Von überraschenden Schneestürmen und der Wahrheit

Schlechtwetterfront: Die Region Pigne d’Arolla. Foto: Handout Kapo VS/Keystone

Wenn Unfälle passieren, gibt es Berufe, bei denen von vornherein eher von menschlichem Versagen ausgegangen wird. Bei Unfällen mit Lastwagen etwa ist die Annahme a priori weniger, dass die Bremsen versagt haben, wenn das Fahrzeug von hinten auf einen Stau auffährt, als dass der Fahrer geschlafen oder irgendetwas Ablenkendes gemacht hat. Stürzt ein Flugzeug ab, liegt der Fokus der Berichterstattung schnell bei möglichen Pilotenfehlern. Stirbt jemand bei einer Operation, werden die behandelnden Ärzte schnell kritischen Fragen ausgesetzt sein.

Die Schweiz ist das Land der Berge. Unser Selbstverständnis beruht auf der Perfektion unserer menschlichen und technischen Fähigkeiten, diese Berge zu erleben und zu bezwingen. Wenn wir mit der steilsten Standseilbahn der Welt auf den Stoos fahren, macht uns das keine Sorgen: Es ist die Schweiz. Begeben wir uns in die Obhut eines Bergführers, haben wir das bestmögliche Gefühl trotz der Gefahr, in die man sich in den Hochalpen automatisch begibt: Es ist die Schweiz.

Der Brantschen Franz macht keine Fehler

In meiner Kindheit waren wir immer in Randa, zwei Stationen vor Zermatt in den Ferien. Ich habe viele Orte in der Schweiz gesehen, doch für mich ist und bleibt es das wildeste Dorf der Schweiz, auch wenn sich der Bisgletscher seit den 60er-Jahren weit zurückgezogen hat. Wir hören immer wieder von Felsstürzen und Lawinen rund ums Dorf. Die Höhenunterschiede sind sehr gross: das Dorf auf rund 1400 Metern, fast unmittelbar östlich und westlich der Dom und das Weisshorn mit über 4500 Metern.

Mein «Schkilehrer», wie man es im Oberwallis sagt, war der Brantschen Franz. Viele im Dorf heissen so, er war im Sommer Bergführer, später auch Hüttenwirt der Domhütte, wo ich ihn in den 70er-Jahren wieder traf, er wurde selbst verletzt am Weisshorn, als er anderen Menschen half, die in Bergnot gerieten. Der Brantschen Franz war für mich das Sinnbild eines perfekten Menschen. Der Gedanke, dass er Fehler machen könnte, schien mir völlig abseitig, und ich bin überzeugt, dass er am Berg und bei der Beurteilung von Gefahr nie einen Fehler gemacht hat. Das Bergsteigen war noch vor wenigen Jahrzehnten viel riskanter, weil man bei längeren Touren keine Ahnung haben konnte, was am Ende passiert, man sieht dem Himmel nicht an, ob am dritten oder vierten Tag blauer Himmel oder Schneesturm anstehen.

Unser Selbstverständnis geht davon aus, dass alle Menschen, die auf die Berge steigen, so sind wie der Brantschen Franz aus Randa. Deshalb wird nie nach Ursachen gefragt, wenn wie am vergangenen Wochenende Unfälle in den Bergen passieren, wenn Menschen sterben. Das Medien-Mantra konzentriert sich vom ersten Moment an auf den «überraschenden, unerwarteten Schneesturm», auf den «plötzlichen Wetterumsturz», die «schlagartig abfallende Temperatur», die groteskerweise von manchen Zitierten auch noch dem Klimawandel in die Schuhe geschoben wurde. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Wir sind doch die Schweiz.

Die Prognose im Check

Die Wahrheit ist eine andere. Der Wettersturz vom Sonntag war Tage vorher klar, sowohl was die Gegend um Arolla als auch den Mönch betraf. Es gab keine Überraschung, auch wenn wir es uns noch so wünschen. Es gibt mit wenigen Ausnahmen im Sommer bei sehr rasanter Gewitterentwicklung keine Überraschungen mehr bei alpinem Wetter – denn auch im Sommer weiss man vorher, welche Tage sicher gewitterfrei sind und welche nicht. Es ist nur die Frage, wie jeder Alpinist das Risiko beurteilt, wenn er an einem nicht 100-prozentig sicheren Tag aufsteigt.

Was letzten Sonntag betraf, so war fast 100-prozentig klar, dass jeder Mensch in den Hochalpen in höchste Lebensgefahr geraten musste, weil eben nichts überraschend kam – es kam, wie es kommen musste. Alle Wettermodelle hatten bereits am 26. April für den Sonntagabend das Föhnende vorgesehen, am Vormittag des 27., also zweieinhalb Tage vor dem Unglück, war das Drama in den Wetterkarten konkret. Wir betrachten Wetter, Temperatur und Wind in der Vorhersage vom 27. April 2 Uhr morgens, für den Unglückstag am Sonntag, 29. April.

