Mit der Dragqueen in der Garderobe

In über drei Stunden wird aus Ivan Blagajcevic die Dragqueen Evalyn Eatdith. TA-Fotograf Dominique Meienberg war bei der Verwandlung hautnah dabei. David Sarasin hat das Interview geführt.

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Um das erst einmal klarzustellen: Drag bedeutet nicht transsexuell. Drag bedeutet sich verkleiden.

Ganz genau. Es ist wie Halloween 365 Tage im Jahr.

Drag Queen Ivan Blagajcevic, Zürich, 24.11.2015, © Dominique Meienberg Drag Queen Ivan Blagajcevic, Zürich, 24.11.2015, © Dominique Meienberg Drag Queen Ivan Blagajcevic, Zürich, 24.11.2015, © Dominique Meienberg

Verkleiden Sie sich jeden Tag?

Oh, Gott, nein! Das wäre viel zu anstrengend. Es kommt draufan, wie oft ich gebucht werde. Manchmal trete ich dreimal hintereinander auf.

Wählen Sie für Ihre Auftritte als Tänzerin jeweils unterschiedliche Charaktere?

Nein, immer den gleichen. Evalyn Eatdith. Je nach Party und Publikum ändere ich zwar das Kostüm, doch der Charakter bleibt der gleiche.

Was für eine Person ist Evalyn?

Sie ist komplett verrückt. Ich bin als Ivan schon verrückt, aber sie toppt alles. Sie ist offener als ich und spricht aus, was ihr durch den Kopf geht. Wenn ich nicht verkleidet an eine Party gehe, ist das ­anders, dann bleibe ich in der Regel bei meinen Freunden. Verkleidet bin ich extravertierter, rede mit allen möglichen Leuten und habe einen Riesenspass. Darum geht es, um den Spass! Es muss sich auch niemand durch meine Art ­angegriffen fühlen. Als Evalyn ist alles viel spielerischer.

Ist Evalyn eine typische Diva?

Nein, eigentlich nicht. Ich versuche, immer so trashy wie möglich aufzukreuzen.

Aber Sie bretzeln sich ja auf.

Ich fische damit aber nicht nach Komplimenten – auch wenn ich Drag mit meiner ganzen Aufmerksamkeit betreibe. Ich rasiere mich, ich schneidere meine Kleider selbst und schminke mich sorgfältig. Das ist klar. Ich möchte eine Art ­Illusion einer Frau vermitteln. Ich brauche drei Stunden, um mich anzukleiden.

Drei Stunden, um sich anzukleiden?

Allein für die Augenbrauen benötige ich eine Stunde. Für das Make-up anderthalb Stunden und für die Kleidung eine weitere halbe Stunde. Der letzte Akt ist immer ein schwarzer Streifen auf meinen Schaufelzähnen. Er soll einen Spalt darstellen. Danach bin ich Evalyn.

Drag Queen Ivan Blagajcevic, Zürich, 24.11.2015, © Dominique Meienberg Drag Queen Ivan Blagajcevic, Zürich, 24.11.2015, © Dominique Meienberg Drag Queen Ivan Blagajcevic, Zürich, 24.11.2015, © Dominique Meienberg Drag Queen Ivan Blagajcevic, Zürich, 24.11.2015, © Dominique Meienberg Drag Queen Ivan Blagajcevic, Zürich, 24.11.2015, © Dominique Meienberg

Wie sind Sie zum Drag gekommen?

Nach meiner allerersten Soloperfomance merkte ich, dass das zu mir passt. Von da an habe ich begonnen, mich Queer-Themen zu widmen. Eine Rolle spielt auch, dass ich als Junge schon in Kontakt mit meiner weiblichen Seite stand. Zuerst war das ein grosses Problem für mich, Mitschüler haben mich gehänselt und so. Heute finde ich es grossartig. Es ist das Beste, was meinem Selbstvertrauen, ja, meinem ganzen Leben passieren konnte.

Wie verlaufen denn die Abende als Dragqueen?

Ich komme immer schon angekleidet und bin früh an den Partys, um etwas mit den Leuten zu plaudern. Kurz vor der Show ziehe ich mich noch einmal um. Manchmal mehrmals am Abend, je nachdem, wie viele Shows ich bestreite.

Und Sie besitzen eine riesige ­Garderobe, nehme ich an.

Das stimmt. Ich trage niemals das gleiche Kleid zweimal.

Ist das nicht sehr teuer?

Doch, das ist es. Zum Glück kenne ich mittlerweile die guten Secondhandshops und Brockis, wo ich passende Kleider finde. Ich schneidere sie dann jeweils zurecht. Das braucht zwar etwas Zeit, aber ich liebe diese Arbeit. Vor der Nähmaschine zu sitzen, ist für mich wie meditieren.

Gibt es eine Message, die Sie mit Ihren Performances ­vermitteln wollen? Etwa, dass ­Männer mit ihrer weiblichen Seite in Kontakt treten sollen?

Nein, eigentlich nicht. Auch wenn tatsächlich viele Männer nicht mit ihrer weiblichen Seite in Kontakt stehen. Klar wäre es schön, wenn sie es würden. Aber das ist nicht mein Problem. Ich bin ja kein Psychotherapeut. Vor allem wollen wir eine gute Zeit haben.

Reiner Hedonismus?

Nicht ganz. Jeder soll sein dürfen, wer er sein will, und sich damit wohlfühlen.

Ein Klischee: An den Partys, die Sie beschreiben, steht Sex im ­Vordergrund.

Das stimmt besonders in der Dragszene nicht. Es wäre viel zu aufwendig, sich danach wieder anzukleiden und zu schminken. Vor allem aber: Wenn ich verkleidet bin, fühle ich mich ganz und gar nicht sexuell. Ich spiele ja eine Frau. Meine Sexualität aber ist männlich. Es ist etwas komplizierter, als man im ­ersten Moment denkt.

Wie erleben Sie die Dragszene in ­Zürich?

Zürich ist sehr aufgeschlossen. Es gibt mehrere kleinere Szenen. Aufgewachsen bin ich in Kroatien, danach bin ich fürs Studium nach Amsterdam gezogen. Das war ein grosser Bruch. In Holland ist alles over the top. Im nächsten Herbst ziehe ich für ein Stipendien-Halbjahr nach San Francisco. Da kannst du auch tagsüber verkleidet durch die Strassen ziehen. Hier in Zürich wäre das nur schwer vorstellbar, doch vielleicht kann ich etwas nach Zürich mitnehmen. Jede Stadt braucht schliesslich ein Stück von dieser Atmosphäre.

2 Kommentare zu «Mit der Dragqueen in der Garderobe»

  • pat plüss sagt:

    die bildserie erinnert mich schwer an den wunderschönen film „torch song trilogy (Schulzensängertrilogie)“ von und mit Harvey Fierstein aus dem Jahr 1988.
    drei stationen im leben des schwulen und jüdischen dragqueen arnold beckoff. schön geschnittener film, tolle dialoge, guter sound, … lief ca 3 jahre im movie als nocturne.

    • Florian Hofstetter sagt:

      In der Tat, einer der besten Filme zu diesem Thema überhaupt. Und dabei auch noch teilweise urkomisch!

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