Wie lange kann ich bei Gewitter in der Badi bleiben?

Bademeister kontrollieren das Treiben im Lido von Lugano an einem regnerischen Tag. Doch ein Blitz kann auch unerwartet – bei Sonnenschein – einschlagen, wie das Beispiel vom vergangenen Freitag zeigt. Foto: Keystone

Jeder kennt die Unsicherheit, wenn die Wolken dunkler werden und der Donner lauter wird: Wann sollte man aus dem Wasser, wann ins Haus oder Auto?

Generell ist die Antwort: Warten Sie nicht auf die Anweisungen des Bademeisters, die in vielen Fällen viel zu spät kommen, weil er kein Weichei sein will und unter Druck von oft jungen Menschen ist, die sich generell unverwundbar fühlen und womöglich auch alters- und entwicklungsbedingt nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind, was sich dadurch äussert, dass ein Gewitter als etwas angesehen wird, das durch grosses Selbstbewusstsein beeindruckbar ist.

Die Faustregel

Generell ist zu sagen, dass Sie nicht mehr sicher sind, sobald die Zeitdifferenz zwischen Blitz und Donner eine Minute ist. Das gibt auch noch keine hundertprozentige Sicherheit, aber es ist ein Wert, bis zu dem man sich einigermassen sicher sein kann, nicht unmittelbar von der nächsten Entladung erschlagen zu werden.

Dass man sich nie ganz sicher sein kann, zeigt das Beispiel des Gewitters in Schaffhausen vom vergangenen Freitag. Es zog um 19 Uhr vom Norden her in den Kanton:

Um 19.30 Uhr erreichte es seinen Höhepunkt über der Stadt, örtliche Überflutungen inklusive:

Um 19.45 Uhr schwächte sich das Gewitter ab. Bitte beachten Sie Barzheim im äussersten Nordosten des Kantons, das zu diesem Zeitpunkt nicht nur trocken war…

…sondern auch nur noch leicht bewölkt mit abendlichem Sonnenschein:

Auf der nächsten Karte sehen Sie alle Blitze in der Region zwischen 19.15 und 19.45 Uhr:

Sie können auf die einzelnen Blitze klicken und Einschlagort und den genauen Zeitpunkt ermitteln. Ihnen mag auffallen, dass zwei Blitze exakt in derselben Sekunde eingeschlagen haben, um 19.43 Uhr und 39 Sekunden (intern haben wir auch noch die Tausendstelsekunde, die ebenfalls identisch war). Es sind diese beiden Blitze:

Wenn Sie auf die beiden Blitzsymbole klicken, sehen Sie die Einschlagorte. Der eine ist wenig überraschend dort, wo zu dem Zeitpunkt noch das Gewitter am stärksten war, am Zürcher Ufer des Rheins:

Der zweite Ast des Blitzes hingegen schlug für die Menschen in der Gegend zu einem völlig überraschenden Zeitpunkt ein. In Barzheim, einem Ortsteil von Thayngen, war das Gewitter lange vorbei, die Sonne schien wieder, auch direkt über dem Ort gab es nur noch dünne Wolken, als es sehr laut knallte – gleichzeitig mit dem Blitzeinschlag zehn Kilometer entfernt, auf freiem Feld schon auf deutschem Boden:

Hätte es dort eine Badi gegeben, hätten sich sicher alle Menschen sicher gefühlt und wären womöglich wegen der Stärke der Entladung von 16 kA tot, hätte der Blitz ins Wasser oder in einen Baum eingeschlagen. Niemand (auch ich nicht) hätte zu jenem Zeitpunkt so lange nach dem Gewitter noch mit einem solchen Hammer gerechnet.

Beide Blitze waren miteinander verbunden, kamen aus derselben Wolke. Der eine Teil des Blitzes entlud sich zehn Kilometer horizontal, um dann vertikal bei Barzheim in den Boden zu schlagen. Man weiss aus dem Archiv der Blitzanalyse (hier finden Sie alle Schweizer Blitze bis 1999 zurück), dass Blitze bis zu 15 km entfernt von der eigentlichen Gewitterwolke einschlagen können. Hier in einer schematischen Zeichnung, was passiert ist:

Diesmal ist alles gut gegangen. Aber das muss nicht immer so sein. Denken Sie bitte immer daran, dass es nichts bedeutet, wenn bei Ihnen die Sonne scheint und Sie über sich blauen Himmel sehen: Der Blitz ist ein Sauhund. Und ich möchte nicht, dass er Sie erwischt.