Die Vorhersage für den Sonntagmorgen um 6 Uhr war korrekterweise noch günstig mit den bei Föhnlagen üblichen leichten Schneefällen unmittelbar am Alpenkamm, aber noch föhnigen Aufhellungen nördlich. Die Windpfeile beschreiben die Mittelwinde und die Windrichtung.

Man kann übers Menü stündlich in die Zukunft gehen, um zu sehen, wie sich die Verhältnisse verändern werden. Die Vorhersage zeigt, dass um 13 Uhr all das «plötzliche», «unerwartete» eintreten würde: Mit den stark zunehmenden Südwinden beginnt der Schneesturm, sich nach Norden auszuweiten.

Abends um 19 Uhr ist der Schneesturm in vollem Gang.

Nachts würde der Schneefall nach Prognose nachlassen, was auch so eintraf.

Der Schneefall an sich muss kein Problem sein, in diesem Fall war es der Schneesturm, der zur Katastrophe führte. Wir betrachten die am 29. April vorhergesagten Windböen für die Region um Arolla. Auch hier begann der Sonntag noch mit normalen und beherrschbaren Föhnböen von 50–75 km/h um 7 Uhr.

Geht man wiederum Stunde für Stunde in die Zukunft, sieht man die rasche Erhöhung der Windgeschwindigkeit ab Mittag, für den die ersten Böen mit 100 km/h vorhergesagt wurden.

Die Winde wurden immer stärker und erreichten bis zum Abend für Menschen im Freien katastrophale Ausmasse mit Böen von gegen 200 km/h um 20 Uhr.

Das Unglück in unseren Bergen kam in drei Stufen. Erst Schneefall, dann Orkan, dann der Temperatursturz. Noch um 17 Uhr war es relativ mild in der Föhnluft, obwohl das im extremen Sturm nicht sehr geholfen haben wird.

Bis Mitternacht hatten Schnee und Sturm weitgehend nachgelassen, dafür waren die Temperaturen stark gesunken.

Viele verlassen sich auf die App

Diese Vorhersagen vom Freitagvormittag für den Sonntagabend haben sich alle – leider – vollumfänglich bewahrheitet. Der Wettersturz war auch an den Tagen zuvor in groben Zügen bereits klar. Wir – vor allem die Medien – müssen uns mit dem Gedanken abfinden, dass es nicht immer die ach so unberechenbaren Berge sind, die Leid verursachen. Der Aberglaube, dass Wettervorhersage in den Bergen viel schwieriger sei, stammt aus der Mitte des letzten Jahrhunderts und ist heute völliger Unsinn. Dass sich dieser Glaube bis heute hält, liegt daran, dass die weitaus qualitativ schlechteste Vorhersage heute die meistgenutzte ist: die Vorhersage-App auf dem Telefönli. Es gibt grotesk viele Leute, die sich auf diesen Unsinn verlassen – und manchmal Glück haben, man beachte den letzten Satz in dieser Meldung (Quelle TAG24):

Wie abseitig es ist, dass Menschen auf die üblichen Vorhersage-Apps in ihrem Telefon überhaupt schauen oder sie womöglich in den Bergen benutzen oder denken, dass das Eingeben ihrer Postleitzahl irgendeinen Sinn hätte, zeigt die Grafik, welche Topografie diesen Handy-Apps zugrunde liegt.

Unten der Kanton Solothurn bis nach Basel im Norden und die Berner Alpen im Süden mit der Modellauflösung von 1 x 1 km wie bei den Vorhersagen, die in diesem Text benutzt wurden.

Oben derselbe Ausschnitt mit der Topografie, die den herkömmlichen Handy-Apps zugrunde liegt. Sie sehen, dass die Handy-Apps nichts wissen können. Keine Berge, keine Täler, nur das Gröbste einer gemittelten Topografie, nicht mal Jura, Mittelland und Alpen werden in der Handy-App-Auflösung sinnvoll dargestellt, entsprechend ist die Vorhersagequalität.

Viele Menschen denken, dass diese Apps das Beste seien, was Wettervorhersage kann. Das Gegenteil ist der Fall. Die furchtbare Qualität von Wettervorhersage-Apps tötet Menschen. Wir wissen nicht, was am Wochenende in den Schweizer Bergen dazu geführt hat, dass ein nicht überraschender Föhnzusammenbruch eine Tragödie verursachte. Wir müssen nur gemeinsam Sorge tragen, dass es nie wieder passiert, weil es solche Überraschungen, wie sie viele Medien immer wieder gebetsmühlenartig und automatisch nach Bergunfällen erfinden, nicht mehr geben müsste.

Lesen Sie zum Thema Wetter-App auch das Posting «Warum Wetterprognose-Apps nichts taugen».