Neapel sehen und sterben

Der junge Engländer Sam Gregg fotografiert in der Stadt, die schon Goethe zum Inbegriff des Lebens er- und verklärte.

Wie sind die Neapolitaner? Für den 1990 in London geborenen Fotografen Sam Gregg sind sie «unglaublich leidenschaftlich, farbenfroh, auffällig, wild, einladend, clever, laut, stolz, melodramatisch und missverstanden».
Um diese beachtliche Summe von sich zum Teil widersprechenden Eigenschaften vor Ort zu studieren, zog der Fotograf für ein Jahr in die Stadt am Vesuv. Am Morgen und am Abend unterrichtete er Englisch, dazwischen machte er sich mit seiner Kamera auf die Suche nach dem, was Neapel zu Neapel macht.

Wenn man seiner Fotoserie «See Naples and Die» glauben darf (und das sollte man), dann ist es weniger die Stadt, die Neapel so einzigartig macht, vielmehr sind es deren Bewohnerinnen und Bewohner. Auf sie geht der Fotograf zu und macht als Fremder unter nicht allzu vielen Fremden in den von ihm bevorzugten Stadtteilen Quartieri Spagnoli, Sanità und Forcella gute Erfahrungen: «Neapolitaner sind von Natur aus theatralisch und sehr stolz auf ihren unkonventionellen Modestil.» Welch eine Gelegenheit für einen neugierigen Fotografen!

Nicht immer wird klar, was zur Inszenierung gehört und was nicht, wo die Realität aufhört und das Theater beginnt. Das Leben, das sich vor allem in den engen Gassen und den lauten Strassen abspielt (und am Strand) nimmt sich die Freiheit, zwischen den diversen Aggregatzuständen zu wechseln: Manchmal ist es hart, manchmal ist es flüssig.

Das Einzige, was gleich bleibt, sind die Neapolitanerinnen und Neapolitaner – Menschen, wie aus einem anderen Stoff gemacht. Für diese Spezies hat Gregg ein scharfes Auge.

Das fotografische Projekt von Sam Gregg will die Schönheit im Alltäglichen und das Besondere im Gewöhnlichen zeigen. Denn es sind die Alltags- und nicht die Ausnahmeszenen, welche das Leben ausmachen. Die Serie «See Naples and Die» lädt dazu ein, das Sterben noch etwas warten zu lassen. Denn Neapel, das wusste schon Goethe, lohnt auch einen zweiten Besuch.

20 Kommentare zu «Neapel sehen und sterben»

  • Nora sagt:

    Napoli ist keine Realität welche man mit ein paar skurrile Bilder und oberflechige Sätze beschreiben kann.
    Um diese vielschichtige Realität begreifen zu können, bedarf es einer eben so grossen Sensibilität. Nur was man selber begreift, kann man auch weiter vermitteln.
    Nun, war die Absicht dieses Beitrages derjenige, den kitschigen Ansichtskarten einen Kontrast entgegen zu stellen,egal wie, dann ist es gelungen. Mehr nicht.
    Um die Seele Napolis zu erfassen, bedarf es einer anderen Sensibilität, der Augen und des Herzens.
    Hat man dieses Glück, dann ist ein Besuch dieser Stadt und der Region, eine unermässliche Bereicherung. Man fühlt sich wie ein Musikinstrument in den Händen eines grossen Meister welcher alle Töne der eigenen Gefühlswelt zum erklingen bringt.

  • Roland Linder sagt:

    Neapel ist genau so das perfekte Chaos, wie Cristo velato, der beste Caffè der Welt oder diese Menschen, von denen man nicht weiss, wie sie es schaffen zu überleben. Sie und ihre Stadt sitzen auf der Zeitbombe Vesuv, von der man nie weiss, wann sie in Luft fliegt. Deshalb ist Napoli was es ist, die besuchenswerteste Stadt, die ich kenne. Ob ich dort leben könnte …? Aber wer ihren Zauber einmal gefühlt hat, hat nichts dagegen, dort zu sterben.

  • Einsiedler sagt:

    „Ohne Krimi geht die Mimi nicht ins Bett.“

  • Anh Toàn sagt:

    In den 70ern habe ich irgendwo einen Satz gelesen, den ich sehr treffend fand, als ich beide Städte besuchte: „Kommt man gerade aus Palermo, ist Neapel wohltuend.“ Vierzig Jahre später ist es umgekehrt: Palermo hat sich gemacht, während Neapel im mafiösen Sumpf versinkt. Wer Neapel sehen will, sehe sich die Fernsehserie „Gomorrha“ an. Das hilft!

