Nicht alles wurde gut

Mit der gewaltsamen Räumung des Wohlgroth-Areals endete vor 25 Jahren die grösste Hausbesetzung der Schweiz.

Zu reich: Berühmt geworden ist das besetzte Areal auch durch die prägnanten Wandmalereien, die jeder Pendler bei der Einfahrt in den Hauptbahnhof sehen konnte. (Martin Ruetschi/Keystone)

Es war ein trister Tag, als sich am 23. November 1993 Polizeigrenadiere von einem Helikopter aus abseilten, die improvisierten Barrikaden wegräumten und der grössten Besetzung, welche die Schweiz je erlebt hatte, ein Ende bereiteten. In gut zweieinhalb Jahren war auf dem Areal der verlassenen Gaszählerfabrik der Wohlgroth AG und in weiteren Häusern an der Ecke Josef- und Klingenstrasse im Zürcher Industriequartier ein alternativer Kultur- und Begegnungsort entstanden, der weit über die Linksautonomenszene hinaus Besucher anzog und in seiner Grösse und Vielfältigkeit einmalig war. Fast täglich traten Bands im grossen Konzertraum auf, es gab ein Kino, eine Bibliothek, einen Jazzkeller, eine Volxküche, und mit dem ersten Fixerraum der Stadt wagten die Besetzer sogar ein Experiment, das Jahre später ein fester Bestandteil der neu ausgerichteten Drogenpolitik werden sollte. In kollektiver Erinnerung bleiben werden wohl aber vor allem die beiden Wandmalereien, mit denen jeder im HB einfahrende Zugpassagier zwangsläufig konfrontiert wurde: die trotzige Durchhalteparole «Alles wird gut» und die so genial wie subtil veränderte SBB-Ortstafel «Zureich». Einen ausführlichen Bericht und ein Gespräch mit ehemaligen Besetzern lesen Sie hier.

Klare Anweisungen: Nicht nur Polizisten, auch Dealer und harte Drogen waren auf dem Areal nicht erwünscht. (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

 

Im Laufe der Zeit wurden weitere frei stehende Gebäude an der Josefstrasse besetzt. Über selbst gezimmerte Brücken und Treppen waren die verschiedenen Häuser miteinander verbunden.  (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

Das Fabrikdach bot eine top Aussicht auf das Bahnhofsgelände. Auf dem Gelände gab es zudem einen grossen Konzertsaal, eine Bibliothek, einen Jazzkeller, ein Kino und für eine kurze Zeit auch einen ersten Fixerraum. (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

Nicht nur innere Werte: An den Fassaden des besetzten Areals entstanden eindrückliche Malereien und Skulpturen. (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

Freie Sicht aufs … Bahngeleise: Zuletzt wohnten bis 100 Leute permanent auf dem Areal in Wohnungen und Zimmern, für die heutzutage an gleicher Lage horrende Mietzinse bezahlt werden. (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

Allerhand Gerümpel mit Wasser bespritzen, warten, und fertig ist die Eisskulptur: Vergängliche Kunst im Hof des Areals. (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

Ausbrechen: Bildhauer-Arbeit an der Fassade einer Mauer des Wohlgroth-Areals. (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

An prominenter Lage: Das besetzte Areal war durch seine Lage an den Geleisen sehr präsent. (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

Demo-Vorbereitung: Aktivisten basteln für eine bevorstehende Kundgebung ein futuristisches Mobil. (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

Klare Botschaft: Im Herbst 1993 organisieren die Besetzer Demonstrationen, Umzüge und Aktionen, um in der Stadt präsent zu sein und auf ihre Situation aufmerksam zu machen. (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

Wagemutig und kreativ: Wohlgroth-Bewohner verkleiden die Fassade eines besetzten Hauses an der Josefstrasse mit riesigen Pappmaché-Figuren. (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

Flammender Appell: Drei Tage vor der Räumung der grössten Besetzung, welche die Schweiz je erlebt hatte, demonstrieren gut 2000 Wohlgroth-Sympathisanten in der Innenstadt.  (20. November 1993, Keystone)

Blick durch ein Fenster des Hauptgebäudes in Richtung Geleise.  (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

Räumung von oben befohlen: Polizeigrenadiere lassen sich aus einem Helikopter auf ein Dach des besetzten Wohlgroth-Areals abseilen. (23. November 1993, Keystone)

Es ist vorbei: Verbauungen werden von einem Bagger niedergerissen. (23. November 1993, Keystone)

Kein Stein bleibt auf dem anderen: Von den besetzten Gebäuden ist nicht mehr viel zu sehen. (Gertrud Vogler/Sozialarchiv)

Aus der Traum: Polizist während der Räumung des Wohlgroth-Areals. (Comet Photoshopping)

 

 

 

 

 

28 Kommentare zu «Nicht alles wurde gut»

  • Claudia Brüllmann sagt:

    Den ersten Fixerraum gab es im AJZ 1980/81.

