Willkommen in meiner Welt

schwani

Grösser als das Original: Das chinesische Neuschwanstein in Dalian. Foto: www.starwoodhotels.com

Na, heute auch wieder das Gefühl, im falschen Leben aufgewacht zu sein? In einem Paralleluniversum? Weil das alles gar nicht wahr sein kann? Weil es zu absurd ist, zu fantastisch, geradewegs dem Hirn eines wüst sarkastischen Science-Fiction-Autors entsprungen? Weil es allem widerspricht, was uns Logik und Erfahrung und gesunder Menschenverstand unser Leben lang lehrten? Willkommen in meiner Welt.

«Respekt vor der Geschichte»

Ich lebe seit bald zwei Jahrzehnten in einem Land, in dem ein Schriftsteller (Mo Yan) den Nobelpreis bekommen hat, dessen Werk die Kritiker «halluzinatorischen Realismus» bescheinigen. Dabei bedeutet Halluzinieren in China nichts anderes als: genau hinsehen. In der einen Ecke Chinas (in Dalian) springt über Nacht Schloss Neuschwanstein aus dem Boden, bloß fünfmal so gross, in der anderen (in Hebei) sägt sich ein Bauer selbst sein krankes Bein ab, weil er kein Geld für den Arzt hat. Hier regiert eine Partei, die verbietet es Drehbuchautoren, Zeitreisen in ihre Spielfilme zu schreiben, «aus Respekt vor der Geschichte». Gleichzeitig befiehlt sie dem Dalai Lama die Wiedergeburt. Diese Partei huldigt seit drei Jahren wieder Marx und Mao wie seit Jahrzehnten nicht und machte gleichzeitig Peking zur Milliardärshauptstadt der Welt. Hier brannten im letzten Jahr bei der Festnahme eines korrupten Beamten gleich vier Geldzählmaschinen durch, da sie der Menge an gehorteten Scheinen nicht Herr wurden. Ein Land ist das, das manchen Schriftsteller in die Kapitulation treibt, weil die Plots, die hier das Leben schreibt, wie Autor Murong Xuecun sagt, «so unglaublich sind, dass sie jede Vorstellungskraft überschreiten».

Meine Lieblingsszene im chinesischen Kino ist eine in «Still Life» (2006). Die von Regisseur Jia Zhangke ganz realistisch gedrehte Geschichte spielt in einer postapokalyptisch wirkenden städtischen Abbruchlandschaft. Fast schon gegen Ende des Films zündet – ohne jede Vorwarnung – im Hintergrund eines der Häuser Raketentriebwerke und hebt gen Weltraum ab. Und zwar ohne dass auch nur einer der Protagonisten den Blick hinwenden würde und ohne dass der Zuschauer schockiert wäre. Da steigt halt ein Haus in den Himmel, na und? Es wundert einen eben nichts mehr an diesem Ort. Und jetzt wohl auch: in dieser Welt.

China darf das Weltklimagewissen spielen

In China ist «die Realität selbst eine Fabel», wie der Schriftsteller Ning Ken sagt. Es ist eine Realität, in der die Schwerkraft nicht gilt, in der nicht nur die Dinge, sondern auch die Worte (Freiheit, Rechtsstaat) auf dem Kopf stehen, in der links zu rechts und oben zu unten erklärt wird. Bislang schien mir das ein Alleinstellungsmerkmal Chinas. Aber nun, da sich die Welt einen bösen Witz zum mächtigsten Mann erkoren hat, ist das Fantastische, das Surreale bald allgegenwärtig. China darf mit einem Mal das Weltklimagewissen und den Vorreiter im Freihandel spielen, und während ich diese Zeilen schreibe, bangt es auch noch um die freie Presse: Parteisprachrohr Xinhua berichtet in seinem englischen Dienst alarmiert von Donald Trumps Ausfällen gegen US-Medien. Trump selbst ist sich derweil «nicht sicher, ob man Folter ganz abschaffen soll». Und eine «Professor Watchlist» ruft Amerikas Studenten zur Denunziation ihrer liberalen Professoren auf. Willkommen in meiner Welt. Und wenn Sie das nächste Mal halluzinieren, nicht vergessen: Wahrscheinlich haben Sie nur genau hingesehen.

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