Bilder, die sich ins Gedächtnis einbrennen

Prämierte Arbeiten des diesjährigen Swiss Press Photo Awards.

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Aktualität, 1. Preis

«Lehrer der Nation»: Ein Absturz eigener Art

Das Wohnzimmer als Beichtlokal: Jürg Jegge. Foto: Reto Oeschger (SonntagsZeitung)

Kann man jemanden porträtieren, wenn er sein Gesicht nicht herzeigt? In diesem Fall schon: Es ist der tiefe Fall von Jürg Jegge. Der Sonderschullehrer war ein Papst der Reformpädagogik, und das seit den 1970er-Jahren – bis ihm ein ehemaliger Schüler Missbrauch vorwarf. Als Jegge am 7. April die Medien zu sich nach Hause einlud, um erstmals Stellung zu nehmen und die sexuelle Beziehung zu seinem Zögling zu gestehen, war Reto Oeschger mit seiner Kamera da. Und auch wenn nur Jürg Jegge weiss, was oder woran er in jenem Moment gerade dachte – man sieht hier die ganze Geschichte eines Mannes, der einst als «Lehrer der Nation» gefeiert wurde und nun so bussfertig und in sich gekehrt dasitzt, dass sogar sein Wohnzimmer wie ein Beichtlokal anmutet. Ist das ein Ereignis? Reto Oeschger hat die Wettbewerbskategorie Aktualität für sich entschieden, in der es um die öffentlichen Vorfälle des vergangenen Jahres geht, um Staatsbesuche, Nobelpreise oder Bergstürze: mit dem Bild eines Absturzes ganz eigener Art. (ddf)

Alltag, 1. Platz

 Reinen Wein einschenken

Winzer Markus Ruch aus Neunkirch SH schwört auf spontanvergorene Weine: Am 28. Oktober 2017 sieht man seinen Händen die Weinlesesaison an. Fotos: Karin Hofer (Neue Zürcher Zeitung)

Spontangärung bei Weinen: Weinpresse beim Pressvorgang.

Spontangärung bei Weinen: Der Saft von Pinot-Noir-Trauben tropft aus der Weinpresse.

Alltag, 3. Platz

Es brennt in der Fussgängerzone

Zwischen Innenstadt und Autobahnanschluss: Lausannes Obdachlose und ihre freiwilligen Helfer. Fotos: Dom Smaz (Le Matin Dimanche)

Die Kirche Saint-Laurent steht in der Fussgängerzone: So hat sich das Volk wohl in Einkaufslaune durch die Gassen geschoben bis zum Ladenschluss an jenem 10. November 2017. Danach hat Dom Smaz das Bild gemacht, das nach postapokalyptischem Kino aussieht. Aber das hier ist Lausanne, und die Leute auf der Kirchentreppe sind die Teilnehmer eines «Sleep-out», mit dem sie gegen ein Elend protestieren, das in einer so klar politisch links dominierten Stadt umso mehr auffallen müsste: der Mangel an Notschlafstellen. Nacht für Nacht suchen gegen hundert Obdachlose einen Schlafplatz in Parks, Parkings, privaten Gärten und Kellern. SDF heissen sie, «sans domicile fixe», es sind Schwarze und Roma, Randständige und Drogenabhängige. Dom Smaz war nicht nur am Medienanlass mit dabei, sondern auch in der Vorstadt, wo Romeo, ein junger Rom, neben der Autobahn schläft. Sofern ihn die Polizei nicht vertreibt und ihm eine Rechnung ausstellt. 120 Franken. Für wildes Campieren. (ddf)

Schweizer Reportagen, 1. Platz

Opération Valmy

Stationen von Bundesratskandidat Pierre Maudet: Seine Kandidatur präsentiert er am 8. August vor der Genfer FDP.

Maudet auf einen Schnupf am Unspunnenfest in Interlaken.

Am 20. September verfolgt Maudet die Wahl von Ignazio Cassis.

Porträt, 1. Platz

Seht her: Das macht der Krebs mit mir

Alles, nur nicht untergehen: Auch ein Leben mit Krebs hat lichte Momente. Fotos: Guillaume Perret (Lundi 13, HNE Magazine)

