Mitten in die Fresse rein

Der Magnum-Fotograf Bruce Gilden blitzt Charakterköpfen aus nächster Nähe ins Gesicht.

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Terry

Terry

In seinem neuen Buch «Face» zeigt Magnum-Fotograf Bruce Gilden 50 Gesichter, die man so schnell nicht vergisst. Seine «Charakters», wie Gilden seine Modelle nennt, sind Menschen am Rande der Gesellschaft, Menschen, die wenig beachtet werden.

Sherri. Romford-Essex. London, 2013.

Sherri aus Romford-Essex

Frieda

Frieda

Wie er dem Magazin Slate verriet, möchte er diesen Menschen Platz geben, schonungslos zeigen wer sie sind. Trotzdem sieht er sich nicht als Humanisten, der die Welt mit seinen Bildern verändern will. In erster Linie sei er Fotograf, der ablichte, was ihm interessant erscheine. Underdogs haben ihn schon immer interessiert, nicht zuletzt deshalb, weil er sich selber als einen sieht.

Dewayn

Dewayn

Donna

Donna

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Debbie

Trent

Trent

Lee-Ann

Lee-Ann

Terry

Terry

Shirley

Shirley

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Der New Yorker Bruce Gilden wurde vor allem durch seine Arbeiten über die Bewohner seiner Geburtsstadt bekannt. Von anderen Strassenfotgrafen grenzt sich Gilden besonders durch seinen konsequenten Einsatz von Blitzlicht und der geringen Distanz zu seinem Motiv ab.
Seit 1998 ist Gilden Mitglied von Magnum Photos, 2002 wurde er eins von wenigen Vollmitgliedern.

18 Kommentare zu «Mitten in die Fresse rein»

  • Frank Zennhäuser sagt:

    Der Kontext, in dem Gildens Arbeit hier im Bund gezeigt wird, ist eine totale Bagatellisierung seiner Arbeit. Der hier angeführte Titel „Mitten in die Fresse rein“ suggeriert ja schon seine Absicht, diesen Menschen ihre Hässlichkeit zu offenbaren. Aber das ist weit entfernt von Gildens wirklichem Arbeitstitel „Faces“. Dem New Yorker liegen die randständigen Individuen am Herzen und will ihnen im Zeitalter der sozialen Medienflut, in der es nur die Schönen an die Spitze schaffen, ein Gesicht geben: „… but what space does that leave for these people? They are my ‘face book’ friends. You need to look at them – at us – too“

    • Boris Müller sagt:

      über den titel kann man streiten. vielleicht ist er etwas zu hart. die von ihnen angeführten infos sind aber eigentlich alle im kurzen text, der die bilder begleitet, bereits erwähnt. dass er den menschen einen platz geben will, etc. auch der buchtitel wird erwähnt.

    • Lichtblau sagt:

      Der Titel ist wirklich das Letzte und an Grobschlächtigkeit nicht zu überbieten. Vor allem das „rein“ hätte man sich sparen können. Der Übersetzung geschuldet? Aber die Portraits sind natürlich überaus eindrücklich. Wäre trotzdem froh, ich hätte sie nicht angeklickt.

  • Bruce Gildens Arbeit will offensichtl. zur Auseinandersetzung mit seiner Fotografie anregen. Eine solche „Sekundär-Wirkung“ nimmt den Fokus jedoch zwangsläufig von den portraitierten Menschen weg. Die hier auf den ersten Blick „primäre Wirkung“ (der gezeichnete Mensch, zerfurchte oder mit Schminke „geschützte“ Faces) leidet unter der ganzen Diskussion darüber, die Portratierten werden sozusagen wider Willen zu Diskussions-Objekten gemacht.

