Der blaue Pass und der Brexit

Welttheater

Der britische Pass als Symbol der Unabhängigkeit: Brexit-Kampagnenführer Nigel Farage. Foto: Frank Augstein (Keystone)

Seit letztem Herbst haben Brexiteers einen solchen «Verrat» befürchtet. Nun, kurz vor Ostern, gibt es keinen Zweifel mehr. Mit der Herstellung des künftigen dunkelblauen britischen Passes, dieses Symbols stolzer Post-Brexit-Unabhängigkeit, ist eine Firma vom Kontinent beauftragt worden – und nicht der bisherige Passproduzent De La Rue.

De La Rue, ein britischer Betrieb trotz seines französischen Namens, hatte ja gehofft, nach jahrelanger Produktion burgunderroter Pässe nun auch für die neuen, zum spätimperialen Dunkelblau zurückkehrenden britischen Pässe verantwortlich zu sein. Die Firma sei aber, erklärte diese Woche Geschäftsführer Martin Sutherland, «unterboten» worden von einem anderen, einem ausländischen Konzern.

Die französisch-niederländische Firma Gemalto hat bei der Vergabe des 500-Millionen-Pfund-Vertrags für die nächsten Jahre offenbar das Rennen gemacht. Für Sutherland ist das «eine absolute Schande». Unerträglich kommt es dem Boss der unterlegenen Firma vor, dass von 2019 an «diese Ikone britischer Identität nun in Frankreich hergestellt werden soll». Dass sie, sozusagen, «made in Europe» statt «made in Britain» ist.

Eine «nationale Demütigung»

Leicht übersehen lässt sich bei dieser patriotischen Klage, dass De La Rue selbst Pässe und Personalausweise für alle möglichen anderen Nationen der Erde fertigt. Den Bügern Kameruns oder Sierra Leones scheint man zumuten zu können, dass ihre Dokumente anderswo produziert werden als im eigenen Land. Identitätsprobleme sind hier nicht vorgesehen. Am Ende hat De La Rues Wehmut wohl eher mit Trauer um verlorene Profite zu tun.

Das hält Brexit-Hardliner natürlich nicht davon ab, in Sutherlands Klage einzustimmen. Die konservative Ex-Ministerin Priti Patel zum Beispiel wettert gegen «eine nationale Demütigung», die ihr geradezu «pervers» vorkommt, ausgerechnet zum Zeitpunkt des Austritts aus der EU. Schon im Vorjahr hatten Tory-Kollegen wie der Abgeordnete Andrew Rosindell vorm «Aberwitz» eines Beschlusses dieser Art gewarnt.

«Sacre Bleu!» stöhnt jetzt die rechtsnationale «Daily Mail» verärgert. «Unsere neuen Pässe werden von einer EU-Firma produziert!» Auf der Linken findet Gewerkschaftsboss Len McCluskey die Auftragsvergabe «empörend». Nun seien gute Jobs bei De La Rue gefährdet. Das sei «Betrug an der Arbeiterschaft». Was hilft es da, dass die Regierung darauf hinweist, der neu gewählte Passproduzent aus Paris verfüge über fünf Fabriken im Vereinigten Königreich – und plane daselbst 70 neue Jobs?

Was nützt es, wenn Experten erbosten Briten auseinandersetzen, dass die Neuvergabe dem britischen Steuerzahler 120 Millionen Pfund spart? Und dass man EU-Vorschriften zu EU-weiter Ausschreibung sehr wohl hätte umgehen können? Frankreich zum Beispiel, das das Drucken von Pässen für eine Staatsangelegenheit hält und eine Ausnahmeregelung in Anspruch nimmt, produziert seine Reisedokumente unbeanstandet in eigener Regie.

Kommt der nächste Pass aus China?

Erst kürzlich haben Britanniens Brexiteers ja auch einräumen müssen, dass die vielgefeierte Rückkehr zum dunkelblauen Pass der Vergangenheit nicht gerade ein Beweis für neue Unabhängigkeit von den Europäern sein wird. Denn kein EU-Staat ist verpflichtet, sich ans übliche Burgunderrot zu halten. Kroatien etwa hat zurzeit einen blauen Pass.

Auch Grossbritannien hätte als EU-Mitglied das 1988 aufgegebene Dunkelblau ohne weiteres wiederhaben können. Wobei der «ikonische» Ausweis britischer Weltgeltung und nationaler Selbstbestimmung schon immer eher ein Figment nostalgischen Wunschdenkens war. Tatsächlich ist der dunkelblaue Pass keine hundert Jahre alt, dieser Tage. Er wurde den Briten in Form und Farbe 1920 vom Völkerbund, also «von aussen», aufgezwungen. «Made in Europe» war in diesem Sinne auch er.

Tory-Kultusminister Matthew Hancock sucht derweil seine Brexiteers über die Vergabe der Passherstellung «an die Franzosen» nach Kräften hinweg zu trösten. Dies sei, meint der Minister, schliesslich das letzte Mal, dass man sich nach der EU richten müsse: «Einer der Vorteile des EU-Austritts ist der, dass wir künftig mehr Kontrolle über unsere Ausschreibungsverfahren haben werden.»

Nicht mal das aber ist garantiert. Der Londoner «Guardian» hat Hancock daran erinnert, dass «Länder, die neue Handelsverträge mit dem Vereinigten Königreich schliessen möchten, sehr wahrscheinlich auch mehr Zugang zu öffentlichen Verträgen verlangen werden». Nächstes Mal wird der blaue Pass vielleicht schon in China gedruckt.

4 Kommentare zu «Der blaue Pass und der Brexit»

  • Lori Ott sagt:

    Hahaha, der britische Passproduzent sei unterboten worden von einem französischen Anbieter. Das wird aber doch nicht das letzte Wort gewesen sein? Schliesslich können die Chinesen bestimmt auch Pässe herstellen, und mit denen kann der französische Anbieter preislich sicher nicht mithalten.

  • Brian C. Da Suza sagt:

    So kommen die Lymies auf den Hund, das schon vor dem EU-Austritt! Wie tief haben sie sich die nur in die Sch….e eingegraben, was geht erst ab, wenn es der Hinterste begriffen hat und Scotland längst unabhängig ist, befreit vom britischen Joch?

  • Tom Maier sagt:

    lustig, an was die Nationalen sich so aufhängen. Und wenn es schon so wichtig ist dass sie dann nicht entsprechend handelten.
    Aber ich nehme nicht an das dass der letzte Lacher aus London war.
    Man könnte fast die Wette eingehen dass der Brexit so lange verwässert wird, hingezogen wird, mit neuen Verträgen ersetzt wird dass schlussendlich genau Nix dabei rauskommt.
    Ach ja, und sollten die Schlepper entdecken dass England mit ein bisschen grösseren Nusschalen wie heute direkt angefahren werden kann dann ist der Brexit eh nur noch ein Witz der Geschichte.

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