Gewalttätige Gesellschaften

Der Ernstfall ist Alltag geworden: Meinrad Schade zeigt in seinem neuen Bildband das wahre Ausmass des Nahostkonflikts.

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Die palästinensische Modellstadt Lashabiya gehört zum Häuserkampf-Trainingszentrum der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Nach den Erfahrungen aus der Zweiten Intifada und dem Zweiten Libanonkrieg forderte die Armeeführung eine bessere Ausbildung für den Kampf in klar umgrenzten urbanen Zentren. (Juni 2017, Armeebasis Tze’elim, beim Kibbuz Tze’elim, Israel)

Lashabiya? Klingt wie eine palästinensische Ortschaft. Und es ist auch eine. Aber nur auf den ersten Blick. Denn Lashabiya ­haben die Israelis gebaut, und zwar auf ihrem Territorium, und es wohnt hier auch keiner. Die Stadt ist eine Attrappe, in der die Armee den Häuserkampf übt. Aber auch den Blick auf das Feindbild, das hier an der Fassade hängt. So also pflanzt sich der Krieg fort, und zwar über die Front hin­aus in die Gesellschaft hinein: als Simulation, als zweite Wirklichkeit.

Das Gleiche hat der Zürcher Fotograf Meinrad Schade auch im Westjordanland beobachtet, und zwar in Jenin, wo die Palästinenser im Gemeindehaus einen «Ehrenraum des Märtyrers» eingerichtet haben, mit dem kunstblutdekorierten Modell einer Leiche. Oder bei jenen israelischen Siedlern in der Nähe von Halamish, die am Unabhängigkeitstag trainieren, wie man die Blutung stoppt – an abgerissenen Gliedmassen aus Plastik.

Studenten der Universität Al-Istiqlal («Unabhängigkeit») beim frühmorgendlichen Training. Sie werden in verschiedenen Berufen im Sicherheitsbereich ausgebildet und auf einen unabhängigen Staat vorbereitet. Die Abgänger werden in der Palästinensischen Autonomiebehörde angestellt. (Januar 2014, Jericho, Westjordanland)

Rund um den Gedenktag zur Schlacht von Jenin wurde im Gemeindezentrum ein «Zimmer zu Ehren des Märtyrers» eingerichtet. Die Schlacht von Jenin fand im April 2002 während der Zweiten Intifada im Flüchtlingslager von Jenin statt. Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte zerstörten Teile des Lagers, weil sie so die zu dieser Zeit häufigen Selbstmordattentate bekämpfen wollten. 52 bis 54 Palästinenser und 23 israelische Soldaten wurden getötet. Yasser Arafat sprach nach der Schlacht in Anlehnung an Stalingrad von «Jeningrad». (April 2015, Jenin, Westjordanland)

Am Unabhängigkeitstag Jom haAtzma’ut präsentiert sich die Armee auch in den besetzten Gebieten den israelischen Siedlern. Neben der Zurschaustellung von Waffen und Panzern zeigen Sanitätssoldaten, wie man bei abgerissenen Extremitäten die Blutung stoppt. Der Ort der Präsentation ist in der Nähe der jüdischen Siedlung Halamish und des palästinensischen Dorfs Nabi Salih, das durch seine wöchentlichen Proteste gegen Besetzung und Besiedlung bekannt wurde. (Mai 2017, bei Halamish, Westjordanland)

Das ist der «Krieg nach dem Krieg», wie Meinrad Schade das Thema nennt, dem er seit über zehn Jahren nachgeht; nach den Konfliktregionen der ehemaligen Sowjet­union nun in Nahost. Hier allerdings ist «nach dem Krieg» noch klarer vor dem Krieg. Vor dem nächsten.

