Make Marx small again

Mini-Marx war gestern: Gedenken an Karl Marx in seiner Geburtsstadt Trier (Mai 2013). (Bild: Keystone/Oliver Dietze)

Im kleinen Trier ist gerade grosses Theater zu bestaunen. Eine Stadt windet sich. Weil sie von einer fremden Nation ein Präsent vor ihre Tore gestellt bekommt. Nein, kein Pferd, eher ein Hirsch. So beschreibt es ein Stadtrat: Stell dir vor, die reiche Erbtante kommt und verkündet, sie werde deiner Familie ein Geschenk machen, nämlich einen röhrenden Hirsch, so toll und so gross wie du noch nie einen Hirsch hast röhren sehen, das Viech aber, klar, soll bitte auch den Ehrenplatz direkt über der Wohnzimmercouch erhalten. So, und jetzt stell dir dein Gesicht vor im Moment der Verkündung der frohen Botschaft, und dann weisst du, welches Gesicht die Trierer machen seit eineinhalb Jahren.

6 Meter 30? Puh, Tantchen…

Karl, heisst er, ihr Hirsch, mit Nachnamen Marx, und das allein ginge schon in Ordnung, ist schliesslich der grösste Sohn der Stadt. Bloss: sooo gross? 6 Meter 30? Puh, Tantchen. Ein Spötter empfahl den Trierern die Umbenennung in «Karl-Marx-Stadt», der Name ist ja seit 1990 wieder zu haben. Dabei hätten sie ein wenig Mitgefühl verdient. Die Erbtante ist ja nicht irgendwer. Ist China. Weia. Schickt viele Touristen, dieses China. Den Trierern haben Pekings Emissäre eingeredet, Marx-Schöpfer Wu Weishan sei ein «weltbekannter» Bildhauer und Chinas «wahrscheinlich populärster Künstler», was eher alternative Fakten sind: Herr Wu ist beamteter Staatskünstler und Kulturbürokrat. Populär ist er vor allem in den Reihen des Apparates und er ist ungefähr so weltbekannt wie Triers Oberbürgermeister Wolfram Leibe.

Aber an Marx hängen sie schon, die Parteichinesen, also: sehr. So sehr, dass die KP unlängst die Rapper auf ihn losliess. «Yeah. You. You. You know. Kommunismus ist süss wie Honig», rappte im letzten Jahr eine Jungpionier-Combo: «Ich bin dein Bruno Mars / Du bist meine Venus, mein geliebter Marx.» Die Band hiess übrigens Parfüm. Und jetzt feiert die Venus von Trier 200. Geburtstag im nächsten Jahr. Mit dem Riesen-Karl samt Schleife lädt China sich selbst zur Party ein.

Kleingedrucktes und Flurhirsche

Was tun? Letzten Montag tagte Triers Stadtrat. Auf der Agenda: die Tankstelle Ostallee und Sechs-Meter-Marx. Der Trierer «Volksfreund» richtete einen Live-Blog ein:

17.41 Uhr: Erste Tumulte. Ein NPD-Störenfried verlässt den Saal mit dem Ruf «Nie wieder Marxismus». 17.48 Uhr: Erst mal Tankstelle Ostallee. Die CDU will eine Sachdiskussion. Die SPD ist gegen den Pachtvertrag. Die Linke will eine kleinere Tankstelle. Die Piratin sagt, sie persönlich störe die Tankstelle nicht. Die FDP findet Tankstellen gut.

20.47 Uhr: So, Karl Marx. Die AfD hat nachgeschaut: «Marx war ein antidemokratischer Revolutionär.» Ausserdem: «Zahlreiche Marx-Kolosse stehen heute noch in China. Wir wären in schlechter Gesellschaft.» Die Linke ist «erfreut» und ermuntert die Bürger, «in Diskurs mit den Lehren von Marx zu gehen». Der FDP fehlt das gerade noch: «Lehnen Sie dieses vergiftete Geschenk ab!» Die SPD will sich «dem Diskurs stellen». Und zwar so: «Nehmen wir das Geschenk an.» Der Grüne möchte lieber mit den Trierern in Diskurs treten als mit den Chinesen, schlägt dann aber einen Salto: «Es bleibt uns nichts anderes übrig. Wir nehmen das Ding an.»