32 Kommentare zu «Wie lange kann ich bei Gewitter in der Badi bleiben?»

  • Wetterfee sagt:

    Der Wettermacher erfreut mich j e d e s m a l mit textlich brillanten Schachzügen sowie inhaltlich kompetenten und anschaulichsten Breitseiten, allermeisten lache ich mindestens eine Gewitterlänge in den Tag hinein (ob bewölkt oder sonnig) über Wettermachers Sicht der Dinge.(Speichere das Zeug ab für meinen Unterricht.)

  • Peter sagt:

    @Carolina: Ihre Folgerung im Schlusssatz wird von vielen Rittermann-Kommentaren auch an anderer Stelle vollumfänglich gestützt.

  • adam gretener sagt:

    Als junger Mann war ich in den Sommerferien Badeaufsicht in einem Schwimmbad im Zürcher Unterland. Der Hauptbademeister war irgendwo bei Volleyball-Feld zugange. Ein Gewitter zog auf und ich wusste nicht was tun, also räumte ich die Becken unter Buh-Rufen der Gäste. Die Gemeindepräsidentin und der Brunnenmeister fuhren direkt von der Gemeindekanzlei in die Badi und ich kassierte einen richtigen Zusammenschiss, was mir denn einfalle den Badibetrieb so einzuschränken. Während des Gesprächs schlug der Blitz direkt ins grosse Becken ein. Von den beiden Gesichtern hätte ich gerne eine Postkarte gehabt.

  • Nina sagt:

    Toller Artikel, Danke! Hätte ich das Gymnasium besucht, wäre ich wohl auch Meteorologin geworden. Erstaunlich, dass ein Blitz so weit von der Gewitterzelle entfernt noch so stark einschlagen kann! :O
    Ich bin schon auf Ihren nächsten Artikel gespannt. Weiter so!

  • Ursel sagt:

    Der Artikel ist nicht schlecht geschrieben! Aber einem Wetter Spezialisten, der behauptet, es gäbe keinen Durchzug – und dass man sich die Schmerzen, hervorgerufen durch diesen „imaginären Durchzug“ nur einbildet – kann ich nichts mehr glauben!

    • adam gretener sagt:

      Was ist denn der Unterschied zwischen Wind und Durchzug? Und wieso haben Sie keine Beschwerden wenn Sie mit dem Velo fahren und ihnen der Wind um die Nase weht?

    • Peter sagt:

      der Durchzug, wie man es nennt, ist Auskühlung von einer kalten Wand… oder einem Fenster …, also ein Strahlungsverlust. Es bläst keine Luft, und er wirkt auch bei Lufttemperaturen über 20 Grad (bis etwa 26 Grad Lufttemperatur).

  • Michael sagt:

    Vielen Dank für die interessanten Ausführungen, die sich mit einer persönlichen Erfahrung decken. In Serbien war ich einmal auf einem Nebenfluss der Donau in einem Ruderboot unterwegs, als aus heiterem Himmel ein Blitz in unserer Nähe einschlug (ca. 100 m). Dieser kam aus einem Gewitter, das einige Kilometer entfernt war, uns auch nicht gestreift hatte und sogar von uns wegzog. Das dumpfe Donnergrollen in der Ferne hatte uns nicht beunruhigt.
    Ich glaube, ich war noch nie so bleich wie nach diesem Blitzeinschlag. Unsere serbischen Gastgeber liessen sich nicht beeindrucken von dem Naturschauspiel und wir setzten unsere Bootsfahrt normal fort. Ich hatte in Erwartung des bald kommenden Volltreffers schon fast mit dem Leben abgeschlossen. Von so viel Pech blieben wir schliesslich verschont.

  • Alexander sagt:

    Der 10TageTrend in Ihrem Blog „das Ammenmärchen vom Durchzug“
    liegt oft sehr daneben, auch noch am gleichen Tag. Für letzten SO waren für
    meinen Wohnort 23 Grad und Sonne von morgens bis abends vorhergesagt,
    es wurde nicht wärmer als 19 , war bewölkt und regnete fast ununterbrochen.

