Wenn der Berg den Halt verliert

Bald ist es ein Jahr her seit den Bergstürzen im Bergell. Der Fotograf Ruben Wyttenbach hat sich die verwirrende Verwandlung des Terrains angesehen.

 

Geröll, Schlamm sowie Teile des angeschwemmten Dachs einer Schreinerei im neuen Dorfteil von Bondo. Aufräumarbeiten nach dem Felssturz des Piz Cengalo. Die drei Murgänge durch das Val Bondasca forderten im August 2017 acht Todesopfer. Die Dörfer Bondo, Spino und Sot Punt wurden dabei ebenfalls stark verwüstet.

Und er bewegt sich doch. Im Juli 2017 bemerkten Geologen die erhöhte Unruhe im Fels. Sie nahmen an, die instabile Nordflanke des Piz Cengalo würde in kleinen Teilen niedergehen. 

Ein Garten in Bondo, im Hintergrund Schlamm und Geröll sowie ein angeschwemmter Pferdeanhänger und ein Container.

Die Schweizer Armee und der Zivilschutz waren tagelang voll im Einsatz.

Am 23. August lösten sich dann aber auf einen Schlag drei Millionen Kubikmeter. Sie stürzten mit 250 Stundenkilometern ab, begruben acht Wanderer und fuhren auf hundert Metern Breite durch den Einschnitt der Bondasca vier Kilo­meter weit bis nach Bondo.

Der Kegelhals des Murgangs in Bondo, dort wo das Val Bondasca ins Val Bregaglia mündet. Der Schaden durch den Schlamm hat sichtbare Spuren hinterlassen.

Die Schlammmasse schlängelt sich durch den neuen Dorfteil Bondos.

Die Bewohner des Dorfs waren evakuiert; ein Auffangbecken stoppte die Naturgewalt. Zwei weitere Murgänge beschädigten dann aber hundert Häuser und zerstörten ein Drittel davon.

Auf der Strasse zwischen Spino und Promontogno wurden zur Sicherheit eine Abschrankung angebracht.

Im Dorf Spino sind die Reinigungsarbeiten, auf den Strassen, bereits sichtbar.

Wiederholt reiste der Berner Fotograf Ruben Wyttenbach danach ins Bergell.
Ihn interessierte die Physik des Bergs: Was passiert, wenn scheinbar fester Fels in Bewegung kommt? Welche ­Unordnung hinterlässt er dann? Welche Ästhetik vielleicht auch?

Ein umgestürztes Gartenhaus, neben einem Gebäude in Bondo.

Eine trügerische Idylle.

Die Behörden haben Wyttenbach den Zutritt ins Sperrgebiet erlaubt. Mit seinen Bildern vermittelt er die Ruhe nach dem Sturz.

Die Deponie des abgetragenen Schutts, aus den Dörfern Bondo, Spino und Sot Punt.

Da ist nicht mehr viel übrig geblieben. Eine zerstörte Schreinerei.

Zugleich beobachtet er in aller Nüchternheit ein Tiefbauunternehmen: Die Natur konfrontiert den Menschen handstreichartig mit einer grossformatigen Verwandlung des Geländes. Umso ameisenhafter sind danach alle Mühen, die Verhältnisse zu bereinigen. Und nicht immer ist dabei klar, wer hier tätig war, Mensch oder Berg.

So weit das Auge reicht, Zerstörung überall.

Was so knapp vor dem Wald zum Halten kam, ist kein Murgang. Sondern das Material aus dem Rückhaltebecken, das hier aufgeschüttet wurde. Anderswo fuhr der Berg einem Gartenbauer in die Parade. Was genau ist da Zerstörung, was Siedlung? Manchmal sieht so ein Garten selbst schon wie ein geologisches Unglück aus.

Damit die Wasserversorgung gesichert bleibt, wurde eine provisorische Leitung, mitten durch den Wald, oberhalb von Bondo gezogen.

Und schliesslich blickt hier Wyttenbach auch in die Zukunft. Was diesem Berg den Halt genommen hat, ist das Auftauen des Permafrosts. Also der Umbau des Klimas durch den Menschen.

4 Kommentare zu «Wenn der Berg den Halt verliert»

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