  • Miggu sagt:

    Ich war DA – als Student – absolut genial was da so lief – im biederen ZUREICH der 90er Jahre – sogar Tanz und Hüpfverbot gab es in der Zwinglistadt, die Underground Kultur grassierte!

    • Jens Egger sagt:

      G e n a u !
      War auch da, es war herrlich. Endlich wurde dieser uralte, total vordergründige Züricher Mief in Frage und lächerlich gestellt.
      Die Stadtväter von damals strauchelten darob wie Hühnervieh umher und verlautbarten sich in grotesken Wortklaubereien, memories, memories..

  • Philip Decker sagt:

    Erinnere mich noch lebhaft: Dreck, alles verschmiert und verlumpt, und das haette KULTUR sein sollen? Raeumung absolut gerechtfertigt, wenn auch zu spaet. Ubrigens: „geraucht“wurde ebenfals!!

  • Jens Egger sagt:

    Die grösste Häuserbesetzung Zürich’s war nicht vor 25J sondern passiert eben
    J E T Z T an der Bahnhofstrasse 75, Zürich!
    MANOR hat vor etlichen Jahren einen befristeten Mietvertrag akzeptiert, abgeschlossen, juristisch gültig unterschrieben. Sachlage wasserklar. Heute nun, urplötzlich, will MANOR davon nicht’s mehr wissen und Passagen aus diesem Mietvertrag nicht mehr anerkennen. Jeder Jur-Student im 1.Semester schüttelt den Kopf..
    Diese widerrechtliche Besetzung wird sogar von bekannten Personen, exChefredaktoren/innen u.a. unterstützt. Man staunt!

    Klar, hier geht’s um Millionen, Millionäre: Establishment besetzt mitten in Zürich Riesenhaus, man stelle sich dies mal vor! Darum wird auch nur hie und da, fast wohlwollend, darüber informiert..

    Aufwachen lb. Bürger!

  • Peter S. sagt:

    warum wird jetzt das wohlgroth verherrlicht? etwas scheinen besetzer, egal von wo, bis heute nicht zu erkennen. sie sind nichts anderes als die vorhut, die eine reihe von drecksarbeit, die jeder gentrifizierung vorausgeht, ausführt. anwohner vergraulen! bestehende quartier- und anwohnerstrukuren aufbrechen, damit nachher, die unentwegten mit einem fingerschnippen vertrieben werden können. städtebau ist politik. egal ob der bauherr die stadt ist oder ein privater, darum werden besetzer so grosszügig geduldet und anwohner im stich gelassen. ist eine quartiersstruktur erst mal verletzt, geht es sehr schnell. plötzlich steht eine neue überbauung, in die kaum einer einziehen wird, der schon sein lebenlang vorher im quartier lebte und man wird bald nicht mehr wissen, wie es mal war.

    • Claudia Brüllmann sagt:

      Klar analysiert, Hr. S. Dabei möchten die Besetzer eigentlich das Gegenteil erreichen.

      • Hans Meier sagt:

        Nicht wirklich. Besetzer wollen vor allem kosten- und regellos wohnen und Party machen können. Der Rest ist nur vorgeschobenes Pseudogetue, um sich als etwas Besonderes fühlen zu können.

    • Hans Meier sagt:

      Hat was Wahres. Das Lustige ist ja, dass die Besetzer überhaupt kein Problem damit haben, andere Mieter und Nachbarn aus dem Quartoer zu vertreiben mit ihrem Lärm, Dreck und den endlosen Parties. Nur selbst wollen sie dann nicht mehr gehen und haben das Gefühl, ihnen stehe die freie Nutzung der besetzten Häuser auf ewig zu. Als ob sie das Quartier wären…

  • Micha Weber sagt:

    Weshalb muss man eigentlich immer so eine Sauerei machen, wenn man eine Liegenschaft besetzt? Alles versprayt, überall liegt Abfall rum, überall hängen dreckige Lümpen, extrem unhygienische Zustände – Nachhaltigkeit sieht anders aus.

