Als sich die Weltgeschichte ins Bild schlich

Der eine lebte in Leningrad, der andere in Berlin, gemein hatten die Brüder ihr fotografisches Talent: Evgeny und Jakow Henkin hinterliessen ein bedeutendes Werk.

Ein Langlaufrennen in der Nähe von Leningrad. Unter dem Porträt des Diktators steht „Lang lebe der grosse Stalin“. (Yakov Henkin, ca. 1930)

Petersburg, in den 1990er-Jahren: Als die Nachkommen einer verstorbenen alten Dame auf zahlreiche Negativrollen stossen, erkennen sie erst allmählich, dass dieses Archiv mehr beinhaltet als Familienfotos. Die Bilder, entstanden in den 1920er- und 1930er-Jahren, führen die Betrachter an zwei Brennpunkte der europäischen Zwischenkriegszeit – und zum Schicksal der Brüder Evgeny und Jakow Henkin, ihrer Urheber.

Geboren 1900 und 1903 in Rostow am Don, trennten die Wirren der Oktoberrevolution die Geschwister. Jakow zog ins damalige Leningrad, Evgeny nach Berlin. Der eine war Ökonom, der andere Musiker, aber sie hatten ein gemeinsames Talent: das Fotografieren.

Ein lesender Mann bei der U-Bahnh-Station Hallesches Tor in Berlin. (Evgeny Henkin, ca. 1935)

Eine Frau posiert vor einem Zug der von Berlin nach Basel fahren wird. (Evgeny Henkin, vor 1936)

Ein Autorennen in Berlin. (Evgeny Henkin, vor 1936)

Eishockeyspiel im V.I. Lenin-Stadion in Leningrad. (Yakov Henkin, ca. 1930)

Selbsporträt mit Yakov Henkin und seiner Frau Frida Henkin im damaligen Leningrad. (ca. 1930) 

Ein Wintermarsch in Leningrad. (Yakov Henkin, ca. 1930) 

Ihre Bilder zeigen nicht nur Ruderpartien auf Waldseen oder familiäre Strandszenen, die Brüder unternehmen auch fotografische Streifzüge durch die Städte – da ein Greis mit Holzbein, dort Kinder auf dem Spielplatz, und das Hitlerfähnchen, das die Kleinen als Flagge in ihr Boot aus Sand gesteckt haben, fällt erst auf den zweiten Blick auf.

Das ist der Clou an diesen Fotografien: dass sie einem wie nebenbei vor Augen führen, wie sich hier allmählich das Politische in den Alltag schleicht. Und zwar hüben wie drüben. Bei Evgeny Henkin blickt Hitler von Litfasssäulen, bei Jakow sind es Lenin und Stalin, die von Plakaten herab Skiläuferinnen oder Fussballer zu beobachten scheinen. Die Aufmerksamkeit der Fotografen jedoch liegt bei den Menschen im Vordergrund; scheinbar unberührt von der Historie, gehen diese ihren Tätigkeiten nach.

Ein junger Mann spricht in Berlin mit einem Kriegsveteranen. (Evgeny Henkin, erste Hälfte 30er Jahre)

Strandszene in der Nähe von Leningrad. (Yakov Henkin ca. 1930s)

Modischer Hund mit Sonnenbrille in der Nähe von Berlin. (Evgeny Henkin, vor 1936)

Berliner Wahlplakat der NSDAP für die Reichtagswahlen von 1933. (Evgeny Henkin, 1933)

Leichtathletik- Wettbwerb in Leningrad. (Yakov Henkin, ca. 1930) 

Ein Fussballspiel in Leningrad. (Yakov Henkin, ca. 1930)

Erst auf den zweiten Blick erkennt man die Hakenkreuz-Flagge auf dem Sandboot. (Evgeny Henkin)

Eine junge Frau auf einem Balkon in Berlin. (Evgeny Henkin, erste Hälfte der 30er Jahre)

Das Wissen darum, dass die Unbekümmertheit weichen wird, macht diese Bilder aus heutiger Sicht so kostbar. Der Krieg besiegelte letztlich auch das Schicksal der Brüder. Jakow fiel 1941 an der Leningrader Front. Evgeny, 1936 in die Sowjetunion zurückgekehrt, galt als deutscher Spion und wurde 1938 erschossen.