    • Jörg Kachelmann sagt:

      Sie scheinen den 10-Tage-Trend und Mittelfristvorhersagen generell nicht zu verstehen, wenn Sie irgendwo eine Lösung ablesen, die Sie dann vergleichen wollen. Es gäbe natürlich die Erklärung unter dem i auf der Seite, aber das ist sicher zu anstrengend. Also: Das ist der Modellvergleich für die kommenden 10 Tage für Zürich. Dass Sie irgendwo hier Sonne von morgens bis abends gesehen wollen, ist seltsam, weil das Wetter wird bei der Vorhersage XL gar nirgends vorhergesagt, wenn man alle Parameter durchgeht https://kachelmannwetter.com/ch/vorhersage/2657896-zuerich/xltrend Sollten Sie etwa etwas frei erfunden haben, nur damit Sie hier unter Pseudonym etwas Unangenehmes reinschreiben können? Ach, kaum vorstellbar, dass es solche Menschen gibt.

      • Alexander sagt:

        Herr Kachelmann, Sie sind sich wahrscheinlich nicht
        bewusst, dass Ihre Antwort sehr beleidigend ist.
        A.Reichelt, 8484 Weisslingen

      • Andreas sagt:

        @Kachelmann
        Sie versuchen doch nicht etwa Logik und Argumente auf Alexander anzuwenden? Und das im heutigen Zeitalter!

      • adam greteer sagt:

        Alexander, versuchen sich mal 10 Tage im voraus den Wellenschlag auf einem See vorherzusagen. Und das ist weniger komplex als das Wetter auf diese Dauer vorherzusagen und doch schier unmöglich. Es geht um Modelle, bzw. mögliche Entwicklungen. Wenn die Regenwolke dann 10 Tage später doch 14 Km weiter östlich durchzieht, scheint das für Sie eine Katastrophe zu sein.

      • Christoph Bögli sagt:

        Das Internet befördert leider ungemein die Unsitte, zuerst jemanden mit ein paar Scheinfakten und Behauptungen öffentlich anzugreifen, nur um dann beleidigt zu sein, wenn der Angegriffe es wagt, die Fakten richtig zu stellen..

  • Felix Rothenbühler sagt:

    „zwischen Blitz und Donner eine Minute ist“ – Eine Minute? Dann ist man nie sicher, wenn ein Gewitter in der Nähe ist. Nie.
    Die Wahrscheinlichkeit, dass mich auf dem Heimweg von der Badi ein blitzverängstigter, schnell fahrender Automobilist (die Frauen sind mitgemeint) überfährt, ist wohl etliches grösser…

  • Gerhard Engler sagt:

    Ich bin noch nicht sicher, ob ich den Ratschlag von Hrn. K. befolgen werde. Einerseits hat er sicher recht mit seiner Analyse. Andererseits werden sehr, sehr wenige Schweizer vom Blitz getroffen. Vor allem nicht unter Umständen wie sie oben beschrieben sind.

  • Franz Süss sagt:

    Lieber Herr Kachelmann, haben Sie auch eine Berechnung der Wahrscheinlichkeit, dass so etwas eintrifft? Gefühlt überlebe ich nämlich „wahrscheinlich“ eher 5 Flugzeugabstürze aus 10’000m Höhe, als dass mich so ein Blitz genau in der Badi trifft.
    Von da her: Jeder, absolut jeder auch nur einigermassen normal tickende Mensch wird diesen Ihren Rat missachten.

    • Remo Hänggi sagt:

      Sicher nicht! Ich steige problemlos in einen Linienflug, aber ganz sicher gehe ich nicht in die Badi, wenn ein Gewitter auf- oder abzieht. Genausowenig, wie ich angesichts von Gewitterwolken am Horizont unter dem hohen, schattigen Baum auf dem Hügelgrat ein Päuschen einlegen würde. Und die Information, dass Gewitter abseits der eigentlichen Gewitterzelle einschlagen können, finde ich interessant.

