​Eben waren es noch Jungen

Martine Fougeron fotografierte ihre Söhne während 13 Jahren – und hielt den betörenden Zustand zwischen dem Nicht-Mehr und dem Noch-Nicht fest.

Die Gesichtszüge sind weich, die Haare fallen lockig auf die Wangen, und aus den grossen blauen Augen spricht Skepsis. Nicolas ist 15, als seine Mutter das Bild von ihm macht, und nicht besonders begeistert. Die französische Fotografin Martine Fougeron, die in New York lebt, hat ihre beiden Söhne in den Jahren der Metamorphose porträtiert: im betörenden Zustand zwischen Kind und Mann, Teenager und Erwachsenem, dem Noch-Nicht und dem Nicht-Mehr.

Bei Nicolas sei das anfangs schwierig gewesen, erzählt Fougeron im Interview, das im Buch «Nicolas et Adrien – A World with Two Sons» abgedruckt ist. Immer wieder sei er geflüchtet, wenn er die Kamera gesehen habe. Auch Adrien, der Jüngere der beiden, streckt der Fotografin auf einer Aufnahme den ausgestreckten Mittelfinger entgegen.

Doch die Momente des Aufbegehrens sind die Ausnahme in dieser Fotoserie, die zwischen 2005 und 2018 entstanden ist. Meistens fängt Fougeron Alltägliches ein: Ihre Söhne beim Essen, Schlafen, Baden, mit Freunden in der New Yorker Wohnung oder in den Ferien in Südfrankreich. Die Jahre vergehen, die Körper verändern sich, die Frisuren wechseln. Mit den Jahren rücken die Rituale des Übergangs ins Bild: Der Abschlussball oder der Umzug ins College.

Fougerons Fotos sind nicht ganz spontan entstanden, sondern halb inszeniert. Dass sie trotzdem nicht gestellt wirken, liegt daran, dass die Fotografin vieles antizipierte – schlicht, weil sie als Mutter wusste, was ihre Söhne im nächsten Moment tun würden, und mit Kamera und Licht bereitstand.

Es ist ein Spiel zwischen Nähe und Distanz, das die fotografierende Mutter hier treibt. Dabei offenbart sie auch einiges von sich selber: Sie hat ganz offenbar das Bedürfnis, ihren Kindern nahe zu sein. Und sie empfindet eine grosse Zuneigung, so dass sie auch mit dem Widerstand gut umgehen kann, der ihr entgegengesetzt wird.

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Martine Fougeron: Nicolas et Adrien

Steidl, Göttingen 2019.
264 Seiten, ca. 50 Fr.

1 Kommentar zu «​Eben waren es noch Jungen»

  • Ann sagt:

    Schöne Fotos. Trotzdem sehe ich vor allem eines: Wohlstandsverwöhnte hedonistische Jungs, die in eine reiche Familie hineingeboren ein leichtes Leben hatten.

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