Standort Strasse

Der Basler Fotograf Matthias Willi fotografierte für das Buch «Standort Strasse» Verkäufer und Verläuferinnen des «Surprise»-Strassenmagazin. Das Buch rückt diese Menschen, die zwar mitten im Leben stehen, doch durch soziale Not an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, ins Scheinwerferlicht.

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Özcan Ates (35): Andere Leute haben weniger Geld als ich, darum bezeichne ich mich nur als arm an Möglichkeiten. Auch mein Rollstuhl macht mich noch nicht arm. Der hält mich nämlich nicht davon ab, Neues auszuprobieren. Gerade war ich beim Fechten. Das geht brutal ab, macht aber Spass wie Sau. Die blauen Flecken am Arm ist es jedenfalls wert.

Dragoslav_Paul_Pavlovic_Zuerich_(c) Matthias Willi

Dragoslav «Paul» Pavlovic (66): Obwohl ich blind bin, habe ich keine IV und beziehe auch kein Geld vom Sozialamt. Die meisten Leute glauben mir das nicht, aber es ist so. Lieber sterbe ich, als nochmals mit Ämtern zu tun zu haben. Da fühle ich mich nicht verstanden, sondern bevormundet, erniedrigt, gedemütigt.

 

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Fritz Antonenko (47): Unter diesem Baum haben wir am 4. September 2013 geheiratet. Gut, die Papiere gab es auf dem Standesamt, aber den Apéro mit unseren Leuten hatten wir hier. Das zählt.

Marion Antonenko (50): Seither waren wir nie länger als vierundzwanzig Stunden getrennt und kämpfen gemeinsam, um aus den Schulden und den Drogen rauszukommen.

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Marlies Dietiker (65): Wenn Olten der Bahnknotenpunkt der Schweiz ist, dann ist mein Verkaufsstandort das Zentrum des Landes. Acht Jahre schon stehe ich ab sieben Uhr mitten in der Unterführung. In Luzern dagegen habe ich nach einem halben Jahr aufgehört. Nur im Keller war es erlaubt, aber dort lief nichts. In Olten bin ich zwar auch unter den Geleisen, aber hier laufen alle Pendler durch zu den Zügen nach Bern, Luzern oder Zürich. Eine exklusive Lage für meine zweite Stube.

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Ruedi Kälin (57): Ich mag es, im Rampenlicht zu stehen. Ich bin ja dauernd in den Medien: Fernsehen, Radio, Zeitungen – alle wollen etwas von meinem Leben wissen. Kein Problem, ich erzähle gerne. Viele ziehen sich zurück oder schämen sich, wenn sie arm sind. Ich bin mehr der Typ: jetzt erst recht! Die Einstellung habe ich wohl seit der Geburt, als der Doktor in Rheinach BL meinte: «Der stirbt im Zug nach Davos.»

Corinna_Nyffenegger_Bern_(c) Matthias Willi

Corinna Nyffenegger (23): Endlich habe ich eine Festanstellung gefunden. Im Service bei Pizza-Kebab in Langnau habe ich zwar geregelte Arbeitszeiten, aber keine freien Wochenenden. Das wird die Beziehung mit meinem Freund auf die Probe stellen. Er wohnt und studiert in Bern, der Stadt, wo ich mit vierzehn Jahren die jüngste «Surprise»-Verkäuferin aller Zeiten war.

Yemane_Tsegaye_Bern_(c) Matthias Willi

Yemane Tsegaye (54): Den YB-Pullover hat mir ein Freund geschenkt. Es ist mein liebstes Kleidungsstück. Als Jugendlicher habe ich in Äthiopien selber viel Fussball gespielt. Seither bin ich ein grosser Fan. Bei den UNO-Organisationen, für die ich arbeitete, konnten wir TV-Sender aus der ganzen Welt empfangen. Da verfolgte ich die europäischen Ligen im Fernsehen. Mein Lieblingsverein war Borussia Dortmund. Die spielen in Gelb-Schwarz wie die Berner Young Boys. Als ich vor fast 4 Jahren am Ende meiner Flucht in die Bundeshauptstadt kam und den Club entdeckte, wusste ich: Das ist eine gute Stadt, hier sind meine Farben.

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Lisbeth Schranz (72): Seit ich bei «Surprise» arbeite, sind sicher schon zwölf Verkäufer gestorben. Die meisten waren erst Mitte dreissig. Das beschäftigt mich. Immerhin bin ich schon 72 und fühle mich nicht alt. Klar: Ich bin schon weit im Rentenalter, aber mit der AHV allein komme ich nicht durch.