Zurück in der geschundenen Stadt

Seit einem Jahr hat der Irak die ehemalige IS-Hochburg Mosul wieder unter Kontrolle. Noch immer sind die Streitkräfte tagtäglich damit beschäftigt, untergetauchte Kämpfer dingfest zu machen.

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Mitglieder der irakischen Sonderpolizeieinheit Swat sichern eine am Abend belebte Kreuzung in einem Einkaufsgebiet im Osten von Mosul. Das Gebiet wurde während der Schlacht nur leicht beschädigt und die meisten Geschäfte haben wieder geöffnet. Seit der Befreiung gab es hier immer wieder Bombenanschläge von IS-Schläferzellen auf belebte Restaurants.

Im zwölften Jahrhundert beschreibt der reisende Benjamin von Tudela die am Tigris gelegene Stadt Mosul in seinen Aufzeichnungen bereits als «antik». Über 850 Jahre später türmen sich über der mittlerweile noch antiker gewordenen Stadt Rauchwolken von Flugzeugbomben auf, so schwarz wie das Öl, welches im Boden schlummert.

Im Juli 2017 wurde die mittlerweile zweitgrösste Stadt des Irak nach einer neunmonatigen Schlacht mit der irakischen Armee von der Terrororganisation Islamischer Staat befreit. Die Millionenstadt – Mitte 2014 von nur ein paar Hundert selbst ernannten Gotteskriegern überrannt – war bis zum Fall Hauptstadt des «Kalifats». Während der blutigen Schlacht wurde Mosul auch durch eine von den USA angeführte Koalition bombardiert. Nebst Tausenden von Soldaten und IS-Terroristen wurden unzählige, zwischen die Fronten geratene Zivilisten Opfer des Konfliktes.

Alex Kühni war während der Schlacht um Mosul von Oktober 2016 bis Juli 2017 mehrere Male mit den irakischen Streitkräften an der Front. Nun, genau ein Jahr nach der Befreiung, hat er Mosul wieder besucht und unter anderem ein paar Tage mit Mosul-Swat verbracht, einer Sondereinheit des irakischen Innenministeriums. Dies sind seine Eindrücke.

Ali, der unter der IS-Herrschaft ein Restaurant betrieben hat, in der völlig zerbombten antiken Altstadt von Mosul. Er zeigt einen von den Terroristen zurückgelassenen Selbstmordgürtel.

Zivilisten suchen in den Trümmern von Mosuls Altstadt nach verwendbarem Baumaterial.

Eine Gruppe von Zivilschützern sammelt in der Mondlandschaft von Mosuls Altstadt die mittlerweile stark verwesten Leichname ein. Auch ein Jahr nach Ende der Kämpfe finden sie pro Tag zwischen zehn und dreissig Körper.

Über der stark zerstörten Altstadt liegt ein beissender Verwesungsgeruch. Oft ist es schwierig, auszumachen, ob die Leichname einst Zivilisten oder IS-Terroristen waren – einzig die Kleider geben Anhaltspunkte.

Die über achthundertjährige Al-Nuri-Mosche, in welcher der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi 2014 das Kalifat ausgerufen hat, ist heute völlig zerstört. Der IS hat die Mosche und das Minarett gesprengt, bevor es die irakischen Truppen gegen Ende der Schlacht erreichten.

Die Mitglieder der irakischen Sonderpolizeieinheit Swat machen sich bereit für eine Razzia um Mitternacht. Das Ziel ist das Familienhaus eines untergetauchten IS-Terroristen.

Mit ausgeschalteten Frontscheinwerfern fahren die drei gepanzerten Fahrzeuge in das Quartier der Zielperson. Am Ende der Strasse steigen die zwölf schwer bewaffneten Polizisten aus und gehen lautlos um das Haus, in welchem sie den Terroristen vermuten, in Position.

Um ein Uhr morgens wird das Haus gestürmt. Die Swat-Einheit findet einzig die zwei Brüder, eine Schwester und die Mutter. Vom gesuchten IS-Terroristen fehlt jede Spur. Die zwei Brüder werden mit rauen Methoden verhört, um das Verbleiben des gesuchten Terroristen herauszufinden.

Die irakische Swat-Einheit macht sich für einen Einsatz in der Wüste westlich von Mosul bereit. Im Juli klettert das Thermometer im Nordirak tagsüber konstant über 45 Grad und die Motoren der schweren gepanzerten Einsatzfahrzeuge müssen vor der Mission mit Wasser gekühlt werden.

Das Ziel der Mission ist es, einen vom IS gegrabenen Tunnel zu «säubern». Der Wüstenabschnitt zwischen Mosul und der syrischen Grenze wurde nach der Rückeroberung der Stadt zum Rückzugsgebiet der Terroristen. Die irakische Armee vermutet mehrere Hundert versteckte Tunnelsysteme in dem kargen weitläufigen Gelände.