Trainingsgelände der Israelischen Luftstreitkräfte; die Armee gehört zu den modernsten weltweit. 70 Prozent der Wüste Negev sind militärisches Übungsgelände. (Januar 2016, Wüste Negev, Israel)

Wohnzimmer der Familie Abu el-Hija im Flüchtlingslager von Jenin. Auf dem Poster rechts ist der Sohn und Märtyrer Hamza Abu el-Hija (1991–2014) abgebildet. Hamza kam bei einem Feuergefecht mit den Israelischen Verteidigungsstreitkräften im Lager ums Leben. Er soll Mitglied der Izz ad-Din al-Qassam-Brigaden, des militärischen Flügels der Hamas, gewesen sein. Der Mann mit Brille und weissem Bart auf dem linken Poster ist sein Vater Jamal (*1959), der seit 2002 im Gefängnis sitzt. (April 2017)

Gedenktag an die gefallenen israelischen Soldaten und Opfer des Terrorismus Jom haSikaron auf dem Soldatenfriedhof am Herzlberg. Eine Woche vor Jom haSikaron findet der Tag des Gedenkens an Holocaust und Heldentum Jom haSho’a statt. Somit ist alljährlich eine Woche von Trauer und Gedenken geprägt, die über Nacht in Freude übergehen: Der Unabhängigkeitstag Jom haAtzma’ut wird am Tag nach Jom haSikaron gefeiert. (Mai 2017, Jerusalem, Israel)

Am 31. Juli 2015 haben radikale jüdische Siedler einen Brandanschlag auf zwei Häuser der palästinensischen Familie Dawabsha verübt. Dabei wurde ein 18 Monate alter palästinensischer Junge getötet. Seine Eltern erlagen später ihren Verletzungen, nur ihr vierjähriger Sohn überlebte. Es gibt private Bestrebungen, die ausgebrannten Häuser als Museum zu erhalten. (Dezember 2015, Duma, Westjordanland)

Tanzaufführung mit kriegsinvaliden Rollstuhlfahrern. (Dezember 2015, Beersheba, Israel)

Modell der Klagemauer und des Felsendoms im Freizeitpark Mini-Israel. Hier werden rund 350 Sehenswürdigkeiten Israels im Massstab 1:25 präsentiert. Der Park befindet sich in einer bis 1967 demilitarisierten Zone westlich von Jerusalem, die nach dem Sechstagekrieg unter israelische Kontrolle geriet. Israel betrachtet das Gebiet als Teil seines Staats, die Palästinenser als Teil des früheren Westjordanlands. (Februar 2014, bei Latrun, Israel)

Junge Israeli in den Ruinen des syrischen Dorfs Ain Fit. Das Dorf wurde im Sechstagekrieg 1967 zerstört. (Mai 2017, südöstlich vom Kibbuz Snir, Golanhöhen)

Ma’ale Adumim ist die drittgrösste Siedlung im Westjordanland. Jüdische Siedlungen sind auch bei Nacht gut zu erkennen, weil sie deutlich besser beleuchtet sind als palästinensische Dörfer und Städte. Rund 400 000 israelische Siedler leben im Westjordanland, weitere 200 000 im annektierten Ostjerusalem. Sämtliche jüdischen Siedlungen in Gebieten, die im Sechstagekrieg von Israel erobert wurden, bewerten die Vereinten Nationen (UN) gemäss der 4. Genfer Konvention als illegal. (April 2013)

Jüdische Siedler aus Efrat bei einer Schiessübung auf dem Übungsgelände Caliber 3 in der Nähe ihrer Siedlung. Caliber 3 ist eine israelische Ausbildungsstätte für Terrorbekämpfung, etwa für Israelis, die in Sicherheitsberufen arbeiten, oder für Siedler. In den letzten Jahren etablierten sich Einrichtungen dieser Art als Touristenattraktion. Diese Siedler nehmen an einem Sicherheitskurs teil. Auf ihre Motivation angesprochen, sagen die meisten: «Awareness». (Januar 2014, Westjordanland)

Siebzig Jahre sind es nun her seit Israels Staatsgründung. Und auch wenn sich der Konflikt mit den Palästinensern so weit in beide Gesellschaften hineingefressen hat, dass die Gewalt zur Routine geworden ist und die Nachrichten aus Nahost nur noch Nichtnachrichten sind – bei Schade schaut man trotzdem noch hin. Weil er sich dafür interessiert, wie der Krieg das Leben auch dort prägt, wo kein Schuss fällt. Man braucht Schade, um das wahre Ausmass dieser Katastrophe zu sehen.