Krebs. Und jetzt? Jetzt erst recht!, sagte sich Daniela, 67, ehemalige Direktionssekretärin aus Neuenburg, und kontaktierte den auf Porträts spezialisierten Fotografen Guillaume Perret. Sechs Monate lang hat der 44-Jährige Daniela durch ihr von Chemotherapien und Operationen durcheinandergebrachtes Leben begleitet, in dem sie sich immer wieder von neuem zurechtfinden muss. Für das sie Kräfte mobilisieren muss, die ihr manchmal fehlen. Und in dem sie von den Menschen um sie herum, allen voran von ihrer Tochter, begleitet wird. Der geschundene Körper, die Hoffnung, die Erschöpfung, der Kampfgeist: All dies und so viele andere, oft komplett widersprüchliche Aspekte, die der Krebs mit sich bringt, hat Perret in sehr intimen, aber nie voyeuristischen Bildern eingefangen. Der Neuenburger, der ursprünglich Maurer war und erst mit 30 zur Fotografie fand, hat mit der Serie den ersten Preis in der Kategorie «Porträt» gewonnen. Und Daniela? Lebt. Ist stolz auf ihre Narben. Und plant, 95 Jahre alt zu werden. (psz)

Sport, 1. Platz

Man muss nicht aufs Feld, um das Problem zu sehen

Wachstum und Wahnsinn im Fussball aus dem Fotostudio. Fotos: Simon Tanner (Neue Zürcher Zeitung)

«Fussball – wann ist genug?» So hiess die Artikel­serie, die Simon Tanner illustrieren sollte. Tanner macht auch Sportfotografie, aber seine persönliche Antwort auf die Frage war klar: Vom Fussball hat er ganz schnell genug. «Ich bin nicht bekannt dafür, länger als nötig auf dem Fussballfeld zu stehen», sagt er jedenfalls. Und so war er auch für die Serie über «Wachstum und Wahnsinn» in dieser Branche kein einziges Mal am Spielfeldrand: Seine Arbeit machte er im Studio. Mit gestellten Szenen und Objekten, «die weiter deuten als das, was sie darstellen». Wie sonst sollte man in einem einzigen Bild etwa ein so abstraktes Thema augenfällig machen wie das Spiel, das von übermächtigen Interessen und fremden Logiken bedrängt wird? Tanner hat einen Dschungel aus Stativen rund um das kleine grüne Rechteck gepflanzt. Und für die Konkurrenz, die dem realen Fussball durch den «E-Sport» erwächst, eine Playstation-Steuerung an ein Tippkickfigürchen montiert. Ein rares, wenn nicht neues Genre der Sportfotografie. (ddf)

Ausland, 1. Platz

Krieg der Sniper

Ein Scharfschütze der irakischen Armee feuert am 9. April 2017 aus der Tiefe eines Raums, um seine Position nicht zu verraten. Wir befinden uns in Mosul, wo seit Monaten eine Schlacht tobt. Die Rückeroberung der nordirakischen Stadt von der Terrororganisation Islamischer Staat befindet sich schon bald in der Endphase. Luftschläge und Artilleriebeschuss sind vorbei, jetzt wird von Haus zu Haus gekämpft, Mann gegen Mann. Foto: Alex Kühni (Tages-Anzeiger)

Ausland, 2. Platz

Seltsamer Feiertag in Weissrussland

Lukaschenkos Regime ist im Strassenbild von Minsk allgegenwärtig. Fotos: Nicolas Righetti (Lundi 13)

Eigentlich wohnt er in Genf, der 50-jährige Nicolas Righetti. Aber da ist er selten anzutreffen; eher zieht es ihn in die Ferne. Nach Laos, China, in die Mongolei, sogar nach Nordkorea, das er gleich viermal besucht hat: Auf Righetti übt der Osten, ob nah oder fern, eine magische Anziehungskraft aus. Mit seiner Fotoreportage über den turkmenischen Präsidenten Saparmyrat Nyýazow holte er sich 2007 einen World Press Photo Award. Und nun also: Weissrussland. Am 3. Juli 2017, am Nationalfeiertag, streifte Righetti mit seiner Kamera durch die Strassen von Minsk, wo alles, sogar die zehn McDonalds-Filialen, in die Nationalfarben Rot und Grün getaucht war. Und in Militärgrün, natürlich: weil sich das autoritäre Regime von Alexander Lukaschenko keine Chance entgehen lässt, Präsenz und Potenz zu markieren. Die Bevölkerung nahms sichtlich locker. Was bleibt ihr auch anderes übrig, in einer Realität ohne wirkliche Meinungsäusserungsfreiheit? (psz)

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Aus Eingaben der Kategorien «Aktualität», «Alltag», «Schweizer Reportagen», «Porträt», «Sport» und «Ausland» ermittelt die Jury von Swiss Press Photo auch dieses Jahr den Photographer of the Year, den Hauptgewinner des nationalen Pressefotografie-Preises der Fondation Reinhardt von Graffenried: Er wird am 25. April in Bern gekürt. Die Stiftung fördert die lokale Berichterstattung und die Pressefotografie sowohl in Print- als auch in den elektronischen Medien der Schweiz. Sie wurde 2009 gegründet, verfolgt keinerlei Erwerbszwecke und ist verlagsunabhängig.

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