Öko-Logik im Taxi

Havanna: Die Hauptstadt in Lateinamerika mit dem geringsten Verkehrsaufkommen. Foto: Oscar Alba

In einem Sammeltaxi, Chevrolet Bel Air Jahrgang 1953, in Havanna. Eine junge Touristin im Batik-Shirt, steigt zu. Sie zwängt sich auf den letzten freien Platz auf der vorderen Sitzbank, zieht die zerbeulte Tür zu und stösst einen Seufzer aus.

«Endlich! So lange habe ich noch nie auf ein Taxi gewartet.»

Der Chauffeur lächelt: «Willkommen in Kuba, Señorita. Spanien?»

Sie: «Ja, aus Madrid.»

Er: «Erste Welt, du Glückliche, dort habt ihr diese Probleme nicht. Taxis, Busse, Metro, Zug, dort gibt es von allem genug, alles rollt und funktioniert. Hat mir ein Nachbar gesagt, der in Europa war.»

Sie: «Alles rollt? Schön wärs! Wir ersticken im Verkehr. Jeder sitzt alleine in seinem Auto und steckt ständig im Stau. Da ist Kuba geradezu paradiesisch. Ich war schon in vielen Grossstädten, keine hat so wenig Verkehr wie Havanna. Letzte Woche bin ich von Santiago de Cuba hierher gereist, tausend Kilometer. Auf der Autobahn und den Landstrassen sah ich mehr Fahrradfahrer, Fussgänger und Kutschen als Autos und Lastwagen. Eine Idylle.»

Der Chauffeur verzieht das Gesicht, blickt in den Rückspiegel zu seinen Fahrgästen: «Hört euch das an! Sie nennt das hier Idylle.» Müdes Schweigen. Der Fahrer wieder an die Touristin: «Junge Dame, das hier nennt man Armut und Sozialismus. Wie alles hier sind auch die Autos Sache des Staates, und der kann und will nicht genügend Fahrzeuge importieren – ein Problem des Geldes, der Ideologie, der Prioritäten, weiss der Teufel was. Abgesehen davon hätten die meisten Menschen auch gar nicht das Geld, sich einen Wagen zu kaufen. Deshalb sind die Autos in unserem Land stets voll besetzt.»

Sie: «Ist doch gut, viel ökologischer. Besser fünf, sechs Personen in einem Wagen, als wenn jeder alleine im eigenen herumfahren würde.»

Er: «Ach ja? Frag mal die Kubaner, ob sie auch so denken. Ökologischer! Das sind nette Ideen aus der Ersten Welt. Wir wollen vorwärtskommen, nicht jeden Tag stundenlang am Strassenrand warten und zusehen, wie die vollen Taxis, Busse und das Leben an uns vorbeirauschen. Damit wir uns richtig verstehen: Wir reden hier von Mangel und fehlender Freiheit.»

Langes Warten aufs nächste Sammeltaxi oder den Bus gehört in Kuba zum Alltag. Foto: Oscar Alba

Sie: «Welche Freiheit? Da, wo ich lebe, hat jeder Mensch die Freiheit, sich ein Auto zu kaufen, falls nötig auf Kredit. Aber was ist das für eine Freiheit, wenn sich jeder ein Auto kaufen und nach Belieben die Umwelt zerstören darf?»

Der Taxifahrer zieht die Augenbrauen hoch: «Bist du ein Apostel der Mutter Erde oder wie?»

Sie: «Nein, nein. Ich wollte nur sagen, dass ich gerne in einer Stadt leben würde mit so wenig Verkehr wie Havanna.»

Er: «Nichts einfacher als das, meine Liebe. Heirate mich! Dann darfst du hier leben – und ich darf nach Spanien. Als Erstes würde ich meine alte Rostlaube verkaufen und mir dann in Madrid einen modernen, ökologischen Kleinwagen kaufen.»

Teil zwei zu Autos in Kuba folgt Ende April. 

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3 Kommentare zu «Öko-Logik im Taxi»

  • Peter Aletsch sagt:

    Deswegen ist Kuba das fast einzige Lateinamerikanische Land, das geeignet und komplett ungefährlich ist für Velotouren. Da die Lastwagenfahrer nicht für privaten Profit schnell fahren müssen, machen sie gaaanz langsam. Man riskiert aber, von einem einheimischen Elitefahrer begleitet zu werden, der hofft, Ersatzteile geschenkt zu erhalten. Wenn die Kubaner mich nach dem Preis für meine Velo fragten, antwortete ich nicht mehr mit dem richtigen Wert, sondern mit um die 500 Fr. Auf der 20 m breiten ‚magistral‘ von Santiago nach Bayamo, ein ‚Brudergeschenk‘, hatte es so wenig Autoverkehr, dass ich mir erlauben konnte, links zu fahren, weil dort mehr Schatten war. Die Kubaner verstehen nicht, warum wir Reichen aus Deutschland und der Schweiz uns auf Velos abmühen.

    • Max Gerber sagt:

      Diese Strecke fuhr ich auch. Ich Depp im Juni haha 40 Grad. Hiess aufstehen frühmorgens weil so ab 10.00 dann fertig lustig die Sonne ist gnadenlos. Aber die Monsumregen genial erfrischend und die Kleider trocken danach schnell. Und ja, eine schönere Umgebung gibts nicht betreffs Verkehr – Entschleunigung pur. Auch Autofahren ist ohne Stress, jeder in seinem Tempo alles erlaubt, niemand der hinten drückt, jeder hat Verständnis weil jedes Fahrzeug potentiell Probleme hat haha. Mit gutem grossem modernen Mietauto sind sogar die Schlaglöcher egal auch gemütlich. Ich hoffe es bleibt so verkehrsfrei und stressfrei auf der Strasse.

  • Markus Ackermann sagt:

    Die Bilder zeigen die Infanta … eine Hauptverkehrsachse in Havanna.

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