Fürchtet euch!

(Bilder: Reuters)

Sie regieren die Welt: Donald Trump, Xi Jinping und Wladimir Putin. (Bilder: Reuters)

Schreit! Ermattet nicht in eurem Entsetzen. Flüchtet nicht in Witze. Versichert einander nicht, so schlimm werde es schon nicht werden. Geht davon aus, dass es viel schlimmer wird.

So siehts von China aus aus: Die Welt wird nun regiert von Trump, Putin und Xi Jinping. Ansonsten: Amerika am Arsch. Europa am Kippen. Der liberale Westen Vergangenheit. Die Demokratie schwer verwundet. Und jetzt? Meine Kinder?

Diese Zeilen hatte ich unmittelbar nach der Wahl auf Facebook gepostet. Ein Bekannter schrieb darunter: «Relax!» Entspann dich.

Die Welt ist aus den Angeln

Das habe ich einmal getan. In der Türkei. Nach den rauschenden Wahlsiegen Tayyip Erdogans. Als er vors Volk trat und Kreide gefressen hatte. Ich habe mich entspannt, habe allen verkündet: Gebt dem Mann eine Chance. Das tue ich nicht noch einmal. Ich habe gelernt: Nehmt sie beim Wort, die grössenwahnsinnigen Egomanen, die von Machtgier und Rachedurst zerfressenen Narzissten. Glaubt ihnen dann, wenn sie versprechen, Hass und Vergeltung zu säen. Ich weiss nicht, wie man heute so tun kann, als drehe sich die Welt so wie immer. Sie ist aus den Angeln. Es ist etwas Monströses geschehen. Es geschieht jetzt, in dieser Sekunde, es geschieht heute Nacht, während du schläfst, und es geschieht morgen, wenn du aufwachst. Barack Obama hat gerade Athen besucht. Er hat die Flamme der Demokratie beschworen. Er hat zudem versucht, so stand es in der Zeitung, den Menschen «die Angst vor Trump zu nehmen». Natürlich, er möchte sich einen Rest an Einfluss auf Trump bewahren. Ich halte es dennoch für fatal. Wäre Obama ehrlich, müsste er sagen: Fürchtet euch!

Das, was sie jetzt «postfaktisches Zeitalter» nennen, ich lebe das seit bald 20 Jahren. Das Leben in Lüge, Propaganda und Ressentiment, ich habe es in China und in der Türkei erfahren. Die Existenz unter Autokraten und werdenden Autokraten. In Gesellschaften, in denen man lebt wie in einem Minenfeld voller Unsicherheit und Willkür, in denen das einfachste Leben der taubstumme Blinde und der gefühllose, unterwürfige Bürger haben. Es blieb mir aber stets ein doppelter Trost. Erstens: Ich kann zurück, in eine Heimat, die hinter mir steht und den Werten, an denen ich hänge. Und zweitens: Die Welt wird eine bessere, die Menschen träumen auch anderswo von Freiheit und Menschenwürde.

Da lauert ein Monster

Nun, das Charisma der Demokratie verkümmert seit Jahren: Es kamen Amerikas Kriege im Mittleren Osten, Abu Ghraib und Guantánamo, (erinnert sich noch jemand an George W. Bush und wie wir einst sagten: «So schlimm wirds schon nicht»?). Es kamen die Enthüllungen des Edward Snowden. Was wollt ihr denn, ihr Heuchler?, hiess es mit einem Mal in Kairo, Moskau, Peking. Die Welt wurde ein Fest für Zyniker. Bleibt die Heimat, die mich schützt und auf die ich stolz bin. Wie lange noch? Fällt Europa auch?

Wiegt euch nicht in Sicherheit. Lasst euch nicht einlullen. Nicht vom Geruch des morgendlichen Kaffees, nicht von der U-Bahn, die heute fährt, wie sie immer gefahren ist. Die Welt ist nicht mehr die, die sie gestern noch war. Schreit. Schreit wie Oskar Matzerath, damit die Glocke in Tausend Stücke zerspringt, unter der sie schlummern, die, die sich der bequemen Hoffnung ergeben, die, denen es an Vorstellungskraft fehlt. Weckt sie auf. Da lauert ein Monster. Es hat seinen Blick auf uns geheftet. Schaut ihm ins Auge. Schreit! Und dann geht an die Arbeit.

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