Verbotene Luft über Tokio

Japans Luftverkehr spielt nach amerikanischen Regeln: Haneda-Flughafen in Tokio. (Keystone/Kyodo News)

In den letzten Tagen ihrer Amtszeit gibt sich die Administration von Präsident Barack Obama grosszügig. Im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2020 erlaubt sie Japan, drei Anflugrouten auf den Flughafen Haneda in Tokio durch amerikanischen Luftraum zu führen. Damit kann der Flughafen in der Bucht von Tokio seine Kapazität um fast 10 Prozent auf 447’000 Anflüge pro Jahr erweitern. Ausserdem sparen die Airlines Sprit für Millionen Franken.

Künstliche Verknappung des Luftraums

Es mag paradox klingen, dass die USA den Japanern Anflugrouten über ihrer eigenen Hauptstadt erlauben können. Und paradox ist es auch. 64 Jahre nach dem Ende der Besatzungszeit kontrolliert die amerikanische Luftwaffe noch immer einen grossen Teil des Luftraums über Zentraljapan, insbesondere über dem Westen Tokios. Flugzeuge, die Haneda und teilweise auch den weiter östlich gelegenen Flughafen Narita bedienen, müssen deshalb oft Umwege machen, insbesondere bei gewissen Wetterlagen. Diese künstliche Verknappung des Luftraums über Tokio ist auch schon für einen Beinahe-Zusammenstoss zweier Verkehrsflugzeuge verantwortlich gemacht worden.

Die Amerikaner haben Japan schon achtmal etwas von ihrer Luft über der Hauptstadt zurückgegeben. Der sogenannte «Yokota Rapcon» (Rapcon steht für «Radar Approach Control System»), der Luftraum, den die USA für ihren Militärflughafen Yokota in Westtokio beanspruchen, wurde in den letzten Jahrzehnten schrittweise verkleinert. Zuletzt 2008 um fast 50 Prozent seines Volumens. Bis dahin reichte er bis auf wenige Meilen an die Landebahn von Haneda heran. Flugzeuge, die nach Westen starteten, mussten deshalb sofort scharf abdrehen. Damals wurde errechnet, die Massnahme spare den Airlines jährlich 7200 Flugstunden und 33 Tonnen Sprit; das entsprach etwa 100 Millionen Franken.

Unangefochtene Lufthoheit

Paradox ist auch, dass die japanische Regierung viel Aufhebens um die «nördlichen Territorien» macht – unwirtliche Inseln nordöstlich von Hokkaido, die von Moskau kontrolliert werden, und um Dokdo (japanisch Takeshima), zwei Felsen im Meer unter der Autorität Südkoreas. Mit teilweise spitzfindigen historischen Argumenten fordert Tokio die Herrschaft über diese Territorien zurück. Um die Lufthoheit über ihrer Hauptstadt dagegen bemüht sich die Regierung kaum; das hat auch der frühere Bürgermeister von Tokio, der Nationalist Shintaro Ishihara, trotz intensiven Bemühungen nicht durchsetzen können. Die extreme Rechte, zu der Ishihara gehört, und die Linken sehen in der US-Kontrolle über die Luft von Tokio einen Beleg für ihre These, Japan habe keine volle Souveränität, es werde von Washington bevormundet.

Mit der neuen, etwas grosszügigeren Regelung geben die USA Japan freilich kein bisschen Luft mehr zurück: Die Verkehrsflugzeuge dürfen die amerikanische Luft bloss durchfliegen. Das zeigt, Washington denkt nicht daran, Japan die volle Souveränität über seine Luft zu gewähren. Aus Sicht der Linken und Rechtsnationalen ist dieser letzte Gefallen, den die Administration von Barack Obama Japan tut, deshalb ein Bärendienst.

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