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Meinrad Schade: Unresolved.
Scheidegger & Spiess, Zürich 2018.
Deutsch/Arabisch/Hebräisch/Englisch.
188 Seiten, 152 Bilder, etwa 49 Franken.

ISBN 978-3-85881-808-9

 

15 Kommentare zu «Gewalttätige Gesellschaften»

  • Sabine L. sagt:

    Ich bin empört über die Gleichstellung der palästinensischen und der israelischen Gewaltbereitschaft. Bestimmt hat der jahrzehntelange Konflikt bei den Israelis Spuren hinterlassen, aber nur jemand, der weder die geringste Ahnung von Geschichte, noch einen minimalen Einblick in die israelische Gesellschaft hat, kann unterstellen, Israel sei eine gewalttätige Gesellschaft. Sie ist das Gegenteil, eine Gesellschaft, die das Leben und den Frieden ehrt, während die Palästinenser den Tod und den Terror verherrlichen.
    Wenn die Palästinenser dem Terror Einhalt gebieten und Israel das Existenzrecht zusprechen würden, wäre der Konflikt gelöst (siehe friedliches Zusammenleben jüdischer und arabischer Israelis). Wenn die Israelis die Waffen niederlegen würden, gäbe es keinen Staat Israel mehr.

    • Dominique Rossier sagt:

      Die Israelis haben sich das Land für ihren Staat mit Waffengewalt genommen und die ansässigen Bewohner aus den Dörfern und Städten verjagt.
      Ich selber hätte unter diesen Umständen auch die grösste Mühe, mit solchen „Nachbarn“ in Frieden zu leben, die das Land meiner Grosseltern geraubt haben, meine Bewegungsfreiheit nach Gutdünken einschränken, mich wirtschaftlich zu Boden drücken und vieles mehr. Kein Wunder entsteht in solch einem Umfeld eine grosse Gewaltbereitschaft!
      Überall wo eine Siedlung entsteht, wird der angestammten Bevölkerung noch ein weiteres Stück Land weg genommen.

    • Pauline Overath sagt:

      Danke für duese Antwort.

  • Michaela Brunner sagt:

    Dem wahren Ausmass des Nahostkonflikts wäre Meinrad Schade näher gekommen, wenn er sich mit dem Ausmass der Hetze und Verachtung der palästinensischen Gesellschaft gegen Juden befasst hätte. Auf der anderen Seite hätte er die relative kleine Gruppe der Nationalreligiösen Juden vorgefunden, die ebenfalls ihren Hass auf Palästinenser zu ihrem Lebenselixier gemacht haben.
    Dem wahren Ausmass wäre er näher gekommen, wenn er hingesehen hätte, wie die Mehrheit der jeweiligen Gesellschaft über „die Feinde“ als Menschen denkt und ob sie überhaupt zu einem Frieden fähig wären. Youtube: Corey Gil-Shuster befragt die Palästinenser und Israelis alltägliche Fragen – auch ob sie jemand „von der anderen Seite“ heiraten würden.

  • Michaela Brunner sagt:

    Die Vergleiche sind sehr asymetrisch. Für die Israelis machen Selbstverteidigung und die Trauer den Konflikt und die Gewalt zu einem Teil des Alltages. Für die Palästinenser wird durch Herorisierung von Terroristen die vorsätzlich Zivilisten ermorden dafür gesorgt, dass der Nachschub an Mördern nicht versiegt. In Israel reflektieren die Schüler die destruktiven Auswirkungen der Besatzerrolle auf die eigene Gesellschaft, bei den Palästinensern werden schon die Kleinsten dazu erzogen Juden und nicht nur Israelis zu hassen und diese „Feinde Allahs“ nicht als Menschen zu betrachten. Gewalt fängt immer auch zu Hause an. Bei Palästinensern ist die Hackordnung, dass die Väter die Frau, Söhne und Töchter und die Söhne die Mutter und die Schwestern terrorisieren. Israelis leben wie wir.

