Der «Conchita-Wurst-Effekt»

Unerwartetes Wunder: Österreichs Frauen-Nationalmannschaft mit Manuela Zinsberger steht an der Fussball-EM im Halbfinal. Foto: Hans Punz (Keystone)

«Jetzt hat uns die den Schas wirklich gewonnen.» So kommentierte vor drei Jahren ein österreichischer TV-Moderator recht salopp und hörbar verblüfft den unerwarteten Sieg von Conchita Wurst beim Eurovision Songcontest. Er brachte das Dilemma seiner Zuseher auf den Punkt: Einerseits die unverhohlene Verachtung der Veranstaltung (Schas – mit sehr langem a – ist der österreichische Ausdruck für einen mächtigen Furz), anderseits der Stolz über den Sieg. Der Stolz behielt die Oberhand, der Songcontest wurde in Österreich auf einmal sehr wichtig und Transsexuelle waren doch schon immer unsere besten Freunde.

Heute geht die Nation wieder durch so ein Wechselbad der Gefühle. Zwar hat Österreichs Frauen-Nationalmannschaft die Europameisterschaft in den Niederlanden (noch) nicht gewonnen, aber sie steht im Halbfinal, was zu Hause Euphoriewellen auslöst. Auf einmal ist eine Sportart populär, die bisher im Ansehen auf einer Ebene mit Voltigieren oder Synchron-Turmspringen stand. Und eine ähnliche Menge an Publikum anzog. Jetzt aber haben es alle immer schon gewusst: Die Zukunft des Fussballs gehört den Frauen.

Heimat grosser Söhne … und Töchter

Wie schon beim Songcontest sind die grössten und lautesten Fans jene, die sich zuvor am lautesten darüber lustig machten. Man könnte es den «Wurst-Effekt» nennen. Selbst der volkstümelnde Sänger Andreas Gabalier, der Frauen am liebsten zu Hause, bei Familie und Herd sieht, findet die kickenden Mädels «mit den knackigeren Wadeln» toll. So wie Gabalier können sich die Anhänger der latent misogynen Partei FPÖ auf einmal vorstellen, die Nationalhymne in der richtigen Version zu singen: Statt «Heimat, bist du grosser Söhne» nun «Heimat grosser Töchter und Söhne». Weil Anhänger einer populistischen Partei immer dort sind, wo der Erfolg ist, wollen manche nun das Wort «Söhne» ganz aus der Hymne streichen.

Dabei hätten eigentlich die Männer das grosse Fussball-Wunder vollbringen sollen. Nicht weniger war vom Schweizer Marcel Koller als Trainer der Nationalmannschaft erwartet worden: mindestens Viertelfinal bei der WM, mindestens Halbfinal bei einer EM. Nichts wurde daraus. Weltmeister sind Österreichs männliche Fussballer im Jammern und bei den Schuldzuweisungen. Immer gibt es einen guten Grund, warum es schon wieder nicht für den Sieg reichte: das Wetter, die Fans, die Funktionäre, der Trainer. Niemals ist es die eigene (mangelnde) Leistung. Im Halbfinal standen Österreichs Herren zuletzt 1954 in der Schweiz.

Die Welt des Männerfussballs

Die Frauen aber: spielen im Team, spielen mit Stil und Witz. Und was sagen die Experten? Was die allwissenden Analytiker, die Frauen im Fussball ein ewiges Schattendasein prophezeiten? Im Österreichischen Fussballbund (ÖFB), dessen Funktionäre über Jahrzehnte damit beschäftigt waren, Frauenfussball zu behindern und zu verhindern, herrscht betretenes Schweigen. Ehemalige Stars wie Torjäger Hans Krankl meinten noch vor kurzem gönnerhaft, Frauen sollten doch spielen, «wenn es ihnen Spass macht», aber mit richtigem Fussball habe das nichts zu tun. Heute wäre eine Entschuldigung angebracht, doch in der Welt des Männerfussballs ist das leider nicht vorgesehen.

Aktive Nationalspieler gratulieren den Frauen zum Erfolg, aber es klingt irgendwie säuerlich, nicht ehrlich. Dafür wird im Internet Spott und Hohn über sie gegossen. «Endlich auch im Halbfinale», titelt die satirische «Tagespresse»: «ÖFB-Herren dürfen als Balljungen ins Stadion einlaufen.»

1 Kommentar zu «Der «Conchita-Wurst-Effekt»»

  • Katrin S. sagt:

    Der Satz „Jetzt hat uns die den Schas wirklich gewonnen“ ist ja Verqchtung des Songcontests, sondern eine Anspielung auf „Willkommen Österreichs“ Nadine Beiler Parodie, wo Grissemann als Nadine Beiler oft „I gwinn euch den Schas“ verkündet hat 😉
    https://youtu.be/V7c14EsOLys

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