Die süssen Trauben Abdulqadirs

Dieser Text erschien erstmals vor 15 Jahren. Der Autor, im Iran geboren, seit seiner Jugend in Deutschland lebend, bereiste die muslimische Welt jahrelang als Korrespondent des «Tages-Anzeigers». Seine einfühlsamen, kenntnisreichen Berichte trugen  dazu bei, diese Regionen den Schweizer Lesern näherzubringen. Ahmad Taheri starb vergangene Woche im Alter von 85 Jahren in Frankfurt.

Welttheater

Recht- und wehrlos: Insassin eines Frauengefängnisses in Kabul, 2002. Foto: Paula Bronstein (Getty Images)

Etwa dreihundert Männer befinden sich in Haft im Untersuchungsgefängnis von Kabul: Mörder, Diebe, Vergewaltiger und sogenannte Frauenverführer. Gegenüber dem Eingang zum Gefängnishof hockt ein Mann im Schatten eines Baumes. Er ist etwa fünfzig Jahre alt und trägt keine Kopfbedeckung, was für einen Mann seines Alters ungewöhnlich ist.

Unentwegt schaut er den Gast an und lächelt freundlich. Dann öffnet er ein Bündel, das auf seinem Schoss liegt, und bietet dem Besucher süsse Weintrauben an: «Aus meinem eigenen Garten.» Er warte hier, weil sein Sohn Nuragha im Gefängnis sitze, erklärt der sympathische Paschtune mit den grauen Locken und den grünen Augen. Es sei Besuchstag, doch man lasse ihn nicht hinein. Sie wollten Geld, er habe aber nichts zu verschenken, sagt er. Dann nennt er den Grund, warum sein Sohn eine Haftstrafe verbüssen muss. «Aus Liebe, Herr, aus Liebe», seufzt er lächelnd. Er heisst Abdulqadir.

«Als hätten die Engel im Himmel sie miteinander verlobt»

Abdulqadir erzählt eine Geschichte, die zeigt, wie schwierig, ja unmöglich es ist, die Traditionen und Bräuche des afghanischen Berglandes zu durchbrechen. Die Geschichte beginnt in den Neunzigerjahren in einem Flüchtlingslager in der Nähe des pakistanischen Peshawar. Dorthin war Abdulqadir mit seiner Familie vor dem Bruderkampf der Mujahedin geflohen. Zum Nachbarn hatte er einen Ex-Offizier des kommunistischen Regimes mit Namen Miralam. Die Kinder der beiden Familien spielten miteinander auf derselben staubigen Strasse zwischen den Lehmhütten der Flüchtlinge.

Nach dem Einmarsch der Taliban in Kabul kehrten die Flüchtlinge in ihre Heimatdörfer zurück. Als Hamida, die jüngste Tochter Miralams, dreizehn Jahre alt wurde, arrangierte die Sippe eine Verlobung – mit einem reichen Händler. Siebzig Jahre hatte er auf dem Buckel.

Inzwischen war Nuragha, der junge Mann im Gefängnis, zu einem Jüngling von achtzehn Jahren herangewachsen. Er hatte in Peshawar das Handwerk eines Fotografen gelernt. Es gelang ihm, zusammen mit einem Freund ein Fotogeschäft im Kabuler Stadtteil Shahr-e Now zu eröffnen. Das Geschäft ging gut, höchste Zeit für Nuragha, eine Frau zu finden. Er heiratete eine Cousine. Es war keine Liebesheirat. Die Familie hatte die Vermählung arrangiert.

Doch wenig später sah er durch einen Zufall Hamida wieder, mit der zusammen er im pakistanischen Flüchtlingslager so oft auf der Strasse gespielt hatte. «Das Feuer der Liebe entflammte im Herzen der beiden jungen Leute», sagt Abdulqadir. «Sie waren wie füreinander geschaffen, als hätten die Engel im Himmel sie miteinander verlobt.»

Auch die Alten können keinen Frieden stiften

Derweil drängte der siebzig Jahre alte Verlobte: Hamida sei nun reif genug, um das väterliche Haus zu verlassen. Auch der Vater versuchte, seine Tochter gefügig zu machen, und schlug sie. Schliesslich wartete auf ihn eine Menge Geld. Doch Hamida weigerte sich und drohte, sich umzubringen. Bedrängt von dem Verlobten und dem Vater, beschloss Hamida, nach Kabul zu fliehen. «Sie waren zusammen, aber wie Geschwister. Mein Sohn hat das Mädchen nicht angerührt.»

Doch der Vater von Hamida reichte Strafanzeige ein. Die beiden hätten «Zana» betrieben, also unehelichen Geschlechtsverkehr. Das junge Paar wendete sich an mehrere Gerichte, die sich aber für nicht zuständig erklärten. Aus Angst vor der Sippe des Vaters, die Rache geschworen hatte, gingen sie zur Polizei und baten, man solle sie miteinander verheiraten. Sie wurden aber beide ins Gefängnis gesteckt. Jetzt sitzt Hamida mit 36 weiteren Frauen in Haft, nur ein paar Schritte entfernt von Nuragha.

Die meisten der inhaftierten Frauen haben ein ähnliches Schicksal wie Hamida. Während der junge Mann regelmässig vom Vater oder vom Bruder mit Essen und Geld versorgt wird, hat Hamida niemanden, der sich um sie kümmert. Sie hat «Sharm», Schande, über die Familie gebracht. Kürzlich versuchten die Weissbärtigen im Dorf, Frieden zu stiften. Sie gingen zu Miralam, dem Vater von Hamida, um ihn zu überreden, die Klage zurückzuziehen. «Ich werde mit dem Blut der beiden die vier Wände hier rot färben», soll der einstige Kommunist gesagt haben.

Das erzählt jedenfalls Abdulqadir, der Paschtune, in dessen Garten süsse Trauben wachsen.

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