Zwei Finger weniger

Da glaubte einer an Bildung durch Bilder: Der Kampf gegen Kinderarbeit war das Lebensthema von Lewis Hine. Und die Fotografie seine Waffe.

«Der siebenjährige Tony – 16.15 Uhr, Newark, New Jersey, 1912» (Originalbildunterschrift von Lewis Hine).

«11 Uhr. Montag, 9. Mai 1910. Zeitungsjungen am Skeeter’s Branch, Jefferson, bei Franklin. Alle haben geraucht. St. Louis, Missouri, 1910»

«Rhodes Mfg. Co., Lincolnton, N.C. Spinnerin. Ein kurzer Blick in die Welt draussen. Gibt sich als zehn aus. Arbeitet seit über einem Jahr. Lincolnton, North Carolina, 1908».

«Addie Card, anämische kleine Spinnerin in der North Pownal Cotton Mill. Vermont, 1910».

«Sie alle arbeiten in der Strumpfwirkerei in Cleveland. Die Allerjüngste (mit Locken) sagte: Ich trenne auf und nehme auf. Ein kleiner Junge in einer anderen Fabrik sagte: Drüben in der Cleveland lassen sie so Kleine arbeiten, die müssen sie auf Kisten stellen, damit sie drankommen. Die Kinder hier und ganz allgemein in den Strumpfwirkereien wirken besser angezogen und in besserer Verfassung als in den Spinnereien. Cleveland, Tennessee, 1911».

Sie haben Jobs. In Kohlebergwerken, Baumwollspinnereien, im Zeitungsverkauf. Darum wachsen sie mit kaum einer oder gar keiner Schulbildung auf. ­Dafür mit Lungenkrankheiten, Rückenschäden oder fehlenden Fingern. So wie Giles Edmund Newsom, der Junge auf dem Bild unten. Sanders Spinning Mill, Bessemer City, North Carolina: Am 21. August 1912 fällt Newsom ein Maschinenteil auf den Fuss und zerquetscht ihm eine Zehe. Worauf er in eine Spinnmaschine stürzt und mit der rechten Hand in ein offenes Getriebe gerät, das ihm zwei Finger herausreisst. Er sei elf, sagt er dem Staatsanwalt. Dreizehn, sagen seine Eltern.

 

«Ein junger Fabrikarbeiter hatte einen Unfall in der Sanders Spinning Mill. Giles Edmund Newsom, bei der Arbeit fiel ihm am 21. August 1912 ein Maschinenteil auf den Fuß und zerquetschte eine Zehe. Daraufhin fiel er auf eine Spinnmaschine, seine Hand geriet in ein ungeschütztes Getriebe, das zwei Finger zerquetschte und herausriss. Er sagte dem Staatsanwalt, er sei zum Zeitpunkt des Unfalls elf gewesen. Seine Eltern versuchen jetzt, ihn als 13-Jährigen auszugeben. Bessemer City, North Carolina, Oktober 1912».

«Mittagspause im Ewen Breaker, Pennsylvania Coal Co., South Pittston, Pennsylvania, 1911».

Unrecht sei es auf jeden Fall, fand Lewis Hine, der Fotograf, von dem auch der Bericht zum Fall stammt. Geboren 1874, zunächst Lehrer und Soziologe, griff er zur Kamera und wurde zu einem Pionier der sozial engagierten Fotografie in den USA. Seine Bilder sollten die Welt nicht verschönern, sondern verbessern: Im Auftrag sozialreformerischer Organisationen führte er seinen Landsleuten Armut und Ausbeutung in der Arbeitswelt des frühen 20. Jahrhunderts vor Augen. Der Kampf gegen die Kinderarbeit, der spät, aber doch noch erfolgreich wurde, beschäftigte Hine ein ganzes Jahrzehnt. Er ist auch das Haupt­kapitel seines Lebens­werks, wie es ein kleinformatiger, aber umfangreicher Bildband nun zeigt.

 

«Junger Lorenkipper, Turkey Knob Mine, MacDonald, West Virginia, 1908».

«Arbeiter auf dem Gerüst des Empire State Building, New York City, 1931».

Die Wende kam nach der Zeit des Ersten Weltkriegs: Hine tauschte seinen politischen Kompass gegen eine gefällige Ästhetik. Damit verlor er seine Aufträge, kam aber auch nicht in der Kunstwelt an. So endet sein Werk mit verklärten Sinnbildern der menschlichen Tatkraft – sein ­Leben dagegen in jenen Umständen, gegen die er sich so lange eingesetzt hatte. 1939 starb seine Frau an einer Lungenentzündung, 1940 wurde ihm die Hypothek gekündigt, im selben Jahr starb Lewis Hine. Vereinsamt, verarmt und vergessen.

 

«Alberta McNadd auf der Chester Truitts Farm. Alberta ist fünf und pflückt Beeren, seit sie drei ist. Ihre Mutter erzählte uns freiwillig, dass sie durchgehend von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang arbeitet. Cannon, Delaware, 1910».

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Lewis W. Hine. America at Work
Taschen Verlag, 2018, Hardcover
537 Seiten, Masse: 14, 6 x 20,3 cm
Gebunden, Englisch/Deutsch/Französisch
ISBN: 978-3-8365-7234-7
ca. 24.90 Franken

1 Kommentar zu «Zwei Finger weniger»

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