Unser Tornado-Notfallplan? Oh.

Obwohl Tornados bei uns so stark werden können wie in den USA, sind sie (noch) kein Thema. (Foto: Jason Weingart/Getty Images)

Sind Sie gläubig? Dann bitte ich Sie, folgenden Satz in Ihr Nachtgebet aufzunehmen:

Lieber Gott, wenn Menschen einen Tornado sehen, die stärkste Macht der meteorologischen Natur, bitte gib ihnen die Weisheit, sich rechtzeitig von ihm fernzuhalten, in einen Keller zu gehen oder in den innersten fensterlosen Raum eines Hauses und sich dort in die Badewanne zu legen und sich mit einer Matratze zuzudecken. Und führe sie nicht in Versuchung, sich den Verlockungen der Medien des Teufels zu ergeben, die für Bilder der Not anderer Menschen Geld bezahlen, und deshalb bis zum Ende den Tornado zu filmen versuchen. Sie werden für den Bruchteil einer Sekunde feststellen, dass viele kleine Objekte mit 250 km/h vorne in ihren Körper eintreten und nur etwas langsamer hinten aus ihrem Körper austreten. Amen.

Atheisten sollten auch mitmachen: nützts nüt, so schads nüt. Es ist bitter nötig, denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis eine Schweizer oder deutsche Grossstadt von einem Tornado erwischt wird. Die Folgen wären katastrophal, wie ich vor fünf Jahren dem «Spiegel» gesagt habe.

Irgendwie einfach sehr blöd

Daran hat sich nichts geändert. Wir müssen jeden Sommer damit rechnen – auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass ein starker Tornado durch Zürich, Basel oder Bern pflügt. Oder eben durch Berlin oder Köln. Wenn das nach einem heissen Samstag- oder Sonntagnachmittag passiert – alle sitzen draussen und die App zeigt gerade nichts an – werden sich nur die wenigsten Menschen sinnvoll in Sicherheit bringen. Sie werden versuchen, mit dem Auto nach Hause zu fahren, irgendwie trotzdem vor einem Fenster stehen, um irgendetwas zu sehen oder einfach auf irgendeine Art sehr blöd sein wie diese jungen Menschen beim Mittwochs-Tornado in Nordrhein-Westfalen.

Glück gehabt, das war nur ein EF1 und nicht das Maximum dessen, was in Mitteleuropa geht. Bei uns können Tornados so stark werden wie in den USA – nur eben nicht so häufig. Mein persönliches Horrorszenario ist ein EF4 (zweithöchste Stufe), wie er 1968 in Pforzheim (Baden-Württemberg) vorkam.

Lustige und falsche Erklärungen

Es gibt bisher nicht signifikant mehr Tornados als früher. Heutzutage hat nur fast jeder ein Telefon mit einer Kamera, sodass zumindest bei Tageslicht in einigermassen bewohnten Gebieten jeder Tornado gefilmt wird. Was aber ebenfalls zutrifft: dass in einem zunehmend wärmer und feuchter werdenden Klima (was statistisch gesehen in den letzten Jahrzehnten signifikant der Fall ist), stärkere Gewitter und damit auch Tornados wahrscheinlicher werden.

Sie werden nach dem deutschen Tornado viele lustige und falsche Erklärungen und Grafiken sehen, wie ein Tornado entsteht. Nein, es prallen keine kalten und warmen Luftmassen zusammen und was sonst noch an komischen Dingen geschrieben wird. Man braucht erstens einen starken Aufwind in einem sehr feuchten und energiereichen Umfeld (Gewitter!) und unterschiedliche Windrichtungen und/oder Windgeschwindigkeiten in der untersten Atmosphäre; wir nennen das Scherung, die die Rotation des Aufwindschlauchs begünstigt.

Früher haben die Medien Tornados bei uns vollständig ignoriert, allenfalls als «Windhose» (was nicht falsch ist, aber suggeriert, dass wir keine echten Tornados hätten) oder «Mini-Tornados» (völliger Blödsinn) verniedlicht.

Die Schweizer Wirbelsturm-Hochburg

Heute in den Zeiten des medialen Klickschlampentums (typischer Clickbait-Titel: «Monika sah einen Wolkenschlauch und spürte, dass sich etwas in ihrem Leben verändern würde») ist den Klicks zuliebe nun alles Tornado geworden: Staubteufel, die an keiner Wolke hängen, sondern über heissem Terrain entstehen. Und ganz viele Downbursts, die keine Tornados sind.

Die Regel für Journalisten, falls diese sich im Zusammenhang mit Wetter für Realität interessieren wollen: Wars ein Tornado und noch hell, gibts auch ein Foto. In der Schweiz ist allerdings die Möglichkeit des undokumentierten Tornados leicht erhöht, weil der Jura die hiesige Wirbelsturm-Hochburg ist. Einen der beeindruckendsten gab es am 26. August 1971, hier mit einer schönen Beschreibung auf Französisch.

Generell sind aber überall in der Schweiz Tornados möglich, auch in Zürich oder Bern am Samstagabend, wenn gerade Street Parade oder Gurtenfestival ist. Computermodelle können zum Glück schon am Morgen eines Unwettertages deutliche Hinweise für die Bildung von Tornados geben. So war das auch für Nordrhein-Westfalen, hier der Morgenlauf des Schweizer Modells am Mittwoch, der für abends 19 Uhr ein starkes einzelnes gewittriges Rotationsereignis unweit des späteren Tornado-Gebiets vorhersagte – wenn auch Computermodelle nie im Voraus die genaue Position eines Tornados prognostizieren können, sah man, dass vor allem im südlichen Nordrhein-Westfalen damit gerechnet werden musste – durch die Kombination Aufwind-Helizität und Starkgewitter.

Bisher keinen Plan Tornado

Die Frage wird sein, ob Veranstalter in der Schweiz für diesen Fall einen Plan haben. Wie sie gewarnt werden. Wohin die vielen Leute in kurzer Zeit gebracht werden können. Wie Menschen in der Schweiz erfahren, dass es einen Tornado gibt. Wie er medial begleitet wird, damit die Menschen erfahren, dass er da ist und wohin er zieht. Denn man kann erst vor einem Tornado warnen, wenn er entstanden ist. Zuvor weiss man nur, dass die Umstände tornadofreundlich sind.

In Oklahoma senden alle Fernsehsender nur noch Wetter, wenn es einen Tornado gibt, notfalls auch einen Tag lang.

Deswegen gibt es in den USA auch so wenige Tote selbst bei starken Tornados trotz oft leichterer Bauweise im Mittleren Westen. Das mit der guten Information ginge in der Schweiz theoretisch auch, wenn es darauf ankäme. Dafür müsste man aber hierzulande einen Fernsehsender haben, der vielleicht noch einen zweiten Kanal hat, auf dem für solche Notfälle Platz wäre. Zudem bräuchte er Korrespondenten im Inland, Geld für Übertragungswagen und eine grosszügig ausgestattete Wetterredaktion, die nicht faul ist und vor allem aus Menschen besteht, die nicht nur Wetter erzählen, sondern auch etwas davon verstehen.

Oh.