    Als künstlerischer Griff kann das durchgehen, aber die Zweischneidigkeit seiner Bilder ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Eine Zweischneidigkeit auf Kosten der Einheit des portraitierten Menschen. Der forcierte Einsatz des Blitzgeräts will etwas im sichtbaren Spektrum wortwörtlich „ausleuchten“; doch das Blitzlicht neigt zu Reflexionen, so dass das „Hineinschauen“ und „Hineinfühlen“ in den Menschen wiederum darunter leidet. Auch wirft das Ausleuchten in nur die eine Richtung die Machtfrage auf, die der Fotograf auf die Fotografierten ausübt. Fazit: Bruce Gildens „Faces“ erzählen von einer „Leidensgeschichte“, vor und hinter der Kamera, und vor den ausgestellten Werken; und von einem Machtgefälle – einem gesamtgesellschaftlichen Machtgefälle, dem die Portraitierten jedoch schon vor der Begegnung mit Gilden zum Opfer fielen.

    Gilden darf man zugute halten, dass ein eiliges „Abknipsen im Vorbeigehen“ auf diese Weise ausgeschlossen ist, und er darum auf Kontakt und Vertrauensaufbau (hoffentl. nicht -missbrauch) mit seinen Zielobjekten gehen musste und durfte. Auch zu schätzen ist, dass die Menschen am Ort der Begegnung draussen eingefangen wurden, und nicht etwa im sterilen Studio, was unentschuldbar wäre.

    Ich selber liebe es auch, mit fotografischen Mitteln mir bis anhin völlig unbekannten Menschen zu begegnen und sie für ein Portrait in ihrem (möglichst natürlichen Habitus und Moment) festzuhalten. Freude überkommt einem, wenn man vom Portraitierten die volle Anerkennung und Menschenliebe zurückbekommt, zu spüren geschenkt bekommt, dann hat Fotografie einen stiftenden Sinn für alle Beteiligten. Diese gute, lebensbejahende Energie bleibt in den Bildern eingespeichert und kann an den späteren Betrachter überspringen. Genau diesen Effekt vermisse ich in Gildens Faces.

    • adam gretener sagt:

      Ich finde es extrem schwierig und heikel, fremde Bilder negativ zu bewerten. Man kennt weder den Fotografen, die Begebenheiten, die Fotografierten, die ganze Historie fehlt komplett.

      Wenn ich meinen Eltern meine Bilder zeige, gucken die nur ungläubig und fragen sich, was zum Teufel fotografiert der Junge da überhaupt. Ist doch völlig sinnlos.

      Ein anderer – Herr Witschi – schaut sich vielleicht ihre Bilder an und sagt. Profan, handwerklich schlecht, beliebig. Wird den Bildern wohl aber nicht gerecht, weil der Betrachter nicht mit Ihnen in Laos war.

      Ein Bild hat erstmal für den Fotografierenden einen wert. Wenn überhaupt. Alles andere lässt sich kaum steuern oder beeinflussen.

      Darum habe ich mir angewöhnt, Bilder positiv oder höchstens neutral zu betrachten. Viel mehr steht mir gar nicht zu.

  • Peter Latenser sagt:

    Eine Serie grossartiger Fotos, welche die Ansprüche eines Menschen an sich selber dokumentieren.
    Aussensicht, Innensicht und die Spuren, die das Leben auf der Kulturstufe »Grosstadt billig« in die Gesichter zeichnet. Die Diskussion dieser Bilder sollte in jeder Schule auf der Oberstufe Pflichtstoff sein.

  • adam gretener sagt:

    Bilder, die man besser nicht aus dem Affekt heraus und sofort kommentiert.

    Ob jemand diese Bilder hässlich oder gar abartig findet, liegt wohl mehr am Betrachter als an den Bildern. Ich persönlich wäre wohl zu feige, mich so ablichten zu lassen. Es gibt nicht viele Menschen, welche bei diesem harten Blitzlicht, den hoch auflösenden Kameras und den ‚Retina‘-Bildschirmen gut aussehen würden. Die meisten Menschen würden beim Anblick ihres Portraits wohl schnell weiter klicken.

    Und woran viele Leute nicht denken. Das ist keine Architektur-300mm-Denkmalschutz-Fotografie. Hier braucht auch der Fotograf Eier. Man stellt diese Leute nicht einfach vor die fertig eingestellte Kamera und drückt ab. Man lernt die Leute vorher kennen, setzt sich mit der Geschichte dieser Menschen auseinander, hört zu. Hat Empathie.

    Deep shit, Boris.

