Demokratie als Spektakel

Welttheater

Jeder schreit irgendetwas: Demokratie-Aktivisten in Hongkong (30. Juni 2017). Foto: Roman Pilipey (Keystone)

Ob die Demokratie in Hongkong noch lebt? Zumindest überfiel sie mich kürzlich mit ohrenbetäubendem Gebrüll. Haben Sie in letzter Zeit mal wieder Monty Pythons «Das Leben des Brian» gesehen? Der spielt in der Zeit Jesu, und es gibt dort die wunderbare Szene, wo Brian auf seiner Flucht durchs alte Jerusalem durch einen morschen Balkon hindurchkracht und auf einem Podest landet, links und rechts umgeben von Dutzenden anderen Podesten und Gerüsten, und auf jedem einzelnen steht ein in Lumpen gehüllter Prophet, ein Prediger, ein Heiliger, und alle zusammen krähen wild durcheinander ihre Heilsbotschaften in das Tohuwabohu des Wochenmarktes unter ihnen.

In genau so eine Szene geriet ich in Hongkong beim Verlassen der U-Bahn Station Causeway Bay. Da standen, aufgereiht entlang des Gehsteigs, auf Dutzenden Gerüsten und Leitern, jeweils nur eine Armeslänge voneinander entfernt, sämtliche Ikonen des demokratischen Hongkong und riefen den unten vorbeieilenden Passanten ihre Botschaft zu. Und zwar gleichzeitig.

Da stand Langhaar Leung, der Veteran, da stand Joshua Wong, die Jugendikone, da stand Nathan Law, der jüngste Abgeordnete, und da standen noch ein Dutzend andere. Und sie mahnten und sie klagten und sie riefen. Bloss was? Keine Ahnung. Es krähte nämlich ein jeder von ihnen in ein gewaltiges Megafon, verstärkt von einer gewaltigen Lautsprecheranlage, sodass der versammelte Wumms einen fast zurück in den U-Bahn-Schacht geblasen hätte, und es krähten alle durch- und über- und gegeneinander. Das Ergebnis war eine einzige kosmische Kakofonie. Es war ein wenig so, als hätten die Veranstalter beim Heavy-Metal-Open-Air in Wacken sämtliche Bands gleichzeitig auf die Bühne gebeten.

Stille als Zeichen von Reife

Das Erstaunlichste daran war die Ungerührtheit der Passanten, die das Spektakel offenbar für gar keines hielten. Den Hongkongern, ja den Chinesen allgemein, ist das Spektakel längst zur zweiten Natur geworden. China ist das Land, aus dem Zen-Buddhismus und Daoismus entsprungen sind, zwei Glaubensschulen, mit denen man gern kontemplative Versenkung in einsamen Berghöhlen verbindet. Die hohe Zeit der zitterbärtigen Einsiedler liegt allerdings auch schon ein bis zwei Jahrtausende zurück. Hier ist das Klischee: Chinesen sind leise, höflich und zurückhaltend. Und hier die Wahrheit: Chinesen haben nicht nur den Zen, sondern auch das Feuerwerk erfunden, und eine Gruppe Chinesen auf Reisen etwa ist ein radschlagendes Feuerwerk für sich.

Chinesen lieben «renao». Das heisst «heiss und lärmend», klingt für Deutsche irgendwie nach «Zeter und Mordio», ist aber für Chinesen von Kindesbeinen an wie ein Kokon, in den man sich wohlig bettet. Kürzlich interviewte ich einen Pekinger Professor, der das eher missbilligend sah. Seine Theorie: Eine Gesellschaft, die dem Krach frönt, ist eine unreife. «In Agrargesellschaften brüllen die Bauern, weil sie weit voneinander entfernt wohnen», sagte er. Heute sei das nicht mehr angemessen. «Eine Gesellschaft ist dann reif», befand er, «wenn ein Gespräch bei unter 40 Dezibel bleibt.»

Irgendwie nahm er das dann zum Anlass, eine neue Reihe von Überwachungsmassnahmen für Chinas noch unreife, weil allzu krachige Gesellschaft zu rechtfertigen. Ich halte die These für gewagt. Reifer als in Hongkong habe ich die chinesische Gesellschaft jedenfalls noch nirgends erlebt. Lauter auch nicht.

2 Kommentare zu «Demokratie als Spektakel»

  • Urs Gautschi sagt:

    Ob Reife oder unreife… Der heutige, durchschnittliche „Hongkong-Chinese“ erlebe ich persönlich weit weniger kultiviert als noch vor 20 Jahren. Ob es mit der enormen Zuwanderung von Festlandchinesen zu tun hat möchte ich nicht behaupten. Menschen verändern sich. Und, der eher rebellische „Hongkong Chinese“ radikalisierte sich in der Vergangenheit auch zunehmend. Dafür gibt es immer weniger davon… Mal abgesehen von spät pupertierenden Studenten. Die Menschen intressieren sich in Hongkong primär für Geld, Geld und nochmals Geld. Dann kommt Konsum und Status. Brot und Spiele für das Volk gilt für die „Arbeiterkaste“ in dieser Sonderverwaltungszone. Unter welchem System das ist intressiert weit weniger als Politik – wenn überhaupt.

    • Ralf Schrader sagt:

      Dann ist es doch wie hier. Geld, Geld, Geld und das Wort ‚Politik‘ nur dank Rechtschreibhilfe fehlerfrei schreiben können.

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