Schweizer beim Schweizersein

Der Genfer Fotograf Didier Ruef blickt mit liebevoller Ironie auf eine Schweiz, die schon lange vergangen scheint – und uns doch nahe und vertraut ist.

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Mittagspause an der Zürcher Seepromenade. © 1988 Didier Ruef

Die Schweiz ist ein Land der Gegensätze. Das ist keine steile These, sondern gelebter Alltag. Dort, wo der Dauerfrieden sich niedergelassen hat, ist das Militär omnipräsent: In den Zügen und auf den Strassen begegnet man Soldaten auf Schritt und Tritt. An öffentlichen Feiern und Festen fahren Panzer auf und demonstrieren Wehrhaftigkeit. Schon Kindern ist dieser Konnex zwischen militärischer Präsenz und friedlicher Existenz wenn nicht bewusst, so doch als Bild abgespeichert im Reservoir der kollektiven Erinnerungen. Der 1961 in Genf geborene Didier Ruef sucht den Bilderschatz der letzten 30 Jahre zu heben. Er ist in allen Landesteilen unterwegs mit der stets gleichen Haltung:

Militärparade in Emmen, Luzern. © 1991 Didier Ruef

Ein Paar bestaunt an der Expo.02 in Biel in einem überdimensionierten Einkaufswagen fahrend die Ausstellung «Strangers in Paradise». © 2002 Didier Ruef

Zwei Kamele warten, angeleint an Parkuhren, auf den Start des Zürcher Sechseläutens. © 1991 Didier Ruef

Badegäste am Genfersee. © 1987 Didier Ruef

Schneesturm am Bahnhof von Sitten im Kanton Wallis. © 1995 Didier Ruef

Ein Bauer trinkt auf der Kernalp beobachtet von einer Kuh einen Kaffee. © 1996 Didier Ruef

Ein frischer Kuhfladen im Bleniotal im Kanton Tessin. © 1996 Didier Ruef

Eine Mutter und ihr Sohn posieren im Verkehrshaus Luzern als Crewmitglieder der Swissair, die im Frühling 2002 in Konkurs ging. © 1990 Didier Ruef

Ein lebensgrosser Diplodocus des Bildhauers Hervé Bénard steht auf einem Kreisel in Porrentruy im Kanton Jura. © 2017 Didier Ruef

Einen Tag vor dem offiziellen Wettbewerb versuchen sich in Interlaken Amateure im Weitwurf des Unspunnen-Steins. © 1993 Didier Ruef

Ein Bauer animiert den Zuchtbullen, eine Kuh zu begatten, seine Frau schaut rauchend zu. © 1996 Didier Ruef

Ein Paar schützt sich am 1. August auf der Rütliwiese mit Plastikpelerinen vor dem Regen. © 1990 Didier Ruef

Anlässlich der 700-Jahr-Feier der Schweiz macht ein älterer Mann im Wilhelm-Tell-Shirt den Rütlischwur. © 1991 Didier Ruef

Ein Mann springt mit Schwimmflossen von einem Sprungbrett in Castagnola in den Luganersee. © 1995 Didier Ruef

Die Bauernfamilie Morand im Garten ihres Hauses in Euseigne im Kanton Wallis. © 1994 Didier Ruef

Mit leicht ironischer Distanz und liebevoller Empathie schaut der Fotograf den Schweizern beim Schweizersein zu.Der 170 Schwarzweissbilder umfassende Fotoband «Homo Helveticus» dokumentiert seine Ausflüge ins Landesinnere. Die mitreisenden Betrachter treffen auf eine Welt, die einmal auch ihre war. Obwohl entrückt, ist sie bedrückend nahe. Didier Ruef gewährt Einblicke in das Leben von Menschen mit einem ausgeprägten Sinn fürs Praktische und Pragmatische (auch das ein Effekt der direkten Demokratie). So stärkt sich der Opernhausbesucher am nahen See und schaut pikiert auf einen dösenden Jugendlichen; so muss der Bauer, kritisch beobachtet, nachhelfen, wenn es zwischen Stier und Kuh vor prosaischer Kulisse nicht klappen will. Und so koexistieren auch Religionen und säkulare Ideologien föderal und zumeist harmonisch und friedlich nebeneinander her. Oft sind Büchermottos belanglos. Nicht hier: «Der Blick bemächtigt sich nicht der Bilder, sondern diese bemächtigen sich des Blickes. Sie überschwemmen das Bewusstsein.» Das klingt so, als ob Franz Kafka über Didier Ruef geschrieben hätte.

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Homo Helveticus

Textes/Texte: Thomas Maissen, Didier Ruef
Relié / Gebunden mit Schutzumschlag
208 Seiten, 170 Fotografien Tritone
29,5 x 32 cm
ISBN 978-3-03878-025-0

2 Kommentare zu «Schweizer beim Schweizersein»

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