So nah, so fern

Die berückenden Bilder der Zürcher Fotokünstlerin Ruth Erdt irrlichtern zwischen Autobiografie und Fiktion.

Oslo, 1984/1985.

Wie viel, wie wenig Distanz verträgt sich mit der emotionalen Wahrheit? Ein Thema, das die Zürcher Fotokünstlerin Ruth Erdt (52) seit Jahrzehnten beschäftigt. Wer ihre Arbeit kennt, ist mit den Protagonisten dieser schwarzweissen Fotografien ein bisschen vertraut: Erdts Kindern Eva und Pablo, ihren Partnern, Freunden, Tieren und auch der Fotografin selbst.

Aber eben: Ein bisschen vertraut. Mehr ist nicht möglich, denn mit obsessiver Hartnäckigkeit oszilliert Erdt in ihrem hypersensiblen Werk zwischen der Sehnsucht nach der Nähe und der Unmöglichkeit, sie dingfest zu machen. Wann schlägt zu grosse Nähe in Distanz um? Wann wird Distanz zur Nähe? Für beides finden sich in Ruth Erdts neuem Buch «Nicht Zittern» Beispiele.

Eva, Atelier, 1996.

Ottikerstrasse, 1985.

Pablo und Ruth, Atelier, 1995.

Ottikerstrasse, 1984.

Pablo, Zürich, 1996.

Ottikerstrasse, 1985.

Ruth, Ottikerstrasse, 1984.

Timon, Atelier, 1996.

Erster Film, 1983.

Eva, Atelier, 1996.

Ottikerstrasse, 1984.

Besetzte Höschgasse, 1987.

Eva, Atelier, 1995.

Pablo, New York, 1996.

Wie schon in ihren früheren Bildserien «The Gang» von 2001 und «Die Lügner» von 2010 irrlichtern die Aufnahmen zudem zwischen autobiografischer Offenheit und fiktionalisierender Verschleierung. Noch erstaunlicher ist der Text der Fotografin im Buch, auch dieser im gleichen Spannungsfeld angesiedelt: Schonungslos offen, ohne dass man zu viel erfährt.

Besonders berührend sind dabei die Passagen, in welchen es um die Gewohnheit der Fotografin geht, ihre eigenen Kinder zu den Objekten ihrer Inszenierungen zu machen. Darf man das? Eine heikle Frage, auf die es vielleicht keine endgültige Antwort gibt. Deutlich wird immerhin, dem Titel zum Trotz: Ohne Zittern geht es nicht.

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Ruth Erdt: Nicht zittern
Lars Müller Publishers, 2017
272 Seiten, 121 Bilder, Deutsch
ISBN 978-3-03778-540-9
45 Franken

Weiteres zur fotografischen Arbeit von Ruth Erdt finden Sie auf ihrer Website.

1 Kommentar zu «So nah, so fern»

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