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Das Buch „Les Frères Henkin: Photographes à Leningrad et à Berlin“ ist seit Oktober 2019 beim Verlag Les Editions Noir Sur Blanc erhältlich.
ISBN 978-2-88250-588-0
28 x 2,5 x 21 cm
Preis: ca. 40.-

24 Kommentare zu «Als sich die Weltgeschichte ins Bild schlich»

  • Thomas Haberland sagt:

    Bild 5 zeigt übrigens kein Eishockey, sondern Bandy. Es ist kein Puck, sondern ein Ball.

  • J.Doe sagt:

    Das (Sand) Boot hat ja auch den entsprechenden Namen.

  • Martin A. Senn sagt:

    Die Bilder zeigen kein unbekümmertes, friedliches und glückliches Leben, sondern ein doppelbödiges Idyll. Oder finden Sie das Bild mit den Skiläufern vor einem gigantischen Gruss „an den grossen Stalin“ (das bedeuten die riesigen Lettern) unbekümmertes Glück. Und bevor „der Westen Russland angriff“, wie Sie schreiben, hatte Stalin schon einige Säuberungswellen mit Millionen von Toten durchgeführt und Lenin, die selbstdenkenden Intellektuellen und Schriftsteller ausgeschifft oder hingemacht. Abermillionen von Landbewohnern waren zwangsumgesiedelt worden und wohnten zusammengepfercht in neuen Trabantensiedlungen oder in ehemaligen Bürgerwohnungen den Städten. Ein Zimmer pro Familie. Vieles davon wussten die Leute schon damals. Aber man schwieg, weil man niemandem mehr trauen konnte.

  • Eva weber sagt:

    Super! Genial! Bravo…

  • Jürg Brechbühl sagt:

    Im Unterschied zum Vorredner sehe ich die unglaubliche Kargheit im Vorkriegs-Russland. Sogar auf den inszenierten Bildern kann die Armut nicht versteckt werden.
    Ich habe in letzter Zeit die Fotos meiner Grossmutter aus Bern durchgeschaut. Das war eine einfache Arbeiterfamilie und die Kleider jener Berner sahen modern, verspielt, berückend, lebendig aus im Vergleich. Sogar bei sportlichen Aktivitäten waren die Kleider besser geschnitten, passender, beweglicher.

  • Johann Stöckli sagt:

    Mit dem glücklichen, unbekümmerten und friedlichen Leben in der Sowjetunion war es schon bei ihrem Entstehen unter Gewalt aber gründlich vorbei. Das Lexikon der Völkermorde listet für die Zeit von Lenin bis Stalins Tod etwa 30 Millionen Opfer auf, darunter allein 3 Millionen verhungerte Kinder in der organisierten Hungersnot anfangs der 30-er Jahre.

  • Edi Strub sagt:

    Sind Sie von Sinnen? Das sind die Zeiten der gewaltsamen Kollektivisierungen, der Auslöschung grosser Teile der Bauernschaft mit Millionen von Verhungerten und Ermordeten unter Stalin. Die Fotos sind schön und gut gemacht, aber gleichzeitig sehr trügerisch. Später wurde dann der Fotograf selber Opfer dieses Systems. Was ist da friedlich daran? –

  • Cédric Ruckstuhl sagt:

    Sehr schöne Bilder. Man sieht sehr gut das glückliche, friedliche, unbekümmerte Leben in der Sowjetunion. Als dann der Westen Russland angriff, war es mit dieser Idylle vorbei.