  • John sagt:

    Mich würde mal interessieren, ob die damaligen Protagonisten heute einer geregelten und wertschaffenden Tätigkeit nachgehen.

    Meine Bewunderung hatten solche Gruppen früher auch.
    Aber mit den Jahren wird der Blick auf Notwendigkeiten und Realität klarer.
    Und viele der damaligen Robin Hoods sind heute nur noch gesellschaftlicher Ballast mit destruktiver Energie.

    Meine Nostalgie dazu hält sich in Grenzen.

  • marsel sagt:

    Wenn ich sehe, wie rebellisch und gleichzeitig engagiert + kreativ die jungen Leute damals waren, und dann an heute denke, werde ganz deprimiert. Heute will niemand mehr die Welt verbessern, nur noch sich selber.

  • Rolf Raess sagt:

    Begonnen hat die ganze traurige Geschichte der Gängelung der Jugend und deren Ideen ja schon 1951… als Zürich den 600jährigen Eintritt in den Bund feierte. Das verhangene Regenwetter damals hätte eigentlich eine Warnung sein können. Nach dem Polizeiskandal um die selbst gestohlenen Zahltage und einen FDP-Überhöckler als Polizei-Stadtrat, eskalierte die Polizei um den Globus, den der mürrische Stadtpräsident längst den willfährigen Stimmvieh der Sozi versprochen hatte. Später kam das AJZ in gleicher Manier, dann die Repression die zum Needlepark führte, das Wohlgroth, die Binz und heute das Kochareal. Allem ist gemeinsam, dass die Jugend Züruch immer verarscht wurde, seit den leeren Versprechen der Stadtregierung von 1951…

  • Peter Lustig sagt:

    Erinnerungsfetzen:
    – Punkkonzert im Keller, Eintritt gratis. Als Bar eine alte Badewanne mit Löwenfüssen aus der grosse, kühle Hürlimannbiere zu einem Drittel des normalen Restaurationspreises verkauft werden. Sonst nichts.
    – Reggaedance mit Rootsoperator. Eintritt 10.- statt der sonst üblichen 12.-
    Einige Besetzer finden den Kommerz in Ihrem Laden gar nicht lustig und starten eine Protestaktion mit Reisbesen, stürmen das DJ-Pult. Rootsoperator bricht den Dance ab: „Die gehen mit Ihren Besen auf meine Plattenspieler los.“ Publikum geht murrend in die Nacht hinaus.
    – Nachtcaffee im bitterkalten Winter. Kein Wasser, kein Licht, aber warm. Barmann gibt Tee aus Thermoskannen aus. Wäscht die Tassen mit Seifenwasser aus einer weiteren Thermoskanne. Anwesend: 2 Studenten, 2 Obdachlose

  • Jürg Schmid sagt:

    Das mit den Bünzlis stimmt zwar. Aber Schaufenster einschlagen ist auch bünzlig.

  • Fiorenzo Cornelius Wagner sagt:

    Durch die Räumung wurde nicht nur ein buntes Geviert in unmittelbarer Bahnhofsnähe zum Verschwinden gebracht, sondern auch eine Nachfolgearchitektur geschaffen, die nicht entgegengesetzter zum Beseitigten hätte ausfallen können: ein vollkommen uninspirierender Bürokomplex, kalt und sinnlos wie vieles, was auf Zerstörtes in dieser Stadt folgte. Die Sterilisierung der dortigen Umgebung beschränkte sich dann aber, wie die Folgejahre immer deutlicher zeigten, nicht auf das Wohlgroth-Areal allein, sondern erfasste letztlich weite Teile des gesamten Quartiers, die heute derart totsaniert sind, dass ein besetztes Wohlgroth ohnehin kaum noch in den Kontext passen würde.

    • such Marcel sagt:

      Richtig gute Aussage, und genau dass passiert im Moment in Basel, Gebiet um die Mustermesse wird Tot Saniert, kein Flair mehr, nur noch kalte Stahl- Beton Bauten …………..

  • Roli Theiler sagt:

    Oh ich liebte diese Leute, obwohl ich nichts mit denen zu tun hatte. Ich verdiente gut und war jeden Tag für IT-Projekte unterwegs. Ein komplett anderes Bild von Gesellschaft, trotzdem empfand man Bewunderung für Träumer und Aussteiger., selbst war man gefangen im Hamsterrad. Bünzlitum in Reinkultur. Etwas anständiges lernen, heiraten. Kinder. Planung war alles. Und jetzt ? Ausrangiert, Ü50, zu alt, abgelehnt, zu teuer, etc.
    Ausgesteuert.
    Habe ich was verpasst ? Ja, denke schon. Die beste Zeit meines Lebens verplempert als Wirtschaftsklave. Ausgenutzt und in die Armut ausgespuckt. Ja die Zeiten ändern sich und das einzig Warme in der Gesellschaft scheint nur noch der Handyakku zu sein. Idealisten und Revoluzzer gibts keine mehr. Wir sind doch nur noch austauschbare Batterien.