Dann nahm der Stadtrat das Ding an. Aber nicht ohne Kleingedrucktes: «Über Standort und Grösse wird im weiteren Verfahren entschieden». Make Marx small again. Soll er halt hinten im Flur hängen, der Hirsch.

16 Kommentare zu «Make Marx small again»

  • Gerhard Engler sagt:

    Vielleicht gibt es eine Lösung um dieses Geschenk anzunehmen: Den 6-m-Marx 5 Meter tief in der Erde versenken? Den Marx liegend platzieren (könnte als Sitzbank genutzt werden)?

  • Anna Schmitt sagt:

    Also mal zur Tankstelle Ostallee: ein Biotop an dieser Stelle wäre auch nicht schlecht

  • Nick Schaefer sagt:

    Hier geht es ja um die Deutung einer Person.
    China will eine gewisse Deutung implizit festschreiben und sich damit einmischen in die Angelegenheiten von Trier. Was im umgekehrten Fall für China selber immer sofort ein Anlass für die Drohung mit der Volksarmee ist.
    .
    Die Stadt Trier sollte sich von China die Finanzierung einer kleinen Statue, eines schönen Museums, und eines Lehrstuhls an der eigenen Uni in Trier schenken lassen. Wobei die Gestaltung von Statue und Museum allein der Stadt, und die Besetzung des Lehrstuhls und die Aufarbeitung der Persona Marx allein der freien Universität Trier überlassen bleibt.
    .
    In einer Ecke soll ruhig auch die KP der VRCh in einem laufend aktualisierten Monitoring darstellen, was von Marx in China übrig bleibt.

  • Nick Schaefer sagt:

    Herrliche Realsatire!
    Wichtiger als die Grösse der Statue ist die Aufarbeitung der Persona Marx und deren Darstellung in einem angegliederten Museum.
    Wie die Kommentare hier zeigen, gibt es da viel zu sagen.
    Und ja, die Statue würde ich eher auf Lebensgrösse wünschen.
    Denn das wäre doch auch eine Einsicht: Auch ein Normalsterblicher kann wichtiges veranlassen.
    Die Stadt Trier könnte dann auch die marxistische Rückfrage an China stellen, und anfragen, wieso das Kapital in China zuerst bei den Kindern der Parteigrössen, und von dort aus mittels exorbitanter Kapitalflucht auf ausländischen Bankkontos landet.
    Es sei der Stadt Trier als Gegengeschenk erlaubt, das ewige Monitoring von Klassenkampf und oligarchistischer Kapitalanhäufung für China zu übernehmen.
    Inklusive Museum in Beijing.

  • Peter Beutler sagt:

    Marx lebte in einer Zeit, wo in Europa kaum Ansätze von Demokratie existierten. Millionen von Menschen wurden ausgebeutet. Zunächst mussten all diesen eine würdige Existenz ermöglicht werden. Dass dies unter den damals herrschenden Umständen hätte demokratisch ablaufen können, war absurd zu glauben. Marx war ein Visionär, der die Lebensbedingungen der Menschen auf dem Globus verbessern wollte. Ein erster Schritt der Globalisierung (Internationalismus). Das Hauptverdienst von Marx, und das, was die meisten linken Parteien mit ihm teilen. Wer aber die heutige Linke generell als marxistisch bezeichnet, argumentiert auf Biertischniveau. Einiges von dem, was Marx postulierte, ist in den sozialen Liberalismus und die Sozialdemokratie eingeflossen.