  • Andreas Hagenbach sagt:

    Ich sehe eher die Nationalreligiösen als Drahtzieher der Politik Israels, den Ultra-Orthodoxen sind religiöse Themen wichtig, wie dass sie keinen Militärdienst wie der Rest der jüdischen Bevölkerung Israels leisten müssen. Was auf den ausgezeichnteten Bildern von Meinrad Schade zu sehen ist, würde ich als Traumabewirtschaftung (beider Seiten) bezeichnen, wie es heute auf dem Herzlberg an Yom HaSikaron zelebriert wird. Dies ist das Anliegen der Nationalreligiösen, welche einen grossen Teil der oberen Rängen der Armee besetzen. Das Gewaltpotiential der Gesellschaft wird weiter hoch gehalten. Der Vorbereiter dieser ‚deterrence‘ war im übrigen Shimon Peres. Die daraus resultierende moralische Verrohung wurde (von ihm) zu leichtfertig in Kauf genommen.

  • Ali Reza Javidifard sagt:

    Im Judentum ist ein Leben zu retten gleich zu setzen mit die Welt zu retten. Die Hamas gibt bis zu 3000 US dollar pro Familie die einen Märtyrer in den Tod schicken. Daher wird in Israel wert gelegt um sich zu verteidigen.

  • Stefan Leu sagt:

    Der Titel ist absolut unangebracht, sowohl Israel wie auch Palestina neigen nicht mehr zu Gewalt als Europa, und viel weniger als etwa die USA oder Gott bewahre Lateinamerika, die gewatsamen Todesraten inklusive Terror und Antiterror zeigen das auf.
    Dass der Westen, und insbesondere die Demoktratiebastionen Europa und Schweiz nicht das geringste Interesse bekunden, den Nahostkonflikt zu beenden, ist wohl die traurigste und paradoxeste Tatsache die man sich vorstellen kann (Israel mit Europa als Haupthandels-, Tourismus und Forschungspartner wird sich echtem Druck nicht zu widersetzen wagen). Man muss sich da echt fragen, wer denn in Europe eigentlich ein Interesse an einer Fortsetzung dieses anachronistischen Konliktes hat!

  • Peter Haeberlin sagt:

    Die Israelis haben, auch durch die Regierung Netaniahu, einen moderen blühenden Staat geschaffen. Ein pali. Staat wäre eh nur ein weiterer failed state.

    • Stefan Leu sagt:

      Die Regierung Netanyahu arbeitet mit voller Kraft daran, Israel als modernen Rechtsstaat und Demokratie zu demontieren. Betreffend der besetzten Gebiete sprechen Israelische Regierungsvertreter ganz offen von Annexion und Apartheid mit Palestinansischen Bantustans. Da die Welt dazu schweigt, wird das auch so weit kommen wobei sich das zweifellos zu einem beidseitig aussichtslosen, aber blutigen Endkampf mit katastrophalen wirtschaftlichen Konsequenzen (siehe Syrien) entwickeln wird.

    • Pauline Overath sagt:

      Sie haben recht Herr Haeberlein.

  • Annamarie Engler-Jakober sagt:

    Leider ein sehr einseitiger, unausgewogener Bericht/Buch über Israel. Ich stelle fest, dass sich der Hass auf die Juden hinter dem Hass auf Israel versteckt. So wird der Antisemitismus salonfähig gemacht.
    Über kein Land der Welt wird so undifferenziert berichtet wie über Israel. Dabei wird vergessen, dass weltweit viele andere Kriege und Grausamkeiten statt finden. Menschenrechtsverletzungen toleriert werden wie z.B. Syrien, gegenüber den Kurden, Tschetschenien, China, Russland, Türkei, Indien, Somalia, Libanon, Guatemala…….
    Es wird vergessen das Israel die einzige Demokratie im nahen Osten ist. Ein Tag nach der Staatsgründung mussten sie sich bereits zum ersten Mal gegen die arabischen Nachbarländer verteidigen. Das hinterlässt Spuren…..bei Israel wie bei den Arabern.

  • E.K. sagt:

    Netanyahu muss die Palästinenser unterdrücken, sonst wird er nicht wieder gewählt. Die wahren Drahtzieher in Israel sind die Ultraortodoxen, die Netanyahus Macht stützen. Ohne ihre Unterstützung ist er weg vom Fenster.

Kommentar

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