      • Franz Süss sagt:

        Ich habe mir die Statistik-Zahlen selber im Internet gesucht – und mein Gefühl war gar nicht so schlecht:
        Die Wahrscheinlichkeit, von einem Blitz getötet zu werden liegt bei 1:20’000’000 (diese Statistik stammt aus Deutschland).
        Wer im Jahr nur 4 Stunden in einem Flugzeug sitzt, wird dabei – statistisch gesehen – mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:2’000’000 getötet.
        Das ist 10 x höher, als der Blitzschlag.

  • Rolf sagt:

    Ich bin ein Meteofreak. Diesen Artikel finde ich besonders wertvoll, weil er Wissen auf verständliche Art und Weise verbal vermittelt und sich das Gesagte zudem aus den grafischen Darstellungen herauslesen lässt, wenn man sich die Mühe nimmt. Der lockere Schreibstil gefällt mir saugut.

  • Andy sagt:

    Herr Kachelmann, ich finde Ihre Kommentare brilliant, aufschlussreich und gleichzeitig amüsant.
    Weiter so!

  • Martin Fuchs sagt:

    Danke für diese fundierte und köstlich schematisierte Analyse, Herr Kachelmann. Ich habe selber Meteorologie studiert und bin mir bewusst, wie wenig das tatsächliche Wetter-Geschehen selbst mit fachlicher Kenntnis genau vorherzusagen ist.
    Aber natürlich wird es immer genug Schlaumeier geben, die es entweder besser wissen als die Experten oder wissen, dass die Experten halt einfach d**f sind.

  • H.-F. Vögeli sagt:

    Es geht ja weniger um Vertrauen, als vielmehr den Weisungen des Badmeisters Folge zu leisten! Er ist für das Bad und die Gäste verantwortlich. Was natürlich nicht ausschliesst, dass man seinen eigenen Verstand gebraucht und eben sofort aus und vom Wasser weggeht.
    Danke für den interessanten Artikel!

  • Paukner Marina sagt:

    Vielen Dank für diesen außerordentlich interessanten Bericht. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass so weit von der Gewitterzelle entfernt ein Blitz einschlagen kann. Diese Information wird mein Verhalten bei Gewittern ändern.

  • Hans Niederer sagt:

    Ich unterhalte mich mit dem Wetter nicht, z.B. in meinem Alltag kommen Wetterprognosen nicht vor. Trotzdem, dieser Kachelmann hat mich mit dem Thema Wetter schon mehrmals amusiert, diesmal mit der Blitzzeichnung.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    ich denke man kann dem bademeister genau soviel oder wenig vertrauen, wie dem meteorologen.

    • Jörg Kachelmann sagt:

      Höhö!

    • Hotel Papa sagt:

      Gut haben wir als verlässliche Stütze den Ritter…

    • Max Meier sagt:

      Dann entscheiden Sie selbst, mir ist es eh egal ob Sie vom Blitz getroffen werden oder nicht 😉

    • Jürg Bühler sagt:

      Vielleicht was die Prognose betrifft, aber Sie können den Artikel dieses Metereologen lesen und daraus lernen. Natürlich nur, wenn Sie eine der helleren Kerzen auf dem Kuchen sind.
      Für die anderen gibt es ja den Darwin Award.

    • Fritz Zaucker sagt:

      Der Bademeister kann wohl keine so fundierte Auskunft über die Risiken geben wie der Meteorologe.
      Dass der Mensch mit Wahrscheinlichkeiten schlecht umgehen kann, zeigt dieser Kommentar.

    • Carolina sagt:

      Na ja, Rittermann, immer einen sauglatten Kommentar ablassen, egal, ob er passt oder nicht, oder? Es geht ja hier nicht um Prognosen oder Vorhersagen, sondern um belegbare Aufzeichnungen und Geschehnisse – finde das ausgesprochen interessant.
      Und was den Bademeister angeht: wie oft ich das schon erlebt habe, dass er alle Hände voll damit zu tun hatte, den Rittermännern dieser Welt klarzumachen, dass sie jetzt dann s o f o r t das Wasser verlassen sollten – da muss er dann früh anfangen, denn er ist in der Regel tatsächlich von Leuten umgeben, die zwar sauglatte Sprüche draufhaben, machomässig drauf sind, aber ansonsten eben nicht die Hellsten sind. Da hat Kachelmann schon recht!

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