Immer wieder Hundwil

Jahrzehnte haben Frauen in der Schweiz für ihr Stimmrecht gekämpft. Vor 30 Jahren konnten sie einen ihrer Erfolge verzeichnen.

Am 30. April 1989 wird an der nur von Männern bestimmten Landsgemeinde von Appenzell Ausserrhoden in Hundwil die Abstimmung über die Einführung des Frauenstimmrechts auf kantonaler Ebene durchgeführt. Die Vorlage wird angenommen. (Keystone/Str)

Hundwil, Appenzell Ausserrhoden, 30. April 1989, eine Wand Männer hat sich installiert. Bald werden sie beschliessen, den Frauen das Stimmrecht auf kantonaler Ebene zu geben. Im Nachbarkanton Appenzell Innerrhoden mussten die Frauen weiterhin draussen bleiben, wenn die Männer in den Ring der Landsgemeinde traten. Wie muss sich das angefühlt haben im «Damals», das noch gar nicht so lange her ist? Blicken Sie in die Gesichter der Frauen. Schauen Sie sich jedes einzelne an – ohne abzuschweifen oder auszuweichen.

Eine Gruppe von Frauen beobachtet ausserhalb des Rings das Geschehen an der Innerrhoder Landsgemeinde von Appenzell. (April 1982, Keystone/Str)

 

Auf dem Bundesplatz in Bern demonstrierten am 1. März 1969 mehrere Tausend Frauen (und auch Männer) für das Frauenstimmrecht und gegen die Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechtskonvention mit Vorbehalten. (Keystone/Photopress-Archiv/Str)

«Die Schweizer Frauen teilen sich vor dem Wahllokal das Schicksal mit den Hunden», hiess es vor der Einführung des nationalen Frauenstimmrechts von 1971 im Schweizer Fernsehen in einem Off-Kommentar zu Schwarzweissbildern. Auch als es längst Farbbilder und andere Errungenschaften der modernen Zivilisation gab, wurden Frauen in der Schweiz weiterhin als Stimmbürgerinnen ausgeschlossen. Nachdem die Männer der Landsgemeinde in Appenzell Innerrhoden das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene erneut abgelehnt hatten, beschloss 1990 das Bundesgericht, dass es trotzdem gelten soll.

Nachdem die Landsgemeinde des Jahres 1971 den Frauen die vollen politischen Rechte gewährt hat, findet die Glarner Landsgemeinde in Glarus vom 7. Mai 1972 erstmals mit Beteiligung der Frauen statt. (Keystone/Str)

Mehrere Hundert Frauen versammelten sich am 1. Februar 1969 in Zürich zu einer Demonstration, um so ihrer Forderung für die Gleichberechtigung an der Urne Nachdruck zu verschaffen. (Keystone/Str)

Für die bevorstehende Demonstration stehen auf einer Dachterrasse in Zürich beschriftete Transparente und Wappenlaternen jener Kantone bereit, die das kantonale Frauenstimmrecht bereits eingeführt haben.  (1. Februar 1969, Keystone/Str)

Zum Auftakt der Debatte im Nationalrat über die Unterzeichnung der Europäischen Menschenrechtskonvention haben sich am 12. Juni 1969 Aktivistinnen in der Eingangshalle des Bundeshauses versammelt. Mit Spruchbändern und Flugblättern fordern sie die Unterzeichnung der Konvention ohne die strittigen Vorbehalte, was gleichbedeutend ist mit der vorgängigen Einführung des Frauenstimmrechts. (Keystone/Str)

Am 30. April 1989 wird an der nur von Männern bestimmten Landsgemeinde von Appenzell Ausserrhoden in Hundwil die Abstimmung über die Einführung des Frauenstimmrechts auf kantonaler Ebene durchgeführt. Die Vorlage wird angenommen. (Keystone/Str)

Da sich die Landsgemeinden der beiden Halbkantone Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden mannhaft weigerten, den Frauen die politische Gleichberechtigung auf Kantonsebene zuzugestehen, hat die Interessengesellschaft für die politische Gleichberechtigung der Frau in kürzester Zeit 1830 Unterschriften gesammelt und übergab diese am 20. September 1983 der Petitionskommission in Bern. Der Bund wird in der eingereichten Petition ersucht, eine Revision von Artikel 74, Absatz 4 der Bundesverfassung in die Wege zu leiten. (Keystone/Str)

Wie ist es, heute mit einer Frau zu leben, der man noch vor einigen Jahren das Stimmrecht verweigert hatte? Wie ist es, heute als Frau zu leben mit der Erinnerung, dass man Abstimmungen hatte fernbleiben müssen?

«Stimmrecht ist Menschenrecht» hiess es auf den Transparenten der Demonstrationen, zu denen sich die politisch stumm gehaltenen Frauen damals versammelten. Und obwohl sie Grosses erreicht haben, werden heute noch immer Transparente gemalt. Aktuell für den Frauenstreik am 14. Juni. Denn wie den Frauen von Hundwil vor dem 30. April 1989 wird Frauen noch heute die Gleichbehandlung verweigert. Nicht an der Urne, aber am Arbeitsplatz, beim Lohn, in der Kinderbetreuung und anderen Bereichen, von grundlegend und auffällig bis subtil. Hundwil ist noch nicht vorbei.

5 Kommentare zu «Immer wieder Hundwil»

  • Andreas Bollner sagt:

    Wer an jener Landsgemeinde anwesend war, weiss, dass die Auszählung mehrfach erfolgen musste und das Mehr – aufgrund späterer Flugaufnahmen – auf der Nein-Seite lag. Die Regierung wagte schlicht und einfach nicht, ehrlich zu sein. Lieber angepasst als freiheitlich – ganz nach FDP-Manier. Nun gut, 30 Jahre sind es her – die meisten Leute interessiert dieser historische Demokratiebetrug ohnehin nicht mehr.

  • Heidi Capaul sagt:

    Ich fühle mich von Hardcore-Feministinnen, wie der Autorin Aleksandra Hiltmann, nicht vertreten. Denn die Gleichstellung in der Schweiz ist längstens erreicht. Im Gegenteil werden wir Frauen in vielen Dingen soagr bevorzugt. Müssen wir Militärdienst leisten oder Militärpflichtersatzabgaben zahlen ? Das Rentenalter erreichen wir Jahre vor den Männern, obwohl wir über die höhere Lebenserwartung verfügen. Von Frauenquoten bei der Müllabfuhr und beim Tiefbau habe ich noch nie etwas gehöhrt. Wo ist denn bei den unsympthischen und sehr anstrengenden Jobs der Ruf nach der Frauenquote. Aber im Jammern geben die Feministinnen eine Spitzenleistung ab.

  • Franklin Luiz Sauer sagt:

    Sehr interessant

  • Thomas Fuchs sagt:

    Grossartig, auf dem letzten Bild (Bundesplatz Bern) ist ein Mitglied von Village People erkennbar! So heiss!

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