Im Tal des Todes kehrt der Lebenswille zurück

Kosovo – Der Berner Fotograf Daniel Rihs zeigt den nicht-alltäglichen Alltag in einem vom Krieg gezeichneten Dorf.

Krushe e Madhe 13.4.2018. Jugendliche aus dem städtischen Gymnasium auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für zwei getötete Kämpfer der kosovo-albanischen Befreiungs-armee UCK. Im März 1999 begingen serbische Milizen in diesem Tal schlimmste Kriegsverbrechen. Die BBC nannte es: Das Tal des Todes. Foto: Daniel Rihs / 13 Photo

Mit seinen sanften Hügeln, wucherndem Grün und fruchtbaren Äckern könnte das Dorf in der Toskana liegen. Doch Krusha e Madhe befindet sich im Süden Kosovos, dort, wo die Vergangenheit anscheinend nie vergeht.
Vor 20 Jahren wurde das Bauerndorf zum Schauplatz eines der grössten Massaker des Krieges. Am 24. März 1999 begann die Nato mit Luftangriffen gegen die serbischen Streitkräfte, um den Terror gegen die Zivilbevölkerung zu stoppen. Kurz danach erschossen Polizisten, Soldaten und Paramilitärs mehr als 240 Männer, die Frauen und Kinder wurden nach Albanien vertrieben. Tal des Todes oder Dorf der Witwen – so nennen sie Krusha e Madhe in Kosovo.

Krushe e Madhe, 8.4.2018. Das Haus von Ukshin Hoti dient heute als Gedenkstätte für den Kosovokrieg. Der Menschenrechtsaktivist und Oppositionspolitiker ist einer der 1’700 Menschen, die bis heute vermisst werden. Foto: Daniel Rihs / 13 Photo

Krushe e Madhe, 7.4.2018. In dieser ehemaligen Speicherkammer haben Ermittler des Haager Kriegsverbrechertribunals 63 verkohlte Leichen gefunden. Heute spielen Kinder aus dem gegenüberliegenden Haus in der Ruine, wo die Einschusslöcher noch zu sehen sind. Foto: Daniel Rihs / 13 Photo

Krushe e Madhe 13.4.2018. Gedenkfeier fuer die beiden UCK-Kaempfer Bekim Gashi und Dalip Behra. Foto: Daniel Rihs / 13 Photo

Krushe e Madhe 10.4.2018. Die Zahl der Grundschulkinder hat sich in den letzten zehn Jahren halbiert. Foto: Daniel Rihs / 13 Photo

Vor dem Jahrestag des grossen Mordens ist der Berner Fotograf Daniel Rihs nach Krusha e Madhe gefahren, er ist dort eine Woche geblieben, hat im Café «Mulliri» (Die Mühle) mit dem Kellner gesprochen, der früher in der Kantine einer Zürcher Grossbank arbeitete, Bauern bei Feldarbeiten begleitet und Frauen getroffen, die nicht auf ihr Dasein als Kriegswitwen reduziert werden wollen. Sie haben eine landwirtschaftliche Genossenschaft gegründet, das Dorf war schon immer für den Gemüseanbau bekannt. Heute verkaufen die Frauen ihre eingelegten Paprika nicht nur in ganz Kosovo, sondern auch in manchen Quartierläden mit balkanischen Spezialitäten in der Schweiz. Im Tal des Todes ist der Lebenswille zurückgekehrt.
Rihs zeigt den nicht alltäglichen Alltag in einem vom Krieg gezeichneten Dorf. Kinder spielen vor einem Speicher, der ein Ort des Grauens war: Britische Experten haben hier kurz nach Kriegsende im Juni 1999 über 40 verkohlte Leichen gefunden. Auf dem leeren Fussballfeld herrscht gespenstische Ruhe, die meisten Spieler wurden von Maschinengewehren niedergemäht. Eine alte Frau sperrt sich in ihrem Haus ein, weil sie Angst hat, dass die Mörder wieder kommen. Diese Gefahr besteht nicht – auch das zeigen seine Bilder.

Krushe e Madhe 9.4.2018. Beim Massaker wurden auch alle Spieler des Fussballteams ermordet. Obschon der Kosovo seit 2016 Mitglied der UEFA ist, sind sämtliche Versuche einen neuen Fussball-club aufzubauen, gescheitert. Vor einigen Jahren ist ein Juniorentrainer mit dem gesamten gesammelten Geld abgehauen. Foto: Daniel Rihs / 13 Photo

Krushe e Madhe 14.4.2018. Pferdetransport. Viele junge Erwachsene sind inzwischen gut ausgebildet und sehen in der landwirtschaftlich geprägten Region weder wirtschaftliche noch gesellschaftliche Perspektiven. Wer gehen kann, geht. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Grundschulkinder halbiert. Foto: Daniel Rihs / 13 Photo

Krushe e Madhe 8.4.2018. Ein Mann ueberquert die kleine Bruecke ins Nachbardorf Celina. Dort wurden zur gleichen Zeit, nach dem gleichen Muster Verbrechen an der Zivilbevoelkerung veruebt. Foto: Daniel Rihs / 13 Photo

Krushe e Madhe 13.4.2018. Die Gäste einer Gedenkfeier verabschieden sich bei Minavere Gashi (rechts). Ihr Sohn Bekim starb mit 23 Jahren als UCK-Kämpfer. Foto: Daniel Rihs / 13 Photo

Krushe e Madhe 12.4.2018. Aller Anstrengungen und Wiederaufbauhilfen zum Trotz ist die MoneyGram-Baracke der Wirtschaftsmotor der Stadt. Sie steht in ihrer Mitte und die Bewohnerinnen und Bewohner können dort das Geld abheben, welches die Verwandten aus der Schweiz und Deutschland schicken. Foto: Daniel Rihs / 13 Photo