Die Nacht in der Wüste zwischen Mosul und der Grenze zu Syrien gehört dem IS. Immer wieder werden Armeekonvois Opfer von in der Nacht verlegten Sprengfallen. Das vom Swat-Team mitgebrachte Minensuchgerät hatte aber an diesem Tag einen leeren Akku.

Am Zielort angekommen, beginnen die Sondereinsatzkräfte mit der Hilfe von schiitischen Milizen den durch eine Fliegerbombe verschütteten Zugang zum IS-Tunnel freizusetzen. Aber schon nach ein paar Minuten erliegt das schwere Baugerät der Hitze und muss ersetzt werden.

Gebanntes Warten unter der prallen Sonne. Schnell zerfällt die militärische Disziplin in der zweistündigen Wartezeit. Die Männer beginnen einen Flaschen-Schiesswettbewerb. Bald nehmen sie auch mit dem Turmgeschütz eines gepanzerten Fahrzeuges ein rund ein Kilometer entferntes Dorf unter Beschuss. «Falls sich dort drüben IS-Terroristen versteckt halten, wird ihnen das eine Lehre sein», begründet einer der schiitischen Milizen.

Endlich ist der Tunneleingang freigelegt. Major Bassam bestimmt, wer in den Tunnel muss und gibt letzte taktische Tipps.

Hinein in die Untergrundwelt des selbst ernannten Islamischen Staates. Die bewaffneten Männer verschwinden im bedrohlich wirkenden schwarzen Erdloch. Nach ein paar bangen Minuten erscheinen die Spezialkräfte wieder am Eingang; «Alles sauber» lautet die Entwarnung.

Die IS-Terroristen haben das weitläufige Tunnelsystem durch einen Notausgang evakuiert und nur Lebensmittel und Munition zurückgelassen.

Ein neuer Tag, eine neue Mission für die irakische Swat-Einheit. Einsatzbesprechung für die Operation «Insel-Tiger». Laut lokalen Informanten und abgehörten Telefongesprächen haben sich mehrere IS-Terroristen südlich von Mosul in den dichten Schilfwäldern am Ufer des Tigris-Flusses versteckt.

Mit rund siebzig Mann und 12 gepanzerten Fahrzeugen rücken die Sonderkräfte aus. Kurz nach der Ankunft am Einsatzort nimmt das Swat-Team das vermutete Versteck im trockenen Schilf unter Beschuss. Die Männer feuern mit explosiven Brandgranaten der Turmgeschütze.

Nach kurzer Zeit steht das Uferschilf in Flammen.

Eine Gruppe der Männer zieht sich bis auf die Unterwäsche aus, um eine im Tigris gelegene Schilfinsel nach IS-Terroristen zu durchsuchen.

Der Einsatz wird vom Kommandanten der Mosul-Swat-Einheit Oberst Rayyan (Mitte ohne Hut) persönlich kommandiert. Für den Oberst sind solche Einsätze persönlich, denn der IS hat bei einem Anschlag auf Rayyans Verlobungsfeier seinen Bruder getötet.

Mittlerweile hat ein Grossteil des Schilfwaldes Feuer gefangen und es sind Explosionen von in Brand geratener Munition zu hören. Die Swat-Mitglieder beziehen Deckung hinter den gepanzerten Fahrzeugen.

Operation «Insel-Tiger» endet mit gut einem Hektar niedergebranntem Schilf. In der Asche finden die Sondereinsatzkräfte verkohlte AK-47 Sturmgewehre, Munition und Schlafplätze. Die Terroristen sind aber den Männern der Swat-Einheit einmal mehr entkommen. Oberst Rayyan versichert aber, dass seine Truppe nicht aufgeben wird, bis der letzte «Daesh» (arabische Bezeichnung für den IS) gefunden ist.

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Alex Kühni, geboren 1982, ist ein Berner Fotojournalist. Er reiste mehrmals in den Norden Iraks, um über den Krieg gegen den Islamischen Staat zu berichten. Ausserdem realisierte er Fotoreportagen im Libanon, in Gaza, der Ukraine, Tadschikistan, Kambodscha und Nordkorea.

Für seine Serie «Krieg der Sniper» gewann er 2018 den Swiss Press Photo Award. Neben seiner Arbeit als Fotograf unterrichtet Kühni an der Schule für Gestaltung Bern. Weitere Informationen und Fotos sind auf seiner Website zu finden: www.alexkuehni.com

2 Kommentare zu «Zurück in der geschundenen Stadt»

  • Alex Kühni sagt:

    Hallo Mike
    Danke für dein Interesse an meinem Artikel. Das mag zwar in den USA usw. zutreffen doch im Irak heisst die Einheit SWAT oder genauer Nineveh SWAT und ist dem irakischen Innenministerium angegliedert.

  • Mike Cadell sagt:

    Die Einheit heisst nicht SWAT, denn das steht ganz einfach für „Special Weapons And Tactics“. Also eine normale Polizei Sondereinheit. Jede grössere und auch viele kleinere US Städte haben solche SWAT Einheiten. Die Schweiz übrigens auch. Hier heissen die Enzian, Diamant etc.

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