  • Gregor Tabari sagt:

    Marxismus ist eine positivistische Ideologie/ Philosophie. Wie bereits schon der Hegelianismus oder Platonismus. Man will zwar (immer), aber man kann nicht.
    Das kann schon zu einer grossen Frustration führen. Und diese Frustration kann gar Gewalt auslösen: siehe von Bolschewismus – bis Pol Pot.
    p.s.: Philosophisch; man siehe auch diesen Positivistenstreit, und das Ergebnis.

  • Olivier Fuchs sagt:

    Es ist offensichtlich, dass Sozialisten Marxen als (Universal-)Genie und Helden verklären. Gemäss F. v. Hayek ist aber das Wissen verteilt und kann von keinem Einzelnen erfasst werden. Seine Behauptung vom Klassenkampf als Triebfeder der Geschichte muss einem unmittelbar als falsch einleuchten. Gemäss Zizek müssten wir das Ende erreicht haben, da nur noch die Frage ist: 32 oder 38% Anteil der Staatswirtschaft? Welcher Klasse sind die ‚Flüchtlinge‘ hier, die sorglos und wohlversorgt bis an ihr Lebensende flohnern können auf unsere Kosten? Sein Materialismus erscheint heute mit der Quantenphysik und der immer grössen Macht der Information um 2 Revolutionen veraltet.

  • Monique Schweizer sagt:

    Karl Marx ist zeitlos!
    Nach ein paar Jahrzehten leichter Besserung hat die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen mit all diesen ein €-Jobs, Leiharbeitsverträgen, Zeitarbeitsverträgen, Praktikasklaverei etc etc. doch wieder bedrohliche Ausmasse vor allem für die unteren Bevölkerungsschichten angenommen.
    .
    Auch den Warenfetischismus hat Marx vorausgesehen, die zunehmende Macht der Managerklasse, die er schon zu seinen Zeiten als eine gesonderte Klasse einordnete unter den Kapitaleignern und über dem Proletariat und den Kleinbürgern.
    .
    Man kann von Karl Marx halten was man will, er ist und bleibt ein Jahrtausendgenie in derselben Liga eines Darwin, Da Vinci, Galilei, Einstein, Michelangelo, Kopernickus, Shakespeare, Gutenberg, Edison, Watt, Mozart und einigen wenigen mehr!

    • Jean Engel sagt:

      Marx hat sicher bedeutende, theoretische Grundlagen (Oekonomie) geschafften, wie Produktionsfaktoren im ganzen Zusammenhang. Aber eine „Diktatur des Proletariats“ ist sicher auch nicht das Wahre. Monopole sind sowieso eher kontraproduktiv. Es gibt wohl überall gewisse Systemwidersprüche, dazu kommt noch der sehr wichtige Faktor „Mensch“.
      p.s.: Bei Hegel (Dialektik) sind die Systemwidersprüche gar eklatant. Siehe Kritik von Schopenhauer daran (auch ein Genie als sog. Weltphilosoph). Bereits Goethe meinte zu Mutter Johanna Schopenhauer (auch hervorragende Schriftstellerin): „Wenn der Schüler denn zum Lehrer wird“.

  • Jacques sagt:

    Wie löst der Kapitalismus das marxistische Problem? Ganz einfach. Viele, viele kleine bunte ‚Märxchen‘. – Problem atomisiert. Wenn anscheinend Marx im real exist. Sozialismus nie richtig verstanden wurde, wäre die Frage erlaubt. Warum hat nie jemand diesen Sozialismus in die Realität umgesetzt, der Marx richtig verstanden hatte? Und was würde Radio Eriwan meinen (?) …

  • Anna Nym sagt:

    Diejenigen, die ein Problem mit Marx haben, haben ihn nie gelesen. Er hat nicht den Sozialismus propagiert – sondern den Kapitalismus kritisiert. Und zwar fundiert. Die Idee, Wohlstandsvermehrung und Wohlstandsverteilung komplett zu trennen und gleichzeitig dem Staat jegliche Einmischung in die Wirtschaft zu verbieten, ist eigentlich ein Hohn. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren und dann dem Staat die Schuld geben an allen Problemen, das ist die neoklassische Wirtschaftstheorie, kurz zusammengefasst. Ich kann nur empfehlen, sich mal mit Marx auseinanderzusetzen. Für viele ist das heutige System einfach eine Selbstverständlichkeit die nicht hinterfragt wird.