    • Max Bremer sagt:

      Das ergeht mir abders: Ich war vor kurzem in Palermo und war schockiert, das Häuser in der Altstadt nicht mehr betreten werden dürfen, weil sie bald zusammenfallen. Menschen ziehen in Vororte, weil die Innenstadt zu öde wurde, überall Dreck. Neapel ist zwar auch dreckig, aber da wohnen Menschen, die Stadt lebt. Eine Wohltat!

    • Othmar Berflaechlich sagt:

      Für die einen sind es Charakterköpfe, für die anderen eine Freakshow. Wenn man diese Leute kennen würde, wäre schnell klar, wieviel oberflächlicher Blödsinn in diese Bilder hineininterpretiert wird und wie banal auch das Leben und Sein dieser sogenannten Charakterköpfe ist.
      Solche Köpfe findet man immer auch in seiner Nähe – und findet überhaupt nichts mehr daran, das es zu verklären gäbe.

  • Alfa Omega sagt:

    Schaut alle hin und gebt mir Recht! Herausgepickt, was man gerade für sein Projekt braucht. So geht es auch beim Gericht. Das Schema ist immer das gleiche. Passt irgendwie zum Mondfinsternis. Man sieht nur Teil. Schaut alle nur genau hierhin. :)

  • Margrit Giger sagt:

    Das ist nicht Neapel, das sind sie 3 Zonen Neapels, wo sich Armut, Verbrechen und Ignoranz konzentrieren. Ich rate keinem Besucher, sich hier ohne die gegebenen Vorsichtsmassnahmen zu bewegen. Dirk p und Claudio M hingegen beschreiben das zu besuchende Neapel, reich an Kultur, an Intellektualität, Geschichte und Sehenswürdigkeiten. Die gezeigten Bilder sind beschämend und diskriminierend für diese Stadt. Ich lebe seit 50 Jahren zwischen Neapel und Zürich. Besteht Zürich nur aus der Langstrasse?
    Ich hoffe, dass viele Menschen Neapel besuchen und geniessen.
    M. G.

    • Boris Müller sagt:

      ich hab im frühling mitten im quartieri spagnoli gewohnt und fühlte mich zu keiner tages- und nachtzeit auch nur im geringsten bedroht. der fotograf fotografierte nicht für einen reiseprospekt, sondern hat sich eher auf die ärmeren quartiere und auf sogenannte „charakterköpfe“ konzentriert. bildbände über neapels sehenswürdigkeiten gibt es zudem sicher zur genüge.

    • Rita Maria sagt:

      Brava !

  • david m sagt:

    tolles abbild von neapel, eine einzigartige stadt

  • Ich sagt:

    Sorry, kein Sujet zur SSC Napoli? In dieser Stadt? Kann ich nicht ernst nehmen.

    • Boris Müller sagt:

      man sieht auch keine spaghetti-napoli-teller, keine pizzen, keine vespas, fast keine autos und keine fischmärkte. der fokus war halt ein anderer. interessen und geschmäcker sind verschieden – gut so!

      • Fabiano De Marchi sagt:

        Mehr als der SSC Napoli: Diego Armando Maradona.

        Den Stellenwert, der dieser Mensch in und für Neapel hat, kann man nicht einfach ausblenden. Ich hoffe, er wird im Buch berücksichtigt.

  • Dirk p. sagt:

    Ich war ziemlich oft in Neapel. Mit dem Rad, habe dort trainiert und mich an dem riesen Kulturprogramm und dem Hinterland erfreut und auch viel fotografiert. Es gab eine Menge zu erzählen und die kulinarische Vielfalt zu genießen.
    Aber ich habe die meisten Leute , die ich dort kennlernte , tagsüber o. Abends, jung o. alt, hübscher in Erinnerung, ohne langweilig o. weniger interessant zu sein..

  • Claudio Mennillo sagt:

    Bis 1861 war Napoli eine der reichsten Städte Europas. Die allgemein bekannte Geschichte über Garibaldi, der über Sizilien den ganzen Regno delle due Sicilie angriff und behauptete, er hätte die Region von der Monarchie befreit, dessen Hauptstadt Napoli war, ist frei erfunden und selbstverständlich von den Sieger geschrieben. Ich lebe in Napoli und entdecke jeden Tag unbeschreibliche, kulturelle Geschichte, Kunst, dessen Wert unbezahlbar ist (il cristo velato) Museen, Architektur, Kirchen und Kathedralen und vor allem „Palazzo Reale“, alles Reliquien, die die unbeschreibliche Geschichte und Kultur der Stadt begründen. Schade nur, dass Rom so nahe ist bei Neapel „Aussage des senegalesischen Generalkonsuls in Neapel“, sonst würden die wenigsten von Rom sprechen und alle nur von Napoli.

  • Yosh Eden sagt:

    Was für Charakterköpfe. Toll! Mehr solche Berichte

  • Bernhard Flühler sagt:

    Grossartig
    Bitte mehr davon!

Kommentar

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