Das Ammenmärchen vom bösen Durchzug

Warum sollte Passatwind mit 60 km/h herrlich und Bürozugluft mit 2 km/h teuflisch sein? (Foto: iStock)

Die deutsche Immigration in die Schweiz ist an sich eine Erfolgsgeschichte, wir denken an die Menschen in den Professuren der ETH, in Sozial- und Pflegeberufen, in den Tankstellen und an der Ikea-Kasse. Sicher, es gibt unangenehme Begleiterscheinungen: «Poschte» heisst immer mehr «ichaufe», und auch andere Schwabizismen breiten sich via TV-Werbespots aus, und kurlige Dialektwörter werden langsam verdrängt. Ich schnalle mich schon für den Moment an, wenn ich zum ersten Mal einen Berner Oberländer «lecker» sagen höre, und werde in dem Moment der SVP beitreten. 

Ohne Immigration von Deutschen wäre Ihnen noch mehr erspart geblieben (unter anderem ich, seit 1962 im gelobten Land anwesend). Wir wissen, dass nichts geringer ist als die Assimilationsbereitschaft von Deutschen. Der Immigrant aus Sri Lanka weiss nach drei Tagen, dass wir gerne alles auf der ersten Silbe betonen, Beispiel Aussprache der geliebten SBB: ESSbb! Deutsche werden auch noch nach 30 Jahren in der Schweiz sbBE sagen, was verstörend ist.

Durchzug als Mitbringsel der Deutschen?

Deshalb halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass der Durchzug aus Deutschland in die Schweiz kam. Ich kann mich nicht erinnern, dass das in den 60ern und 70ern ein Problem oder Thema war. Sieht man alle Treffer zu Durchzug und Zugluft im Idiotikon, wird schnell klar, dass es sich um Wind vor der Tür und nicht im Haus handelte – früher.

Irgendwann muss es genug Deutsche in der Schweiz gegeben haben, dass Durchzug auch in der Schweiz ein Thema wurde. In Deutschland ist das seit jeher eine furchtbare und unsinnige Obsession. Menschen, die kein Problem damit haben, in den Ferien am Strand von Fuerteventura Hitze und gleichzeitig Nordostpassat mit 60 km/h auszuhalten, fantasieren sich schlimme Krankheiten bis zum Tod zusammen, sobald in einem Büro von einem Fensterli zum anderen schreckliche 2 km/h wehen.

Steifer Nacken? Nein, Erleichterung! (Foto: iStock)

Im eigenen Saft schmoren muss nicht sein

Was hört man nicht alles, was die hinterhältige Zugluft alles anstellen soll, steifer Nacken, Grippe und Schlimmeres. Das führt dazu, dass viele Menschen in Sommern wie diesem vollkommen sinnlos im eigenen Saft vor sich hin schmoren, statt die Segnungen des Windes zu geniessen, der in der deutschen Sprache und nur dort der gemeine, hinterhältige Durchzug ist.

Wenn man nämlich alles richtig macht, kann einem die Hitze, die kommende Woche wieder verschärft auf uns zukommt (10-Tage-Trend, einfach Ihren Ort eingeben), wenig anhaben.

Es könnten sich nun einfach alle einen Ventilator kaufen. Viele Grosis und Ättis würden auch in der Schweiz noch leben, würden Kinder und Enkel einen Ventilator schenken. Mit einem anständigen, Wind machenden Propeller hält man fast jede Temperatur aus. Doch in der allgemein grassierenden Unwissenheit wird bei Hitze so ziemlich alles falsch gemacht, was Linderung verschaffen könnte. Und der unwissenschaftliche Aberglaube ist natürlich inzwischen dutzendfach im Internet verewigt, damit sich die Zugluft-Ängstler immer gegenseitig versichern können, dass man nur ein sinnvolles Leben führen kann, wenn die Luft permanent steht.

Was Sie bei Hitze tun sollten

Das gilt insbesondere für Kinder und ältere Menschen:

  1. Klimaanlage einschalten, wenn vorhanden. Eine gutschweizerisch gewartete Klimaanlage macht nicht krank. Alle Bedenken vor Klimaanlagen sind lustiger Aberglaube.
  2. Kaufen Sie einen Ventilator oder mehrere. Lassen Sie sie laufen. Es passiert Ihnen nichts. Deckenventilatoren können nur bei niedriger Raumhöhe ungesund sein.
  3. Wenn Sie in beide Richtungen hinaus Fenster haben, immer alle öffnen, wenn Sie daheim sind. Geniessen Sie den angenehmen Wind. Laden Sie bis Herbst keine Deutschen ein.
  4. Es ist dunkelster Aberglaube, dass man Fenster schliessen soll, sobald es draussen wärmer ist als drin. Sie produzieren drin so viel Feuchtigkeit und Kohlendioxid bei stehender Luft, dass alles besser ist als das Elend, das Sie mit geschlossenen Fenstern produzieren.
  5. Haben Sie alle Fenster nur in eine Richtung und womöglich tendenziell Richtung Süden, sind Sie verloren. Auch geöffnete Fenster bringen wenig, da es so kaum Luftaustausch gibt, ausser wenn Sie ihn erzwingen. Fenster mit Mückengitter versehen und weit aufmachen, Ventilatoren nachts vom Fenster in den Raum ausrichten, tagsüber einfach vor Ihr Gesicht stellen.

Geniessen Sie den Sommer

Wenn Ihnen Deutsche begegnen, die mit Durchzug drohen, diskutieren Sie eine mögliche Ausschaffung, da dieser Aberglaube die Gesundheit vieler Menschen bei uns bedroht. Falls Sie in den Ferien in heissen Gegenden sind, wo es gerne windet und womöglich die Leute beim Schaffen draussen schwitzen, fragen Sie die Leute, ob sie eine der Beschwerden haben, die allenthalben dem Durchzug zugeschrieben werden. Fragen Sie sich selbst, warum Sie es immer angenehm fanden, wenn am Strand am späten Vormittag der Seewind aufkam.

Und wenn Sie daheim genügend Ventilatoren oder durch Fenster überall schönen Durchzug haben, geniessen Sie den Sommer. Und zu guter Letzt: Kleinkinder brauchen ab 30 Grad nur eine Windel und Schatten/Sonnenschutz, sonst nichts. Bitte verzichten Sie auf Kappen und alles, was wärmt. Und noch mal, auch wenn die Plakate immer nur was über Hunde sagen: nie ein Kind im Sommer auch nur kurz im Auto lassen. Nie. Einfach nie. Gar nie.