Überrasch mich, lieb Vaterland

«Doch schlafe nicht auf deinen Lorbeeren ein»: Eine Liedzeile von Udo Jürgens, der hier im Jahr 1969 auf der Rennstrecke in Untertürkheim posiert. Foto: Keystone

Udo Jürgens. Empfahl der Komiker Oliver Polak gerade zu Recht völlig ernst als Antwort auf die Frage, was denn das Deutschland sei, auf das sich alle einigen könnten. «Ich möchte, dass Sie sich alle noch mal Griechischer Wein anhören.» Wir haben das unlängst ganz von selbst getan, auf einer dieser endlosen Kinder-und-Eltern-grölen-gemeinsam-im-Auto-damit-sie-einander-nicht-an-die-Gurgel-gehen-Fahrten, eine Übung, für die sich erfahrungsgemäss besonders Sänger anbieten, die auf den Vornamen Udo hören. Und machten dabei eine Entdeckung: «Der singt von Chinesen!», rief unser 9-Jähriger aufgeregt. Tatsächlich: «Da sassen Männer mit braunen Augen und schwarzem Haar.» «Chinesen!», brüllten alle drei Kinder.

Warum man jeden Deutschen zu einem Jahr im Ausland zwangsverpflichten sollte: weil man merkt, wie deutsch man selbst ist. Gut, es gibt die Momente, in denen man als Deutscher in Peking feststellt, wie die Mimikry einem schon ins Blut übergegangen ist. Wenn man im Restaurant wie selbstverständlich als Getränk ein Glas warmes Wasser bestellt. Wenn man es gar nicht mehr merkt, dass man schon wieder im Schlafanzug durch die Gasse schlurft. Wenn man im Lokal dem Gegenüber im Handgemenge unter wüsten Drohungen die Rechnung entreisst, um bezahlen zu dürfen.

Was für eine grandiose Idee Europa ist

Gleichzeitig lässt das Vaterland die Seinen nicht los. Die Deutsche Schule Peking ist eine tolle Schule und natürlich auch sehr deutsch. Einmal berichtete Kind Nummer zwei, das Schwimmen sei ausgefallen. Die Schwimmhalle ist einen kleinen Fussmarsch von der Schule entfernt, einmal ist dabei eine Strasse zu überqueren – und an dem Tag war die Ampel ausgefallen. Der Erzählung des Kindes zufolge marschierten zwei Lehrer mit den Schülern los und blieben dann an der Ampel stehen. Offenbar versuchten die Lehrer minutenlang tapfer, die Ampel niederzustarren. Erfolglos. Die Ampel blieb kaputt. Und so kehrte die Kolonne um, zurück in die Sicherheit des Schulhofs. Das Schwimmen fiel aus – und eine chinesische Mutter aus allen Wolken: «Die sind nicht über die Strasse gegangen, WEIL EINE AMPEL KAPUTT WAR?» Sie lachte nervös auf. «Im Ernst?!?» Aus ihren Augen sprach die komplette Verständnislosigkeit.

Warum man jeden Deutschen zu einem Jahr im türkisch-russisch-chinesischen Ausland zwangsverpflichten sollte: weil er dann merkt, was für eine grandiose Idee Europa ist. Rechtsstaatlichkeit. Ein soziales Netz. Erschwingliche medizinische Versorgung. Saubere Luft. Weltklassebildung zum Nulltarif. Politiker und Unternehmer, die man für ihr Tun zur Rechenschaft ziehen kann. Ist es nicht schön, dass einem in Deutschland nicht über Nacht das Dach überm Kopf abgerissen werden kann? Dass einen nicht morgens um drei die Gedankenpolizei holt? «Doch schlafe nicht auf deinen Lorbeeren ein, lieb Vaterland.» Udo Jürgens. Es ist schon fast schmerzhaft, von China aus das Phlegma vieler Europäer beobachten zu müssen. Die irre Lemminghaftigkeit mancher. Mein Satz des Jahres stammt von Josef Hader: «Man möchte gern irgendwas zusammenbrechen sehen, weil einem fad im Schädel ist.»

So, einmal schlafen noch. Überrasch mich, lieb Vaterland.

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