Sie leben in morschen Palästen

Einst Kurhotels für die Arbeiterklasse der Sowjetunion, heute Zuflucht für die Vergessenen der Geschichte: Adrian Moser und Alexandra Jäggi berichten aus Georgien.

1992 aus Abchasien geflohen: Lilia, Bewohnerin des früheren Kurhotels «Imereti».

Vom Krieg reden sie alle. Dabei ist er schon ein Vierteljahrhundert her. Doch wegen des Kriegs sind sie hier. Seit einem Viertel­jahrhundert. Lilia zum Beispiel (oben), die in einem der ehemaligen Kur­hotels ein kleines Zimmer hat. Es war 1992, bei der Abwicklung der Sowjetunion: Vor den Kämpfen in der abtrünnigen Region Abchasien floh Lilia nach Georgien, in die Stadt Tskaltubo. «Als wir ankamen, hatten wir nichts. Im Zimmer standen nur ein Bett und eine Kommode. Ein ganzes Jahr hat es gedauert, bis wir ein Kissen hatten.»

Park des Hotels «Medea».

Der zerfallende Marmor der Stalin-Zeit: Treppenhaus im «Medea».

Eingangshalle des Hotels «Metalurgi». Hier kurten in der Sowjetzeit Arbeiter aus der Metallindustrie.

Die Fotografen Adrian Moser vom «Bund» und Alexandra ­Jäggi haben die Frau besucht; so wie eine Reihe weiterer Flüchtlinge, die in den verfallenden Sanatoriumsbauten auf den Anhöhen über Tskaltubo wohnen. Mehrere Hundert sind es – Vertriebene der Zeitenwende, die sich ihr ­Leben in diesen Ruinen sowjetischer Grösse eingerichtet haben. Aus den provisorischen Bleiben sind dauerhafte geworden.

Nana auf dem Flur vor ihrer Wohnung, die sie in einem Gästezimmer eingerichtet hat.

Aus den provisorischen Bleiben sind dauerhafte geworden: Nana und ihre Schwester Naili. Auch sie sind 1992 vor dem Krieg in Abchasien geflohen.

Erinnerungen an eine untergegangene Welt: Lilia zeigt Bilder ihrer Familie in Abchasien.

Tatsächlich muss der Ort in der Zeit des Kommunismus ein Traum gewesen sein, ein Bilderbuchmoment im Leben der Arbeiterklasse. Sofern ärztlich verschrieben, erholten sich die Prole­tarier bis zu drei Wochen in den Heilbädern von Tskaltubo. Dann kam das Ende der Sowjetunion, die Kurhotels wurden aufgegeben.

Korridor im «Medea».

Verlassenes Hotelzimmer im «Gelati».

Die Stadt hatte in ihren besten Zeiten 100 000 Gäste jährlich gezählt, viermal pro Tag war ein Schnellzug aus dem zweitausend Kilometer entfernten Moskau hergefahren. Wegen des radonhaltigen Quellwassers, das sogar Lahme geheilt haben soll.

Solche Wunder erwartet heute niemand mehr. Die neoklassizistischen Prachtbauten zerfallen, es regnet durch die Dächer, Korri­dore stürzen ein, der Moder frisst sich durch die Arbeiter­paläste. Die Schwestern Nana und Naili (unten) bleiben trotzdem. So wie all die andern. Weil sie anderswo noch weniger zum Leben hätten als die umgerechnet fünfzehn Franken monatlich, die jeder Flüchtling vom georgischen Staat erhält. Und weil es ihre alte Heimat nicht mehr gibt.

Herrenlose Mitbewohner der einstigen Arbeiterpaläste.

«Gelati»: Links der Bau mit dem Treppenhaus, rechts der Flügel mit dem Ballsaal.

In einem verlassenen Seitenflügel des «Metalurgi».

Regenwasser in der Eingangshalle des «Gelati»

Auf dem Korridor im Hotel «Tbilisi».

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