Der Letzte der Landeskaiser

Manchmal gütig, manchmal streng, immer absolut: Erwin Pröll im Rampenlicht, 2013 in St. Pölten. Foto: Helmut Fohringer (Keystone)

Seit fast 20 Jahren quert eine schmucke Holzbrücke mit Dach den schmalen Triesting-Bach in der niederösterreichischen Gemeinde Leobersdorf. Bei ihrer Eröffnung wurde sie als «Symbol des Zusammenführens von Menschen über Hindernisse» gerühmt. Einen Namen hat sie auch: Erwin-Pröll-Steg. Eigentlich werden Strassen oder Bauwerke nach verstorbenen Prominenten benannt. Nicht in Niederösterreich. Erwin Pröll war Landeshauptmann, als die Brücke erbaut wurde. Er ist es heute noch.

Über 25 Jahre steht der erzkonservative Pröll an der Regierungsspitze des östlichen österreichischen Bundeslandes. Nicht bloss ein Steg trägt seinen Namen. Es gibt einen Landeskindergarten «Erwin Pröll», es gibt eine Dr.-Erwin-Pröll-Siedlung und eine Erwin-Pröll-Aussichtswarte, von der aus der Blick über Erwin Prölls schönes Niederösterreich schweifen kann.

Wie bitte, die Monarchie wurde abgeschafft?

2017: Pröll gibt seinen Rückzug aus der Politik bekannt. Foto: Helmut Fohringer (Keystone)

Geboren wurde der Mann, der selbst gerne Witze erzählt, in denen er mit Gott auf einer Stufe steht, am 24. Dezember. 2016 feierte er seinen 70. Geburtstag. Das ganze Land kam, um ihm zu huldigen. Die Regierung, die Kirche, die Künstler. Erwin Pröll, dessen Glatze mit Haarbüscheln über den Ohren zur «Niederösterreichischen Landesfrisur» erklärt wurde, nahm die Demutsgesten gütig entgegen. Aber lag da nicht ein Anflug von Trauer in seinem Blick? Er wusste ja, dass mit seinem Abgang eine Ära zu Ende gehen würde.

Pröll ist der Letzte der Landeskaiser. Einst gab es von seiner Art für jedes österreichische Bundesland einen. Die Kaiser herrschten manchmal gütig, manchmal streng, aber immer absolut. Dass in Österreich 1918 die Monarchie abgeschafft worden war, ging spurlos an ihnen vorbei. Sie machten in der Bundeshauptstadt Regierungen – oder stürzten sie.

Alles geht in «Pröllistan»

In den meisten Bundesländern war das Vordringen der Republik auf Dauer nicht zu verhindern. Vorbei sind die Zeiten klarer Mehrheiten. Selbst im erzroten Wien muss «Stadtkaiser» Michael Häupl in Koalition mit den Grünen regieren. Nur in Niederösterreich herrscht der christlich-soziale Pröll alleine.

Alles geht in «Pröllistan», wenn ER seinen Segen gibt. Ob es der Zubau zum Eigenheim oder ein Direktorenposten ist. Nichts geht, wenn sich Pröll querlegt. Den wichtigen Eisenbahn-Basistunnel unter dem Semmering verhinderte er zwei Jahrzehnte lang. Erwin I. von Niederösterreich will lieber Autobahnen. Und Kreisverkehre, von denen er jeden einzelnen persönlich eröffnet. Und wenn der Erwin durchs Land geht, hat er zwei Mitarbeiter bei sich. Der eine macht Fotos, der andere schreibt in seinen Notizblock die Sorgen der Bürger.

So wie es war, wird es nie wieder

2008: Pröll bewundert die Venus von Willendorf, 100 Jahre nach dem Fund. Foto: Lilli Strauss (Keystone)

Nun geht aber die Zeit des letzten Kaisers zu Ende. War es die Enthüllung der Wochenzeitung «Falter», dass der Kaiser seine Erwin-Pröll-Privatstiftung jahrein, jahraus mit Steuergeldern speisen liess? Gab es andere Gründe? Jedenfalls erklärte seine Hoheit, dass er sich in zwei Monaten aus der Politik zurückziehen werde. Ganz Niederösterreich trägt seither Trauer. «Wir waren Kaiser» titelte das Magazin «Profil» in Anspielung an eine satirische TV-Sendung.

Allzu viel Republik wird die Zeit nach Pröll nicht bringen: Der Erwin hat seinen Hof bestellt. Die Nachfolge ist geregelt, das Land verharrt in der Untertanenmentalität, und doch: So wie es war, wird es nie wieder. Es gibt sogar demokratische Aufrührer, die behaupten, bei den nächsten Wahlen könnte die Regierungspartei die absolute Mehrheit verlieren. In Niederösterreich! Alleine daran zu denken, hätte zu Prölls besten Zeiten zu lebenslanger Verbannung geführt.

«Wir waren Kaiser»: Erwin Pröll geht tatsächlich, und ganz Niederösterreich trägt Trauer. Foto aus Schwechat 2013: Georg Hochmuth (Keystone)

1 Kommentar zu «Der Letzte der Landeskaiser»

  • Markus Lüttin sagt:

    So einer wie ein Kaisrr würde genügen die Schweizer zu Regieren.
    Den bei uns scheint die Regierung immer mehr zur Marionetten Vorführung.
    Die Bedürfnisse des Volkes dem Gewicht der Wirtschaft weichen lässt.

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