  • Hans Gut sagt:

    Das mit dem Blitzlicht hat er sich wohl bei Martin Parr abgschaut, und wie er fotografiert Gilden, so fühlt es sich zumindest an, ohne jede Empatie für seine Opfer. Das er Vollmitglied ist bei Magnum passt gerade dazu und lässt mene Achtung für diese Agentur zusehends schwinden!.

  • marie sagt:

    gilden ist eine klasse für sich und die menschen, die er porträtiert sind so lebendig und voll von leben (narben des lebens), als hätte man sie vor sich, mitsamt ihrem alltag, ihren nöten, ihren freuden, ihrem leid usw… ich schätze gildens arbeiten sehr.

  • Tom Lips sagt:

    Diese vom Leben gezeichneten Gesichter mögen zwar charakteristische Züge tragen. Diese machen aber noch lange keine Charakterköpfe aus.

  • Stefan Moser sagt:

    In jedem Gesicht findet man Schönes und Hässliches. In dieser Serie werden die Menschen blossgestellt – es ist ein bewusstes Hässlichmachen, ein Gruselkabinett. Ich finde die Bilder auch menschenverachtend. Wussten die abgebildeten Menschen, dass er das Ziel hat, nur abnorme Gesichter zu fotografieren und sie zu sammeln um sie als „Charakterköpfe“ anzupreisen. Vermutlich nicht.

    • Boris Müller sagt:

      bruce gilden ist, das zumindest entnehme ich seinen interviews, diesen aussenseitern, den menschen am rande der gesellschaft sehr verbunden. er kommt selber aus schwierigen verhältnissen, war früh im rauhen new york der 60er und 70er auf sich alleine gestellt. ihn interessieren diese menschen, er gibt ihnen platz. ihm effekthascherei und voyeurismus zu unterstellen ist meiner meinung nach nicht richtig. aber die diskussion was fotografie zeigen soll und darf ist eine wichtige. ähnliche probleme stellen sich in der kriegsfotografie. muss man die realität zeigen wie sie ist, darf man das leider anderer zeigen, resp. beschönigt man, wenn man es nicht tut?

      • Benno Schnyder sagt:

        Die Linse eines Fotoapparates müsste eigentlich Subjektiv und nicht Objektiv heissen. Anders kann ich mir diese Diskussion nicht erklären.

    • Thomas Meier sagt:

      Ich habe ein beschränktes Kunstverständnis. Soweit ich verstanden habe, geht es oft darum, was ein Kunstwerk mit einer Person macht. Die Bewertung der Fotos passiert also zu einem grossen Teil beim Betrachter. Grundsätzlich sind es ja einfach mal Fotos von Menschen. Wenn Sie jetzt finden, dass diese Fotos menschenverachtend sind, dann wäre es interessant herauszufinden, ob der Fotograf oder Sie mehr Anteil an diesem Urteil haben.

      • Danielle sagt:

        Kluge Antwort!

      • Stefan Moser sagt:

        Vielleicht ist er solchen Menschen tatsächlich verbundener als den Vernissageteilnehmern in der Galerie. Mag sein. Dennoch schaudert es mich, wenn ich solche Fotos irgendwann in hochpreisigen Bildbänden im USM-Regal eines Schickimickis sehe, der sich zwischendurch mal wieder hässliche Menschen antun will. Ich selbst bin ein mittelmässiger Fotograf, arbeite beruflich aber mit Profis zusammen. Es ist unglaublich, wie gute Fotografen die Realität verändern können. Ein Foto ist wie ein gemaltes Bild – es ist immer die inszenierte Realität des Menschen hinter dem Objektiv. Schenken Sie Bildern keinen Glauben. Sie sehen, was der Fotograf will, dass Sie sehen. Was Fotografie übrigens hochspannend macht!

  • diva sagt:

    magnum-fotografen sind auch nicht mehr, was sie mal waren… diese fotos sind menschenverachtend, denn sie verletzten die seele der abgebildeten person. so nahe kommt man einem menschen nur, wenn man ihn küssen will. hier wurde fotografische eine schutzbarriere überschritten, auch wenn die menschen ihr einverständnis gaben.

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