Flucht ins Meer

Warum zwei junge bangalische Frauen lieber Surfen als Heiraten wollen.

«Ich mag das laute Meer, wenn ich draussen auf dem Surfbrett stehe – es übertönt dann alle Geräusche vom Ufer», erklärt mir Shumi, die trotz den bereits 35 Grad am Morgen in Leggins und langärmeligem Shirt auf ihrem abgenutzten Surfbrett sitzt. Shumi ist 15-jährig und die einzige der Gruppe Surferinnen, welche die Schule besucht hier in Cox’s Bazar, im Süden von Bangladesh. Die Stadt ist die Heimat des längsten ununterbrochenen natürlichen Sandstrandes der Welt. Der scheinbar endlose idyllische Strand und der feine goldene Sand stehen in einem starken Kontrast zum Leben von Shumi und ihrer Freundin Nargis. Geboren in Armut, in einer konservativen muslimischen Gesellschaft, müssen sie sich, dank ihrer Liebe zu den Wellen, jeden Tag Beschimpfungen und Drohungen von bärtigen Männern oder …

Shumi Akter auf dem Weg zum Strand. Sie träumt von einem Medizinstudium und kann dank der Unterstützung des «Bangladesh Girls and Boys Surf Club» die Schule besuchen.

Vor dem Surfen wärmen sich die Mädchen und Jungen des Surfclubs unter Anleitung von Rashed Alam auf.

Was den jungen Surferinnen noch an Können fehlt, machen sie mit Leidenschaft und Freude wett.

Shumi findet eine Welle, die ihr gefällt, auf der Fahrt entlang des 120 km langen Strandes im Süden von Bangladesh.

Ernten kritische Blicke: Die Leidenschaft der jungen Frauen stösst auf Unverständnis und Ablehnung.

Nargis, die 14-jährige Freundin von Shumi, darf nicht zur Schule gehen, ihre Familie möchte sie verheiraten oder in eine der unzähligen Kleiderfabriken senden. Im Surfclub darf sie noch Kind sein.

Die nach dem britischen East-India-Company-Offizier Hiram Cox benannte Stadt Cox’s Bazar mit dem nahe gelegenen 120 Kilometer langen Sandstrand ist für ihre Fischerei bekannt. Sie liegt über 150 km südlich der Hafenstadt Chittagong am Golf von Bengalen, hat knapp 170’000 Einwohner und ist Heimat des «Bangladesh Girls and Boys Surf Club»

Am Abend, wenn das Meer ruhiger ist, treffen sich die Mädchen und Buben des Surfclubs zum Skateboardfahren am Strand. Schnell findet sich eine kritische Zuschauergruppe ein.

Der Clubleiter und «grosse Ersatzbruder» ist sich sicher, dass dies das Selbstvertrauen der Mädchen fördert. Im Surfclub gibt es keine patriarchalische Struktur, Mädchen und Jungen surfen und skaten zusammen.

Shumi und ihre Freundinnen fahren ihre Runden ungeachtet der kritischen Zuschauerschaft.

Shumi auf dem Weg zur Schule. Sie lebt in einer kleinen Wellblech- und Lehmbauten-Siedlung im Dschungel ausserhalb von Cox’s Bazar. In den engen Gassen türmt sich der Abfall, und neben dem Fussweg verläuft die offene Kanalisation.

… verschleierten Frauen anhören. Selbst Shumis älterer Bruder hat sie geschlagen, als er vor vier Jahren erfuhr, dass seine Schwester den kleinen Surfclub von Rashed Alan besucht. «Ich solle heiraten und habe als Frau nichts im Wasser verloren», hat ihr Bruder ihr mit Schlägen probiert beizubringen. «Zum Glück wohnt mein Bruder nicht mehr zu Hause», meint Shumi. Laut einer Unicef-Studie aus dem Jahr 2013 werden 18 Prozent der Mädchen vor dem 15. Lebensjahr und über 50 Prozent vor dem 18. Geburtstag verheiratet. Der lokale Rettungsschwimmer Rashed hat angefangen, junge Mädchen, die von ihren Familien geschickt wurden, um am Strand Eier und Schmuck zu verkaufen, in den Surfclub aufzunehmen. Er und seine amerikanische Partnerin agieren als Ersatzgeschwister, sie kompensieren die Familien für die verpassten Einkünfte, mit dem Ziel, ihnen ein Teil der Kindheit zurückzugeben. Ich frage Shumi, wovor sie sich am meisten fürchtet: «Die Liebe mag ich nicht, sie bringt nur Probleme, ich möchte Ärztin werden, und die Liebe könnte diesen Traum zerstören.»

10 Kommentare zu «Flucht ins Meer»

  • CAMILLO sagt:

    EINFACH BRAVO…..

