«Eine Billigkamera rettete mein Leben»

Joseph Rodriguez war heroinsüchtig, als er mit 20 zum zweiten Mal aus dem Gefängnis kam. Durch die Fotografie fand er seine Sprache und damit erzählt er Geschichten von Aussenseitern.

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«Kind an Geburtstagsparty», New York, 1987

Herr Rodriguez, Einbrüche und Drogenhandel bestimmten Ihr junges Leben und brachten Sie schon früh ins Gefängnis. Nicht vieles deutete darauf hin, dass Sie eines Tages an Universitäten unterrichten werden.

Ich wuchs im New York der Sechzigerjahre auf. Als Latino mit brauner Haut. Einfach war das nicht. Ich drehte krumme Dinger, keine Kapitalverbrechen, aber es genügte, um mich hinter Gitter zu bringen. Als ich zum zweiten Mal rauskam, beschloss ich, mein Leben grundlegend zu ändern.

 

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«Chivos Familie», Los Angeles, 1993

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Und Fotograf zu werden?

Es mag seltsam klingen, aber eine Kamera, ein Billigmodel aus der DDR, rettete tatsächlich mein Leben. 1971 entwickelte ich mein erstes Bild. Es war magisch! Fotografieren wurde zu meiner neuen Sucht und ersetzte die alte.

Aber Geld verdienten Sie ja damit nicht auf Anhieb?

Nein, natürlich nicht. Nach dem Knast steckten sie mich in eine Fabrik. Schuhwichse wurde da hergestellt. Lange hielt ich das nicht aus. Zum Glück fand ich bald eine Stelle als Reiniger am International Center of Photography. Eines Tages traute ich mich, meine Bilder einem Dozenten zu zeigen und erhielt prompt ein Stipendium – das war damals für einen Latino etwas sehr Aussergewöhnliches.

 

AIDS in Zambia

«Kafminsa-Gefängnis», Sambia, 2003

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«Das Pfingstpilgern», Rumänien, 1996

Ihr altes Leben wurden Sie trotzdem nie ganz los. Ihre Arbeiten zeigen hauptsächlich Menschen am Rande der Gesellschaft: Prostituierte, Isolierte, Waisen und Ghettokinder. Weshalb?
Die Fotografie hat mir eine Stimme gegeben. Und indem ich mit meinen Bildern Geschichten von Menschen erzähle, denen sonst selten jemand zuhört, gebe ich auch ihnen eine Stimme.

Sind Sie also mehr Sozialarbeiter als Fotograf?
Ich bin ein Humanist, mich interessieren Menschen, ihre Umwelt, ihr Leben. Und ja, ich will mit meinen Arbeiten etwas bewegen. Meine Bilder sind vielleicht nicht hip, aber sie sind relevant.

Die Ästhetik ist für Sie also weniger wichtig als die Geschichte, die das Bild erzählt?
Absolut. Ich war nie auf der Jagd nach einem coolen Look. Aber eine gut geschriebene Geschichte bewegt und interessiert natürlich mehr als eine schlecht geschriebene. Mit der Bildsprache ist es dasselbe. Ich glaube nach wie vor an die Kraft des Bildes. Denken Sie an den Vietnamkrieg. Erinnern Sie sich an grosse Essays, an Filmaufnahmen? Im kollektiven Gedächtnis hat sich das Bild der kleinen Kim Phuc, die nackt vor einem Napalm-Angriff davonrennt, eingeprägt.

 

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«Manhattan Bridge», New York, 11. September 2001

Wie kommen Sie zu Ihren Geschichten? Und vor allem, wie kommen Sie an diese Menschen? Man kann ja nicht einfach nach South Central L.A. gehen und sagen: «High five, hier bin ich, ich fotografiere jetzt mal eure Gang.»
Im Studium nannten sie mich The Turtle (die Schildkröte). Ich brauche Zeit, viel Zeit, um eine Reportage zu machen. Manchmal Monate oder, wie für meine erste Coverstory des «National Geographic» über das Leben in East Harlem, sogar Jahre. Ich kann nur so arbeiten, denn auf die Schnelle erreichst du keine Intimität. Ich muss beobachten, Rituale kennen lernen und vor allem das Vertrauen der Menschen gewinnen.

Wie machen Sie das?
Vertrauen gewinnt man mit Geduld und ehrlichem Interesse. In L.A. hielten sie mich lange für einen Cop. Dann wollte eines Nachts ein Gangmitglied, dass ich es mit seiner Uzi auf einem Hausdach fotografiere. Ich erklärte ihm, dass der Blitz die Polizei alarmieren könnte. Von da an war es einfacher.

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