    • Markus Visneider sagt:

      Auch schon einmal etwas vom Gulag gehört? Vom Anstehen der Menschen vor den Läden? Von der Repression? Von Fehlen täglicher Güter? Naiver kann man kaum mehr sein. Oder meint der Autor seinen Kommentar satirisch?

    • Stef sagt:

      Im ersten Moment dachte ich, Sie meinen das ernst. Die Ironie im Kommentar erkannte ich erst bei der zweiten Betrachtung der Bilder.

    • Ray Saint-Michel sagt:

      Und wie glücklich erst das Leben unter dem Nationalsozialismus in Friedenszeiten war … (Ironie aus!). Fotos zeigen nie alles – nicht, was vorher war oder nachher war, nicht, was ausserhalb des vom Fotografen gewählten Aufnahmewinkels zu sehen war, nicht, was gesagt wurde und welche Stimmung wie für wen herrschte. Zudem ist es meist die Absicht des Fotografen, ein schönes Bild zu schaffen. Fotos sind immer „manipuliert“. Hieraus auf die Zeit generell zu schliessen, kann gefährlich sein. Die Bilder sind schön. Aber sonst … Na ja, ich erinnere beispielsweise an die schlimmen Säuberungen Stalins (z.B. ab 1936; vor dem westlichen Angriff) und an die Deportationen ganzer Völker (!) unter Stalin (z.B. ab Ende 20er Jahre).

    • Markus Moreno sagt:

      @Ruckstuhl: aha? Und was ist mit den Gulags, die Stalin in den dreissiger Jahren einrichten liess? Glücklich, friedlich, unbekümmert?

    • Ernst Gabathuler sagt:

      Ob das Leben in der Vorkriegssowjetunion unter dem Terror Stalins so glücklich, friedlich und unbekümmert war, ist zu bezweifeln.

    • Peter Schuler sagt:

      Ein interessantes Geschichtsbild pflegen Sie ja da, lieber Herr Ruckstuhl. Steht bei Ihnen Hitler für den „Westen“??? Verdrängen Sie den Hitler-Stalin-Pakt aus Ihrem Kopf? Deutschland und die Sowjetunion (nicht Russland…) haben damals „ihren“ Zwischenraum unter sich aufgeteilt: wer sich wieviel von Polen, Lettland, Litauen, Estland und Finnland nimmt. Das Ganze haben sie sich noch durch einen gegenseitigen Nichtangriffspakt abgesichert. Ja, und dann gab’s noch 1932/33 den Holodomor. Ein Völkermord der Russen, dem 4 Millionen Ukrainer zum Opfer fielen. Dabei ging es Stalin darum, die sowjetische Herrschaft über die Ukraine zu festigen. Sieht bei Ihnen Glück und Frieden so aus???

      • Anton Paschke sagt:

        Herr Schuler, von Russland aus gesehen ist Deutschland im Westen. UK war eindeutig Partei im Bürgerkrieg.
        Was wieder vollkommen ausgeblendet wird ist Japan. 1905 hat es die ganze russische Flotte versenkt, mit Ausnahme der Aurora; mit der Eroberung von Port Arthur die russische Armee in Fernost vernichtet. Darauf folgte die 1905 Revolution gegen den Zaren.
        Auch 1939 fürchtete Stalin die Japaner sehr, verschob alle modernen Kampfpanzer nach Fernost. Die Transsibirische Eisenbahn hatte nur ein Geleise!

    • Heinz Müller sagt:

      Friedliches, unbekümmertes Leben? Nun ja, das werden die Insassen des GULAG und die Bauern in der Ukraine vermutlich etwas anders gesehen haben.
      Und es war nicht ‚der Westen‘, der die UdSSR angegriffen hat, sondern der Gegner des Westens – ein Mann namens Adolf Hitler mit seinen Armeen. Vorher hatte die ‚friedliebende‘ UdSSR noch die Staaten Polen, Estland, Lettland, Litauen, Finnland und Rumänien attackiert und teilweise besetzt.