  • Jürg Brechbühl sagt:

    Das Wort „kritisch“ und „kritische“ Zuschauer steht mindestens 10 mal im Text. Was soll das? einige sind misstrauisch, andere missmutig, wieder andere sind ganz einfach neugierig oder auch neidisch, weil sie selber kein Surfbrett haben. Wieder andere bekommen den Fotografen und die Ausländer mit und sind verunsichert.
    Der Text zeigt eigentlich nur die Vorurteile des Autors. Wenn der Autor sich ein Urteil über die Zuschauer erlauben will, so soll er sie gefälligst befragen, was sie denken.
    Die Fotos gefallen mir. Sie geben ein verständliches Bild von der Welt, in der diese Jugendlichen leben.

  • Leo sagt:

    Tolle Initiative! Hoffentlich müssen wir nicht in ein paar Jahren lesen, dass es zu Missbrauchsfällen kam.

  • K. Geiger sagt:

    Den Mädchen und Frauen, welche sich weiterentwickeln und gleichzeitig an einer lebenswerten Zukunft für ihr Land arbeiten wollen wünsche ich viel Glück. Ebenso wünsche ich ihnen, dass die Familien das notwendige Verständnis aufbringen. Sie sollten endlich verstehen, dass es für das ganze Land Rückschritte bedeutet, wenn sie den Mädchen im Weg stehen. Noch in meiner Kinderzeit (Jahrgang 1964) hörte ich auch oft, dass ich mich nicht wie gesellschaftlich gewünscht verhalte. Und das mitten in Europa.

  • Peter Vogel sagt:

    In einem zivilisierten Land könnte man Heiraten und Surfen. Tolle Kultur die sie dort haben. Freue mich schon wenn diese Vielfalt dann eines Tages auch zu uns exportiert wird.

    • Rudi Buchmann sagt:

      Woher haben Sie Ihre Kleider? Bangladesh ist einer der grössten Kleiderexporteure der Welt. Reich ist das Land nicht, aber wie auch, das meiste Geld bleibt bei den europäischen Händlern und Importeuren hängen. Wenn wir schauen würden, dass etwas mehr für die dort arbeitenden Frauen übrig bliebe, könnte sich diese Gesellschaft durchaus zum Positiven verändern, trotz Religion.

      • Eduardo sagt:

        „Wenn wir schauen würden, dass etwas mehr für die dort arbeitenden Frauen übrigbliebe, könnte sich diese Gesellschaft durchaus zum Positiven verändern, trotz Religion.“

        Ja, das ewige „wir“. Dann gründen Sie doch am besten selbst mit anderen linken Idealisten im moslemischen Bangladesch (mit 1111 Einwohnern pro Quadratkilometer bereits extrem übervölkert, und das Wachstum geht immer weiter) eine Textilfirma, um endlich dafür zu sorgen, dass dort anständige Löhne gezahlt werden, an Frauen wie Männer.

        Viel zu teuer, zu aufwendig, zu schwierig, zu (lebens-)gefährlich, zu dies und zu das?

        Sehen Sie, da liegt das Problem. Große Reden schwingen können wir jedoch alle.

  • Sebastian Kofler sagt:

    Ein voll kompetenter Kommentar von mir, wenn es um dieses Thema geht: Islam macht blöd…!

  • Dilek sagt:

    Vielen Dank für die hochinteressante Reportage. Diese Mädchen verdienen unsere höchste Bewunderung für ihren Mut und ihre Eigenständigkeit, sie riskieren ihr Leben und wissen das auch. Mich hat bereits die beste Surferin Marokkos in ihren Bann gezogen. Diese Menschen strahlen eine unglaubliche Power, Grazie, Haltung und Schönheit aus, von welcher auch wir etwas lernen können. Pures Charisma versus Instagramm-Schrott.

  • Erwin Bänteli sagt:

    Wir kennen Cox’s Bazar aus den frühen 70-iger und achziger Jahren als kleines, verträumtes Städtchen. Dank meiner Arbeit mit lokalen Fischer-Genossenschaften war ich öfters dort und später mit Familie und Freunden in den Ferien am wunderbaren, menschenleeren Strand. Auch wenn die sog. Moderne eingezogen ist, so sind die traditionellen Werte und Lebensweisen offenbar noch immer stark vorherrschend, vor allem was die Rolle der Frau betrifft. Immerhin sieht man auf den Fotos junge Frauen, was damals schlicht unvorstellbar gewesen war. Diese jungen Menschen geben dem Land Perspektiven, Hoffnung und Farbe! Wir denken sehr gerne an unsere insgesamt sieben Jahre zurück, die wir als Familie in Bangladesch verbringen durften.
    Erwin und Yongsin Bänteli

Kommentar

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