Die Vermissten Kosovos

Warten auf Gewissheit auch 19 Jahre nach Kriegsende.

Eine Mutter sitzt mit dem Porträt ihres vermissten Sohnes im Garten. (Bild: Ferdi Limani/Agence Le Journal)

Der kosovarische Fotograf Ferdi Limani dokumentiert das Schicksal kosovarischer Familien, für die die Trauer und Ungewissheit auch heute, 19 Jahre nach Ende des Krieges, kein Ende nimmt. Während die Nato 1999 drei Monate lang serbische Ziele bombardierte, kamen auf kosovarischer Seite bis zu 10’000 Menschen ums Leben, auf der Seite der Serben geschätzte 3000. Von den getöteten Kosovaren blieben je nach Angabe zwischen 3000 und 6000 vermisst. Nachdem sich die Vereinten Nationen der Verwaltung der Provinz angenommen hatten, trieben sie die Bemühungen voran, die vermissten Menschen zu finden. Das Internationale Rote Kreuz und lokal tätige NGOs nahmen sich der Sache an. So fanden mehrere Tausend getötete Menschen ihren letzten Frieden. Die meisten der vermissten Personen auf albanischer Seite wurden in Massengräbern in Serbien gefunden und die vermissten Serben in Kosovo.

Eine Schachtel mit Kleidern eines kosovarischen Kriegsopfers, das auf der serbischen Militärbasis Bataknica gefunden wurde. (Bild: Ferdi Limani/Agence Le Journal)

Seit Beginn dieses Prozesses wurden viele wiedergefundene Tote an die jeweils andere Seite übergeben. Da jedoch die Mehrheit der Opfer von albanischer Seite stammt, verliefen die Transporte vor allem in die eine Richtung. Über 2000 Leichen wurden in Kosovo vom «Amt für vermisste Personen und Forensik» auf DNA untersucht, in der Hoffnung, dass man auf einen Treffer stösst und die Leiche den Familienangehörigen übergeben kann.

Ein Junge hält während einer Wiederbestattung ein Bild eines Verwandten. Im Rahmen der Zeremonie wurden im Dorf Krusha e Madhe 21 Opfer begraben, die seit dem Kriegsende als vermisst gegolten hatten. (Bild: Ferdi Limani/Agence Le Journal)

Die Zahl der erfolgreichen Suchen nimmt jedoch von Jahr zu Jahr ab. Im vergangenen Jahr konnten gerade einmal 11 Leichen gefunden und identifiziert werden. Noch immer werden 1600 Personen vermisst. Ihnen wird im Kosovo jährlich am «Tag der Vermissten» gedacht. Viele Familien warten noch immer auf Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen.

Angehörige von 21 Kriegsopfern, die in der Ortschaft Krusha e Madhe wiederbestattet werden, nehmen an der Trauerzeremonie teil. Die Ortschaft liegt etwa 80 Kilometer von der Hauptstadt Pristina entfernt. Die Toten hatten seit Kriegsende als vermisst gegolten. (Bild: Ferdi Limani/Agence Le Journal)

Ein Mädchen wird zu einem Krankenwagen getragen, weil es während der Wiederbestattung in Krusha e Madhe das Bewusstsein verloren hat. (Bild: Ferdi Limani/Agence Le Journal)

Angehörige kosovarischer Kriegsopfer, die in serbischen Massengräbern gefunden und nach Kosovo rückgeführt wurden, nehmen an einem kollektiven Begräbnis in der Ortschaft Fush teil. (Bild: Ferdi Limani/Agence Le Journal)

Ein Angestellter des «Amtes für vermisste Personen und Forensik» gräbt an einer Stelle, wo ein Massengrab vermutet wird. (Bild: Ferdi Limani/Agence Le Journal)

Die Überreste kosovarischer Kriegsopfer befinden sich in diesen Plastikhüllen. Sie wurden im Rahmen einer Übergabezeremonie in der Stadt Merdare an der kosovarisch-serbischen Grenze übergeben. Die Körper waren in Massengräbern in Serbien gefunden und zur Identifikation an Kosovo übergeben worden. (Bild: Ferdi Limani/Agence Le Journal)

Eine kosovo-serbische Familie verlässt weinend ein Zelt, wo der Körper eines Familienangehörigen aufgebahrt ist. Er wurde in einem Massengrab in Kosovo gefunden. (Bild: Ferdi Limani/Agence Le Journal)

Der Vater einer vermissten Person weint vor dem Namensschild des geliebten Menschen. An der «Wand des Schmerzes» in Gjakova. (Bild: Ferdi Limani/Agence Le Journal)

ferdi limani

In den späten 90er-Jahren, als sich sein Land inmitten von Gräueln und Gewalttaten befindet, realisiert Ferdi Limani, wie wichtig es ist, die Geschichte zu dokumentieren. Nach Ende seines Studiums in Journalismus begann er für Tageszeitungen in Kosovo zu arbeiten und kollaborierte ausserdem mit Newsagenturen wie AP, Cosmos oder Sipa. Den Höhepunkt seiner Arbeit erreichte er, als er von der kosovarischen Regierung damit beauftragt wird, die Unabhängigkeitserklärung zu dokumentieren. Seit 2008 lebt Limani in Frankreich und verbrachte zwischenzeitlich längere Zeit in Istanbul. Momentan arbeitet er neben französischen auch für andere internationale Medien in Europa, dem Mittleren Osten und dem Balkan.