      • Anton Paschke sagt:

        Das ist nicht so einfach, Herr Müller. Die von ihnen genannten Länder, mit der Ausnahme Rumäniens, waren Teil des Russischen Reiches unter Zar Nikolaus II. Finnland seit 1809. Lenin sah in Finnland keine Bedrohung, zog die russische Armee ab und erlaubte ein unabhängiges Finnland. Es folgte der finnische Bürgerkrieg (Weisse gegen Rote) die Roten verloren und flohen in die Sowjetunion. Irreguläre finnische Kämpfer setzten nach, mit der Idee eines Grossfinnlands. Wenigstens bis zum Weissen Meer, lieber bis zum Ural. Erst 1932 wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet, den Stalin dann 1939 wieder brach. Aber erst nach 2 Monate dauernden Verhandlungen.
        Jedes Land hat seine besondere Geschichte…

    • Roland K. Moser sagt:

      Ja natürlich!
      Und Warmzeiten und Eiszeiten im Wechsel hat es bisher auch noch nie gegeben.

    • Cédric Ruckstuhl sagt:

      @Meine Vorredner&Kritiker
      1. Ja, das Leben in der Sowjetunion war friedlich und idyllisch. Wie man auf den Bildern ja sieht. Es war eine Zeit des Wirtschaftswachstums, des sich ausbreitenden Wohlstands für alle (einst arme Bauern zogen in die Städte und genossen dort alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens), das Bildungsniveau stieg steil an, es herrschten Optimismus und Zukunftsglaube.
      2. Ja, es war der Westen der Russland angriff. Ist Deutschland etwa nicht in Westeuropa? Und dann war DE ja nicht alleine, am Angriff beteiligten sich: Italien, Finnland, Ungarn, die Slowakei, Kroatien, Bulgarien, Rumänien. Freiwilligenverbände kamen aus Spanien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Schweden, Norwegen, sogar Schweizer waren dabei. Somit ganz Europa ausser England.

      • Die/Das/Der Gender-Krankheit*er sagt:

        Natürlich.
        Und Radioaktivität gibt es nicht, oder schon mal welche gesehen?

        • Cédric Ruckstuhl sagt:

          @Der/Die usw.
          Ich habe auch Hitler noch nie gesehen. Sie wahrscheinlich auch nicht. Trotzdem weiss ich, dass es ihn gab. Und dass unter seiner Führung ganz Europa in den Krieg gegen Russland zog.
          .
          Natürlich ist uns das heute einigermassen unangenehm, auch und gerade weil wir Westeuropäer den Rest der Welt im allgemeinen und gerade die Russen ja gerne ein bisschen als barbarisch sehen möchten. Aber so war halt mal unsere Geschichte: Eine unendliche Abfolge von Brutalitäten, Gewalttaten und Grausamkeiten gegen unsere Nachbarn. Gerade deshalb sollten wir uns unserer Geschichte stellen. Wenn wir sie verdrängen, ist der Nährboden für neue Grausamkeiten bereits bereitet.

      • Peter Schuler sagt:

        Im geschichtlichen Zusammenhang „Westen“ und „Osten“ als geografische Begriffe zu sehen, ist schon fast komisch. Japan oder Südkorea gehören zum „Westen“ obwohl zuhinterst in Ostasien, Kuba typisch zum „Osten“, obwohl im Westen der Karibik gelegen. Und wie würden Sie den deutschen Ueberfall auf Frankreich am 10. Mai 1940 benennen? Deutsch hiess dieser Ueberfall „Westfeldzug“, weil die Deutschen nach Westen zogen. Mit Ihrer Logik hat aber der Osten (= Deutschland) den Westen (= Frankreich) überfallen…

        • Cédric Ruckstuhl sagt:

          @Schuler
          „Westen“ wurde und wird weniger im geografischen denn im politischen Sinn verwendet. 1941 überfiel der kapitalistische Westen mit einem brutalen Raubzug den sozialistischen Osten.

Kommentar

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