    • Ein ü40 Wirtschaftssklave sagt:

      Eine sehr beeindruckender und trauriger Kommentar Herr Theiler.

    • Rudi Gumper sagt:

      Vielleicht sollte die beste Zeit des Lebens nun anfangen. Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit (kein Witz).

    • Samira Maurer sagt:

      Schön geschrieben – Danke!

    • Nemesis sagt:

      Lieber Herr Theiler
      Der Mensch hat dreierlei Wege, klug zu Handeln; erstens durch Nachdenken, das ist das Edelste, zweitens durch Nachahmen, das ist das Leichteste, und drittens durch Erfahrung, das ist das Bitterste.

    • Hanspeter Niederer sagt:

      Ihre Ehrlichkeit ehrt Sie. Es gibt noch Revoluzzer, die Veganer. Sie kämpfen ebenfalls gegen ein System der weltweiten Unterdrückung und gnadenlosen Ausbeutung bis aufs Blut, dem jährlich Abermilliarden von unschuldigen Lebewesen zum Opfer fallen. Zu den Opfern dieses faschistischen Systems werden am Schluss auch die Menschen gehören – durch ein nicht mehr bezahlbares Krankheitswesen und durch den absehbaren Kollaps des Ökosystems.

    • Emilia sagt:

      „Ausgenutzt und in die Armut ausgespuckt“
      Was für traurige aber dennoch wunderbar treffende Worte. Ich weiss es ist die reine Wahrheit und sehr schlimm und traurig aber ich kann nicht anders als Ihre Worte unglaublich schön zu finden.
      Dies in vollem Bewusstsein dass es mir mal genau gleich gehen wird. Danke für diese Worte.

  • Hedi Wyss sagt:

    Ich bin die Mutter eines der Aktivisten ich habe sehr gute Erinnerungen an meinevBesuche dort auch mit Meiner alten Mutter, die so mutig war, mit mir den Enkel dort zu besuchen. Ich habe damals für die NZZ gearbeitet. Und ein Artikel übers Wohlgrot wurde vom Chefredakteur zuerst gestoppt weil er auch falsche Vorurteile hatte, ist aber dann doch erschienen. Ich hatte nur gute Erlebnisse dort und mein Sohn, der nicht ins Militär ging, hat bei der Verteidigung des Wohlgrot so viel gelernt wie er in der Rekrutenschule hätte lernen können, nur ohne angebrüllt zu werden!.

    • Law and order sagt:

      Dass kann auch nur jemand sagen, die nie in der Rekrutenschule war. Ein Haufen Pfadibuben und mädchen, welche sich auf Kosten der Gesellschaft ihr Abenteuer reingezogen hatten.

      Kultur in Ehren, aber die Besetzung war illegal und die Räumung überfällig.

  • Urs Derendinger sagt:

    Der Schriftzug ZUREICH war natürlich genial! Ich kannte das Wohlgroth-Areal nicht, bin erst später nach Zürich gekommen. Ich habe nur die Räumung des Binzareals erlebt. Eine junge Freundin hat davon geschwärmt, wie sie in der Nacht davor einen Umzug durch die Stadt gemacht hätten mit lauten Musikanlagen. Nachher waren ganze Quartiere verprayt und Schaufenster kleiner Ladenbesitzer zerstört. Die Botschaft: Ihr seit alles Bünzlis, wir sind die Einzigen, die es begriffen haben. Tatsächlich ist der Unterschied zwischen einem angenehm organisierten Normalo-Leben und einem Robinsonspielplatz für Pubertierende und junge Weltverbesserer ziemlich gross und das Verhältnis beruht auf Aggression und nicht Verständnis. Ob ich das noch einmal erleben werde, dass das alles ohne Aggression vor sich geht?

    • Rudi Gumper sagt:

      Vielleicht sollten wir weniger vor der Aggression Angst haben als von der alles verschlingenden Normalität? Sicherlich, es gibt viel Scheisse – allerdings sollten wir dennoch unser Leben nicht ganz so langweilig leben, dass das auch noch ‚wegrationalisiert‘ ist.

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