Der Reichtum im Innern

Mehr als ein Familienalbum: In «Die Verwandte» begibt sich Mimi von Moos auf die Spuren ihrer Urgrosstante Anne-Marie von Wolff.

Unter all den Bildern, die Anne-Marie von Wolff (1893–1974) in ihrem Leben gemacht hat, ist nur ein einziges Selbstporträt geblieben. Und selbst darauf schafft sie es, unsichtbar zu bleiben: als Schatten auf einer Hauswand. Wer war die Frau, die durch die Kamera mit einem so zärtlichen Blick auf ihre Mitmenschen schaute?

«Anne-Marie ist die Tante, die May mit Tuberkulose angesteckt hat.» Das war das Erste, was die in Luzern geborene Künstlerin Mimi von Moos erfuhr, als sie begann, ihre Verwandten über ihre Urgrosstante zu befragen. Kurz zuvor hatte sie bei ihrem Grossvater in einer alten Bananenschachtel zufällig ihre Fotografien entdeckt, viele in schlechtem Zustand. Die künstlerische Qualität aber war unverkennbar, oder wie es von Moos im daraus entstandenen Bildband ausdrückt: «Jedes Detail scheint von Belang.»

Von Wolff war eine Aussenseiterin: Als Kind hatte sie epileptische Anfälle, sie konnte nicht zur Schule, war nur selten draussen, dann die Tuberkulose und der Vorwurf, ihre Nichte damit angesteckt zu haben. Ein verschlossener, strenger und etwas kauziger Charakter sei sie gewesen. Während ihrer Recherchen hört Mimi von Moos aber auch Sätze wie diesen: «Man hat ihr den Reichtum, den sie in sich trug, nicht angesehen.»

Die Fotografie kann auch ein Schneckenhaus sein. Mit der Kamera in der Hand konnte von Wolff teilhaben an ihrer Familie, ohne wirklich Teil zu sein. Der Alltag in Luzern, Kinder am See, schlafend, beim Waldspaziergang oder Besuche auf Schloss Mauensee beim Cousin, dem Journalisten und Schriftsteller Karl von Schumacher: Was diese Fotografien künstlerisch so wertvoll macht, ist nicht nur die meisterhafte Bildgestaltung. Es ist vor allem von Wolffs Fähigkeit, die Betrachter an der Hand zu nehmen und durch ihr Leben zu führen, durch die 30er- und 40er-Jahre, lange Sommertage, den Krieg, in eine Zeit, in der über so vieles nicht gesprochen wurde.

Beschäftigt man sich mit von Wolffs Biografie, kommt man nicht umhin, auch an Vivian Maier zu denken, das Kindermädchen aus Chicago, deren Fotografien erst nach ihrem Tod 2009 entdeckt wurden und die heute zu den grössten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts zählt. Es sind Frauen, die den Ruhm nicht suchten. Autodidaktinnen, deren Antrieb sich aus nichts anderem speiste als aus sich selbst.

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Mimi von Moos: Die Verwandte.

Aus dem fotografischen Nachlass der Anne-Marie von Wolff.
Edition Patrick Frey, 2019.
289 Seiten.

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