    • Jacques sagt:

      Ich kenne Marx, Mao und Marcuse (wie MMM) bereits seit meiner Jugend. Also dann auf, zum fröhlichen in die Praxis umsetzen, liebe Madame Anna Nym. – Aber bitte nicht mit mir. Ich habe auch alle sog. Systemwidersprüche kennengelernt. Lesetipp: „Die Meisterdenker (Orig. Les Maîtres penseurs)“ – v. André Glucksmann, eh. Studentenführer und Maoist, später auch Prof. an der Sorbonne, Paris. (Nouvelle Philosophie).

  • will williamson sagt:

    Wenn ich mir den heutigen Raubtierkapitalismus betrachte, muss ich feststellen, dass Marx ein Prophet war. In mancher Beziehung habe ich gar den Eindruck, dass sich statt dem Proletariat die Kapitalisten an die Theorie von Marx gehalten haben. So hat Marx z.B. die Globalisierung vorausgesagt, weil die „Plusmacher“ eben die laufende Ausweitung des Absatzgebietes brauchen, um beim Plusmachen fortfahren zu können. Auch dass die Grossen die Kleinen fressen, was ja täglich passiert, ist eine Voraussage von Marx. Es ist daher nicht abwegig, dass ihm ein Denkmal gesetzt wird.

    • Ben sagt:

      Die Verwertungslogik des Kapitals hat der Mann gut verstanden und einfach die Nachteile für alle anderen beschrieben die nicht zur Gruppe der Kreditgeber und Investoren gehören. Da sind bis heute die 99% und wie hier in einem anderen Artikel gesagt leben wir heute in einer autikratischen Oligarchie was u.a. auch von Marx erkannt wurde. Ein weiterer Beobachter war Adam Smith der feststellte das Reiche und Reichtum mit umfassenden Gesetzen, Steuern und Strafen kontrolliert werden müssen weil sonst die sozialen Beziehungen aller zerstört werden. Darunter auch die Ökonomie und somit das Überleben. Ich stelle heute fest das Wir in einer Dystopie leben…

  • Ralf Schrader sagt:

    Milton Friedman, der dann von seinen Schülern rechts überholte Gründungs- Papst des Neoliberalismus sagte mal: 90% der heute gelehrten Volkswirtschaftslehre geht auf Karl Marx zurück. Wir vermeiden aber, das offen auszusprechen.

    Marx war eben kein Revolutionär, er war der Mietschreiber seines Freundes Friedrich Engels, mit und ohne dem er einige wichtige Aufsätze verfasst hat, an erster Stelle das ‚Kommunistische Manifest‘. So wie Studenten sich heute mit Pizza- Austragen das Studium finanzieren, hat Marx sich mit dem Kommunistischen Manifest das ‚Kapital‘, sein Hauptwerk, finanziert.

    Beschäftigt sich etwas näher mit Marxens nicht- volkswirtschaftlichen Arbeiten, stellt man leicht fest, dass weder Mao, noch Lenin oder die senile DDR- Riege je Marx gelesen oder verstanden haben.

    • Ralf Schrader sagt:

      Der sog. real existierende Sozialismus, der gar kein Sozialismus war, ist ausser der Tatsache, dass er historisch zu früh kam, vor allem daran gescheitert, das er Marx nicht verstanden und umgesetzt hat.

      Marx war der grösste Sohn Triers und war so bedeutend, dass die Doku- Serie ‚Die Deutschen‘ ihm eine eigene Sendung gewidmet hat.

      Da kann das Grossdorf Trier froh sein, die Ehrung nicht selbst aus den notorisch klammen Stadtkassen zahlen zu müssen. Wenn Marx da 6.50 misst, bringt der Rest von Trier noch 99 cm an die Latte.

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