargauischen Gemeinde ihr Unwesen treiben. Am 2. Januar, dem Berchtolds- oder eben Bärzelitag, schmeisst sich eine Gruppe junger Burschen in groteske Kostüme, stülpt sich Larven über die Köpfe und stürzt sich um Punkt 14 Uhr mit Gebrüll und knatternden Rätschen in die wartende Menge. Ihr Ziel: möglichst viele der Damen in ihre stachligen Arme zu schliessen beziehungsweise den Herren eins mit der «Söiblootere», der vom Dorfmetzger präparierten Schweineblase, überzuziehen.

Hallwiler Bärzeli Hallwiler Bärzeli Hallwiler Bärzeli Hallwiler Bärzeli

Dabei geben sie ein kurliges Gruppenbild ab: Zur traditionellen Bärzeli-Besetzung gehören unter anderem ein kronentragender Herr, eine zarte «Jumpfere», ein greises Pärchen, ein (von zwei Personen gemimtes) Kamel, der von Kopf bis Fuss mit Jasskarten besteckte «Spielchärtler» sowie sein natürlicher Gegenpart, der «Schnäggehüüslig» – und, besonders gefürchtet: die komplett in Holzspäne, Stroh oder Stechpalmenzweige gehüllten «Hobuspöönig», «Straumaa» und «Stächpaumig».

Hallwiler Bärzeli Hallwiler Bärzeli
Den Ursprung des Hallwiler Neujahrbrauchs kennt heute niemand mehr so genau, er geht wohl bis ins Mittelalter und auf germanische Traditionen zurück. Sein Zweck ist umso klarer: Winteraustreibung und Fruchtbarkeitszauber. Seit über 60 Jahren wird in der heutigen Form «gebärzelet» – wobei sich die Aufmachung der Maskenwesen von Jahr zu Jahr aufwendiger gestaltet: Taten es 1961 (hier auf den Bildern der Comet Photo AG, die heute in der ETH-Bibliothek aufbewahrt werden) noch ein paar Handvoll Holzspäne und Zweige, bringen die Outfits von «Hobuspöönig» und «Stächpaumig» heute schon mal 60 Kilo auf die Waage.
Wer bei den Bärzeli mittun will, muss also körperlich fit sein. Und nicht nur das: Ledig muss er sein, Mitglied in einem Dorfverein und ein Mann. Und: trinkfest, natürlich. Schliesslich sollte, was ein anständiger Winteraustreiber sein will, auch das eine oder andere Schnäpschen vertragen.

 

1 Kommentar zu «Stachelige Umarmungen»

  • Viktor Meyer sagt:

    Ein interessanter Kommentar zundér Berichterstattung über die Ereignisse vor dem Kölner Dom am Sivester. Die selbe Idee, Frauen betatschen und Männer hauen, aber rituell gebändigt. Und das noch 1961- wie sieht das heute aus, wo sexuelle Belästigung Keine Bagatelle mehr ist?

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.