Charlie Chaplin, ganz privat

Aus dem Archiv: Fast 25 Jahre war Yves Debraine Haus- und Hoffotograf der Chaplins in der Schweiz.

 

Oona und Charlie Chaplin in Gstaad, Dezember 1952. © Archives Yves Debraine

Als Charles Spencer Chaplin in die Schweiz kam mit seiner Familie, 1952, nicht ganz freiwillig, sondern weil er und Amerika einander den Krieg erklärt hatten, da legte er die Rolle des kleinen Tramps fast vollends ab. Er glich nicht mehr sehr dem Denkmal des Charlie in seinen verhatschten Schuhen, der heute in Vevey auf den Genfersee blickt.

Es war ihm nach Behaglichkeit im Weltruhm. Nach der komfortablen Ruhe und Familiarität eines silberhaarigen Patriarchen, der noch fruchtbar war und sich mehrte. Es herrschten bei den Chaplins ob Vevey im Manoir de Ban gepflegter Frieden, noble Gastlichkeit und der Geist massvoller Weltoffenheit, wie man liest; und erstaunlich tief hat der französische Fotograf Yves Debraine (1926–2011) ins häusliche Leben dringen dürfen, als vertrauter Hausgast und quasi beamteter Dokumentarist des Privaten über die Jahre.

Geburtstagsfeier von Charlie Chaplin im Manoir de Ban, Corsier-sur-Vevey, 1959. © Archives Yves Debraine

Charlie Chaplin in Gstaad, Dezember 1952. © Archives Yves Debraine

Die Familie Chaplin im Zirkus Grock in Vevey, 1953. © Archives Yves Debraine

Eine Ausstellung in Corsier-sur-Vevey wird zeigen, was Debraines Archive bergen: Momente von ungestellter und wohl auch gestellter Intimität. Jenen Ausbruch zirzensischer Leidenschaft, als in einer Vorstellung des Zirkus Grock ein falsches Zebra dem grossen Komödianten die Reverenz erwies, 1953 war das (im Circus Knie später einmal, Adel verpflichtet, grüssten ihn mit gebeugten Knien echte Elefanten). Die Chaplins 1960 dann vor diesem Kino in Vevey, ein Stillleben von geradezu zeremoniellem Familiensinn.

Charlie Chaplin im Circus Knie in Vevey, Oktober 1964. © Archives Yves Debraine

Verleihung des internationalen Friedenspreises an Charlie Chaplin, Juni 1954. In der Mitte ist der Schriftsteller Vercors zu sehen und links der Professor André Bonnard. Die Kantonspolizei des Kantons Waadt beobachtete den Anlass, weil der Friedenspreis als eine Auszeichnung der Kommunisten galt. © Archives Yves Debraine

Charlie Chaplin in Gstaad, Dezember 1952. © Archives Yves Debraine

In Reih und Glied: Familie Chaplin bei einem Ausflug 1960.  © Archives Yves Debraine

Charlie Chaplin im Manoir de Ban, November 1958. © Archives Yves Debraine

Charlie Chaplin auf dem Skilift in Crans-sur-Sierre, Januar 1953. © Archives Yves Debraine

Ein Bild ausserdem rührt an sehr widersprüchliche Erzählungen von der winterlichen Sportivität des Meisters: Chaplin, 1953, allein und schon etwas steifhüftig, auf dem Tellerlift von Crans-sur-Sierre. Er hasste ja die Natur, wo sie kalt und bergig war. Jedoch hatte er das Skifahren à la mode erlernt in den frühen Dreissigerjahren, zum Beispiel in St. Moritz. Die gute Freundin May Reeves erinnerte sich später an einen jammervollen Anblick auf dem Anfängerhügel. Chaplins Bruder Syd andererseits berichtete von natürlichen Talenten und einer kühnen Beweglichkeit selbst bei nächtlichen Fackelläufen. Michael, der Sohn, wiederum beobachtete die progressive Verschlechterung der fahrerischen Fähigkeiten in den Sechzigern. Und warum nicht? Auch die Unsterblichen werden älter. Und so bewahrt ein Schnappschuss nun nicht nur einen Moment Gegenwart, sondern auch die Erinnerung an eine agilere Vergangenheit und die Ahnung von den Gebresten der Zukunft.

Christoph Schneider

«Chaplin Personal» (1952–1973), Museum «Chaplin’s World», Corsier-sur-Vevey, 20.2. bis 5.4.

2 Kommentare zu «Charlie Chaplin, ganz privat»

  • Rolf Raess sagt:

    Genau Herr Braun, das waren auch die Republikaner, die jeden mit roter Krawatte als Kommunist verunglimpften…
    Auch war der primitive McCarthy (Rep.) aus Wisconsin wahrscheinlich nie in einem Film Chaplin’s oder hat seine Sozialkritische Einstellung nie verstanden. Der Trump von heute ist keine neue Erscheinung, sondern eine traurige Fortsetzung des „Ugly American“ aus der Reihe der US-Republikaner.

  • Martin Braun sagt:

    Schöne Fotos, und eindrückliche Texte, die den Zeitgeist von damals dokumentieren. Bezeichnend auch die amerikanische Paranoia wegen dem Kommunismus der HUAC. Und der schweizer Polizei wegen dem internationalen Friedenspreises aus dem gleichen Grund.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.